zweimal schwarzweiß und zwei Dokus bitte: Berlinale XXII – XXV

Da mein 8.Tag mit viel Humor begann,
bevor es an die vier Filme des Tages geht etwas Satire. Ich vermute nämlich, ich habe einige der Richtlinien der Berlinale heraus kristallisiert:

  • Für Moderatoren: Wenn du auf englisch interviewst oder präsentierst, bitte benutze irgendeinen starken Akzent
  • Denk daran, alle Moderatoren müssen das englische Wort „comments“ falsch betonen !
  • Die Hand-Mikrofone beim Q&A sind nur zur Show da, bitte nicht direkt in sie hinein sprechen und vor allem so leise, dass es eigentlich jede Sprache sein könnte. Sehr international !
  • Wenn du Pressekonferenzen simultan übersetzt, rede in einem langen Fluss -ohne Punkt und Komma. Es wirkt affektiert, wenn klar wird, wo Fragen aufhören und Antworten beginnen.
  • Für Journalisten: Regisseure lieben es, wenn man statt überlegte Fragen zu stellen sie darauf hinweist, ihr Film sei genau so wie Film x, y oder z…den sollten sie sich unbedingt mal anschauen.
  • Kein Thema (Automarken, Schlagermusik, Archäologie etc. pp) ist zu abwegig, um es nicht auf einer Pressekonferenz einzubrigen. Man kann sich nicht genug um Kopf und Kragen reden…

Genug gewitzelt: der vorvorletzte Filmtag brachte

Frances Ha – Das ich das noch erleben darf…eine echte Komödie auf der Berlinale. New York in Schwarz-Weiß, eine sympathisch-unorganisierte Tänzerin, Wohnungssuche …mein Instinkt bei der Filmauswahl trügte nicht, hier wurden wie Autorin/Darstellerin Greta Gerwig und Regisseur Noah Baumbach einräumen, Referenzen an Woody Allen der 70er/80er gemacht. Wenn das alles auch nicht neu erscheint, so ist es mehr als erheiternd, Frances  zuzuschauen, wie sie bei Dates und auf Parties in Fettnäpfchen tritt, wie sie um ihren Job als Ballet-Lehrerin bangt und sich mit ihrer besten Freundin und ex-Mitwohni Sarah wegen deren Boyfriend Patch kabbelt. Der Film ist strukturell geschickt an die fortwährende Wohnungssuche Frances‘ gebunden nachdem Sarah ihre gemeinsame Wohnung auflöst. Nebenbei wird die Frage verhandelt: wie wichtig sollte man (beste) Freunde werden lassen, wie weit ist man für sein eigenes Glück verantwortlich. Schnuckelige 86 Minuten, allesamt.

Computer Chess – Ein Ticket hinter dem ich sehr her war. Denn der Nerd-Faktor und das verbundene Schmunzelpotential waren verlockend genug. Frühe 80er: In einem amerikanischen Mittelklasse-Hotel treffen sich die besten Computer-Schach Programmierer der Zeit, in der Hoffnung dass ihre für heutige Verhältnisse klobigen und lächerlichen Computer irgendwann einmal den Menschen beim Schach besiegen könnten. Große Klappe zwischen den Programmierern, undurchsichtige Beobachter (das Pentagon?), ein Tagungs-Raum, der sich mit einer Therapiegruppe geteilt werden muss. Zum Feeling trägt bei, dass der Film auf einer veralteten Sony-Analog-Videokamera gedreht wurde. Schlieren und Schwarz-Weiß schwammiges Bild inklusive. Der found-footage -Trend auf die Spitze getrieben. Überaus amüsante Momente wenn z.B. ein Programmierer vor Scham im Boden versinkt, wenn sein umständlich zu bedienender Rechensklave superdumme Schachzüge ausspuckt oder ein anderer Experte mangels Hotelzimmer nebst seiner Maschine quasi Nomade im Hotel ist. Leider hält die Story trotz Mysterien nicht ganz bis zum Schluss und die Schlusspointe eher absurd. Doch alles in allem ist ‚Computer Chess‘ eine gelungene Farce, vielleicht sogar eine Allegorie über die Vergänglichkeit von technischem Fortschritt.

Powerless – In der indischen 3-Millionen Metropole Kanpur ist es Alltag, dass die Stromversorgung die Hälfte der Zeit zusammenbricht. Trafo-Brände, ja -Explosionen auf offener Straße sind an der Tagesordnung. Ursache und Wirkung sind hier so verworren wie die illegale Verkabelung: Die Bevölkerung macht Unfähigkeit des Energieversorgers KEPCO aus, KEPCO verweist auf Millionenverluste und technische Störungen durch Stromklau und die Verkabelungs-Robin-Hoods, wie Protagonist Loha Singh machen Korruption von der Verwaltung bis zum Stromtechniker verantwortlich. Dieser Dokumentarfilm begleitet u.a. Loha Singh beim Stromklau, gibt aber auch der Chefin des Elektrizätswerkes Gelegenheit, ihre Position zu erklären. Die Politiker im Übrigen -während und nach Stromausfällen gern an vorderster Front Reden schwingend- ändern auch nach Wahl in die Ämter… genau genommen nichts. Eine unglaubliche Gemengelage. Man wünschte lediglich, es wäre eine Komödie.

Unter Menschen – In den späten 80ern schien dem österreichischen Pharmakonzern Immuno die Durchführung von Tierversuchen an Schimpansen unerlässlich bei der Forschung an einem vermeintlichen HIV Impfstoff. Dass die Tiere unter katastrophalen Bedingungen gehalten wurden und Versuche an Primaten eigentlich damals schon geächtet waren, wurde mit Falschaussagen, Geld und Macht unter den Teppich gekehrt. Jahre später nach der -erfolglosen!- Einstellung der Versuche konnten die rund 40 Schimpansen dann wenigstens auf Initiative der Pfleger und Tierschützern vor der Euthanasie gerettet werden. Die Regisseure Christian Rost und Claus Strigel  rollen den Fall auf und zeigen den Alltag der 4 Haupt-Tierbetreuerinnen in dem Pflegehof, in der die Tiere nach zähen Verhandlungen endlich untergebracht sind. Unschwer können wir erkennen wie mitgenommen und gebrochen die Kreaturen sind. Die Pflegerinnen zeigen sich untrennbar mit ihren Schützlingen verbunden. Auch wenn eine Auswilderung undenkbar ist und eine wahre Wiedergutmachung unmöglich, so haben die Tiere wenigstens ihren Gruppen-Verbund und sehen nach jahrelangem Betreiben am Ende des Filmes endlich zum ersten Mal ein Freigehege…echtes Tageslicht. Eine bewegende Dokumentation, die einen schauern macht – zumal die interviewte Jane Goodall erinnert, dass es unsere nächsten Verwandten sind. Auch wenn sie uns nicht so nahe stehen würden – einer der Regisseure gibt im Q&A zu bedenken: wie würden wir darüber denken, wenn die Forschung zu einem wirksamen Impfstoff geführt hätte ..?

und sonst?

hier die Richtlinien für die Zuschauerseite:

  • Bitte nicht den Abspann und auch nicht die gestellten Fragen verfolgen… so kann man mit wiederholten oder unnötigen Fragen beim Q&A für Stöhnen sorgen.
  • Es ist ganz, ganz wichtig, dass man zusammen sitzt, egal in wie großen Gruppen man ankommt, egal wann und ob überhaupt jemand noch kommt. Man wird ja immerhin 90Minuten so sitzen und kann nur hier im Kino miteinander reden
Veröffentlicht unter Berlinale

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