zweimal hochwertiges feel bad, ein konventionelles biopic : Berlinale XXVIII – XXX

Film ist manchmal ein lang(weilig)er, ruhiger Fluss …hier nebenbei ein paar Auszüge aus diesjährigen Inhaltsangaben. Wer solches liest sollte aufmerken:

„[..] Verzicht auf eine forcierte Geschichte[..]“   (bloßes Zugucken ist keine Geschichte)
„[..]über weite Strecken auch ohne Dialog[..]“
„[..]vertraut auf die Kraft der Bilder[..]“
„[..]Dramatische Wendepunkte erfolgen fast beiläufig und entfalten sich umso intensiver.[..]“   (Das sehe ich mit Verlaub ganz anders)

Nachlese meines letzten Filmtages:

Uroki Garmonii (Harmony Lessons)- Schwere Jugend, die ..vierte ? In der kasachischen Provinz geht Aslan, der von seiner Oma auf dem Land großgezogen wird, zur Schule. Außer den Lehrern im autoritären Frontal-Unterricht hat auf dem Schulhof eine Clique gewaltbereiter Jungen das alleinige Sagen. Alle anderen werden zu „Spenden“ für „die Brüder im Knast“ erpresst. Übergriffe bestimmen den Alltag. Aslan, eigenwillig und verschlossen, wird auf Befehl der Schulhof Mafiosi abgekanzelt, avanciert schließlich zum völligen Außenseiter. Der an sich schon verschlossene, doch sehr intelligente Junge kapselt sich immer mehr ab, experimentiert mit Kakerlaken, und baut später mit einfachsten in den Werkräumen der Schule eine Pistole nach. Die fortwährenden Schikanen führen zu Eskalationen, eine Katastrophe bahnt sich an. Nicht nur eine… Die kids haben wie wir Zuschauer kaum zu lachen. Szenenapplaus vom Publikum (das erlebt man auf der Berlinale auch selten) jedoch, als Großmaul Bolat von Aslans einzigem Verbündeten auf’s Maul bekommt. Den Behörden, der Lehrerschaft, scheinen die Machenschaften völlig zu entgehen, wir sehen sie zumeist nur ihren Lehrstoff vorbeten. Erst als es zum Äußersten gekommen ist sind dann die Polizei-Beamten allerdings alles andere als zimperlich. Das klingt nun alles nicht sehr erbaulich – ist aber unerwartet faszinierend mitzuerleben. Regisseur hat Emir Baigazin lässt hier die Schuld -bzw. Verantwortungsfrage geschickt austariert… und offen und allen Jungdarstellern voran legt Timur Aidarbekov eine glasharte Performance hin, die lange nachwirkt.

A single shot – Uff. Film-Noir im amerikanischen Hinterwald – für nervenstarke Gemüter. John Moon (Sam Rockwell, der Mann wir lieben, scheitern zu sehen) ist von seiner Frau verlassener Hilfs-Arbeiter und Gelegenheits-Jäger. Beim Wildern schießt er versehentlich auf eine Frau, retten kann er sie nicht mehr. Beim Versuch den Leichnam zu verstecken findet er in ihren Habseligkeiten ein kleines Vermögen. Kurz entschlossen nimmt er das Geld an sich – vielleicht um Frau und Kind zurück zu gewinnen. Sein zwielichtiger bester Freund, sowie ein seltsamer Rechtsanwalt (William H.Macy wie immer shifty), der die Scheidungsklage von Johns Frau abwehren soll …und dann auch noch ein gefährlich aussehender Fremder, dessen Bild in der Geldbörse der Toten war…. bald steht John das Wasser mehr als bis zum Hals. Abbie, die Tochter eines väterlichen Freundes und John eventuell interessiert, dringt schon nicht mehr zu ihm durch, sondern steht schließlich selbst im Sinne des Wortes in der Schusslinie. Ich verrate nicht zu viel, dass sich das ganze zum Ende hin immer übler für unseren Anti-Helden wendet. Trotzdem fiebern wir bis zur letzten Minute für John Moon, denn ein schlechter Mensch ist er im Grunde nicht. Hartes Genre-Kino und schon wieder nichts für schlechte Nerven.

The look of love – Paul Raymond hat sich als Unternehmer in der Sex-Unterhaltungs-Industrie Großbritanniens in den frühen 60ern quasi selbst erfunden. Als äußerst umtriebiger und schlitzohrig-sympathischen Geschäftsmann stellt ihn Steve Coogan dar, mit dem Regisseur Michael Winterbottom bereits in ’24hour Party People‘ ein großer Wurf in Sachen komplexes Bio-Pic gelungen ist. ‚The look of love‘ ist sich selbst aber etwas zu sicher und funktionier über weite Strecken wie eine -wenn auch unterhaltsame- Nummern-Revue. Wir begleiten über 30 Jahre im halbseidenen Business: gewagte Shows, auf den Kopf gestellte Moral- und Treue-Begriffe, ständig wechselnde Gespielinnen – das muss natürlich unterhaltsam werden. Wenigstens wird irgendwann auch ein wenig hinter die joviale Fassade von Paul Raymond geblickt… denn der allzu lax vorgelebte Drogen-Gebrauch wirkt sich fatal auf seine geliebte Tochter Debbie aus. Die fast zwei Stunden kommen – von schwelgerischen 70s Dekors und Flowerpower Überblendungs-Effekten mal abgesehen – jedoch nur selten über sachdienlich-amüsantes Storytelling hinaus. Doch nach diesem Tag (s.o.) und am Ende eines 10tägigen Film-Marathons ist es nicht das schlechteste an der Seite der Liebsten mal um mal zu schmunzeln.

und sonst ?

Meine ganz eigenen Gedanken zum Festival an sich werde ich morgen zusammen fassen, mit einer Liste der wenigen Filme, die ich gerne noch eingeschoben hätte.  Meine Ausbeute von dreißig Filme in 10 Tagen – ein persönlicher Rekord, den ich nächstes Jahr nicht vorhabe zu brechen. Grenzwertig. Doch fragt mich noch einmal, wenn 2014 der Vorverkauf beginnt.

Veröffentlicht unter Berlinale

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