Berlinale 2017 – Tag 10: Schinkentag

Der letzte Sonntag gilt als „Publikumstag“. Als Newbie dachte ich vor Jahren, dass nur für diesen Tag Normalbürger Tickets zu bekommen seien. Dabei geht es an dem Tag einfach um einen allgemeinen vergünstigten Ticketpreis.

Nichtsdestotrotz: Da die Tickets für den allerletzten Tag seltsamer Weise als erstes in den Vorverkauf gehen, überlegt man paradoxer Weise weit vor Beginn wie man sein Berlinale-Jahr beschließen möchte.

Über die Jahre weiß man, dass man nach gut 30 Filmen sich vielleicht auch mal was „gönnen“ möchte. Es muss also nicht die schwerste Kost sein. Das ab und zu belächelte Genre des Historien-Filmes (volkstümlich auch -Schinken genannt) schien da eine probate Wahl.

Viceroy’s House (Indien/Großbritannien, Regie: Gurinder Chadha)

Indien 1947, kurz bevor das Land von den britischen Kolonialmacht in die Unabhängkeit entlassen werden soll. Für die Übergangsphase wird der in solchen Dingen geschickte und in Indien noch unbelastete Lord Mountbatten entsandt. Auch seine Frau Edwina zeigt Empathie für die Empfindlichkeiten des jahrhundertelang kolonialisierten Mehrvölker-Staates.

Zwischen den kaum noch die Freiheit erwarten könnenden Hindus, Sikhs und Moslems scheint es jedoch mehr Uneinigkeit als Gemeinsamkeiten zu geben. Eine Teilung des Landes würde die aufkommenden Gewaltakte zwischen den Religions-Gruppen vermeintlich unterbinden – aber auch seit unzähligen Generationen ansässige Familien zum Verlassen ihrer Heimatdörfer zwingen. Eine undankbare, scheinbar unlösbare Aufgabe, wie Mountbatten irgendwann einsehen muss. Ist eine schlechte Entscheidung besser als gar keine?

Wenn schon ‚Hostages‘ gestern zeitweilig am Stil eines (wenn auch guten) TV-Doku-Melodrams entlang schrappte, so hat man hier über weite Strecken doch das Gefühl, emotional deutlich geführt zu werden. Die Story spiegelt das Dilemma im Mikrokosmos der Bediensteten des titelgebenden Palasts des Vizekönigs. Denn auch die indischen Bediensteten des Hofstaates sind aus verschiedenen Glaubensgruppen und untereinander sehr uneins. Dazu noch verbotene Liebe, alte Gelübde und Familienbande.

Regisseurin Chadra gibt auch freimütig zu, dass sie epische, volksnahe Historiendramen vermisst, die uns an unsere Geschichte erinnern. Dass sie früher als Journalistin bei der BBC arbeitete und für diesen Film eine Unmenge recherchiert haben soll, lässt uns halbwegs ruhen.

Doch ich erinnerte mich an die weisen Worte des (ebenfalls indischen) Regisseurs von ‚Newton‘ vor einer Woche. Dieser gab zu, seinerseits Humor als Würze zu benutzen, um eine wichtige Story zu verkaufen, für die man sich sonst vielleicht nicht über Spielfilmlänge interessieren würde.

In „Viceroy’s House“ dienen Emotionen und Sentiment, die komplexen politischen und sozialen Verhältnisse zu konterkarieren. Und ich will es zugeben (siehe oben), manchmal ist es genehm sich

Wobei diese Phase Indiens wirklich nicht in Vergessenheit geraten sollte: mit rund 14 Millionen führten die Begehrlichkeiten nach religiöser Souveränität und Separatismus zur mithin größten Völkerwanderung der Geschichte -und zu unzähligem Leid.

Und anders als so manches Historiendram beleuchtet Regisseurin Chadra in „Viceroy’s House“ deutlich, dass es wahrlich kein hausgemachtes Dilemma war: Ein allzu erstarkendes Indien wäre den Briten (ehrlich gesagt wohl der gesamten westlichen Welt) nicht Recht gewesen.

Es hätte sich womöglich der Sowietunion zugewandt, die schon damals auf einen Zugang zum Persischen Golf drang. Geopolitik, die schon ihren Lauf nahm. (Diverse Historiker sind übrigens der Meinung, dass die Konflikte unter den Ethnien bereits nach einem ersten Aufstand im Jahr 1857 von den britischen Besatzern angestachelt worden seien, um das Land weiter unter Kontrolle zu halten)

Den Mountbatten gibt übrigens unser Britischer Aristokratendarsteller vom Dienst Hugh Bonneville (Downton Abbey), er spielt zugegeben ohne Fehl und Tadel und vermeidet unnötiges Melodrama, Regie und Drehbuch verlangen nur ein dezentes Maß an Klischees. Überrschend gut besetzt: Gillian Anderson (X-Files) als Gattin Edwina.

.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, bei einer indischen Co-Produktion könnte man froh sein, wenn wichtige Passagen nicht gesungen und getanzt werden. Böse Zungen. Denn Regisseurin Gurinder Chadha appelliert vor allem in der zweite Hälfte des Filmes stark an unsere Gefühle.

Doch das Geschichte nicht abstrakt ist und immer zuletzt auch einzelne menschliche Schicksale betrifft, verdeutlicht zu Ende ein eingeblendeter Text und Familienfotos der Vorfahren der Regisseurin: Auch ihre Großeltern hatten sich in den Wirren verloren, die Hoffnung schon fast aufgegeben – und  fanden erst nach Wochen doch noch zueinander.

Und da hat man dann doch zum zweiten Mal dieses Jahr feuchte Augen.

Kongens Nei (Norwegen/Schweden/Dänemark/Irland, Regie: Erik Poppe)

Haakon der Siebte war seit 1905 Norwegens erster und gewählter König. Das Land gab sich in einer demokratischen Entscheidung Anfang des letzten Jahrhunderts die heutige Staatsform der konstitutionellen Monarchie. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges hoffte man die längste Zeit, Norwegen in dem Konflikt wiederum neutral zu halten. Als 1940 die Expansionspläne Nazi-Deutschlands entweder einen Marionetten-Staat des Dritten Reichs oder aber eine Invasion vorsahen, kam es an Haakon, die rechtstaatlichen und demokratischen Werte aufrecht zu erhalten.

Der damals schon alternde Monarch lehnte den Rücktritt des Regierungskabinetts ab – man müsse seiner demokratischen Pflicht gegenüber dem norwegischen Volk nachkommen. Aufgrund der drohenden Invasion schien bald eine Flucht von Regierung und Königsfamilie in den Norden des Landes eine vorüber gehende Lösung. Auch die verzeifelten Vermittlungs-Versuche des deutschen Botschafters waren letztlich zum Scheitern verurteilt: Der Führer erwartete eine Unterwerfung, der norwegische König blieb seinen Prinzipien und dem erst vor kurzem errungenen Staatsideal treu.

Fast ohne Melodram geht es also auch. Gut, wir sehen die (auch familiäre) Zerrissenheit des Botschafters. Jesper Christensens eindrucksvolle Darstellung Haakons lässt uns die Sorgen des Monarchen und seine weitgehend unterdrückten Emotionen mehr als erahnen. Doch ‚Kongens Nei‘ fühlt sich in seiner gut realisierten Prägnanz beinahe wie ein Dokumentarfilm an. Und dass liegt nicht nur am weitgehenden Handkamera-Einsatz (in Cinemascope immer ein Wagnis, doch hier sehr gut gelöst). Wir scheinen unmittelbar dabei.

Haakon kann sich nur noch auf sein Gewissen verlassen

Wie ebenfalls in ‚Viceroy’s House‘ , dürfte auch hier vor allem in den (trefflichen) Dialogen einiges fiktionalisiert worden sein. Der Regisseur stellt im Abspann dazu das Statement: „Der Film beruht auf einer Wahrheit. Es mag andere geben.“

So einige Plots dieses Berlinale-Jahres scheinen wichtiger, treffender seit noch vor ein paar Wahlen in der sogenannten „freien Welt“. Auch wenn „Kongens Nei“ bereits Jahre vor dem Aufstieg eines Donald Trump konzipiert wurde: Hoffen wir, dass wichtige Geschichten wie diese der Nachwelt nur irgendwann nur wegen des Zeit-Kolorits als nostalgisch vorkommen.

Pokot (Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik, Regie: Agnieszka Holland)

Janina, die darauf besteht bei ihrem Nachnamen Duszejko genannt zu werden, ist eine naturliebende Lehrerin im reiferen Alter. Ihre Schüler lieben sie, sie liebt ihr kleine Welt in einem abgelegenen Waldhaus in der polnischen Provinz. Sie fühlt sich eins mit der Natur und solange man die in Ruhe lässt, ist sie eine liebenswerte Frau.

Nur zwei Nachbarn hat sie dort draußen: den pensionierten Staatsanwalt Matoga, mit dem sie eine platonische Freundschaft verbindet – und einen ortsbekannten Wilderer. Letzteres führt natürlich zu Konflikten. Auch der ansässige Besitzer einer Pelzfarm auf der Füchse unter grausamen Bedingungen gehalten werden ist auf der Liste ihrer Lieblingsfeinde. Dann wären da noch ein schäbiger Großunternehmer, ein korrupter Polizeichef, ein milchbubiger Nerd in der IT-Abteilung der Stadt, der sie in einige Geheimnisse einweiht.. vor klischeehafter Zeichnung hat auch dieses Drehbuch keine Angst.

Duszejkos kauzig-resolute Art, eine Mischung aus militanter Naturliebe mit Astologie gekreuzt, macht sie nicht gerade beliebt auf der Polizeiwache, wo sie regelmäßig -inklusive drastischem Beweismaterial- die konsequente Verfolgung der Wilderer fordert -aber nur Ausflüchte erntet.

Denn im ländlichen Polen gilt das eher als Kavaliersdelikt, selbst beim Priester erntet sie Ablehnung. Dass Duszejkos geliebte Hunde bald darauf vermisst werden, ist zunächt nur betrüblich. Als dann kurz darauf ihr Wilderer-Nachbar dann eines Nachts tot aufgefunden wird ist dies nur der Anfang einer Kette von aberwitzigen und drastischen Ereignissen.

Duszejko ganz in ihrem Element

„Anarchistisch-feministischer-Öko-Thriller im Gewand einer schwarzen Komödie“: So ähnlich beschrieb Regisseurin Agnieszka Holland den Film auf der Pressekonferenz. Ich würde es etwas anders gewichten, schließe mich ansonsten aber an – denn einfach zu beschreiben ist der Ton des Filmes wirklich nicht. Hier wird teilweise etwas viel und gewollt zusammen gemixt, doch über die meiste Zeit wird man andererseits prächtig unterhalten. Und die Drastik der Ereignisse erfährt durch eine späte Offenbarung sogar eine plausible Erklärung. Das Ende gelang etwas irreal bis sphärisch, doch nach all dem storymäßig noch die Kurve zu kriegen ist überhaupt schon eine Leistung.

Verständlich, dass Agnieszka Holland den Film angesichts der politischen Strömungen in ihrer Heimat Polen, aber auch Ungarn oder den USA als Mahnung auf demokratische, ethische und ökologische Ideale verstanden wissen will.

Veröffentlicht unter Berlinale

Berlinale 2017 – Tag 9: So kann es nicht weiter gehen

Kurz vor Ende dieses Marathons wird auch dem Festival Fan in mir klar, dass es bald gut gewesen ist. Und das ist auch ein passender Titel für diesen Tag: In allen drei Filmen geht es darum, die Verhältnisse zu ändern.

Política, manual de instrucciones (Spanien, Regie: Fernando León de Aranoa)

In Spanien hat sich aus der Unzufriedenheit über die „Sparpolitik“ und die immer prekärer werdenden Verhältnisse innerhalb von gut 3 Jahren eine dritte ernst zu nehmende politische Kraft gebündelt. Die Partei „Podemos“ (Wir können) sprach den Sozialdemokraten und den Konservativen Spaniens die Kompetenz ab – aus einem Gefühl heraus, dass es nur noch um Verwaltung des Status Quo ging statt um notwendigen Wandel.

Wir sind in dieser Doku über einen Zeitraum von gut einem Jahr bei Strategie-Meetings dabei, bei ersten Parteitagen, bei Treffen mit sympathisierenden Auslands-Politikern. Es wird diskutiert, wie man seine Position gegenüber dem Partei-Konkurrenten als auch gegenüber den Alt-Partein verkaufen kann, man muss sich erstmalig im TV präsentieren und Gegenparolen erwehren. Es gibt erstaunlichen Aufstieg und auch Rückschläge.

Dafür dass es auf, dazu auf spanisch (mit engl.Untertiteln), naturgemäß ungemein textlastig ist, bleibt man für die gut 2 Stunden trotzdem interessiert dran am Thema. Und wenn es auch vielleicht seltsam wirkt, dass die eigentliche Agenda, das Programm und die Positionen der Partei weitgehend ungenannt bleiben: Regisseur de Aranoa geht es eher darum, die aufregende Machbarkeit der Nutzung von demokratischen Mitteln zu zeigen.

Wohltuend zu sehen, dass es gelingen kann -selbst in einer festgefahrenen System- in relativ kurzer Zeit eine ernst zu nehmende neue Partei zu gründen und wachsen zu lassen – die wohlgemerkt an Solidarität appelliert statt nationalistische Parolen auszubeuten oder Fremdenhass zu schüren.

Strong Island (USA/Dänemark, Regie: Yance Ford)

Der Afro-Amerikaner William Ford, Bruder des Regisseurs, wurde 1992 wegen eines nichtigen Streites in einer Autowerkstatt erschossen. Der weiße Täter kam nicht einmal vor Gericht: die Ermittler hatten offenbar eine vorgefasste Meinung, die -ausnahmslos weiße- Geschworenen-Jury lehnte eine Anklage Erhebung schlichtweg ab. Rückblick: Fords Vater brachte die Familie von Brooklyn in den 60ern ins prosperierende Long Island, gerade um ihnen ein sichereres Zuhause zu geben. Doch selbst dort fand aufgrund von abgezirkelten Wohnvierteln eine quasi-Segregation statt. Über durch Off-Kommentare begleitete Familien-Fotos lernen wir die Geschichte der Familie kennen.

Langsam, sorgfältig und -wie er betont- ohne Zorn geht Ford in diesem Film den Quellen nach, führt dazu in den meisten Fällen Interviews mit Familienmitgliedern sowie Freunden des Opfers – aus weiter bestehender Abwehrhaltung kaum mit offiziell damit befasst Gewesenen. Sehr intensiv die Nahaufnahmen, wenn er -den Stand der Recherche beurteilend- direkt zu uns in die Kamera spricht. Und können mehr als erahnen, dass die Tat und ihr Ignorieren Fords Familienbande, wie er sagt, ebenfalls umgebracht hat.

Hostages (Russ.Föderation/Georgien/Polen, Regie: Rezo Gigineishvili)

Im damals noch zur UdSSR gehörenden Georgien beschließen 1983 ein knappes Dutzend Studenten, die Flucht in den Westen zu wagen. Zu eng und mit unerträglichen Einschränkungen scheint das Leben im Sowietreich. Der Zufall will es, dass sie die dafür geplante Charter-Maschine nicht für sich haben. Von der Verzweiflung getrieben, entscheiden sie sich die Entführung trotzdem durchzuziehen.

Das ganze nimmt ein blutiges Ende, die Überlebenden werden fast ausnehmlich zum Tode verurteilt. Soweit zu Ende erzählt, da der Film auf Tatsachen beruht. Trocken konstatiert eine Einblendung am Ende, dass ganze 8 Jahre später Reisefreiheit gegeben wurde – und die Eltern bis heute nicht wissen, wo ihre exekutierten Söhne liegen.

Dankenswerter Weise werden die Entführer nicht zu Helden stilisiert. Wir erfahren etwas wenig über ihren Antrieb, ihre Träume – dafür  wird in den Dialogen aber auch keine Rechtfertigung für ihre Bluttat gesucht. Als wir ihnen im Film begegnen, haben sie ihren Entschluss schon gefasst und sind dabei, ihn verschwörerisch konsequent und -immer mit Schulterblick nach dem Geheimdienst- umzusetzen.

Vielleicht ist es eine Stärke, dass es nicht ganz klar ist, welche Position der Regisseur vertritt. Trotzdem, durch die eindringliche Kameraführung und die darstellerischen Leistungen können wir wenigstens erahnen, was -so schändlich die Tat auch gewesen sein mag- in ihnen vorgegangen sein muss. Ein -wenn auch fiktives- Zeitdokument ist er allemal.

Erst beim Nachlesen entdecktes Fakt am Rande: Georgischer Präsident war dort damals Eduard Schewardnaze. Der Mann, der als Außenminister Russlands maßgeblich die deutsche Wiedervereinigung voran brachte…war Anno 1983 noch ein echter Scharfmacher. 

Veröffentlicht unter Allgemein

Berlinale 2017 – Tag 8: Tränen, Kacke und Kunst

Króleiwich Olch [Der Erlprinz] (Polen, Regie: Kuba Czekaj)

Ein fast 15jahriger lebt im Schlepptau seiner allein erziehenden Mutter. Vordergründig will sie, dass er sein geniales Talent für theoretische Physik umsetzt. Er jedoch ahnt: Es geht ihr auch um das Preisgeld von wissenschaftlichen Wettbewerben um Mutters erdrückende Schulden zu begleichen. Wo andere seines Alters ganz andere aufregende Erfahrungen machen, hat er alle Hände voll zu tun, Professoren zu überzeugen und die Beziehung zu seinen disfunktionalen Eltern zu händeln. Denn sein mysteriöser Vater taucht auch noch auf; er lebt und arbeitet mit wilden Wölfen zusammen und bringt noch mehr Unruhe in die Familie – aber auch ganz neue notwendige Impulse.

Emotional steht er im Wald

Es bleibt einiges im Ungefähren, der Film ist eher interessiert, die emotionale Zerrissenheit seiner Protagonisten auszuleuchten – und das gelingt ihm prächtig. Nicht zuletzt durch immer wieder eingeschobene Tagtraum-Sequenzen des Jungen, die mit Goethes Gedicht vom Erlkönig zu tun haben. Und nach dramatischem Schluss-akt ein ausbalanciertes  Ende zu finden, ist Regisseur Czekaj auch noch gelungen.

Alle Hauptdarsteller stimmten im Q&A überein, dass (wieder) mit Regisseur Czekaj zusammen zu arbeiten der Hauptgrund für ihre Teilnahme am Projekt war.

Karera ga Honki de Amu toki wa [Close-Knit] (Japan, Regie:Naoko Ogigami)

Die 8jährige Tomo wird von ihrer allein erziehenden Mutter, die teils nächte-, teils wochenlang um die Häuser zieht, komplett vernachlässigt. Als es scheint, als käme sie gar nicht wieder, nimmt sich ihr Onkel Makio ihrer an. In seinem Haushalt bekommt sie zum ersten Mal wieder ein Zuhause, das den Namen verdient und eine weitere ungewohnte Erfahrung: Dessen Lebenspartnerin ist die Trans-Frau Rinko.

So befremdet-vorsichtig Tomo anfangs auch ist: Es sind nicht nur Rinkos Kochkünste, sondern ihr gesamtes liebevoll-gütiges Wesen, dass das Mädchen aufblühen lässt. Zwar sind da alsbald Lästereien in der Grundschule ob dieser „freak“-artigen Zustände, doch Tomo hat von Rinko Geduld gelernt. Sie steht sogar einem Schulkameraden bei, als der für einen anderen Jungen Gefühle entwickelt.

Makio und Rinko erwägen sogar, den Sonnenschein in ihrem Leben zu adoptieren. Da taucht überraschend die Mutter wieder auf und meldet ihre vermeintlichen Rechte an. Das Kind ist hin und her gerissen.

Wie wir im Q&A erfahren, fand sich erwartungsgemäß in Japan kein transsexueller Schauspieler für die Rolle. Das Thema ist in Japan gerade erst dem Tabu-Status entwachsen. Tôma Ikutas Performance in der Rolle der Rinko ist jedoch würdevoll überzeugend. Dass ich in den letzten Minuten bis zum Ende des Abspanns feuchte Augen habe, kommt wirklich nicht oft vor.

Auch in Japan leider noch keine wirklich anerkannte Familie

Adiós enthusiasmo (Argentinien/Kolumbien, Regie: Vladimir Durán)

Ganz ehrlich: Bei dem Titel hätte ich gewarnt sein müssen. Irgendwann sollte ich mal eine Flop Ten meiner Berlinale Jahre zusammen stellen. Zugegeben, auch hier ereilte mich der Sekundenschlaf. Doch die mäandernde „Handlung“ des Filmes, sein zäher Fluss überfordern (oder unterfordern?) den Vielseher.

Ein ausgedehntes Altbau-Appartment, eine Großfamilie und deren Freunde. Ein Samstag-Abend. Familienmitglieder trudeln ein, Freunde kommen zu Besuch, man tauscht sich aus, plaudert. Soweit so normal wie belanglos. In zwei verriegelten Zimmern, nur duch ein Oberlicht mit dem Rest der Wohnung verbunden, „wohnt“ die Mutter und wird durch die Luke mit Nahrung, Tabletten (?) und allem sonst notwendigen versorgt. Abwechselnd ist jeder dran, sich mit ihr durch die Tür unterhaltend, sie bei Laune zu halten.

Warum die Bilder des Films 3,55:1 Format  eingefangen werden mussten -also noch schmaler als Cinemascope 2,35:1, (in Bildschirm Maßen ausgedrückt 31:9) – ist ein Rätsel. Angeblich besorgte der Regisseur die Spezial-Linsen aus Japan, damit im weitgehend in der Wohnung spielenden Film sich in den langen Einstellungen am Rande des Bildes weitere Personen ins Bild bringen konnten ohne Schneiden zu müssen. Dafür darf man dann als Zuschauer bei Schwenks am Bildrand mit fast lächerlicher Verzerrung leben.

Wer die Charaktere sind, ergibt sich nur nach und nach. Warum die Mutter abgeschottet hinter der Wand ist, bis zum Ende nicht. Laut Regisseur war es die Grundprämisse des Filmes, wurde dann aber beim Schreiben nicht weiter vertieft. Ach so. Warum soll ich mir das nun anschauen? Auf jeden Fall kam ich nach circa der Mitte des Filmes noch zu einigen Minuten Berlinale-Schlummer. Ich bestehe darauf, dass dies nicht der Grund für meine Ablehnung ist.

Dies einer von bisher nur zwei Filmen meinerseits, die mir überhaupt keinen Applaus Wert waren. Das Publikum adelte das Ganze im Q&A dann noch mit vergeistigten Fragen zur technischen Konzeption und Realisierung. Bezeichnenender Weise kaum zur Story an sich. Die Antworten des Regisseurs sind dann auch ebenso verstiegen wie sein Film.

Während beim ähnlich verkopften „Discreet“ vor einer Woche beim Q&A noch vereinzelt Buh-Rufe aufkamen, fügt sich der Festival Zuschauer hier und gibt eine Menge Credit. „Naja, so’n typischer Berlinale Film“, sagte eine Frau zu ihrer Freundin seufzend beim Aufstehen. Da möchte ich widersprechen – mein Berlinale Jahrgang ist bisher ziemlich gut !

Pendular (Brasilien/Argentinien/Frankreich, Regie: Julia Murat)

Eine Künstlerkommune in einem ehemaligen, herunter gekommenen Fabrikhaus. Ein gutes Dutzend Künstler arbeitet dort nicht nur, man spielt, lacht, feiert, tauscht sich aus und unterstützt sich. Eine Tänzerin und ein bildender Künstler, seit Jahren ein Paar, sind die einzigen, die den einzigartigen Ort als Wohnraum schätzen. Ein auf den Boden geklebtes Band soll die Nutzung ihrer Etage reglementieren.

Später wird „sie“ (Namen werden uns nicht gegeben) zustimmen, ihm mehr Raum einzuräumen – er steckt in einer Schaffenskrise. Er möchte ein Kind, ihr scheint ihre (vermeintliche?) Freiheit wichtiger zu sein. Beide haben emotionale Lasten. Sie hat einen geliebten Menschen verloren. Er will nicht offenbaren, wo ein Stahlseil hinführt, das als eins seiner früheren Installationen im Loft beginnt und quer durch die Stadt irgendwo hinführt. Soll sie dem nachgehen?

Noch hat sie jede Menge Raum

Wenn es in Film-Infos heißt „weitgehend ohne Dialoge“, „die Kraft der Bilder“…ist meist Vorsicht geboten. Doch hier ist es genau die richtige Menge an Gesagtem und Ungesagtem, um uns teilhaben zu lassen, wie zwei reife Erwachsene ihre Beziehung, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft neu bewerten. Und entscheiden, ob die Partnerschaft oder die Freiheit wichtiger ist.

Vielleicht die späte Stunde, vielleicht zu spät im Festival: Das Kino (simultan in Cubix 7 UND 8) war nicht einmal viertel voll. Der Film lief allerdings fünf mal in den letzten 8 Tagen. Ich war trotzdem froh, dies Ticket relativ spät ausgewählt zu haben.

Veröffentlicht unter Allgemein

Berlinale 2017 – Tag 7: Abgründe

El Bar (Spanien, Regie: Álex de la Iglesia)

Eine kleine Bar in der Stadtmitte von Madrid. 8 Menschen begegnen sich, für einen Snack da, für ein Getränk, eine Verschnaufpause. Kurz darauf ein Schuss, der zuletzt gegangene Gast liegt draußen leblos auf dem Pflaster. Der belebte Platz ist sofort wie leergefegt. Ein zu Hilfe kommender wird ebenfalls erschossen. Aus der anfänglichen Panik (Ein Terrorakt?) der nun in der Bar Gefangenen erwächst alsbald Misstrauen und später Paranoia.

Rettungskräfte: Fehlanzeige. Handy-Empfang ebenso. In den Nachrichten: Nichts. Als kurz darauf ein furchterregend entstellter, offenbar einer Infektionskrankheit erlegener Mann auf dem Klo entdeckt wird, scheint man noch mehr in der Falle. Ist man schon infiziert? Hat einer der anderen etwas damit zu tun? Werden wir aus Staatsräson eliminiert?

Tobt dort draußen die Hölle – oder hier drinnen ?

Wer jetzt glaubt, ich hätte bereits zuviel verraten, irrt. Denn „El Bar“ funktioniert nur an der Oberfläche als Genre-Thriller. Hier geht es in erster Linie um die Innendynamik dieser kleinen sich zerfleischenden Zufallsgesellschaft. Es geht um den Wahnsinn, der sich in kürzester Zeit aufschaukelt und Schritt für Schritt alle zivilisierten Konventionen erwürgt. Werden zuerst moralische Grenzen a la ‚Herr der Fliegen‘ nur verwischt, stiften Egoismus und Misstrauen bald zu abscheulicher Gewalt anstiftet. Getreu dem Sartre-Zitat: „Die Hölle sind die anderen“ ist hier alsbald jeder misstrausich. Selbst Menschen, die sich seit Jahren kennen, bekämpfen sich bis aufs Blut. (Jetzt ist es aber gut mit den Spoilern)

Wer mag, darf sich hier natürlich auch einfach durch Drastik, Spannung und Horror einfach gut unterhalten fühlen. Wer nur ein wenig genauer hinschaut, erkennt in den Handlungen der Figuren eine Allegorie auf nicht nur europäische gesellschaftliche Entwicklungen dieser Zeit sehen.

Die kirmeshaftige Drastik, die „El Bar“ über weiter Teile an den Tag legt, soll uns womöglich die Chance geben, uns von dieser Dystopie zu distanzieren. Denn: das können doch unmöglich wir sein ? Oder ?

Schwarzer Kies (BR Deutschland 1961, Regie: Helmut Käutner)

Bei seiner ersten Veröffentlichung erfuhr aufgrund einer im Grunde lächerlichen Beschwerde wegen vermeintlicher Verunglimpfung von Juden dieser fast vergessene Film des deutschen Routiniers Helmut Käutner nicht nur eine Kürzung, sondern wurde auch mit einem unschlüssigen, vermeintlich kommerziellerem Ende ausgestattet. Dankenswerter weise wiederum hier und heute eine restaurierte Fassung. Das ist dieses Jahr nun schon meine fünfte(?)

Ein kleines Hunsrück-Dorf in der erst 15 Jahre alten Bundesrepublik. Die amerikanischen Truppen der dortigen Air Force Basis mag man nicht wirklich, doch man arrangiert sich anhand der Wirtschaftskraft, die sie für die ärmliche Gegend bringen. Nicht nur im Nachtleben in schmuddeligen Großkneipen sorgen sie für Umsatz. Der expandierende Flug-Basis ernährt Bau-und Fuhrunternehmer. Der Kleinselbständige Robert Neidhardt nimmt auch krumme Geschäfte an, um über die Runden zu kommen. Bei einer nächtlichen Tour verursacht er teilschuldig einen Unfall mit Todesfolge. Die überfahrenen (ein US-Soldat und seine deutsche Geliebte) werden unter einer Kiesaufschüttung in der US Basis entledigt.

Denn seine Ex-Flamme Inge (die jetzt mit einem US-Major verheiratet ist) war in der Fahrerkabine – und trotz Haderns über ihre gemeinsame Vergangenheit will er ihrer Zukunft nicht im Wege stehen. Doch langsam kommt nicht nur der Militär-Geheimdienst sondern auch ein neidischer Mit-Unternehmer auf die Spur, dass am Verschwinden der Vermissten irgendwas faul ist.

Verschüttet sind nicht nur die einstmaligen Träume

Späte Eifersucht, Missgunst gegenüber den „Amis“, Kampf ums soziale Überleben, immer noch vorhandener Antisemitismus – es ist etwas viel, was hier storymäßig angerührt wurde. Und letztenendes doch fast wie ein besserer Krimi rüberkommt. Dafür gewährt uns Regie-Profi Käutner einen Einblick in diese langsam verbleichende Phase bundesdeutscher Findung: Dem Status eines besetzten Landes gefühlt noch nicht entwachsen, sich aber eifrig mit den Verhältnissen arrangierend.

Vielleicht ist die Story um die quasi-Zensur des Filmes doch bemerkenswerter als der Film an sich. Ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte ist er dennoch.

Übrigens: Der Schnitt betraf eine Szene, in der ein Greis einen Barbesitzer als „Saujud“ beschimpft – nachdem der ihm  die Marschmusik in der Jukebox abgedreht hat. Die anwesenden amerikanischen Soldaten sind konsterniert, der Barbesitzer zeigt dem Alten seine KZ-Tätowierung. Für jeden denkenden Menschen ist dies ein … doch knapp eineinhalb Jahrzehnte nach der Nazizeit knickte der Verleih ein und kürzte gegen den Willen des Regisseurs – und kastrierte auch noch das geplant düstere Ende.

Berlin Syndrome (Australien, Regie: Cate Shortland)

Ich gestehe, vor ein paar Jahren durch einen vermeintlich ähnlichen Film („Lose your head“) prächtig unterhalten, hoffte ich hier einfach mal auf gutes Genre-Kino. Nicht mehr und nicht weniger war der Fall. Wie auch in damaligem Film, kommt ein nichts ahnender junger Berlin-Tourist unter die Räder. Der Tourismus-Verein darf hoffen, dass beide Filme nicht zuviel Beachtung finden werden.

Die allein (oh, oh) reisende Clare lernt scheinbar zufällig Andi kennen und verbringt einen Abend mit ihm. Entgegen der Entscheidung weiter zu reisen, besucht sie Andi tags darauf noch einmal und folgt ihm sogar in seine Wohnung. Am nächsten Morgen ist die Tür verriegelt, die Fenster -so erkennt sie jetzt- sind mehrfach verstärkt, die alte Mietskaserne ansonsten menschenleer. Andi hält Clare wie ein besseres Haustier und geht draußen gesittet seinem Job als Lehrer nach. Ausbruchsversuche Clares werden mit weiteren Restriktionen geahndet. Clare scheint sich zu fügen…bis sie heraus findet, dass sie wohl nicht das erste Opfer Andis ist.

Noch scheint er ganz charmant

Weitere Schlussfolgerungen für den Verlauf der Menschheit sollten wir nicht suchen. Doch wie eingangs erwähnt, manchmal möchte man einfach nur spannungsmäßig an die Extreme geführt werden. Das tut der Film nämlich prächtig.

God’s own country (Großbritannien, Regie: Francis Lee)

Der gerade Erwachsene Johnny lebt mit seinen Eltern in einer Farm in Yorkshire. Die Kommunikation in der Familie ist genause herzlich schroff wie ihr eigenwilliger Dialekt und Tonfall. Die Last der Arbeit liegt hauptsächlich auf seinen Schultern, seine Eltern nicht mehr die Jüngsten, sein Vater kämpft sich nach einem leichten Schlaganfall mehr durch den Alltag, als dass er seinen Hof mitbestellen kann.

Einzige Abwechslung scheinen für Johnny gelegentliche Quickies mit anonymen Männern zu sein. Im Pub, zur Not auch im Viehtransporter. Doch wohl nicht nur aus Rücksicht auf seine nichts ahnenden Eltern kanzelt er weiter gehende Avancen seiner Sexpartner ab. Nachdem der junge Rumäne Georghe als Saison-Aushilfe auf die Farm kommt, ist nichts mehr so wie es war. Zunächst vom stets bemühten, aber überarbeiteten Johnny als Konkurrenz gesehen, entwickeln sich zwischen den beiden langsam Gefühle. Johnny lebt zum ersten Mal Sinnlichkeit aus, im Geheimen werden die Beiden ein Paar. Wie werden seine Eltern das aufnehmen?

Der Regisseur Francis Lee hat mit seinem Langfilm-Erstling nicht nur der Gegend (aus der er übrigens selbst stammt), sondern auch ihren eigenwilligen Charakteren ein beeindruckendes Abbild geschaffen. Ohne jeden Kitsch oder Klischee haben wir Teil an der emotionalen Entwicklung aller Charaktere.

Zwar habe ich Verwandte in Nordengland, wo ein ähnlich starker Dialekt gesprochen wird. Doch für die englischen Untertitel bei einem englischen Film war ich trotzdem dankbar.

Nicht nur die Schulter ist kalt

Veröffentlicht unter Berlinale

Berlinale 2017 – Tag 6: Die Sättigungsphase beginnt

Die Maschine läuft auf Hochtouren, die Wege und Umsteigezeiten zwischen den Kinos optimiert. Der Sehnerv ist noch nicht übersättigt, doch lang kann es nicht mehr dauern. („In welchem Film hab ich die Szene nochmal gesehen?“). Und im Laufe des Tages wiederum zwei Highlights, die den ganzen Aufwand rechtfertigen.

Kurzfilme Programm 1 (Sektion Generation 14plus)

Aufgrund von sieben Filmen hier dann doch etwas gekürzte Zusammenfassungen:

Sheva dakot (Israel)  Zwei israelische Jungsoldaten bei einem Wettlauf gegen die Zeit: bekommen sie doch noch Wochenend-Ausgang? | SNIP (Kanada) Eine in Stop-Motion teils alptraumhaft-intensiv animierte Geschichte über den Kulturkampf zur Unterdrückung der kanadisch-indigenen Bevölkerung.

aus: SNIP, eine junge Frau geht auf eine alptraumhafte Entdeckungsreise

Libélula (Mexiko) Der jüngste von drei Brüdern im Teenager-Alter wird in der Familie ständig untergebuttert und schlägt als Frustreaktion beim Besuch einer befreundeten Familie stark über die Stränge. | Moloko (Russ.Föderation/Litauen) Eines Morgens steht bei einer Familie im 14. Stock plötzlich eine Kuh in der Küche. Allmählich arrangieren sich Vater,Mutter und Kinder mit der bizarren Situation…bis der Opa durchgreift. | Wolfe (Australien) Ein freimütiger junger Mann erzählt uns mit Animations-Szenen karikiert, wie ein imaginärer (Mr.)Wolfe ihn jahrelang beeinflusst und fast in den Suizid getrieben hat – und wie er seine psychische Außeneseiterrolle überwand. | After the smoke (Australien) Eine Elegie auf einem Rodeoplatz, Off-Erzähler über Zeitlupen-Aufnahmen. |  Morning Cowboy (Spanien) Ein alternder Büro-Angestellter entflieht Walter-Mitty-artig seinem langweiligen Dasein und wird in seiner Phantasie zum waschechten Cowboy.

Alle Achtung, fast allesamt sehr sehenswert. Allerdings fragte ich mich hier und da, warum der eine oder andere Film im Generation (=Jugend-)Programm lief. Vielleicht war ausschlag gebend, dass die Filmemacher fast durch die Bank sehr jung waren.

Tiere (Schweiz/Österreich/Polen, Regie: Greg Zglinski)

Der erfolgreiche Koch Nick und seine Frau, die Buchautorin Anna, machen sich mit dem Auto auf den Weg in einen ausgedehnten Urlaub in den Schweizer Alpen. Anna verdächtigt den leutseligen Nick seit einiger Zeit der Untreue. Zu Recht, wie wir schon früh erkennen. Der Urlaub könnte eine Chance sein, ihre Beziehung wieder aufs richtige Gleis zu bringen. Ein Auto-Unfall kurz vor der Ankunft ist dann der Drehpunkt der Geschichte: Aus der Ambulanz entlassen, kommt es allmählich zu allerhand rätselhaften Erlebnissen. Zunächst nur für Anna und zunächst nur vermeintliche Kleinigkeiten. Ein Vogel durchbricht beispielsweise nachts die Fensterscheibe und stirbt in der Küche: am nächsten Morgen tut Nick Annas Schilderung ab -und Blutspuren gibt es auch keine mehr.

Die Surrealität schleicht sich bald immer mehr ein, zieht immer weitere Kreise. Nick, Freundin Mischa (welche die Wohnung der Urlauber hütet) Nicks Geliebte Andrea sowie deren labiler Ex-Mann… alle zweifeln langsam an ihrer Realität.

Immer wieder zieht uns in diesem Film das gerade Gesehene den Teppich unter den Füßen weg. Stellt gerade erlebtes in Frage. Wer erlebt hier eigentlich was. Was bzw. wer ist real – und was bloß Ausgeburt der Fantasie ? Fast atemberaubend, dieses faszinierende Vexierspiel, und man muss lange zurück denken, wann es so anregend war, konstant die Bodenhaftung zu verlieren. (Bestenfalls „Remainder“ vom letzten Jahr war visuell als auch storymäßig durchaus auf Augenhöhe)

Eine Studie der Tiefe menschlicher Psyche und der Grenzen der Wahrnehmung. Lynch, Kronenberg und Bergman lassen grüßen.

Nick und Annas Flurschaden ist noch ihr kleinstes Problem

Das Drehbuch fand Regisseur Zglinski schon vor knapp zehn Jahren, und es elektrisierte ihn von Anfang an. Wie er es im Q&A ausdrückte: er verstand es zunächst nicht, doch er fühlte das es stimmte. Der Autor Jörg Kalt, ebenfalls Regisseur, kam nicht mehr dazu den Stoff umzusetzen: Er schied freiwillig aus dem Leben. Einige Jahre später hatte Zglinski das Glück, das Buch doch noch ergattern zu können und machte sich an eine sachte Adaption.

Zum einen straffte er nach eigenen Angaben die  im Original noch komplexere Story, zum anderen gab er einigen Charakteren etwas mehr sympathische Tiefe. Nicht zuletzt, damit wir uns -von der komplexen Story voll gefordert- notwendigerweise mit den Protagonisten besser identifizieren können.

Ich bin gespannt, aber nicht sicher, ob ich dieses Jahr noch einen besseren Film als diesen finden werde.

Menashe (USA/Israel, Regie: Joshua Z Weinstein)

Der Titel-„Held“ ist ein bemühter, verwitweter Vater in der fast hermetisch abgeschlossenen jüdischen Gemeinde Brooklyns. Sein Job als Aushilfskraft in einem Supermarkt eine Sackgsse, ist er nicht nur konstant in Geldnöten. Zudem drängen ihn auch noch Rabbi sowie Freunde, endlich eine neue Frau zu suchen. Was in dieser Kultur durch traditionelle Heiratsvermittlung laufen soll. Menashe zeigt sich von seinen Dates wenig beeindruckt. Doch ohne traditionellen Haushalt droht die Familie seiner verstorbenen Frau, ihm mit dem Segen des Rabbi den geliebten Sohn

Kann dieser Papa mir wirklich die Welt erklären?

Die anstehende Trauerfeier zum Todestag seiner Frau will Menashe nutzen, sich bei Familie und Rabbi als verlässliches Mitglied der Gemeinde zu beweisen. Doch eine kleine Katastrophe jagt bei diesem Helden der stoisch-traurigen Gestalt die nächste.

Dramaturgisch vielleicht noch ausbaufähig, ist der Film doch ein im Kino seltener und liebevoll-kritischer Blick in die zeitgenössische jüdische Kulur der USA. Wobei die Regie nicht verleugnet, dass es auch dort Kleingeister und Nervensägen gibt – doch auch zeigt, dass dem Ganzen nicht nur Religion, sondern auch ein ganz eigener Gemeinschaftssinn zugrunde liegt.

Im Originalton übrigens auf jiddisch, offenbar der erste Film in dieser Sprache auf der Berlinale überhaupt.

Casting JonBenet (USA/Australien, Regie: Kitty Green)

Und wieder, wie schon gestern bei „Tamaroz“, eine Studie über Wahrnehmung und Wahrheit:

Ein bis heute nicht schlüssig aufgeklärter Mordfall in Boulder, Colorado bewegte im Jahr 1996 die Welt weit über die Grenzen der USA. Die 6jährige JonBenet Ramsay wird nach vermeintlicher Entführung wenige Stunden später im Elternhaus ermordet aufgefunden. Die Spurensicherung schlampig, die wenigen Indizien sehr suspekt -und so gut wie keine Hinweise auf einen Täter außerhalb der Familie. Die Presse schießt sich auf die Familie ein, die wiederum gibt bizarre Interviews und Statements. Ein Medienzirkus und langwierige Ermitlungen beginnen.

Statt konventionell Interviews zu führen und originales Archivmaterial zu montieren, benutzt Regisseurin Kitty Green einen gewitzten Kniff: Mehr oder weniger geeignete Laien-Darsteller und Amateure wurden aufgerufen (der Anlass: ein Casting für einen angeblichen Spielfilm),  beispielhafte Szenen der Vorfälle nach Skript wieder zu geben. Dass die Darsteller nebenbei als Mitbürger und teils Nachbarn der Ramsays persönliche Meinungen zum Fall bis hin zu ausführlichen Kommentare zum Besten geben, war offensichtlich erwünschter Nebeneffekt. Sneaky.

Abermals wiederholltes Re-Enactment als Annäherung an unbegreifliche Ereignisse

Was zu Beginn noch für Lacher sorgt (einige der Mimen sind überambitioniert, andere erscheinen -nur zunächst- absurd), kristallisiert sich nach und nach zum Geniestreich: Gerade weil wir hier eine Vielzahl von Laiendarstellern (teilweise chargieren) sehen, ist es die Überlappung in den Performances, und übereinander geschnittenen Szenen und die Schnittmenge des Gesehenen, welche eine größtmögliche Annäherung an das Innenleben dieser tragisch-mysteriösen Geschichte ermöglichen.

So wenig wie dies Verbrechen wohl auch aufgeklärt werden wird, so bringt doch ‚Casting JonBenet‘ auch zwanzig Jahre nach der Tat und nach einer Unzahl von Filmen zum Thema interessante, andersartige Perspektiven.

Veröffentlicht unter Berlinale