‚This film should be played loud.‘

…lautet die Einblendung vor einem der beeindruckendsten Musikfilme aller Zeiten

[Fortsetzung von Levon Helms Kurzbio]

Konzerte unter eigenen Namen und viel beachtete Alben, beginnend mit dem Meilenstein „Music from Big Pink“ (so nannten alle Eingeweihten das rosa verkleidete Haus in dessen Keller die Aufnahmen stattfaden), brachten The Band Kritiker-Hymnen, loyale Anhänger und beeinflussten weit über ihre Auflösung hinaus Generationen von Musikern und Musikbegeisterten stilistisch oder aber mit Musik überhaupt anzufangen. Ein noch am Anfang stehender aber schon damals legendärer britischer Gitarrist löste wegen des Albums „Music from Big Pink“ nach seinem Bekunden seine damalige Formation auf und pilgerte zur Kommune von The Band nach Woodstock – um sie zu bitten, beitreten zu dürfen. Sein Name: Eric Clapton, dem The Cream 1969 nicht mehr gut genug waren.

Mit das faszinierendste an der Musik von The Band war, dass hier Genre-Kategorien praktisch hinfällig wurden. Fast unmöglich ihren Stil zu beschreiben. Er vereinte die meisten bis dahin in den USA ge- und erfundenen Stile zu etwas wirklich einzigartigem, wahrhaftigen.

Levon Helm war versiert auf verschiedensten Saiten-Instrumenten und der Harmonika. Genauso bemerkenswert wie sein Gesang war jedoch sein immer songdienliches, organisches Schlagzeugspiel. Im Rock’n’Roll schon damals unüblich benutzte er dabei den „Traditional grip“ statt dem „Matched grip“. Sein behender, ökonomischer Stil ist einzigartig, während seine eindringlichen Vocals den Zuhörer in längst vergessene Zeiten zurück zu katapultierten, so als hätte es in den Geburtsstunden der Old-Time-Music schon Aufnahmegeräte gegeben. Urwuchs.

The night they drove old Dixie down“ zum Beispiel wurde zu einem Song, der oft gecovert wurde, aber untrennbar mit Levon Helms Performance verbunden ist. Zwischen Verzweiflung und Unbeirrbarkeit pendelnder Gesang.  Das Schlagzeug in der Strophe die Niedergeschlagenheit wiederspiegelnd leicht verschleppt, im Refrain sich zu einem kraftvollen Marsch aufbäumend. Die Hymne auf Schmach und Stolz der Südstaaten nach dem verlorenen Sezessionskrieg lässt auch heute noch beim Hören Gespräche verstummen und Gänsehaut aufkommen. Levon Helm allerdings soll sich nach dem Abschiedskonzert von The Band 1976 geweigert haben, den Song je wieder live zu spielen.  Doch dazu weiter unten.

In HD hier oder gleich hier in SD

Eine der besten Wege, The Band kennen zu lernen ist in der Tat ihr Abschlusskonzert in der Ur-Besetzung am 25.11.1976. „The Last Waltz“ wurde am Thanksgiving-Tag im Winterland, San Francisco zelebriert. Verstärkt durch eine komplette Bläser-Sektion, wurden zu dem Konzert unter anderen Neil Young, Joni Mitchell, Eric Clapton, Dr. John, Muddy Waters, Paul Butterfield, Van Morrison und eben auch Bob Dylan als Gastmusiker eingeladen.

Allerdings missfiel Levon Helm offenkundig der Anlass des Konzerts „The Last Waltz“: Ihm war nicht klar, warum Robbie Robbertson The Band zu Grabe tragen wollte. Auch soll es wie schon zuvor zu Reibereien gekommen sein wegen Robbertsons Position bzw. Anspruch als Bandleader. Doch Robbertson hatte nach Vorarbeiten für eine Solo Karriere vermutlich am meisten zu gewinnen und hatte für die Anderen genau genommen ohne ihr Wissen entschieden. Levon Helm, wie sein weiteres Leben zeigen sollte, war und ist jemand, der bei seinen Leisten blieb und den man quasi von der Bühne tragen musste.

In seiner Autobiographie „This Wheel is on fire“ lässt  Helm wissen, dass -als er erfuhr, dass Neil Diamond einen Song singen würde- er sich fast vergaß („Neil Diamond? Was hat der mit uns zu tun?“). Dessen Anwesenheit kulminierte während des Konzerts in folgender kolportierter Anekdote: Neil Diamond hatte gerade seinen Song „Dry your eyes“ beendet, wacker, doch in der Tat in der Show wie ein Fremdkörper. Stolzgeschwollen spazierte Diamond in den Backstage Bereich und sagte zu Bob Dylan „Follow that !“. Worauf Bob Dylan geantwortet haben soll: „What do I have to do? Get on stage and fall asleep?“

Ungeachtet der Tatsache, dass Levon Helm Konzert und später auch den Film  „The Last Waltz“ aus all diesen Gründen für kaum erträglich hielt, ist er -ganz alte Schule- musikalisch mit Herz und Seele dabei. Gesang und Drumming inspiriert wie eh und je.

Ein Streitpunkt für Levon Helm war auch die ShowBiz-mäßige Durchorganisierung des Events. Der sowieso notorische Schnellsprecher Martin Scorsese soll unter -später zugegebenen intensivem- Kokain-Konsum völlig aufgedreht Stage-Crew, Film-Crew und Musiker mit ständig neuen Ideen und Anweisungen völlig wuschig gemacht haben. Das Ergebnis war jedoch, dass die aufwändigen Dreharbeiten mit 5 Hauptkameras während des Konzerts zu dem Erlebnis führten, als das „The Last Waltz“ für die Nachwelt erhalten ist. Und soviel ist klar: Kaum ein Konzertfilm ist bildgestalterisch so auf die Songs abgestimmt wie „The Last Waltz“. Schwenks, Großaufnahmen, Bildwinkel sind auf  jedes Solo, jeden Gesangspart (bei The Band gab es drei Lead Vocalisten) komponiert. Abgesehen davon ist der Film montiert mit unaufgesetzt wirkenden Interviewpassagen in denen Danko, Helm, Hudson, Manuel und Robbertson mit Anekdoten um sich warfen, welche die Frühzeit des Rock’n’Roll vor Augen brachten.

Später wurde von der Kritik bemäkelt, dass dies alles solide Live-Perfances waren, doch keiner der Künstler etwas neues oder neuartiges brachte oder sich gar selbst übertroffen hätte. Bei allem Verständnis: Der Level an Musikalität, der in den rund 3 Stunden Performance erreicht wurde, ist ziemlich einzigartig.

Neues ? Hier ging es um die Abschlussfeier einer Ära. Scorsese im Interview: „Is it a Beginning or an End?“ Robbie Robbertson: „It’s the Beginning of the End of the Beginning..“

Im Fernsehen wurde „The Last Waltz“ bemerkenswerterweise in den 80ern in den dritten Programmen der ARD (ein Hoch auf sie!) ausgiebig und hoch und runter gezeigt. Ich erinnere, dass ich selbst auf dem winzigen Zweit-Schwarzweiß-Fernseher meiner Eltern schwer beeindruckt war. Es wäre interessant, wie Musik und Film im Umfeld des heutigen Programms wirken würden …vielleicht ganz gut, dass man selbst danach suchen muss.

Die gut sortierte Videothek wird „The Last Waltz“ mit Sicherheit haben. Übrigens: Die Einblendung „This film should be played loud“ ist durchaus angebracht.

Zum Ausprobieren gibt es ja Youtube.

Auf den auch hier aufgeführten Videos kann man die traumwandlerische Beherrschung der Instrumente bewundern, speziell bei Bassist Rick Danko und eben Drummer Levon Helm

The Shape I’m in  in HD

Such a night   mit Dr. John als Gast an Piano und Vocals

The Weight  warum auch immer im Filmstudio live neu aufgenommen. Nicht minder beeindruckend. Backing Vocals: The Staple Singers

Hier noch einmal -und immer noch, mit wieder erkämpfter Stimme in großer Form- ein Levon Helm, ganz in seinem Element. „Ramble at the Ryman“ 2009

R.I.P.

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