4 Filme und dann Halleluja – Berlinale XVIII-XXI

Die Vorverkaufs-Schlangen werden kürzer und kürzer, die Sitzreihen auch mal nur knapp 3/4 voll. Einige Vorführungen recht geschäftsmäßig, da so mancher Filmemacher schon wieder abgereist ist. Gloriose Ausnahme siehe weiter unten. Die letzte Kurve vor der Zielgeraden ist in Sicht, die Auswahl wird knapper. Auch weil ich mir mit Donnerstag und Freitag zwei 4-Film-Tage ‚gegönnt‘ habe.

Kai Po Che (Brothers for life) – Etwas Unwohlsein, als im stylischen Vorspann viele Male ‚Disney‘ zu lesen ist. Doch die sind schlichtweg mittlerweile Inhaber von UTV, dem Studio des Filmes. Und Disney hat ja mittlerweile mit seinen Tochterfirmen deutlich mehr drauf als ledigliche Unterhaltung. Nun denn… Ahmedabad in Gujarat, Indien, 2002: Ishaan, Omi und Govind sind seit Kindesbeinen an Freunde. So verschieden sie auch sind (aufbrausender Sportler, scheuer Kopfmensch, impulsiver Träumer) verbindet sie die Liebe zum Cricket-Spiel. Mit Mühe und Not schwatzen sie Ihren Onkeln – respektive Eltern- Geld ab, um eine Cricket-Schule mit Sportgeschäft zu gründen. Natürlich, so möchte man fast sagen, bahnen sich Schicksalsschläge an: Die Schwester des einen hat ein Auge auf den anderen geworfen… Das Naturtalent Ali, das Ishaan unbedingt trainieren will, ist aus einer muslimischen Familie und somit seinem Politiker-Onkel ein Dorn im Auge… Religiöser Fundamentalismus der Parteien führt zu Massakern … Ein Erdbeben ist ein weiterer Plotpunkt dieses Films, der jedoch (das wievielte Mal ist das jetzt??) auf wahren Begebenheiten beruht. Nämlich der als Buch erschienen Lebensbeichte eines der Protagonisten. „The three mistakes of my life“ heißt diese – denn einer der drei wird später die Waffe gegen einen der anderen erheben. Großes, unverschämtes Gefühlskino, so lässt man sich nur zu gern einseifen. Dass die indischen Songs (zu Tanzausbrüchen kommt es dankenswerter weise nicht) sich gefühlig in die Story einfügen ist natürlich Ehrensache.

Mes séances de lutte (Love battles) – In einer Screwball-Comedy (leider vergessen in welcher) hieß es einmal, „warum haltet ihr nicht endlich die Klappe und tut es einfach miteinander?“ Was hier abgeht beginnt mit respektlosen Wortduellen und grenzt später wiederholt an versuchte schwere Körperverletzung. Sex bzw. dessen Anbahnung als Schlacht. Auf Umwegen erahnen wir: „Sie“, verquirlt jung-weiblich, und „Er“, reif nebst Vollbart, animalisch, hatten vor Jahren wohl beinah etwas miteinander. Jetzt ist sie zurück gekehrt in die Heimatstadt, um mit ihren beiden älteren Schwestern den Hausstand der Eltern aufzulösen. Wie im Ritual sehen sich „Sie“ und „Er“ dazwischen täglich, um sich genüsslich anzugiften. Man schenkt sich nichts, wird handgreiflich, verabredet später sogar Spielregeln. Ständig auf der Grenze zwischen Anziehung und Verachtung, kommt es dann endlich (endlich ! 10min früher hätte es auch getan) zum Äußersten. Äh, also jetzt…Sex – nicht Mord. Doch wie gesagt, das wird erst durch das Ergebnis klar. Am Ende liegen sie in erlöster Pose (Erlöserpose?) umeinander. Eine sehr aufregende, ungewöhnliche Fallstudie. Die wahrscheinlich außergewöhnlichste Darstellung von ‚Liebes‘-Akten seit langem. Übrigens: Dafür dass das Kino International -wohl auch wegen des öhh…vielversprechenden Themas- voll besetzt war, kam am Ende nur spärlicher -verschämter?- Applaus. Doch nicht das richtige Valentinstag-Programm ?

Dark blood – Der niederländische Regisseur George Sluizer zeichnete unter anderem für den gnadenlosen Thriller „Spoorloos“ (1988) verantwortlich, der dann später in den USA ein labberiges Remake erfuhr. In ‚Dark blood‘ fünf Jahre später erleidet ein ‚Hollywood Ehepaar‘ (Jonathan Pryce, mühsam beherrscht, Judy Davis, kapriziös-nervend wie immer) eine Autopanne. Mitten auf einem Highway in der Wüste von New Mexico (..wenn man auch so dusslig ist, mit einem Bentley quer durch Amerika zu reisen). Einzige Hoffnung ist „Boy“ (River Phoenix in seiner letzten Rolle), dessen Einsiedler-Hütte sie erreichen. Doch der ist seit dem Tod seiner Frau offenbar mehr als nur verschroben und hat mit der Menschheit abgeschlossen. Jetzt allerdings beginnt er, ein Auge (oder mehr) auf Buffy zu werfen. Ob die Eheleute jemals aus der Einöde kommen werden ? Dass ist nämlich der einzige Punkt, an dem der Plot aufgehängt ist und leider muss ich vermuten:
Wäre River Phoenix nicht kurz vor Ende der Dreharbeiten verstorben, der Film wäre wohl kaum noch im Gedächtnis. In den 90ern gab es eine ganze Reihe ähnlich gelagerter Filme wie ‚Red Rock West‘ oder ‚U-Turn‘ (Großstadt Menschen stranden in der Provinz, im Outback und erleben Nötigung, Verbrechen etc.) Und genau genommen verdanken wir diese 20 Jahre verspätete Erstaufführung den falschen Gründen: Nachdem im Anschluss an den Drogen-Tod des Hauptdarstellers die Versicherung seinerzeit gezahlt hatte, wurde das Filmmaterial eingelagert. Jahre später sollte es wegen der sich summierenden Lagerkosten vernichtet werden. Der mittlerweile erkrankte Regisseur Sluizer wollte diese Lücke in seinem Lebenswerk nicht offen lassen, ließ die Filmrollen retten (=entwenden) und stellte aus den erhaltenen 75% des Materials eine vorführbare Version zusammen. Die fehlenden Passagen werden vom Regisseur im Off gesprochen. Womöglich tue ich dem Regisseur aber auch unrecht, denn aufgrund des fehlenden Materials musste die Story umstrukturiert werden und Vorlesen kann im Kino Zeigen einfach nicht ersetzen – den eigentlichen ‚Dark blood‘ werden wir nie sehen.  Eins ist jedoch wirklich sehenswert: welch eine große Lücke River Phoenix hinterlassen hat. Einer der einzigartigen Talente seiner Generation.

Sing me the songs that say I Love You – Dies war für mich das wichtigste Ticket der 10 Tage. Kate McGarrigle war in Kanada ein nationales Heiligtum: Über 30 Jahre lang bildete sie mit ihrer Schwester Anna ein Singer/Songwriter Duo, das 10 vielbeachtete Studio-Alben hinterlassen hat. Die empfindsamen Songs aus ihrer Feder haben sogar viele berühmte Musiker Kollegen inspiriert. Ihr Sohn und ihre Tochter sind übrigens Rufus und Martha Wainwright …eine durch und durch musikalische Familie. Der traurige Anlass für den Film ist das Tributkonzert, welches Familie und Freunde ihr im New York Town Hall Theater widmeten. Im New York Town Hall Theater unterstützen Emmylou Harris, Teddy Thompson, Norah Jones, Antony Hegarty die Familie musikalisch und moralisch: Wenn sie mit deren eigenen Songs eine geliebte Mutter, Schwester, Musiker-Kollegin würdigen. Denn die Lieder strahlen geradezu von Vergänglichkeit und Möglichkeit von Liebe, Würdigung der kleinen Dinge des Lebens. Die Musik-Darbietungen sind zumeist stellar, so manches Mal haben die Ausführenden Mühe, von ihren Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Interview Passagen mit der Familie über unvergessliche Erinnerungen und den unerbittlichen Abschied werden sehr behutsam dazwischen gefügt. Für alle, die in letzter Zeit selbst Verlust erfahren haben, vielleicht zuviel, doch durchaus karthatisch. Lian Lunson ist ein Glanzstück zwischen Hommage und Konzertfilm gelungen. Herzlicher Applaus im Anschluss für sie sowie Rufus und Martha.

und sonst ?

Ich hatte halt -wie bei vielen Ticket-Käufen dies Jahr das richtige Gespür und wählte das richtige Screening: Tim Robbins saß ebenso wie die Wainwrights weniger als 10m von mir entfernt. Er gönnte sich wohl als Jurymitglied einen freien Abend. Übrigens: Mann, ist der groß ! Eine Stufe höher stehend überrage ich ihn kaum…

Aus Trotz war ich beim Einlass –jemand hatte für seine Freunde zehn (!) Plätze blockiert– eine Reihe höher gestiegen. Hätte ich einfach den elften Platz genommen, so hätte ich neben Rufus‘ Ehemann gesessen. So kann es kommen.

Veröffentlicht unter Berlinale

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