Berlinale VI, VII, VIII – Shopping, Hide your smiling faces, Lose your head

Mit 3 Filmen am Tag stimmt die Schlagzahl -und sonntägliches Familienleben ist ansatzweise auch noch drin.

Shopping – Mannwerdung in Neuseeland in den 80ern. Willie ist halb-samoanischer Abstammung, für seinen Vater als Auszubildender in einem Kaufhaus eine latente Enttäuschung und für seinen kleinen Bruder ein glühendes Vorbild. Bis er an den Tagedieb Bennie und dessen kleinkrimineller Clique kommt. Was mit Wegsehen bei Ladendiebstahl beginnt zieht bald weitere Kreise. Hier findet er die Anerkennung, die sein gewalttätiger Vater ihm versagt. Außerdem hat Bennie eine reizvolle Tochter… Im Klimax des Films muss er sich entscheiden mit der kriminellen Mischpoke weiterzuziehen – oder seinem Bruder weiter beizustehen. Packende Dramaturgie, rundes Set-Design, fassbare Charaktere. Bis zur letzten Minute gute Unterhaltung und verdienter großer Applaus. (Der ist bei Vorstellungen der Sektion „Generation“ jedoch immer sicher. Das Jungpublikum meint es in der Regel sehr gut. Manchmal zu gut. Siehe weiter:)

Hide your smiling faces – Uff. Schwere Jugend, die Zweite. Hier im ländlichen New Jersey. Die Brüder Tommy und Eric vertreiben die Zeit (es müssen Sommerferien sein, von Schule kein Wort) mit Streunen in den Wäldern, Ringkämpfen mit Gleichaltrigen, etc. pp. Wieder einmal gerne auch über weite Strecken mit sehr, äh sparsamen bis gar keinen Dialogen (Ein Trend, ganz offenbar). Unter ungeklärten Umständen stürzt ein gemeinsamer Freund zu Tode. Dies bildet die Sollbruchstelle in ihrem Sommer, ihrem Heranwachsen. So will es zumindest das Drehbuch. Denn es will sich nicht recht entschließen, warum sie generell so relativ gefühlskalt und missmutig sind. Ein Rapport mit den Eltern : so gut wie nicht vorhanden. Auch hier betrachten wir nur. Klar, warum oder warum nicht, wird hier nicht viel. [Im Hinblick auf eigene Elterliche Aufgaben hoffe ich, dass es auch ganz anders geht.] Ich gebe zu, dass ich das Applaudieren dem jungen Publikum überließ, welches beim Abspann geradezu juchzte ! Ein Hoffnungs-Schimmer, zumindest was die kulturelle Aufnahmefähigkeit betrifft. Möchte ich zumindest hoffen.

Lose your head – Jawoll. Volltreffer, was Erwartungs-Erfüllung betrifft. Berlin-Movie, passenderweise das Thema Party-Tourismus und Club-Nomaden tangierend: Der junge Spanier Luis setzt sich nach Zoff mit seinem Lover für ein Dance-Wochenende nach Berlin ab. Nicht ganz ahnungslos, doch durchaus naiv. Soweit, so sympathisch. Nachdem er gleich im ersten Club mit einer Zufalls-Bekanntschaft Substanzen einpfeift („do you know what this is ?“) ist das vorläufige Ende des Tanzvergnügens zunächst nur ein Stranden in einer für ihn unbekannten verriegelten Wohnung. Aufwachen und alle sind weg. Bei einer Afterparty am Nachmittag lernt er den zwielichtigen Viktor kennen – und verfällt ihm. Bald jedoch (ahaaa!) wird er für einen vor Wochen spurlos verschwundenen griechischen Jüngling gehalten, der mit dem gleichen Plan wie er nach Berlin kam. Luis verbündet sich mit der verzweifelt suchenden Schwester des Griechen. Beklemmender Verdacht: Ist auch ihr Bruder Viktor in die Fänge gegangen ? Luis weiß nicht was er glauben soll – und fängt an, selbst zu flunkern. Was sich rächen soll. Der Film hält bis zuletzt dramatische Sprünge bereit, einige werden zum Glück (zu abstrus!) gekonnt zurück geführt. Das Vexierspiel mündet in einer fast unerträglich spannenden Sequenz. Chapeau, die Herren Filmemacher !

und sonst?

Das Haus der Kulturen der Welt zeigt sich unsensibel bis unfähig, was den Einlass betrifft. Alfred Hitchcock wurde seinerzeit mal missverstanden als er die Schauspielerführung entfernt mit Führung von Nutzvieh verglich. Festival und übergroßer Zulauf hin oder her: hier und heute kamen Assoziationen auf. Bin gespannt wie das die nächsten Tage weiter geht. Ganz fein übrigens, wie wir sofort einknicken, um bloß international zu erscheinen: Der Moderator der „Lose your head“ Vorstellung fragt, ob auch englisch sprachige Zuschauer anwesend seien. Sehr vereinzeltes Gemurmel als Reaktion. Pflichtschuldigst wird sogleich -und auch später das Gespräch mit dem Produzenten- in Englisch fortgeführt. Englische Zusammenfassungen hätten es auch getan. Deutsche Übersetzungen natürlich (es waren durchaus reifere deutsche Zuschauer anwesend): Fehlanzeige. Was reg ich mich auf ?

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