Berlinale 2019, Tag 10: Dinosaurier, das Kreuz mit dem Kreuz …und das mit der Wahrheit.

Man schaut häufiger als erstes auf die Lauflänge des gebuchten Filmes. Nicht nur um zu checken, wie sehr man sich um den nächsten beeilen muss. Kurz vor Ende der Berlinale mischt sich wie so häufig Wehmut mit, ja, Erleichterung.

Öndög (VR China, Regie: Wang Quan’an)

Jede Menge Gegend. Mongolische Steppe im Winter. Eine Frauenleiche wird in der Ödnis deckt, zig Meilen von jeder Zivilisation. Ein Jungpolizist soll den Tatort überwachen. Die latent überforderte Lokal-Polizei heuert zu seinem Schutz gegen Wölfe eine junge Hirtin an.

Die Wortkarge, die von der Landbevölkerung nur „Dinosaurier“ genannt wird, ist nämlich die Einzige mit Gewehr dort. Sie kommt auf einem Kamel geritten, lebt sie doch in Einsiedelei in einer Jurte bei ihren Tieren. Nur wenn es ans Schlachten geht oder eine Kuh kalbt, wendet sie sich an einen anderen Hirten. Mit ihm verband sie wohl schon mal mehr. Doch wie gesagt, wortkarg.

Mit dem Jungpolizisten teilt sie in der Nacht am Lagerfeuer, beide an ihr Kamel gelehnt, Schnaps und Lebensweisheiten. Und sie bringt ihm nicht nur das Rauchen bei.

Unnachahmlich, wie sie beim sachlich vollzogenem Akt bereits nach ihrem Karabiner greift und danach ohne eine Sekunde zu verlieren aufspringt, um in die Finsternis auf den Wolf zu feuern. Echte Jäger, so heißt es schon zu Beginn des Filmes, zielen instinktiv.

(c) Wang Quan’an

Der Junge wird durch diese Nacht angeregt, der hübschen Praktikantin in seiner Wache nicht mehr so schüchtern gegenüber zu sein. Die Hirtin wird, verursacht durch den Lagerfeuer-Beischlaf, bald mehrere Entscheidungen treffen müssen.

Es hat schon etwas, wie die kauzige Story lakonisch trocken erzählt wird und sich erst nach und nach entspinnt. Zunächst sind wir durch Zoomperspektive verengte Bildtiefe und Kameraführung in der ersten Hälfte noch dokumentarisch-distanziert, später hautnah dran am Treiben.

Wie der Plot mit dieser doch relativ überschaubaren Zahl an Figuren und Elementen zu Ende gebracht wird hat schon etwas. „Öndög“ verdankt seine innere Logik dem ungekünstelten Charme seiner stoisch sympathischen Charaktere. Hier draußen wird pragmatisch gehandelt.

Dass so relativ einfach mal erzählt wird, macht auf dieser Berlinale für mich die Ausnahme. Die Dinosaurier werden vielleicht doch nicht aussterben, wie es später im Film heißt.

„Based on true stories“, diese offensichtlich ironische Einblendung sorgte für einen letzten Lacher und löste den Schluss-Applaus aus.

 

Gospod postoi, imeto i‘ e Petrunija [God lives, and her name is Petrunya] (Mazedonien, Belgien, Slowenien, Kroatien,Frankreich; Regie: Teana Strugar Mitrevska)

Petrunija ist 32 und lebt noch bei den Eltern. Mit ihrem Studien-Abschluss in Geschichte hat sie in der mazedonischen Provinzstadt Štip offenbar aufs falsche Pferd gesetzt. Die Mutter hält Petrunija insgeheim für nicht hübsch genug und treibt die scheinbar antriebslose junge Frau hin und wieder zu Bewerbungsgesprächen. Von denen Petrunjia meist schon vorher weiß, was dabei heraus kommen wird.

Auf dem Rückweg von einem wieder mal enttäuschenden Termin begegnet sie einer Kirchenprozession. Ohne groß nachzudenken, springt sie dem rituell in den Fluss geworfenen Kreuz des orthodoxen Priesters hinterher – etwas, das nur den zahlreichen Männern des Ortes vorbehalten ist.

Sie gibt es auch unter lautem Protest des barbrustigen männlichen Mannsvolks mit seinen aufgerissenen Augen und Mäulern nicht wieder her. Als sie sich vom Volkszorn davon macht beginnen aberwitzige Stunden. Dies gar nicht so hässliche Entlein hat es satt, immer nur Verlierer zu sein, schon wieder einzustecken.

Petrunijas deklarierte Untat (von der sich jedoch auch der Priester nicht sicher ist, ob es eine darstellt) macht nicht nur auf Youtube Wellen, auch das Lokal TV berichtet.

Eklat mit der Mutter daheim, Festnahme durch die Polizei, Verhöre, der Pfaffe weicht nicht aus dem Polizeirevier. Später Belagerung der Polizeistation durch die sich geprellt fühlenden Dorfmachos. Einer entsandten TV-Reporterin fehlt es nicht am Verständnis für das Bohei der Männerwelt – sie wittert auch noch die große Story für ihre mickrige Karriere.

(c) sistersandbrothermitevski

In bissigen Dialogen werden in dieser hinreißenden Tragikomödie auf spöttische Weise die matriarchalische Gesellschaft des Landes und eine unrealisierte Trennung von Kirche und Staat zerlegt.

Beispiele gefällig? Polizeichef: „Sind sie religiös?“ Petrunija: „Sind sie schwul? ….ich müsste nicht mal hier sein.“ Oder später ein von der Reporterin Interviewter: „Mazedonien: ‚Das ewige Land‘, jaja – auf ewig im Mittelalter“

Mit einem überaus guten Gespür für das richtige Tempo, sowie für Motive und Bildkomposition leistet sich „Gospod postoi…“ von vorne bis hinten keinerlei Fehl und Tadel.

Ein salomonisches Ende rundet das Bild ab. Mit die besten -und amüsantesten- 100 Minuten dieses meines Jahrgangs.

 

Mr. Jones (Polen, Großbritannien, Ukraine; Regie: Agnieszka Holland)

Für einen Film, in dem die Hauptfigur die hehren Worte sagen wird “ ..welche Wahrheit ? Es gibt nur eine Wahrheit!“ werden in „Mr. Jones“ ganz schön die Fakten zurecht gerückt und editiert. Bei aller kreativen Freiheit…

Doch Regisseurin Agnieszka Holland hat sich der Aufgabe angenommen, in Zeiten in denen der Begriff „fake“ schnell bei der Hand ist, von einer der größeren humanitären Katastrophe der Geschichte und ihres Cover-ups zu berichten. doch der Reihe nach.

Wir begleiten den walisisch-stämmigen Politikberater und Journalisten Gareth Jones im Jahre 1933. Just seine Stelle in der britischen Regierung losgeworden, macht er sich auf eigene Faust nach Moskau auf.

Als in der Ukraine Aufgewachsener, spricht er nicht nur fließend russisch, sondern ist auch mit Land und Leuten vertraut. Sein investigativer Berufs-Ethos lässt ihm keine Ruhe. Für ihn rechnen sich Stalins Bilanzen nur auf dem Papier. Er kann sich dessen angebliche wirtschaftliche Erfolge nicht erklären.

Zunächst im Hotel Metropol, im dortigen Journalisten-Pool vereinnahmt, zieht er bald unter falschem Vorwand weiter  – und wird die Entdeckung machen, dass in der seiner alten Heimat in Wirklichkeit eine Hungersnot unvorstellbaren Ausmaßes herrscht, vom Stalin-Regime herbei geführt und billigend in Kauf genommen.

Nach vorübergehender Haft  nach Großbritannien entlassen, folgen auf journalistische dann diplomatische Eklats. Mit seinen Berichten steht er bald allein und als Lügner da. Denn alle Gazetten folgen den Gegendarstellungen der New York Times, immerhin ist ihr Moskau Korrespondent Pulitzer-Preisträger Walter Duranty. Außerdem haben  Großbritannien und die USA aus großpolitischer Abwägung keine Absicht, Wellen zu schlagen.

Nicht nur im sondern auch vor einem Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Geschichte als Scheiß-Spiel.

(c) Robert Palka /Film Produkcja

Und wieder einmal fragt man sich, wieviel und was Realität und was dramaturgische Kürzung oder Erfindung ist. Ob die damaligen Dialoge wirklich so geschliffen, die Motive so hehr waren. Dahin gestellt, wenn sie wie hier die richtigen Fragen stellen.

Geschichte als persönliches Melodrama. Wenn das der Preis ist, diese fast vergessenen, unerhörten Zusammenhänge wieder ins Bewusstsein zu bringen, so sei es.

Was die Fakten betrifft: Mit nur wenig eigener Recherche erfährt man zum Beispiel, dass Gareth Jones das NS Regime bis zu seinem frühen Tod, sagen wir mal, unkritisch betrachtet hat. Zu Beginn des Filmes legt ihm das Drehbuch Warnungen vor Hitler und Goebbels in den Mund. Allerdings: Auch Jones‘ ehemaliger Chef und ex-Premier Lloyd George lobte Hitler noch im Jahre 1936 als „greatest living german“ und hielt einen Konflikt mit Deutschland für völlig abwegig.

Wenn ich urteilen sollte: Würdiges, hochprofessionelles Erzählkino, dessen Vorgehensweise zum Glück durch seine Einstellung geadelt wird.

Bei den beiden russisch sprechenden Frauen neben mir rührte sich beim Schlussapplaus übrigens keine Hand.

 

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Berlinale 2019, Tag 9: Revoluzzer, Mafia-Fotos, kaputte Frauen …und eine Visitenkarte

 Der Ticketstapel arbeitet sich langsam ab, oder bin ich bald abgearbeitet ?

Marighella (Brasilien, Regie: Wagner Mauro )

Ein Bio-Pic gönne ich mir, wenn möglich, jedes Jahr. Gönnen, weil das Genre zwar verlockend ist, es jedoch nicht immer die Hoffnungen einlöst. Mal ist es allzu leichte Kost, mal  merklich tendenziös.

1964. Zu Beginn der Militär-Diktatur in Brasilien wird der Schriftsteller und Abgeordnete Carlos Marighella aufgrund seiner (kommunistischen) Haltung aus der Opposition in den Untergrund gedrängt. Wir sehen, zunächst in zwei Zeitebenen (1964/1968) miteinander verwoben, wie er und seine Gefährten sich zunehmend radikalisieren.

Über seine Anfänge, wie er seine politischen Erfahrungen gemacht hat, erfahren wir so gut wie nichts. Über die gesellschaftlichen Hintergründe nicht genug.

Später wird die Dramaturgie dann konventioneller, sieht sich der Film irgendwo zwischen Epos und lebendem Geschichtsbuch. Wenn man nur nicht bei so manchen Dramaturgie- und Charakter-Schablonen hier und da das Gefühl hätte latent indoktriniert zu werden. Bei allem Verständnis für die damalige Rebellion.

(c) 02 Filmes

Der Film entzieht sich nur knapp dem Vorwurf einer Heldenverehrung. So gerade.

Immerhin legt das Drehbuch Marighella in einem Moment der Verzweiflung in den Mund, sich und seine Gefährten klar als Terroristen zu bekennen.

Entschlossenheit, drastische Mittel, schön und gut. Nicht genug bekommt das Skript davon, seine gefühlvolle Seite zu betonen. Doch immerhin stand Marighella mit seinem „Minihandbuch für Stadtguerilla“ bei diversen Terrororganisationen noch Jahrzehnte später hoch im Kurs.

Der Film vermag dennoch über die beachtliche Länge zu interessieren. Auch wenn man sich ein ums andere Mal fragt, wieviel das dramatischer Vereinfachung, Schwarz-Weiß-Malerei und überzeichneten Figuren zu verdanken ist.

Shooting the Mafia (Irland, USA; Regie: Kim Longinotto)

Na toll. Das Kino, das abends Q&A abwürgt bzw verhindert, hat tagsüber ein Problem mit dem Termin-Management. Der Einlass begann erst Minuten nach der eigentlichen Startzeit. So musste ich dann im Anschluss wegen eng gesteckter Termine eines der interessanteren Interviews vorzeitig verlassen. Danke Colosseum

Letizia Battaglia ist eine Legende der italienischen Foto-Journalistik. Die Sizilianerin kam durch einen Zufall zur Fotografie, entdeckte jedoch bald ihr gutes Händchen. Insbesonders ihre Milieustudien im von Mafia Verbrechen geplagten Sizilien der 70er und 80er sind unabdingbar.

(c) Shobha/Lunar Pictures

So interviewlastig der Film auch zeitweilig erscheint. Er verlässt sich nicht nur auf die immer noch lebenslustige Präsenz der mittlerweile 80jährigen, sondern stellt deren Memoiren auf großen Strecken einer verblüffenden Zahl von TV-Zeitdokumenten und Reportage-Ausschnitten gegenüber.

Kim Longinotto  und ihre Rechercheure hatten nach eigenem Bekunden teils größte Schwierigkeiten an eine ausreichende Menge relevantes Material zu kommen. Größte Beharrlichkeit war notwendig, um an bestimmte Film-Ausschnitte zu kommen. Die häufig unkooperative Haltung des italienischen Fernehens RAI z.B. ließen Longinotto vermuten, dass es auch heute noch Verstrickungen gibt.

Ihr war es wichtig aus dem Material Sequenzen zu montieren, die ein Gefühl dabei gewesen zu sein vermitteln. Dies ist ihr und ihrem Editor Ollie Huddleston wirklich gelungen.

 

To thávma tis thálassas ton Sargassón [The Miracle of he Sargasso Sea](Griechenland, Regie: Syllas Tzoumerkas)

Elisabeth ist gewiefte Chefin einer Antiterror-Einheit in Athen. Nachdem man die toughe Frau durch interne Manipulationen abserviert, wird ihr eine Stellung als Polizeichefin im Küstenort Mesolongi angedreht.

Zehn Jahre später erleben wir, was die Abschiebung ins Niemandsland aus ihr gemacht hat. Sie trinkt wie ein Ketzer, hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Chefarzt. Im Dienst besteht ihr Vokabular der Desillusionierten überwiegend aus Flüchen und Schimpfwörtern. Nur mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn Dimitris hat sie ein halbwegs vernünftiges Verhältnis, er nimmt es und sie relativ gelassen.

Rita ist Malocherin auf einer Fischfarm. Sie plagen für uns zunächst rätselhafte Visionen. Ihr Bruder Manolis, zu dem sie ein bizarres Verhältnis zu haben scheint, ist eine Mischung aus lokalem Club-Popstar und Drogendealer. Auch Rita träumt von einer Flucht, steht jedoch zu sehr unter der Hand ihres Bruders.

Als nach einer Partynacht (die Elisabeth auf einer ihre Sauftouren streift) Manolis am Strand erhängt aufgefunden wird, muss Elisabeth dann doch mal halbwegs auf professionell schalten. Es werden sich noch weitere Abgründe auftun.

(c) Kiki Papadopoulou

Unerbittlich ist Regisseur Syllas Tzoumkerkas nicht nur bei der Zeichnung seiner zahlreichen Figuren. Denn die eben Beschriebenen sind nur ein kleiner Teil des Personals in diesem hintergründigen Szenario. Wie geschickt verwickelt sich hier dieses Kabinett von Horrorprovinz langsam vor unserem Auge entfaltet, fordert den Zuschauer auf mysteriöse Weise heraus.

Durchaus kein feel good Movie, belohnt der Film die eingeforderte Aufmerksamkeit. Man will keine Andeutung verpassen.

Auch der Cast überzeugt auf ganzer Linie. Allen voran Angeliki Papoulia (Elisabeth) und Youla Boudali (Rita) mit reduziert-verzweifeltem Mienenspiel. Diese noch nicht ganz gebrochenen Frauen haben mehr miteinander gemein als sie ahnen: Ihre Erlösung kann nur Entkommen heißen. Der faszinierende Plot findet auch dafür einen Weg.

Vielleicht ist hier nur begrenzt Neues über die conditio Humana zu entdecken. Doch dafür wird hier der Begriff Provinzkrimi neu geadelt.

 

Jessica Forever (Frankreich, Regie: Caroline Poggi, Jonathan Vinel)

Ein überwiegend menschenleeres Upperclass Villen-Viertel. Wir sehen eine alerte, schwer bewaffnete Kampfgruppe Heranwachsender, wie sie einen verletzten Jüngling aus einem scheinbar unbewohnten Bungalow retten, kurz bevor bewaffnete Flugdrohnen den Ort heimsuchen.

Die einzige Frau der Gruppe ist Ihre Anführerin, die junge Jessica. Ihr vertrauen die jungen Männer grenzenlos. Mit ihr leben sie in eingeschworener Gemeinschaft.

Das Setting wird nun von einem Off-Sprecher mit einigen dürr-rätselhaften Sätzen gegeben: Die Jungs sind von der Gesellschaft als gewalttätig ausgestoßen und zum Abschuss frei gegeben worden. Nur Jessica glaubt noch an sie.

Eine Endzeit ist dies offenbar nicht, eingekauft wird (womit auch immer) in Einkaufszentren. Allerdings sehen wir im gesamten Film keinen einzigen Erwachsenen. Und die Vororte in denen sich „Jessica Forever“ überwiegend abspielt, sind schier entvölkert. Lediglich hier und da treffen sie auf andere Jugendliche, die in scheinbarer Normalität die Schule besuchen, Parties feiern.

Man geht sich weitgehend aus dem Weg, doch einer aus der Gruppe wird sich verlieben. Ein anderer begeht, trotz Gruppengefühl deprimiert, Selbstmord. In Visionen erfahren wir, dass der Grund für sein Ausgestoßenen-Dasein der Mord an jetzt von ihm vermissten eigenen Schwester war.

(c) Ecce films – ARTE France Cinéma

Surreale, Erscheinungen, schon wieder wird einiges nur angedeutet. Krasseste Wendungen werden sowohl von den Akteuren als auch vom Drehbuch lapidar quittiert.

Inkongruent und teilweise inkonsequent, fasziniert der Film dennoch, wenn er auch nicht erfüllt.

Was mit einem spektakulären Feuergefecht beginnt, wie eine fabelhafte Visitenkarte für eine potenzielle Jugendaction-Serie oder einen zum Leben erwachten Sci-Fi Comic, wird mehr und mehr zu einem kühlen, existentialistischen Drama. Eine Chiffre – doch für was? Konsumismus, adoleszente Vereinsamung ?

Oder werden hier doch schlicht und einfach Zusammenhalt, Freundschaft und Kampfeswillen als oberste Ziele heroisiert?

Womöglich verstecken sich hier eine oder mehrere Allegorien. Doch nach meinem diesjährigen Händchen bei der Filmauswahl bin ich langsam etwas müde, danach zu suchen…

Ich bin mir halbwegs sicher, dass hiervon in Kürze eine stromlinierte Version wieder neu erscheinen wird. Netflix oder Amazon werden sich das nicht entgehen lassen.

Am Ende meines dritten 4-Film-Tages bin ich mir einigermaßen sicher: Dies ist meine seltsamste Film-Ausbeute seit langem. Und mit dem diesjährigen Geschick bin ich froh, dass ich am Sonntag nur drei Filme gebucht habe. Vielleicht wird der letzte Tag noch etwas richten!

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Berlinale 2019, Tag 8: Kurzes, Psychosen und eine Filmstudentin

vorlauf

Kurzfilme – Generation14

Wenigstens einmal wollte ich dies Jahr in die Kurzfilme testen. Zählte dann jedoch 8(!) in diesem Programm. Würde man da noch den Überblick nach gut 2h haben? Doch, wenn man schon vermessen genug ist, 10 Tage komplett für Kino frei zu räumen, warum nicht ?

In „L’empire  perfection“ wurde letztes Jahr philosophiert, im Film gehe es (wie im Sport) um die Gestaltung und Kontrolle von Zeit. Da darf man sich mit Verlaub wundern, was von Kurzfilm-Regisseuren aus der begrenzten Ressource gemacht wird. Durchaus auch im Positiven. Doch so manches mal denke ich mir – wenn das jetzt ein Langfilm wäre, ok – doch: kommt jetzt noch was? Nicht immer tut es gut, sich dramaturgisch auf Alltagsbeobachtungen zu verlassen. In aller Kürze:

„Mientras las olas “ (ARG, Regie: Delfina Gavaldá,Carmen Rivaira), in dem ein emotional gestrandetes Mädchen endlich ihren Frust heraus schreit.

„Liberty“ (USA, Regie: Faren Humes) Zwei Freundinnen müssen damit umgehen, dass die Zwangsräumung ihres Viertels sie bald womöglich trennen wird.

Four Quartets (GB, Regie: Marco Alessi), wo wir charmant in Szene gesetzt einen hoffnungsvollen Jugendlichen bei den Vorbereitungen zum und dann beim folgenden Club-Treiben sehen.

Der Animationsfilm „Story“ (POL, Regie: Jola Bankowska),  der in irrwitzigem Tempo sehr treffend Auswüchse des Online-und Smartphone Zeitalters karikiert.

„Kids“ (CH, Regie: ), der animierte Strichmännchen kunstvoll-existenzialistisch gegeneinander antreten lässt.

aus: Four Quartets (c) Marco Alessi

„Hush“ (NZ, Regie: ) in dem eine junge Frau nach einer Abtreibung in ihre alte Heimat zurück kehrt – und ihre Vertrauten durch Verschlossenheit und Melancholie befremdet.

„Tigre“ (F, Regie: Delphine Delaget) hat sich eine Freundin von der anderen emotional entfernt. Die Trennung eskaliert…in einem Safaripark (siehe Titel)!

Und mein persönlicher Favorit: „Tattoo“ (Iran, Regie: Farhad Delaram), in dem eine junge Frau sich bei der Verlängerung ihres Führerscheines peinlichen und patriarchalisch-bevormundenen Befragungen ausgesetzt sieht. Nur, weil sie nach eine Hauttransplantation Narben am Handgelenk und Tättowierungen hat. Bildkomposition und Schnitt: Exzellent.

Da die meisten der Filmer ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, erspare ich mir hier weiter gehende Kritik. Erwähnenswert jedoch die Tatsache, dass Marco Alessi nach eigener Aussage eigentlich von der schreibenden Zunft kommt. Als er jedoch erkannte, dass der Plot von „Four Quartets“ wohl nur visuell darstellbar ist, wechselte er nolens volens das Metier.

 

Demons (Singapur, Regie: Daniel Hui)

Was ist das nur in diesem Jahr? Ich komme mit meiner Filmauswahl scheinbar auf keinen grünen Zweig. Wie gestern um die gleiche Uhrzeit eine weitere Schlappe.

Die hoffnungsvolle Jungschauspielerin Vicki, die unbedingt ein eine Bühnenproduktion des Regisseurs Daniel will. Der Plot insinuiert, sie wäre dazu sexuell ausgenutzt worden. Bald darauf  erlebt sie befremdliche und horrorartige Phänomene. Realitäts-und Identitätsverlust.

Gegen Mitte der gut 80 Minuten (die einem -schon wieder einmal- deutlich, deutlich länger vorkommen) wechselt die Perspektive des Filmes komplett auf den zuvor beschuldigten Regisseur. Dieser findet sich alsbald ähnlichen Erscheinungen ausgesetzt. Er hört Stimmen und Geräusche. Sein Funding wird gestrichen, absurde Vorhaltungen werden gemacht. Er wird verhört zum Verschwinden der Schauspielerin (ihre Wohnung bewohnt jetzt jemand anders, angeblich seit Jahren) -und es gibt Verdächtigungen auf Kannibalismus (!)

Auch Daniels kann seine Welt kaum noch verstehen, auch ihn verfolgen immer krassere Visionen. Das liest sich jetzt alles interessanter als es ist. Denn die irrlichternde Dramaturgie geht mit den zeitweiligen Schockelementen Hand in Hand. Bis zum symbolistischen Schluss.

Und vielleicht färbte das auch auf die Wahrnehmung der schauspielerischen Darbietungen ab: Natürlich-charismatisch – oder dilettantisch? Ich mag es nicht entscheiden.

(c) 13 Little Pictures

Auf ein plausibles Ende, genau genommen auf irgend etwas plausibles hofft man irgendwann schon gar nicht mehr. Stetig gab es in der Vorstellung Walk-Outs, am Ende war das nur Publikum um gut 20 Personen geschrumpft. Einige der verbliebenen Zuschauer waren dann offenbar durchaus angetan und räsonierten und interpretierten im Q&A mit dem Regisseur Daniel Hui.

Ein „me too“ Kommentar? Eine Satire des Kunstbetriebes? Grenzgeniale Momente reihen sich hier an banales bis (womöglich ungewollt?) komisches.

Übrigens auf Film gedreht, aufgrund der Körnigkeit tippe ich auf 16mm. Ausleuchtung und Szenen-Design lassen „Demons“ immer wieder wie aus der Zeit gefallen erscheinen: Wüsste ich es nicht besser, hätte ich den Film auf frühe 80er datiert.

The Souvenir (Großbritannien, Regie: Joana Hogg)

Julie möchte Film studieren. Wir befinden uns in den frühen 80er Jahren, in London. Ihre Eltern, gut betucht, helfen der 24jährigen ein ums andere Mal finanziell aus.

Ihrer Sache scheint sie jedoch noch alles andere als sicher zu sein. Ist dies ihr Lebenswunsch?

Gerade weil er dies kritisch aber wohlwollend in Frage stellt, ist Julie vom etwas älteren Anthony fasziniert. Der ist lakonisch-enigmatisch, ein Typ der Julie mehr und mehr fasziniert. Anthony arbeitet im britischen Außenministerium, hat Stil, Anspruch …und ein Drogenproblem. Was Julie jedoch spät heraus findet, bzw. zu spät wahr haben will.

Es muss erst zu ernsthaften Krisen kommen, bis sie ihre erst langsam aufgekeimte, dann jedoch innige Beziehung zu ihm in Frage stellen wird.

(c) Nicola Honor

Die Stärke von „The Souvenir“ sind die differenziere Charakterzeichnung und die authentisch wirkenden Dialoge.

So nachvollziehbar und hineinziehend der Plot hingegen auch ist: Bei der Dramaturgie holpert es hier und da. Bei aller Liebe zum Mitdenken und (siehe vorgestern) show, don’t tell … So manche Andeutung wird nicht aufgelöst, einige Plotpunkte sind schlicht unplausibel.

Die solide Kameraführung (mit einigen brillanten Perspektiven) sowie die emotionale Entwicklung, welche wir durch Honor Swinton Byrnes charismatisch-natürliches Spiel erleben, retten das Ganze auf ein doch noch überdurchschnittliches Niveau.

Übrigens: passend zum 80er Setting ganz offensichtlich auf Film gedreht, noch dazu auf teilweise recht körnigem. Der Look passt in der Tat besser zum Setting in den 80ern als die ab und zu Alibi-mäßig eingeschobenen Popsongs der Ära.

 

Nach dem Tagesprogramm nun noch ein kurzer Exkurs:

Regisseur Dominik Graf äußerte sich kürzlich in einem Interview zur digitalen Restaurierung seines Films Die Sieger dahin gehend, dass er die digitale Archivierung von Alt-Werken keiner Archivierung vorzöge. Doch den Wechsel zu nur noch digitaler Aufzeichnung hält er für eine Katastrophe hält. 

Auch für das ungeübte Auge erkennbar, wird zum Einen die Mehrzahl heutiger Independent Filme nur noch auf digitalem Material gedreht. Hinzu kommt, dass ganz offenbar häufig keine sichere Hand für Format- bzw. Parameterwahl der digitalen Kameras besteht.

Puristen halten überdies 24Bilder pro Sekunde für den einzig wahren Film-Look. Die latente Bewegungsunschärfe in dieser Bildfrequenz hat sich in der Tat beim Zuschauer eingeprägt – wir nehmen es als authentisch an. Wenn nun, wie wiederum augenfällig, digital-nativ höhere Bildraten gewählt werden, kommt es nicht nur zu einem hyperrrealen Look. Häufig erzeugen durch (hier zu aufwändig zu erklärende) elektronische Prozesse in der Kamera  Artefakte und seltsame Effekte.

Gestern sah ich z.B. in „Nasht“ ein Auto in einer Totalen in Querfahrt vor und zurück ruckeln. Heute, in „Tigre“ war aufgrund der zu hoch gewählten Licht-Empfindlichkeit ein Blättermeer von Baumkronen ungewollt am zucken.

Letztens fehlt es scheinbar in der Postproduktion so manches Mal an Zeit, Talent oder Budget für ein Color Grading. Die digital von non-Profi Digitalkameras dargestellten Farbräume gemahnen hier und da an home videos.

Vielleicht braucht es beim Siegeszug dieser Technik einer Entwicklung wie im frühen Farbfilm des letzten Jahrhunderts. Wo erst ein Bewusstsein geschaffen werden musste, was natürlich aussieht – und wie man das hinbekommt.

 

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Berlinale 2019, Tag 7: Staatenflucht, Ölkrise …und Hyperrealismus

Nun weiß ich auch, was „Nach Beginn der Vorstellung kein Anrecht auf Einlass/Späteinlass nur nach Maßgabe“ bedeutet. Scheinbar den angekündigten BVG Streik morgen vorweg nehmend, kroch die U9 die letzten 2 Stationen quasi geradezu. Völlig atemlos angekommen fand ich mich mit 40 weiteren vor verschlossenen Türen. Um ehrlich zu sein: Wie wir dann ca. 8min nach Beginn dann sehr behutsam auf zwei verschiedene Eingängen geleitet wurden welche noch Sitzplätze boten, war dann doch professionell. Komplett abgewiesen wurde hingegen zuvor ein Mann mit Handkoffer(!) – der sich wortreich erboste. Wie man im Jahr 2019 annehmen kann, in eine Veranstaltung dieser Größe mit Gepäck zu gelangen, bzw. wie man sämtliche Hinweise übersehen kann – es wird sein Geheimnis bleiben.

Synonymes (Frankreich, Israel, Deutschland; Regie: Nadav Lapid)

Yoav hat seiner Heimat Israel den Rücken gekehrt. Das Land ist dem jungen Mann mittlerweile nur noch verhasst und er will sich in Paris neu erfinden.

Dort wird ihm allerdings umgehend sein weniges Hab und Gut gestohlen, als er in einer leerstehenden Altbau-Wohnung ein Bad nimmt. Aus seinem Missgeschick retten den Nackten ein junges Paar aus dem Stockwerk darüber. Die Musikerin Caroline und der angehende Schriftsteller Emile. Dessen Vater ist Fabrikant und finanziert das weitläufige Appartment sowie die Poeten-Ambitionen des Sohnes.

Das Angebot dort einzuziehen schlägt Yoav aus. In geschenkten Klamotten seiner beiden Wohltäter macht er sich in sein gemietetes Domizil auf, eine einfachste Wohnung am Rande des Existenzminimums. Paradoxerweise findet er ausgerechnet als Sicherheitskraft in der israelischen Botschaft einen Zeit-Job. Fraglos, dass es dabei zu haarsträubenden Komplikationen kommen wird.

Yoav liegt alles daran, jegliches israelische an sich auszumerzen. Beinahe besessen paukt er Vokabeln, obwohl er fließend französisch spricht und weigert sich, selbst mit Landsleuten hebräisch zu parlieren. Sein Idealismus ist fast schon verblendet und für sein Umfeld häufig zu viel.

Nicht lang, und nicht nur der antriebslose Emile erliegt (im platonischen Sinn) der Faszination der Faszination dieses Agent provocateur. Die ätherische Caroline gibt sich Yoav auch körperlich hin …von Emile geduldet.

Doch auch eine sogar von Emile ins Spiel gebrachte Scheinhochzeit kann Yoav nicht ins Lot bringen. Spätestens, als er im Einbürgerungstest übers Ziel hinaus schießt, wird klar: Wenn er nicht Obacht gibt, wird er Gefahr laufen bald quasi staatenlos da zu stehen.

(c) Guy Ferrandis / SBS Films

Was ihn wirklich umtreibt können erst nach und nach erahnen. Die Dialoge sind zeitweilig etwas arthouse-mäßig verstiegen – und die Bildsprache wirkt zuweilen unentschlossen, wenn auch nicht ohne Geschick. Doch es ist durchaus einnehmend, dem Treiben dieses jungen Wilden bis zum halbbitteren Ende zuzusehen.

Nasht [Leakage] (Iran, Tschechische Republik; Regie: Suzan Iravanian)

In den letzten Jahren hatte ich überaus gute Erfahrungen mit iranischen Filmen gemacht. Außergewöhnliche Settings, starke, manchmal auch mysteriöse Plots. Daher lockte mich „Nasht“ mit seiner absurden Story.

Foziye, gerade dabei Rente zu beantragen, entdeckt, dass aus ihrem Körper Öl austritt. Sie lebt mit Schwester, Tochter und Mutter in häuslicher Gemeinschaft, ihr Mann wird nach einem Unfall vermisst. Vor der Familie hält sie es die längste Zeit verschämt geheim.

Ihre abstruse Situation, die sie anfänglich mehr schockiert, wird später zum Hoffnungs-Vehikel, damit bzw. dadurch ein Ausreise Visum zu erhalten. Hat ihr Los mit dem Verschwinden es Mannes zu tun ?

Der verstiegene Plot entzieht sich einer konstruktiven Nacherzählung mit seiner Vielzahl an Fährten und Andeutungen. Ein sehr lokales Beben, im Dach klafft danach ein Loch. Es geht in ein quasi-Asyl auf dem Lande. Es wird weder völlig klar, bei wem sie da unterkommen – und warum einer der Gastgeber ständig Glaskannen mit Wasser in der Scheune kontrolliert. „Das Land ist kontaminiert“ heißt es irgendwann.

(c) Europe Media Nest (Media Nest)

Rätselhaft verklausuliert, verwirrt „Nasht“ mehr als er fasziniert. Ob dies nun der kulturpolitischen Situation im Heimatland oder der eigenen künstlerischen Vision der Regisseurin geschuldet ist, bleibt dahin gestellt.

Regisseurin Suzan Iravanian wurde im Q&A in der Tat von einem Zuschauer gebeten, dies alles dann doch bitte zu erklären. Hernach war auch ich nicht viel klüger.

Es ehrt sie zuzugeben, dass ihr Editor sie überzeugte, nicht zu harsch mit dem Publikum zu sein: Der ursprüngliche Rohschnitt ihrer Vision war wohl noch weniger zugänglich!

Vielleicht reicht es aber manchmal auch etwas zu erleben und erfahren – statt es zu verstehen.

Eynayim Sheli [Chained] (Israel,Deutschland; Regie: Yaron Shani) 

Der massige Streifen-Polizist Rashi hat eine unbeirrbare Auffassung von Recht und Ordnung. Er lebt verheiratet mit der etwas jüngeren Avigail und Yasmin, deren Tochter aus erster Ehe.

Im Grunde herzensgut, schießt der Bulle mit seinem unbeirrbaren Rechtsempfinden und seinen Moralvorstellungen jedoch ein ums andere Mal übers Ziel hinaus. Auch im Privatleben, wo er -es durchaus gut meinend- die dadurch in die Rebellion gedrängte- Yasmin mit seinen Vorschriften geradezu einsperrt.

Als er bei sich einer Routine Kontrolle mit dem jugendlichen Sohn eines hohen Tieres bei der Polizei anlegt, folgt kurz darauf ein Eklat: Eine Schmutzkampagne gegen ihn wird inszeniert und es kommt für Rashi zur Suspension und einer internen Untersuchung. Dauerhaft zuhause, kommt es zwangsläufig zu noch mehr Reibereien mit Frau und Tochter.

Seine Sturheit macht ihn unfähig, seine selbstgewählten Rollenmuster zu überkommen. Es wird ihn schließlich in die Katastrophe führen.

Nicht nur das digitalem HD-Material, besonders die improvisierten Szenen machten die Handlung eindringlich, vielfach bis  an die Grenze. Hyperrealismus sozusagen.

Böse Zungen würden behaupten, dafür könnte man auch Reality TV einschalten. Denn die teilweise (wie im echten Leben) scheinbar endlos kreisenden Dialog-Streitigkeiten weisen wie im richtigen Leben erhebliche Redundanz auf. Dafür ist hier nicht ein einziger gestelzter Dialogsatz zu finden.

Ein äußerst aufschlussreiches Q&A schloss sich an :

Regisseur Yaron Shani arbeitet ausschließlich mit Laiendarstellern, die er sorgfältig nach Präsenz und teilweise nach deren Lebenserfahrungen aussucht. In ausgiebigen Proben werden die Beziehungen und die Szenendynamik erprobt. Danach wird -zumeist in einem Take mit zwei Kameras- den Akteuren mit freien Dialogen freie Hand zur Improvisation gegeben.

Shani will so möglichst wahrhaftige Szenen schaffen, fernab von Schauspiel-Kunstwerk. Ihm kommt es, so sagt er, um den emotionalen Kern und eine möglichst wahrhaftige Auslotung von Wahrheiten an.

So war z.B. Eran Naim (in der Rolle des Rashi) tatsächlich 16 Jahre im Polizeidienst und wurde (wenn auch aus anderen Gründen) ebenso kalt geschasst wie im Film Rashi. Bis dahin, dass er sich nach Quittierung seines Dienstes später als Pizzabote wieder fand. Und sogar ehemalige Verdächtige beliefern musste.

Wenn Naim somit Stationen seines Lebens hier im Spiel wieder durchlebte, blieb es nicht aus, dass es bis hin zu echten Tränen ging.

Die Antwort auf die Frage, ob die bis ans Limit gehenden Darsteller psychologisch betreut worden wären, blieb Regisseur Shani teilweise schuldig. Er sei überzeugt, dass diese Arbeit für die beteiligten kathartisch gewesen ist. Wie für uns Zuschauer das Miterleben.

Der letzte Teil der Trilogie, an der Regisseur Yaron Shani 7 Jahre insgesamt gearbeitet hat (davon allein 1Jahr Dreharbeiten für alle Teile und 2 Jahre im Schnitt), soll im nächsten Jahr erscheinen.

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Berlinale 2019, Tag 6: Teen noir, Geisterflotte, unerklärliche Empfängnis und…die Deneuve

Gewagt: Nicht nur ein 4-Film-Tag im Allgemeinen. Sondern auch eine Vormittags-Vorstellung zu buchen, während man im Vorverkauf in der Regel eine gute Dreiviertelstunde braucht um dranzukommen. Mit etwas Glück lief alles glatt und ich schätze mich glücklich diesen ersten Film des Tages doch noch in mein Programm bekommen zu haben:

Knives and Skin (USA, Regie: Jennifer Reeder)

Anytown USA, provinzielles Kentucky. Wir treffen ein knappes Dutzend high schooler. Die vermeintlich konformistische Routine wird durchrisssen vom Verschwinden der Mitschülerin Carolyn Harper. Dies ist jedoch nur der Aufhänger und Fokuspunkt eines Panoptikums an mehr oder weniger dysfunktionalen Familien, welches Twin Peaks oder Desperate Housewives würdig wäre.

Die Erwachsenen schlagen sich mit diversen Sinn- und Ehekrisen herum. Entfremdung, eheliche Desillusionierung, Betrug, Jobverlust…

Währenddessen haben die Youngster alle Hände damit zu tun, ihre Rolle im Leben zu finden, sich zu definieren und behaupten. Die ersten Liebschaften machen das Unterfangen nicht gerade einfacher.

Doch the kids are alright, bekommen ihre Sache in Anbetracht der Umstände bemerkenswert gut hin. „Es muss hier doch einen Weg heraus geben“, so formuliert es einer der Schüler gegen Ende.

(c) Newcity Chicago Film Project

Auch die Regisseurin und Autorin Jennifer Reeder gab im Anschluss zu, nicht schnell genug aus ihrer Heimat Ohio heraus gekommen zu sein – um jetzt gern wieder zurück zu kehren.

Das große, große Pfund des Filmes ist nicht so sehr der mit Mystery-Plot, der zur größeren Vereinnahmung mit metaphysischen Elementen gepfeffert wurde. Die sarkastisch-satirischen Dialoge sind es, die mit viel Wortwitz die Figuren treffend und nachvollziehbar charakterisieren. Selten werden psychologische Studien so unterhaltend dargestellt.

Für einige der Anwesenden Jung-Zuschauer war es dann aufgrund vereinzelt hysterischem Lachen etwas viel. Szenisch wagt sich Jennifer Reeder bis ins grotesk-absurde, wobei sie es auch noch schafft viele gerade poetische Momente zu zaubern. Ein kleines Kunststück.

Wie auch die Einbindung der Musik: der Schulchor probt (unter Leitung der labilen Mutter der Vermissten Carolyn) ein ums andere Mal eindringliche a-capella Versionen von 80er Jahre Popsongs (u.a. Our lips are sealed, Blue Monday)

Einer der berührendsten Momente: Genau wie letztes Jahr in „L’Animale“ eine parallel-Montage, in der alle Protagonisten, jeder in seinem eigenen Setting (ink. das vermisste Mädchen!), abends gemeinsam einen weiteren melancholischen Song anstimmen.

Diesem von beiden Filmen bei PT Andersons „Magnolia“(1999) direkt beliehene Zitat kann man nicht böse sein. Dafür ist es als Stilmittel einfach immer wieder zu surreal-faszinierend.

 

Ghost Fleet (USA, Regie: Shannon Service, Jeffrey Waldron)

Das Thema war mir nach „Buoyancy“ (siehe Tag 3) nicht neu. Eine unbewusste Doppelbuchung sozusagen.

Shannon Service und Jeffrey Waldron haben hier den dokumentarischen Weg gewählt, um Bewusstsein für diese unhaltbaren Zustände zu schaffen:

Im südostasiatischen Pazifik tummelt sich eine unüberschaubare Zahl von Trawlern, die aufgrund der Überfischung immer weiter aufs Meer hinaus müssen. Da keiner der Berufs-Seeleute mehr bereit ist, Monate bis Jahre auf See zu bleiben, ist man im großen Stil dazu übergegangen, komplette Crews in der Tat zu „shanghaien“. Mit falschen Versprechungen oder dreisten Lügen werden Tagelöhner angelockt oder Nichtsahnende direkt gefangen genommen.

Damit sie nicht fliehen können, bleiben die mittelgroßen Schiffe dauerhaft auf See – und treffen sich höchstens alle paar Wochen mit Mutter-Schiffen. Denen dann der Fang angeliefert wird und die im Gegenzug Versorgungsgüter bringen. An Bord werden dann jegliche Standards mit Füßen getreten, es herrscht ein gewalttätiges und gnadenloses Regime.

Der Zuschauer begleitet Aktivisten, allen voran die Thailänderin Patima Tungpuchayakul bei ihren Recherchen und Interventionen. Einige der Opfer dieses grausamen Spiels verbringen Jahre bis Jahrzehnte in diesem Dasein. Eine Flucht ist selten und bestenfalls an Gestaden fern der Heimat möglich. Dort, wenn man denn den Häschern entkommen ist (auch vor Mord schreckt diese Mafia nicht zurück), bauen sich dann die wenigen Entkommenen in der Fremde notgedrungen eine neue Existenz auf.

Der Film verzichtet nicht auf Stilmittel wie re-enactment. Das ist den Machern allerdings in Anbetracht der Sicherheitslage nicht zu verdenken. Das Thema ist nämlich nach wie vor unliebsam und man hat Repressalien zu fürchten – wenn nicht sogar um das eigene Leben. Denn die Regierungen von Thailand als auch Indonesien haben zwar allererste Schritte zur Eindämmung unternommen, doch es ist noch ein scheinbar endloser Weg bis diese unhaltbaren Zustände überwunden sind.

In realiter treffen einen Handy-Videos einiger der Überlebenden in die Magengrube: Den Geflüchteten bieten Patima und ihre Gefolgsleute Rückkehr an – die meisten lehnen dann resigniert ab. Das Leben sei ja nun schon verpfuscht…und so sprechen sie wenigstens in Tränen aufgelöst für ihre Familien zu Hause ein paar hoffentlich tröstliche Worte.

Der Titel des Filmes erklärt sich nämlich aus der Tatsache, dass die Angehörigen die spurlos Verschwundenen zumeist als längst verstorben aufgegeben haben.

(c) Seahorse Productions

Im Q&A kam die Frage, nach den Zahlen der Geknechteten: Da es eine Schattenwirtschaft sei, zögerte Shannon Service. Ließ uns jedoch die Schätzungen wissen: die vorsichtigen (mehrere Zehntausend), die konservativen (mehr als Hunderttausend) und die pessimistischsten von Insidern: womöglich eine Million…

 

Divino Amor (Brasilien, Regie: Gabriel Mascaro) 

In einem Brasilien der nicht zu fernen Zukunft ist das Land zu einer Art Kirchenstaat geworden.

Die reife Joana ist pflichtbewusste Beamtin für Standesangelegenheiten. Sie checkt -offenbar staatliche Obhut dieser Zukunft- zB die DNA Übereinstimmung von werdenden Eltern. Scheidungs-Willigen hält sie es für ihre Pflicht, als überzeugtes Mitglied der christlichen Sekte „Divino Amor“, deren Trennungs-Absichten auszureden – und die Noch-Ehepaare zu Treffen der Sekte einzuladen. Durchaus mit Erfolg, in ihrem Sinne: Bereits 11 Ehen hat sie „gerettet“.

Dort werden nicht nur Bibel-Texte gelesen. Außer Gruppenübungen gehört doch auch Partner-Tausch(!) Sex dazu.

Mit ihrem Mann Danilo, ebenso überzeugter Sektengänger, verbindet sie im Ehealltag liebevolle Routine. Allerdings plagt die beiden das Ausbleiben des lang ersehnten Kindersegens. Als der sich dann doch einstellt, ist die Euphorie von kurzer Dauer. Keiner der DNA Checks ergibt einen Treffer: Ist das Kind vielleicht eine göttliche Empfängnis? Etwas, das offenbar nur Joana bereit ist zu glauben.

(c) Desvia

In „Divino Amor“ wird einiges behauptet, nicht zuletzt einfach durch beschreibende Off-Texte. Doch so manches bleibt das Szenario an Schlüssigkeit schuldig. Das absolute Durchdringen der Religion müssen wir anhand von wenigen Plot-Elementen festmachen, wie einem christlichen Rave oder Drive-In-Beichten. Ansonsten, mit Verlaub, scheint das Alles gar nicht so surreal.

Ich bin ja kein kleiner Doofer, doch warum z.B. in einer christlichen Sekte zeremoniell rumgevögelt wird, gehört zu den Mysterien des Skripts.

Im Grunde, so gebe ich zu, geht es wohl weniger um die dystopischen Auswirkungen, als um eine echte Glaubenskrise Joanas. Inmitten einer angeblich gläubigen Gesellschaft. Die Implikation, welche die vermutete göttliche Empfängnis hat, kommt zudem spät im Vergleich zu so viel Setup.

Anwesende Landsleute bejubelten das Werk und Crew und Cast ausgiebig. Doch ein Triumph ist das Alles nicht.

 

L’adieu à la nuit (Frankreich, Regie: André Téchiné)

Wenn auch längst im Oma-Alter angekommen, ist Muriel (in jedem Lebensalter wunderbar: Catherine Deneuve) eine vital-frische Pferde-Züchterin. Den Betrieb mit angeschlossener Reitschule in den Pyrenäen führt sie zusammen mit ihrem langjährigen Geschäftspartner Youssef.

Nach langer Zeit stellt sich mal wieder Muriels Enkel Alex ein. Der junge Mann ist jedoch latent entfremdet. Nicht zuletzt wegen des (für ihn noch immer ungeklärten) Unfalltods seiner Mutter bzw. Muriels Tochter vor einigen Jahren. Den Kontakt mit seinem ungeliebten Vater in Kanada hat er eingestellt.

Zunächst scheint das Verhältnis zwischen Muriel und Alex wieder aufzufrischen. Als Muriel Wind bekommt, dass Alex zum Islam konvertiert ist, reagiert sie noch souverän-liberal. Wenig später jedoch veruntreut Alex eine größere Summe ihres Geldes. Er und seine Freundin Lila sind dabei, drastische Pläne umzusetzen: Auswandern und sich zu Gotteskriegern ausbilden zu lassen.

Muriel spürt kaum noch Boden unter den Füßen und sieht sich zu verzweifelten Maßnahmen gezwungen.

(c) Curiosa

Wenn es ein Thema in meinem Berlinale-Jahr gibt (und nicht von mir bewusst gebucht): Teenager in Konflikt mit ihrer Eltern-Generation. Nicht der schlechteste Grund, seinen Nachwuchs mal wieder in die Arme zu nehmen oder auf die Schulter zu klopfen.

Mit Urgestein André Téchiné ist hier ein Regie-und Skript-Routinier am Werk. Und dies meine ich nach so manchen enttäuschenden Erlebnissen der letzten Tage im besseren Sinne des Wortes. Schritt für Schritt entwickelt André Téchiné die Handlung und vermittelt seine Charaktere und ihre Motive. Vielleicht wird hier das dramaturgische Rad nicht neu erfunden. Doch es ist nach all dem Sturm und Drang in den bisherigen Filmen dieses Festival-Jahres auch mal ganz nett, sich einfach bei einer einnehmend erzählten und emotional nachvollziehbaren Geschichte hinzugeben.

In „L’adieu à la nuit“ geht es zudem weder um Moral, noch um Verurteilung. Das ist sicherlich eine weitere Stärke dieses Films.

Autopilot gibt es bei der Deneuve einfach nicht. Ihr Spiel wirkt wiederum so natürlich, dass es nur sehr wenig braucht, ihre sich steigernde Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen und dem Film einen authentischen Schlussmoment zu gönnen.

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