Berlinale 2014, Film #23 …oder: …wer von euch ohne Sünde ist…

Der Kinostart ist für den späten September angesetzt, an sich ein knock-out Kriterium – da ich lieber Filme schaue, die ich sonst nicht zu sehen bekäme. Doch mit „The Guard“ hatte ich vor ein paar Jahren schonmal einen hochgelobten Film des selben Regisseurs auf der Berlinale verpasst. Außerdem war der Plot spannend und kontrovers:

Calvary

Priester James Lavelle (Brendan Gleeson) wird in seiner kleinen irischen Gemeinde zwar respektiert, wofür er steht aber weniger. Hier kann man sich als Mann Gottes aber auch die Zähne ausbeißen: In seiner Gemeinde finden sich Ehebrecher, Frauen-Verprügeler, arrogante Neureiche, zynische Mediziner, ein heimlich schwul lebender Dorfpolizist… Man kann sich fragen, warum seine Messe überhaupt noch besucht wird. Der Job ist hier nur etwas für Stoiker.

Nur so kann man es als Priester wohl verkraften, wenn einem im Beichtstuhl angekündigt wird -vom Täter selbst!- dass man ermordet werde… in genau einer Woche. Der „Büßer“ rechtfertigt sich damit, dass er als Messdiener jahrelang sexuell missbraucht worden ist – und ein Fanal setzen will …gerade indem er einen unschuldigen Priester hinrichte.

Priester Lavelle macht sich weniger daran, den mutmaßlichen Täter zu finden; da er das Schweigegelübde respektiert, kommt es für ihn eh‘ nicht in Frage das Ganze offiziell zu melden. Die alltäglichen Ressentiments die ihn von seinen -nichts ahnenden- Schäfchen entgegenschlagen tun ein weiteres. Zu all dem hat der Priester seine Tochter (aus seinem Leben vor dem Priesteramt) zu Besuch, die nach einem Selbstmordversuch wieder auf die Beine kommen will. Beide haben den

Tod der Ehefrau/Mutter nie wirklich verkraftet. Wenn sich Lavelle auch kaum Illusionen macht, etwas für das Seelenheil seines noch unbekannten Mörders zu tun – vielleicht kann er ihn dennoch vor Schlimmerem bewahren.

Mein Vater der Priester

Wer hier eine schmissige Krimikomödie von der Insel erwartet ist im ganz falschen Film. Nicht ohne komische Momente läuft die Handlung unaufhaltsam auf eine unerträgliche Katastrophe zu. Dass zu akzeptieren ist für uns wie für die Hauptfigur die Prüfung.

Regisseur John Michael McDonagh hat für uns keine Lösung parat, der Plot jedoch mit seinen verstörenden Schluss-Szenen mehr als eine Erlösung. Das Skript versucht erst gar nicht hier etwas zu ordnen oder zu rechtfertigen. Jeder macht sein Ding und kann sich auf Nachfrage in seiner eigenen kleinen Welt erklären. Man könnte verrückt werden,  den Glauben verlieren. Oder sich halt daran fest halten.

Gefühlskino der großen Sorte mit unverwechselbarem irischem flavour.

Randbemerkung: unter meinen Freunden, die ich erfreulicherweise im Kino traf, kam auf dem Heimweg die rhetorische Frage auf: Ist das denn jetzt ein Werbefilm für die Katholische Kirche gewesen ? Nein. Verfehlungen und moralisch fragwürdiges im Klerus werden hier durchaus thematisiert. Dass es Bodenpersonal wie Priester Lavelles ahnungsloser und verblendeter Kollege überhaupt ins Amt schaffen Teil des Problems, nicht der Lösung.

Es geht nicht um DIE Kirche. Es geht um Menschen.

Eins der schönsten Zitate eines beredten Skripts: „Forgiveness is highly underrated in my mind…“

Demnächst hier : Aus dem Reich der Toten

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