Berlinale 2018, Tag 10: Unversöhnliches mit poetischem Schluss

Paradoxer Weise gehen ja die Tickets für den letzten Berlinale-Tag als erstes in den Vorverkauf. Man ist also genötigt, noch vor Beginn zu überlegen, wie man das Ganze beschließen möchte. Also quasi den letzten Akt zu entwerfen, noch ohne die Handlung zu kennen. Fast schon philosophisch. Ich griff zu bewährten Zutaten. Historien-Drama und Tragikomödie.

Toppen av ingenting [The Real Estate] (Schweden/Großbritannien, Regie:Axel Petersén&Måns Månsson)

Die knapp 70jährige Nojet kehrt aus Anlass einer Erbschaft in ihre Heimat Stockholm zurück. Die weltgewandte Dame, die ansonsten im sonnigen Ausland auf Kosten ihrer Eltern ein gutes Leben hatte, will beim Verteilen des Erbes des verstorbenen Vaters nicht hintanstehen. Ihr wird ein Miethaus zugedacht. Das zuvor von ihrem Halbbruder und ihrem Neffen herunter verwaltete Objekt stellt sich als Trostpreis heraus. Denn es ist nicht nur renovierungsbedürftig, es hausen auch unüberschaubar viele illegale Untermieter dort. Eine Situation, die einen eventuellen Weiterverkauf fast unmöglich macht.

Die selbstbewusste Alternde gibt nicht auf. Nojet bittet ihren alten Freund Lex bemüht sie um Rat, der bald ihr einziger Verbündeter ist. Der ist sowohl Rechtsanwalt als auch Musikproduzent. Er plant gerade ein Benefiz-Album für -wie passend- Obdachlose.

Als die Mieter dann auch noch planen eine Gemeinschaft zu gründen -was Nojets Vermarktungschancen vollends auf den Kopf stellen würde-, steigt sie denen bald darauf aufs sprichwörtliche Dach. Kommt unangemeldet zu Mieterversammlungen, dringt mit Nachschlüssel in Abwesenheit in Wohnungen ein… Da ihr nichtsnutziger Neffe und dessen Vater Bruder kurz darauf ihr gegenüber auch noch handgreiflich werden um sie zur Abtretung zu bringen, überlegt sie zu noch drastischeren Mitteln zu greifen um die 7.Etage zu räumen.

Ist es Alters-Starrsinn oder eine Art Rache für die Vernachlässigung durch ihren Vater, warum sie ihre Verwandschaft nicht gewähren lässt und sich den Ärger nicht spart? Dies bleibt an uns zu beurteilen.

Dieses Haus scheint ihr über den Kopf zu wachsen. © Flybridge

Gegen Ende wird es sogar noch militant bis anarchistisch, und erst da schein Nojet inne zu halten und die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen zu ahnen. Erkennt sie langsam, ob das das Ganze immer zum Selbstzweck wird?

Man kann es somit nicht nur als Charakterstudie einer alternden Dame sehen, sondern auch als Farce über die Misstände auf dem schwedischen Wohnungs- und Immobilienmarkt deuten.

„Toppen av ingenting“ (was viel mehr so  viel bedeutet wie „An der Spitze von Nichts“) würde ohne seine beeindruckende Hauptdarstellerin nicht so stark wirken. Die Atmosphäre ist kühl, nicht nur zwischen den Konfliktparteien. Und dennoch zieht dieses fast unwürdige Treiben in den Bann. Ungewöhnliche Perspektiven, nicht nur wenn die Kamera Nojets immer noch ansehnliche, doch unverkennbar alternde Physis in Nah-bis  Grossaufnahmen aufs Korn nimmt.

Black 47 (Irland/Luxemburg, Regie:

Irland im Jahre 1847: Nach einer verheerenden Kartoffel-Fäule und folgenden Missernten kommt es zu einer landesweiten Hungesnot. Durch die lasche Haltung der englischen Regierung und den gleichgültigen Chauvinismus der ebenfalls englischen Großgrundbesitzer kommt es zu Hundertaussenden von Toten.

Aus dem englischen Afghanistan-Feldzug zurück gekehrt (desertiert, wie man ihm bald vorwirft), findet Ire Feeney (James Frecheville) sein Elternhaus zerstört vor. Seine Mutter, berichtet der Gutsverwalter des englischen Grundbesitzers, sei verhungert. Seine Schwägerin sei zur Witwe geworden und stünde kurz vor der Zwangsräumung. Denn die englischen Grundbesitzer müssen pro bewohntem Haus Steuern zahlen – und wollen ihre schwindenden Profite mit menschenverachtenden Mitteln retten. Feeney wird Augenzeuge der Auswirkungen von Verwüstung und Vertreibung und erkennt seine Heimat nicht wieder.

Sollte er dafür den eigentlich verachteten Engländern bei deren Krieg gedient haben? Der Hass, der sich in dem durch den Krieg verhärmten Feeney aufbaut führt ihn auf einen scheinbar unaufhaltsamen und gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle direkte und indirekt Verantwortliche.

Die englische Krone heuert den in Ungnaden gefallenen Hannah (Hugo Weaving) an. Dem gebürtigen Iren und als ehemaliger Rebellen-Jäger somit Verräter gegen sein eigenes Volk droht eigentlich der Galgen – nachdem er einen Verdächtigen beim Verhör erwürgt hatte. Hannah wird in Aussicht gestellt, so seinen Kopf retten zu können. Was die Engländer nicht ahnen: Er diente mit Sweeney und verdankt ihm sogar sein Leben.

Unaufhaltsam

Wenn ich Filme wie Black 47 schaue, denke ich mittlerweile die zu erwartenden geschmäcklerischen, hämischen  Kommentare im Feuilleton gleich mit. So von wegen emotional vorhersehbar oder klischeehafte Charaktere. Gewiss ist der Film nicht ganz klischeefrei. Der die Verfolgung leitende schneidige britische Jungoffizier kommt vielleicht etwas zu geschniegelt und unsympathisch über den Weg – spiegelt aber vielleicht auch treffend die damalige britische Überheblichkeit. Und James Frecheville als Martin Sweeney schaut finsterer drein als Gerard Butler in „300“, seine Darstellung aber ist in der toternsten Konsequenz seines blutigen Wegs konsequent. So, wie Dramaturgie und Regie seine Gewalttaten nicht für den bloßen Effekt in Szene setzen – und wir einige Male auch nur deren Ergebnis statt den Akt an sich sehen. So viel zum Label Rachedrama.

Hugo Weaving überzeugt in dem, was zunächst wie  the-man-you-love-to-hate rüber kommt. Durchaus differenziert dargestellt, wie Hannah nur langsam aber unaufhörlich seine Zweckallianz mit den Engländern aufgibt. Erst innerlich, später durch Taten ebenso desertierend wie Sweeney.

Vielleicht ist der Storyverlauf vorhersehbar, spannend und ergreifend erzählt ist er allemal. „Black 47“ ist nicht nur eine packendendes Drama, sondern auch ein Einblick in die Verfassung der irischen Nation und den Grund für die damalige Auswanderungswelle nach Amerika.

Am Ende steeht eine der Figuren wortwörtlich am Scheideweg: Rache und Vergeltung fortführen – oder dem Treck in die Emigration folgen?

The Interpreter [Der Dolmetscher] (Slowakische Republik/Tschechische Republik/Österreich, Regie: Martin Šulík)

Eines Tages steht der 80jährige Slowake Ali Ungár vor der Haustür des Wiener Rentners Georg Graubner. Ali ist pensionierter Dolmetscher, Georg ist ehemaliger Lehrer, der nach Burnout und Alkoholproblemenim Ruhestand ist.

Ali, der eine Pistole in der Manteltasche trägt, verlangt Georgs Vater zu sprechen – der hätte nämlich seine Eltern im zweiten Weltkrieg erschossen. Georgs lapidare Antwort: Der Vater sei vor Jahren verstorben und hätte Hunderte erschießen lassen. Das fängt ja gut an.

Nach ein paar gegenseitigen Beschimpfungen lässt sich Ali zwar abwimmeln. Ali lässt jedoch Georg noch die Memoiren von dessen Vater da – die Georg nie gelesen hatte. Georg hatte sich als junger Mann von seinem Vater und dessen Vergangenheit losgesagt. So meint er.

Nicht nur weil Ali ihm noch zum Abschied den Briefkasten mit einem Hakenkreuz zerkratzt, nimmt Georg noch einmal Kontakt mit ihm auf. Er möchte Ali als Übersetzer für eine Reise in die Slowakei anheuern, um mit Ali auf die Spurensuche zu gehen. Bei der es Ali insgeheim auch darum geht, heraus zu finden wo seine Eltern eigentlich begraben liegen. Ali stimmt nur zögernd zu.

Doch so beginnt ein Road Movie der besonderen Art. Es ist schon ein ungleiches Paar. Was dem einen fehlt hat der andere im Überfluss: Der Eine mürrisch-resigniert, die Ereignisse nie ganz verwunden; der Andere unbekümmert im Hier und Jetzt lebend, wirkt manchmal trotz (oder wegen?) seiner Lebenskrise zunächst noch geradezu spitzbübisch.

Gemeinsame Sache machen sie noch nicht. © Titanic, InFilm, Coop 99 / Barbara Jancarova

Georg hat sich so gut wie gar nicht mit der Vergangenheit beschäftigt. Ali scheinbar mit nichts anderem. Auf ihrer Reise, die noch mit komödiantischen Verwirrungen und Reibereien beginnt, ahnen die beiden Senioren langsam, dass es richtig und wichtig sein könnte, wenn sie etwas mehr von den Qualtitäten des Anderen annehmen würden.

Bei der Durchforstung von slowakischen Archiven treten immer mehr erdrückende Details zutage über die Greueltaten, die Georgs Vater begangen hat. Georg verliert seinen Spielraum, es wird es nun endlich Zeit, sich der Vergangenheit zu stellen. Denn eines hat er Ali verschwiegen…

Wie auch schon im Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“ vor einer Woche, geht es hier umd das längst überfällige Bekenntnis Österreichs zur Mitverantwortung in dem, was immer gerne als bloße Besatzungszeit gesehen wurde.

Diese eindringliche Tragikomödie es nach anfänglicher Spielerei, so etwas wie einen Versöhnung wenigstens anzubahnen. Vergebung scheint hier unmöglich, und das vor allem für Georg.

Wieder einmal bei meinen diesjährigen Filmen überzeugt auch der letzte Akt, hält einen Schluss mit verblüffender Wendung bereit und lässt uns sehr bewegt zurück. Große Stille beim Abspann. Sehr spät starker und sehr verdienter Applaus.

Notiz am Rande: Jiri Menzel, der in seiner langen Karriere hauptsächlich als Regisseur tätig war, nennt bereits einen Goldenen Bären („Lerchen am Faden“ 1968/1990), sowie auch einen Oscar („Liebe nach Farplan“1966) sein eigen! Menzel sprang übrigens kurzfristig für die ausgefallene Erstbesetzung ein. Wie er sich in bloß  14Tagen diese Rolle zu eigen gemacht hat, ist frappant.

In den Gängen (Deutschland, Regie: Thomas Stuber)

Schon zu Beginn punktet der Film, als zu den Klängen von Johann Strauss an der schönen blauen Donau Gabelstapler durch sich langsam erhellende Großmarkt Passagen schweben wie seinerzeit vor 50 Jahren bei Stanley Kubricks Raumschiff Ballett im Klassiker „2001“.

Dieser Großmarkt in der mitteldeutschen Pampa ist in der Tat ein ganz eigener Mikrokosmos und die Mitarbeiter schätzen ihre eigene kleine Welt. Christian ist ein schweigsamer aber fleißiger junger Mann, der neu in die Belegschaft kommt. Er hat wie wir später erfahren keine ganz reine Weste und versucht hier einen Neuanfang.

Er wird Bruno, dem gestandenen Gabelstapler-Fahrer der Getränke-Abteilung unterstellt. Anfänglich mürrisch, lernt Bruno Christians Zuverlässigkeit, Ernsthaftigkeit und Fleißigkeit bald zu schätzen. Bruno weiht ihn in alles ein. Welche Abteilung mit welcher kann, wie man geschickt Pause macht und so fort.

Der Großmarkt wird bald mehr und mehr ein Zuhause für Christian. Jedenfalls mehr als es seine trostlose Wohnung sein könnte in der er mehr haust als wohnt. Nicht anders, so ahnt er, ist es auch bei seinen Kollegen. Und wie durch die Blicke auf die anderen Abteilungen durch die Regal-Lücken, so scheint auch er den Blick in ein neues Leben zu werfen. Genau wie Christian lernen wir nach und nach ein knappes Dutzend, eigenwilliger Charaktere  mit ganz eigenwilligem Charme kennen.

Christian wiederum wirft bald ein Auge auf die freche Marion von der Süsswaren-Abteilung nebenan. Auch bei ihr allerdings bekommt Christian seinen Mund kaum auf. Taten müssen Worte ersetzen, er überrascht Marion mit kleinen Geschenken. Die findet zwar Gefallen an ihm und flirtet weiter, doch die bald warnen die Kollegen Christian – Marion sei verheiratet, wenn auch unglücklich. Misshandlung wird angedeutet.

Staplerfahrer Christian. © Sommerhaus Filmproduktion

Auch anderes offenbart sich Christian erst spät. Zu spät. Kollege Bruno hat zum Beispiel -wie behauptet- gar keine Frau mehr und ist nach Verlust seines ursprünglichen Fernfahrer-Jobs depressiver als er es durchblicken lässt…

„In den Gängen“ weht immer wieder eine poetisch-verschmitzte, dann wieder burschikose Stimmung, die uns gerne zum Teammitglied werden lässt.

Wenn ich dem Film überhaupt etwas vorwerfen kann, dann nur, dass es im Lebensmittelhandel wohl nicht so relativ relaxt zugeht wie hier dargestellt. [Über Kurzpausen wird in diesem Großmarkt selbst entschieden, der Chef ist väterlich gelassen und das Arbeitspensum scheinbar gemütlich zu schaffen – die Realität ist durch zumeist hohen Kostendruck und  knappe Personalsetzung eher ein Knochenjob.]

Der Film scheint sich eine Zeit nicht entscheiden zu können, wohin die Reise geht doch das will ich nicht als Nachteil verstanden wissen. Wir sind Teil eines mal verschmitzten, mal nachdenklichen, feinem Melodrams, das die Stimmung in der mitteldeutschen Provinz fast schon poetisch rüber bringen möchte. Mit der Erkenntnis, dass Arbeitsumfeld für manchen die einzige Form von Familie ist. Irgendwo zwischen Resignation, Geborgenheit, Hoffnung.

Einmal mehr ist die Besetzung ein Traum. Franz Rogowski als verschlossener aber sensibler Christian, Peter Kurth, als knittriger aber herzguter Bruno und Sandra Hüller als Marion, die mit vordergründigem Frohsinn ihre Traurigkeit überspielt.

Und so endet dann ein Jahrgang Berlinale, den ich in -von meiner eigenen „Ausbeute“- zu meinen besten zählen darf. In 34 Filmen nur ein paar kleinere Enttäuschungen und mindestens ein Dutzend Mal großes Kino, an das ich auch in Jahren noch gerne zurück denken werde. Wenn ich auch jedes Jahr fast froh bin, wenn es geschafft ist …es hat sich gelohnt!

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Berlinale 2018, Tag 9: Junge Liebe, Artefakte und eine Visage

Den ersten Film heute hatte ich zwei Tage zuvor durch ein Versehen komplett verpasst. Was ein Jammer gewesen wäre, wie ich feststellen sollte:

Les faux tatouages [Fake Tattoos] (Kanada, Regie: Pascal Plante)

Auf dem ersten Blick scheint Theo ein normal mürrischer Teenager zu sein. Der gerade achtzehn gewordene Musikfan lernt nach einem Punk-Konzert zufällig die lebenslustige und freimütige Mag kennen. Aus zunächst vorsichtigem Thekengeplauder wird ein Flirt. Theo landet bei ihr Zuhause und dann in ihrem Bett. Am nächsten Morgen ist es zwar etwas seltsam, ihrer Mutter und Geschwistern zu begegnen. Doch wenigstens sind die sehr locker drauf (ganz im Gegenteil zu Theos Mutter)

Doch der zumeist düster wirkende Theo hat noch ein ganz anderes Geheimnis. Was Mag nicht ahnt: Er hat durch jugendlichen Leichtsinn einen Unfall mit fatalen Folgen für seinen Freund verursacht und ist damit in seinem Umfeld zur persona non grata geworden.

Seine besorgte, aber hilflose Mutter und er haben beschlossen, dass ein Umzug zu Theos Schwester ihm die Chance für einen Neuanfang geben soll. Als er Mag zumindest den Umzug „beichtet“, ist diese nicht mal frustriert. Sie beschließen das Beste aus der ihnen verbleibenden Zeit zu machen.

Eine Liebe mit Ablaufdatum ?

Was Regisseur Patrice Plante hier mit dem Topos Junge Liebe gelungen ist, sucht seinesgleichen. Das ganze hat einen ganz eigenen Charme. Wie die Hauptcharaktere nur auf den ersten Blick unvereinbar scheinen, so spiegelt sich in ihrer Chemie zugleich der Gesamtcharakter des Filmes: Melancholisch verstimmt trifft charmant bis optimistisch.

In vielen langen, von Hand gefilmten Einstellungen gelingt es Regie und Kameramann, das ganze überaus authentisch wirken zu lassen. Die sehr natürlichen Dialoge (wie uns versichert wurde gescriptet und nicht improvisiert!) tun ein Übriges.

Notiz am Rande: Mags Rolle wurde altersmäßig umgeschrieben da die eigentlich zwei Jahre für die Rolle zu late Rose-Marie im Casting dermaßen überzeugte.

Ein stimmiges Ende zu finden, ist bei Liebesdramen überdies schwer. Doch auch diese Hürde nimmt Regisseur und Autor Patrice Plante mit einer symbolträchtigen Szene mit Bravour.

Museo [Museum] (Mexiko, Regie Alonso Ruizpalacios)

Die Freunde Juan und Benjamin (genannt Wilson) haben zwar als Dauerstudenten noch nicht viel erreicht im Leben. Dafür aber den Kopf voll mit hehren Idealen. Wobei die Boys aus anständigem haben eigentlich keinen Grund sich zu beklagen. Gemacht wird meist, was der dominante und aufmüpfigere Juan sagt.

Der museale Umgang mit dem Umgang von Maya Kunst ist Juan ein besonderer Dorn im Auge – und so brechen sie nach einiger Planung ein und räumen (es läuft einfacher als sie dachten) Dutzende von Artefakten ab. Sie ahnen nicht, wie die öffentliche Meinung die Täter bald darauf als unpatriotische Schweinehunde verfemen wird.

Keiner nimmt den Beiden ihre heiße Ware ab

Die Freunde erkennen außerdem zu spät, dass ihr Schatz nicht nur unersetzlich sondern auch unverkäuflich ist. Keiner will die heiße Ware anfassen. Eine turbulente, immer verzweifeltere Irrfahrt, eine Mischung aus Flucht und Hehlertrip führt sie zu vermeintlichen Kontaktpersonen über die Mayastätten von Palenque schließlich ins Bade-Paradies Acapulco.

Was noch als Familien-Komödie beginnt wird über den Verlauf der Handlung langsam vom Drama zur Tragödie – genauso wie sich der Blickrichtung dieser noch nicht ganz erwachsenen Männer verschiebt.

Doch auch bei diesem ansehnlichen Film fehlen mir von insgesamt 128 Minuten cirac zwanzig – Berlinaleschlaf. Wiedersehen: gern.

Übrigens: Statt „basierend auf einer wahren Geschichte“ wurde sehr passend vor Beginn der Handlung eingeblendet: „Dies ist eine Nachbildung des Originals.“ …so wie es später an der Museumsvitrine zu lesen sein wird.

 

Twarz [Mug] (Polen, Regie: Małgorzata Szumowska)

Der urwüchsige Jacek arbeitet auf dem elterlichen Bauernhof in der polnischen Provinz. Als Nonkonformist liebt er Heavy Metal und trägt am liebsten seine „Kutte“. Obwohl er eigentlich davon träumt, nach England auszuwandern scheint er doch in dieser kleinkarierten Welt verhaftet. Dabei nicht unzufrieden, da ja gerade erst frisch verlobt mit der hübschen Dagmara.

In der Nähe des Städtchens wird ein Großprojekt realisiert: Der Welt größte Jesus-Statue soll errichtet werden. Die Bevölkerung hilft mit Spenden im Gottesdienst sowie mit freiwilligen Arbeitseinsätzen. Bei einem dieser erleidet Jacek einen schweren Unfall, der sein Gesicht komplett entstellt. Als er erwacht, wurde an ihm die erste Gesichts-Transplantation Polens durchgeführt.

eingeengter Fokus

Auch wenn er und seine Familie eigentlich von Glück sagen könnten: Der Medienrummel als auch seine sehr gewöhnungsbedürftige neue Visage werfen sein bisheriges Leben komplett über den Haufen. Niemand begegnet ihm mehr so wie zuvor, selbst seine Mutter fremdelt. Und Dagmara gibt ihm den Laufpass.

Immer wieder rückt die Regisseurin durch sehr begrenzten, selektiven Fokus unseren Blick. Oder soll dies Jaceks verminderte, doch nun offenbarte Weltsicht zeigen ? Es gab ja schon so einiges symbolträchtiges in den letzten Tagen, doch eine Parabel vermag ich hierin nicht zu erkennen. Eine Farce über den Stand der Gesellschaft schon.

Und das ganze als polnische Gesellschaftssatire zu deuten, das überlasse ich lieber den polnischen Zuschauern.

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Berlinale 2018, Tag 8: Mutter-Tochter-Mysterium …und der M.C. Escher Film

Die Tage fließen ineindander über. Welcher Wochentag ? Wann habe ich das gesehen? Was steht heute noch auf meinem Programm? Lustgewinn trotz -oder durch Verwirrung. Siehe auch beim letzten Film dieses Tages.

Die andere Seite (Deutschland, Regie: Heinz Paul)

Wohl nur der Tatsache, dass die Machtergreifung der Nazis erst ein Jahr später geschah ist es wohl zu verdanken, dass dieser Film im Jahre 1931 überhaupt noch in Produktion ging. Die Nazis würden z.B. bald Remarques „Im Westen nichts Neues“ verfemen und erfolgreich dafür sorgen, dass die amerikanische Verfilmung von „Der Weg zurück“ vom gleichen Autor in Deutschland so gut wie in der Versenkung verschwand. Letzteren hatte ich 2016 die Ehre auf der Berlinale in restaurierter Fassung zu sehen.

„Die andere Seite“ (nämlich zudem auch noch die der Briten), auf der die Handlung spielt, schildert den Kriegsalltag an der Front des 1.Weltkrieges weniger als Heldenepos oder Abenteuer, sondern als bleiernes, sinnloses und menschenverachtendes Treiben.

Der Plot: „Hauptmann“ (also wohl eher Captain) Stanhope, gespielt von Conrad Veidt, ist ein desillusionierter aber geschätzter Frontoffizier. Er ist im 3.Einsatzjahr auf den Hund gekommen und betäubt seine Verzweiflung mit Alkohol.

Sein Onkel dient als Oberleutnant Osbourne in derselben Kompanie, teilt sich mit ihm und weiteren 3 Schicksalsgenossen ein trostloses Unterstandquartier. Kurz vor der erwarteten Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 wird auch noch sein Schwager in spe, ein kriegsbegeisterter, naiver Jüngling zu ihm versetzt. Er wird beide bald darauf auf eine lebensgefährliche Mission deren Umstände fragwürdig sind. Befehl ist Befehl.

Wenn auch Conrad Veidts Augen manchmal arg weit aufgerissen wurden, so ist es doch sein überzeugendes Spiel zwischen sarkastischer Pflicherfüllung und totaler Desillusionierung, das diesen Film auch nach knapp 80 Jahren noch so eindringlich werden lässt.

Vielleicht gibt es doch Anti-Kriegsfilme. (Siehe Tag 5)

 

La enfermedad del Domingo [Sunday’s illness] (Spanien, Regie: Ramón Salazar)

Ursprünglich ein Verlegenheits-Ticket. Ich hatte diesen Film sehr spät gebucht, weil ich ein anderes gewünschtes Ticket nicht bekommen hatte. Ein verkappter Glücksfall.

Anabel (Susi Sanchez) ist eine Industriellen-Gattin in den besten Kreisen Spaniens. Die langsam alternde Society-Dame ist nach einem ihrer Empfänge schockiert: Als Kellnerin steht ihr mit einem Mal ihre Tochter Chiara(Barbara Lennie) gegenüber. Anabel hatte Chiara und ihren Ehemann einst vor 35 Jahren Knall auf Fall sitzen gelassen.

Eine Begegnung nicht von ungefähr: Chiara präsentiert Anabel kühl einen Deal. Zehn Tage allein mit ihr, dann werde Chiara für immer aus Anabels Leben verschwinden. Aus irgendeinem Grund vertraut Anabel ihr (Schuldgefühle lässt sie nicht durchblicken) -und willigt ein.

So nah werden sie sich in diesem Leben nur noch einmal kommen

Chiara nimmt sie mit in ihr Landhaus. Die verwirrte aber selbstbewusste Anabel weiß nicht, was von ihr verlangt wird. Scheinbar nichts. Außer scheinbar alltäglichen Gesprächen und Verrichtungen lässt Chiara sie zunächst in Ruhe. Bei Besorgungen, später kleinen Ausflügen kommt langsam und fast unmerklich zwischen der Enttäuschten und ihrer Mutter tatsächlich so etwas wie Nähe auf.

Ihre ihr eigentlich fremde Tochter hat scheinbar ein halbwegs zufriedenes Leben geführt. Hat sie ihr vergeben? Was will sie gerade jetzt von ihr? Was Chiara wirklich im Schilde führt, wird Anabel erst sehr spät klar. Der nächste Abschied wird ein ganz anderer sein.

Solche Storys werden meist mit viel mehr Dramatik erzählt. Doch Ramón Salazar verlässt sich von der ersten Minute auf ausgezeichnet komponierte, ruhige Einstellungen, die trotzdem Intensität vermitteln. Mit unfassbarer Ruhe und unfehlbarem Timing inszeniert Salazar, wie sich die beiden Frauen unmerklich näher kommen. In manchen Szenen -wie auch im Kino-Saal hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen gehört.

Selten sieht man Kraft und Verletztheit so differenziert kombiniert wie in Barbara Lennies Darstellung von Chiara.  Susi Sanchez steht in ihr in nichts nach, wenn sie zeigt, wie Anabel gleichzeitig versucht ihre Würde zu bewahren – und doch bald ihren gesamten Lebensweg in Frage stellt. Noch dazu sind die intelligenten Dialoge frei von Klischees, präzise gesetzt statt in erklärende Geschwätzigkeit zu verfallen. Hier geht es nicht um Vergebung oder Schuld, hier geht es um das Leben mit den Auswirkungen unserer Entscheidungen.

Mit einem Wort: Bewegend. Für solche Filme lohnen sich die Stunden des Studierens von Infos auf den Programm-Seiten, das Ringen um Tickets, das Hetzen von Kino zu Kino. Großes Kino.

 

Hojoom [Invasion] (Iran, Regie: Shahram Mokri)

Vorab: Selten habe ich mich so hingebungsvoll der Verwirrung hingegeben.

Beim langen Schlangestehen vor dem Vorstellung hörte ich, wie jemand berichtete, der Film sei ein one-take. Oh oh. Nach „Birdman“ und „Victoria“ (letzterer hier grandios vor zwei Jahren) eine wiederholte Masche? So verblüffend es auch sein kann, eine Handlung komplett ohne Schnitt in einer einzigen Einstellung zu drehen – wenn es keinen künstlerischen Grund gibt, ist die Grenze zum Selbstzweck fließend.

Die Handlung entzieht sich jedem Versuch, sie nachzuerzählen. Wie vermittle ich trotzdem, dass das Gesehene unablässig in den Bann zog ? Ein Versuch:

Eine Sportanlage und deren Katakomben. Fortwährende Nacht. Vereinzelt Nebel, teils auch in den unterirdischen Gängen, die verschieden farbig ausgeleuchtet sind. Die Sportart übrigens futuristisch abstrakt.Von einer grassierende Seuche ist die Rede, von Grenzbezirken.

Der einzige konventionelle Ansatz: Offenbar ist ein Mord geschehen und wir beobachten die Ermittler mit der Sportmannschaft  bei der Rekonstruktion. Der geständige Täter soll doch bitte die Ergeignisse zusammen mit den anwesenden Mitgliedern des Sportteams nachspielen. Über den gesamten Verlauf des Films werden Charaktere klarer und ihre Beziehung zueinander scheint sich heraus zu kristallisieren.

Doch immer wieder verlieren wir die Bodenhaftung, verschieben sich Rollen. Bald ahnen wir, dass wir die Handlung  durch Perspektiv-Wechsel wie in einer Schleife wieder und wieder sehen. Akteure wechseln die Rollen, wir verlieren die Bodenhaftung. Kein Entkommen. Ziellose Ermittlungen. Sich verschiebende Allianzen.

Was lauert im nächsten Gang ?

Geht es um Homosexualität ? Einer der Re-Akteure ist die Zwillingsschwester des Ermordeten. Blut, abgezapfter Lebenssaft scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen. Es darf wohl vermutet werden, dass die stark verklausulierte Handlung für diverse heikle Themen in der iranischen Gesellschaft steht.

Wenn es jemals einen Grund gegeben hat einen Film in einer einzigen Einstellung zu drehen, dann war es wohl hier. Denn damit bekam die verwobene bzw. netzartige Dramaturgie eine nochmalige Überhöhung.

Es gab über die Länge des Films beständig Walk-Outs und am Ende war der Applaus nur vereinzelt; von mir jedoch sehr herzhaft.

Und meine Verbeugung, vor der bravourösen Leistung dieses komplexe Treiben und seine zwei Dutzend Hauptakteure punktgenau inszenieren – nochmal: in einer einzigen Einstellung.

Hätten Franz Kafka und MC Escher einen Film zusammen gedreht: so hätte er wohl ausgesehen.

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Berlinale 2018, Tag 7: Vier-Film-Tag wird zu 2 1/2-Film-Tag

Mit den besten Absichten gestartet, erlebte ich heute Schiffbruch. Ein verpasster Film und ein halb verschlafener. Immerhin war das verbliebene sehr sehenswert.

Yocho [Foreboding] (Japan, Regie: Kiyoshi Kurosawa)

Die Arbeiterin Etsuko merkt es ganz allmählich, fast unmerklich. Die Menschen in ihrem Umfeld verändern sich. Es beginnt damit, dass eine ihrer Kolleginnen -wie sich später heraus stellt- Konzept das Konzept „Vater“ verloren oder vergessen hat – und nun Panikschübe bekommt, wenn sie nach Hause zu ihm geht.

Doch auch Etsukos Mann Tatsuo ist nicht mehr ganz derselbe. Nicht nur, als Etsuko ihm bei der Einlieferung ihrer Kollegin bei seiner Arbeit als Krankenpfleger begegnet.

Was Etsuko nicht ahnt: Ein Außerirdischer in Menschengestalt hat Tatsuo als „Guide“ angeheuert, um sich mit menschlichen Verhaltensweisen vertraut zu machen. Dabei stielt dieser unheimliche Fremde seinen von Tatsuo ausegewählten Opfern durch einfache Berührung bestimmte Gefühle und Vorstellungen, die diese dann für immer verlieren.

Ist es bereits zu spät ?

Bald gibt es immer mehr Menschen mit diesen geistigen Lücken. Nur Etsuko kann diesem Alien in Menschengestalt offenbar widerstehen. Gibt es noch mehrere wie ihn? Und steht etwas noch viel schlimmeres bevor ? Als Regierungsbehörden endlich eingreifen und Etsuko einspannen wollen, scheint es bereits zu spät zu sein.

Man mag den Film für konventionell konstruiert halten. Stimmt, die Dramaturgie, die Filme wie Don Siegels „Die Dämonischen“ oder John Carpenters „They live!“ haben, hat halt gewisse, ähnliche Plotpoints.

Umso bemerkenswerter, dass sich Kiyoshi Kurosawa hier sehr effektiv um Reduktion statt um Schockeffekte bemüht, darauf vertraut, dass das was wir ahnen viel beängstigender ist als das was wir sehen. Beklemmung ist die Stimmung die der nicht gerade kurze Film erzeugt und hält.

Nebenbei gesagt, darf man die Story durchaus auch als Parabel auf Entfremdung in modernen Gesellschaften sehen.

Regisseur Kurosawa gab im anschließenden Interview zu, dass er zwar kein Fan von SciFi sei, er sich aber durchaus in Genres probiert, die er noch gar nicht bedient hat. Hut ab.

Zwischendurch dann mein Fail: Die Anfangszeit falsch gelesen, musste ich einen „Les Faux Tatouages“ sausen lassen. Einziger Trost: Es gab noch ein Ticket für den Film zwei Tage später – und der Preis war (Sektion Generation) mit 4€ verschmerzbar. Sowas passiert mir zum Glück nur alle paar Jahre einmal.

Yardie (Großbritannien, Regie: Idris Elba)

Dennis, genannt D. ist noch ein Kind im Jamaika der späten 7oer. Er schaut zum einzigen Familienmitglied das ihm verblieb, seinem Bruder Jerry wie zu einem Vater auf. Jerry versucht als DJ und Party-Veranstalter Frieden zu stiften inmitten der Gang-Wars, die zu jener Zeit in Jamaika toben. Just als er zwei Gang-Bosse zur Versöhung auf der Bühne holt, fallen Schüsse. D. kann den ebenfalls jugendlichen Täter zwar noch erkennen, doch für Jerry kommt jede Hilfe zu spät.

Einige Jahre später ist D. unter den Fittichen des Musikproduzenten (und aufstrebenden Drogenhändlers) King Fox, der ihn unter seine Fittiche genommen hat. D. avanciert vom Laufburschen zum Drogenkurier. Seine angetraute Jugendliebe hat sich mitsamt Kind allerdings aus Sicherheitsgründen nach London aufgemacht.

Als der Hitzkopf D., der immer noch den Tod seines Brudes rächen will, dabei King Fox in dessen Geschäfte pfuscht, schickt der ihn mit 1kg Koks – nach London. Dort soll er mit anderen Jamaikanern einen Vertrieb aufbauen.

Im London der Thatcher-80er warten nicht nur weitere Gefahren auf ihn –  dort führt die Story ihn auch auf Umwegen einem Trio von Burschen, die als DJs und MCs mit ihrem Sound-System (im Reggae/Dancehall synonym für Band) weitaus besser sind denn als paddelige Kleinkriminelle.

Mikrofone wären statt Knarren die bessere Wahl

„I hope you like Regggae Music!“ ruft Idris Elba im Interview vor Beginn der Vorstellung ins Publikum. Elba, vor allem bekannt als Inspektor Luther aus der gleichnamigen britischen Fernsehserie, beweist in seinem Regiedebüt ein erstaunlich sicheres Händchen. Und wenn es heisst, dass Casting die halbe Miete sein kann, so hatte er zudem dabei auch Glück. Die Hauptakteure agieren überzeugend und dynamisch, wenn auch manchmal auf dem Grat zur Charge.

Doch soviel Kredit wollen wir Elba geben: Im anschliessenden Interview betonte Elba, es sei ihm sehr wichtig gewesen, das Zeitkolorit richtig rüber zu bringen. Schliesslich wuchs er selbst im gezeigten Stadtteil Hackney auf – und die Figur Darkers‘, eines der Möchtegern-DJs, merkt er schmunzelnd an…so jemand sei er damals gewesen.

Wenn auch manches etwas räuberpistolenhaft daher kommt und man durchaus die zweifelhafte Moral dieser am Ende nochmal versöhnlich daher kommenden Rachegeschichte kritisch beäugen kann – wer ein nachgereichtes, spannendes Dokument dieser Zeit sucht: hier ist es.

Khook (Iran, Regie: Mani Haghighi)

Der Moderator erwähnte vor der Vorstellung, er hätte seinem Kollegen von der Tontechnik empfohlen noch nicht nach Hause zu gehen. Denn mit diesem Spätfilm stünde mal eine echte Komödie an …aus dem Iran! Und zitierte den Regisseur mit den Worten „Worüber man nicht lachen kann, das kann man auch nicht ernst nehmen.“ Notiz am Rande: Die launige Anmoderation auf deutsch endete dann mit den Worten: „und jetzt auf Englisch: enjoy the movie!“ Großes Gelächter.

Das stellte sich auch tatsächlich bald im Film ein. Wir sehen den egomanischen Regisseur Hasan Kasmai auf einer Vernissage. Nachdem Hasan vor Missgunst ein Glas zerdrückt hat („Ich habe 2Liter Blut verloren“) schmollt er bald darauf vor der Tür. „Da drinnen wartet ein Idiot auf ein Interview mit dir“ „Welcher? Da drin wimmelt es von Idioten“. Was sehr gut den weiteren Humor des Filmes wieder gibt.

Kasmai, der seit zwei Jahren de facto mit Berufsverbot belegt ist, ringt um seine geliebte Hauptdarstellerin Shiva. Die hat alllerdings das Warten satt – und gerade ein Angebot beim von Hasan verhassten Regie-Rivalen Saidi bekommen.

Hasan kümmert nicht, wie sehr er sich zum Honk macht.

Mit allerlei Irrwitz versucht Hasan,  sich mit absurden Werbefilmen über Wasser zu halten und ein Abwandern seines Stars Shiva zu verhindern. Zudem kann er nicht ertragen, dass eine gerade laufende Mordserie unter Teherans Regisseuren ihn noch nicht getroffen hat. Auch wenn das bedeutet, dass er wie die anderen Opfer geköpft werden wird: Schließlich ist er doch der größte lebende iranische Künstler!

Als seine bizarren Narreteien ihn bald darauf zum Hauptverdächtigen machen, ist gerade mal die Hälfte des Filmes erreicht…

Eine objektive Bewertung des Filmes kann ich leider doch nicht abgeben. Da ich eine eigene goldene Regel gebrochen hatte und zwischen den letzten beiden Filmen mehr als einen Snack aß, übermannte mich der Schlaf gefühlt zwischen Hälfte bis kurz vor -sarkastischem-Schluss. Auch, wenn ich durch lautes Lachen des Publikums immer wieder geweckt wurde.

Ein soweit ich beurteilen konnte,  äh, saukomischer Film, der es schafft als Farce über den iranischen Filmbetrieb und die dauer-angespannte Situtation für Künstler zu parodieren.

 

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Berlinale 2018, Tag 6: Perfektion, Psychose und moderne Frauen

L’empire de la perfection [In the realm of perfection] (Frankreich, Regie: Julien Farault)

Ich hatte aufgrund der Filminfos Experimentelles erwartet, quasi eine filmische Versuchsanordnung.

Vielmehr ist es Julien Farault, der im französchen Sportfilmarchiv arbeitet, gelungen eine Brücke vom klassischen Lehrfilm zu einer Charakterstudie eines Spitzensportlers zu schlagen. Um nebenbei die Interessante These aufzustellen: Im Tennis wie beim Film gehe es darum, die Zeit zu gestalten.

Was zunächst wie eine steile These wirkt, wird nach und nach deutlicher. Denn im Tennis zwingt der dominierende Spieler dem Gegner sein Spiel auf und setzt somit durchaus den Zeitrahmen für eine Partie.

Regisseur Farault konnte aus dem Vollen schöpfen: Der französche Tennisverband ließ nämlich -als erkannt worden war, dass klassische Lehrfilme mit der Praxis nichts zu tun hatten- in den 70er und 80er Jahren eine endlose Fülle an Material während der French Open Turniere drehen. Dies sollte später zur Analyse und als Lehrmaterial herhalten.

Nachdem Quasi-Archivar Julien Farault einiges zu diesem Zwecke zusammen schnitt,  erkannte er, dass quasi eine Psychostudie über John McEnroes auf der Hand lag.

„THE BALL WAS OUT!“ Eine von McEnroes unzähligen Konflikten mit den Linienrichtern.

Wer vor dreißig Jahren Tennis verfolgte, kam an dem Ausnahmetalent McEnroe nicht vorbei (…wie auch die meisten seiner Gegner). Berüchtigt waren aber auch seine Temperamentsausbrüche auf dem Court bei Streit mit den Schiedsrichtern.

Was die Perfektion betrifft: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewann McEnroe beinah 96% Prozent der Matches einer Saison. Ein bis heute ungebrochener Rekord! Somit, so räumte Julien Farault ein, war es verständlich dass dieser Topspieler an der -in den 80ern erwiesenermaßen mittelmäßigen- Qualität der Schiedsrichter verzweifeln musste. McEnroe konnte einfach nicht fassen, dass man sich mit weniger als Perfektion zufrieden gibt.

Eine außergewöhnliche, faszinierende Melange aus Philosophie, Psychologie, Sporttheorie und Zeitgeschehen.

Madeline’s Madeline (USA, Regie: Josefine Decker)

Von Regisseurin Josephine Decker sah ich 2014 gleich zwei Filme (siehe hier im Archiv). Der eine dicht und beeindruckend, der andere -ok, ich war unausgeschlafen- verwirrend und artsy. Das konnte ja was werden. Auf jeden Fall freute ich mich auf ein Wiedersehen mit Schauspielerin Miranda July, deren 2011 zurecht vielbejubelten Film „The Future“ ich seinerzeit im Festival verpasst  hatte.

Zur Handlung: Die heranwachsende Madeline (Helena Howard) lebt mit ihrer allein erziehenden Mutter Regina (Miranda July). Beide haben es nicht leicht, denn Miranda kämpft mit einer psychischen Störung und hat schon einen stationären Aufenthalt hinter sich. Immer wieder wird der ansonsten fantasievolle und lebensbejahende Teenager  von psychotischen Episoden geplagt. Von Mutter Regina wird viel Geduld und Verständnis gefordert. Von der Tochter, die angebotene Medizin und Hilfestellungen auch anzunehmen. Wofür Teenager ja nun nicht gerade bekannt sind. Zumal die Mutter natürlich auch mal über das Ziel hinaus schießt.

Wirklich aufgehen, das tut Madeline voll und ganz bei den Proben einer Theatergruppe. Die sympathische, doch manchmal planlos wirkende Evangeline (Molly Parker) ist von ihr so beeindruckt, dass sie in der Probenarbeit Madelines Rolle immer weiter ausbaut. (Ihr Stück ändert sich sowieso jeden Tag, zum Unbill des Ensembles).

Mutter Regina wird ein Stück weit eifersüchtig über die Befreiungs-Erfolge ihrer Tochter. Denn Evangeline scheint besser zu dem Mädchen durchzudringen als all die guten Absichten und Maßnahmen Reginas.

Genau genommen ringen hier drei Frauen um Kontrolle (schon wieder ein Echo aus meinem ersten Berlinalefilm dies Jahr) über ihre Position, ihrer Ziele. Regisseurin Evangeline kann sich einfach nicht festlegen oder gar entscheiden (Josephine Decker gab im Anschluss zu, ein Gutteil von ihr Stecke in der Figur). Madeline traut noch nicht ihrem erstmals gefundendenen Selbstvertrauen. Und Regina schließlich hat bei aller verständlichen Sorge wohl noch nicht realisiert, dass es irgendwann darum gehen wird, ihre Tochter loszulassen.

Passend: Wie auch seine Hauptfigur scheint der Film seine Hochphasen zu haben um ab und zu wieder fast zu entgleisen. Wenn auch die optischen Eskapaden (starke Schärfeverlagerungen bei Nahaufnahmen während Madelines Psychosen) durchaus faszinieren. Insgesamt hat „Madeline’s Madeline“ Regisseuring Decker ein ganzes Stück weiter nach oben aufs Podest gehoben.

Madeline mit Tunnelblick

Als gegen Ende die erratische Regisseurin, dann auch noch auf die Idee kommt, Madelines Mutter in die Probenarbeit einzubeziehen, befürchtet das Mädchen seinen angstfreien Rückzugsort zu verlieren. Kurzerhand bricht Madeline eine einzigartige Solo Improvisation vor der versammelten Truppe vom Zaun, in der sie  sich sozusagen frei spielt. Wie das und der folgende Tumult als auch das symbolträchtige Ende in Szene gesetzt werden, ist -wie man so schön sagt- schon eine Kunst.

 

Das Abenteuer der Thea Roland (Deutschland, Regie: Hermann Kosterlitz)

Eins vorab: Der Regisseur machte nach seiner Emigration in Hollywood als „Henry Koster“ Karriere. Ihm verdanken wir z.B. „Mein Freund Harvey“, „Das Gewand“ und „Die Ferien das Mr.Hobbs“.

Warum dieser Film im Berlinale Programm Das Abenteuer einer schönen Frau hieß erschließt sich mir nicht. Ganz klar war der von mir genannte Titel Original-Vorspann zu lesen. Nun denn:

Auch unsere Urgroßeltern kannten schon romantische Komödien, neudeutsch rom-coms. 1932. Bildhauerin Thea (Lil Dagover, wie immer vornehm-attraktiv) ist auf der Suche nach einem Modell. Der Zufall führt ihr dabei Boxer Jerry (Hans Rehmann, sympathische Urgewalt) über den Weg.

Nachdem ein paar Missverständnisse für peinliche, doch sehr amüsante Verwicklunge sorgen… verbringt man eine Liebesnacht zusammen. Da Jerry allerdings schon am nächsten Morgen nach London abreisen muss (er ist Deutsch-Brite), wird es nichts aus trauter Zweisamkeit. Zudem Thea am Bahnhof durch ein weiteres Missverständnis (in einer guten  Rom-Com wimmelt es davon) annehmen muss, dass Jerry in Wirklichkeit eine andere hat.

UFA-Star Lil Dagover

Kurz darauf stellt Thea fest, dass sie in -man damals sagte- guter Hoffnung ist. Sie besteht darauf, das Kind allein aufzuziehen und ihrem Künstlerzirkel und Freundeskreis den Namen des Vaters nicht Preis zu geben. Ein Jahr später steht bei einer Party wieder Jerry auf der Tür…

Erstaunlich wie gut viele der Pointen die Zeit überdauert haben. Das heutige Publikum amüsierte sich, mich eingeschlossen, bestens. Äußerst verblüffend und komplett unvermutet, dass 1932 eine weibliche Titelfigur im Film realistisch eine vaterlose Kindschaft in Erwägung ziehen konnte. Dieses Gesellschaftsbild sollte sich bekanntermaßen bald darauf ändern.

Am Rande: Branchenwitz, uralt: Ein Kriegsfilm. Sie kriegen sich am Ende.

 

Lemonade (Rumänien,Kanada,Deutschland,Schweden; Regie: Ioana Uricaru)

Wir begegen Mara, die mit ihrem vor kurzem Angetrauten Daniel so gerade über die Runden kommt. Die gebürtige Rumänin hofft, sich in den USA neu erfinden zu können. Eine gescheiterte Beziehung will sie hinter sich und ihren Sohn bald nachkommen lassen.

Doch nun muss sie sich bei der Immigrations-Behörde langsam den Vorwurf gefallen lassen, sie hätte den Hilfsarbeiter nur geheiratet, um an eine Green Card zu kommen. Unglaublich geschickt und immer abgefeimter verstrickt der Beamte die bald verzweifelte Mara in widersprüchliche Aussagen – um kurz darauf sexuelle Gefälligkeiten von ihr zu verlangen.

Gegen Anraten ihrer ebenfalls rumämischen Freundin und des von ihr empfohlenen Rechtsanwaltes, beichtet sie ihrem Mann ihre Situation. Worauf es zur Eskalation kommt und sie mitsamt Sohn vor ihm flüchtet.

Doch Maras Rechtsanwalt (ebenfalls ausgewandert) hat noch ein As im Ärmel. Der Ex-Serbe nämlich hat mittlerweile gelernt, das US Rechtssystem zu auszunutzen.

Wo sind die unbegrenzten Möglichkeiten

So routiniert Regisseurin Uricaru die Story erzählt, verdanken wir es eher dem gefühlvollen Spiel von Hauptdarstellerin Málina Manovici, dass die Story nicht beliebig erscheint. Das Ganze wird geradlinig und konventionell in Szene gesetzt, dass wir beim lapidaren Ende ein wenig das Gefühl haben, einen halben Film gesehen zu haben.

Das kann es also auch geben: Dass man angefixt von einer Woche Filmkunst einen solchen Film gerade noch für passabel hält.

Veröffentlicht unter Berlinale