Berlinale 2014, Film #28 …oder: die Grenzen von Vergebung

Es ist ein Paradox, dass die Tickets für den letzten Berlinale Tag als erstes verkauft werden. Man sieht Filmen über eine Woche lang entgegen, die anderswo schon gelobt oder gehasst werden -und muss noch abwarten. „Halt nein, nicht verraten“ hörte ich von Ben gerade gestern abend wieder 😉

Umso schöner, wenn man sich für den letzten Tag drei ausnahmslos gute Karten gelegt hat: Allerdings… schon wieder Schuld und Sühne ?

Aloft

In der einen Zeitebene sehen wir die allein erziehende (..schon wieder) Nana zwischen ihrem Farm-Teilzeit-Job und ihrem als unheilbar krank diagnostiziertem jüngsten Kind verzweifeln. Dessen nur wenig älterer Bruder Ivan sieht sich ständig zurück gesetzt. Ein Wunderheiler wird aufgesucht, Unterlassungs-und andere Sünden begangen. Es steuert auf eine Katastrophe zu. Ein Tod reißt die Familie auseinander. Nein: die Mutter reißt sich den überlebenden Sohn aus dem eigenen Leben.

In der zweiten Zeitebene trifft dieser erwachsene Sohn eine Journalistin, die der als Einsiedlerin und jetzt selbst als Heilerin tätigen Mutter Nahe kommen will. Der nicht wirklich ausgeglichene Ivan schließt sich -wenig überzeugt, aber an seinem Leben immer noch zweifelnd- ihr an. Ein Road-Movie entspinnt sich, verwoben mit Szenen aus der anderen Zeitebene.

Antworten werden gesucht. Doch die liegen fast immer bei den Figuren selbst.

Man kann jetzt die Handlung für hanebüchen halten. (Es wird jedoch z.B. nirgendwo suggeriert, dass der Heiler tatsächliche Kräfte hat.) Die Wahl der Plot-Elemente (ein Falkner, ein Wunderheiler, eine Schweinefarm, ein tragischer Kinder-Unfall) gemahnt wahlweise an John Irving oder fast an Wes-Andersonsche Volten.

Und man darf -das ist jedem freigestellt- das Konstrukt der Protagonisten und ihrer Motive für …allzu konstruiert halten. In meiner Betrachtung ist dies alles zweitrangig, denn Aloft verschafft uns die Möglichtkeit, über die …Möglichkeiten von Vergebung nachzudenken. Das ist das große Verdienst des Skriptes, der ausgewogenen darstellerischen Leistungen und einer Regie, die Gefühle würdigt, doch allzu sentimentales vermeidet.

Und wer ganz genau hinsehen mag, kann sogar die Shakespeare’sche Sinnfrage heraus destillieren: Leiden oder Leben. Aufgeben oder Trotzen.

„…whether ‚tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep“

Randbemerkung:
Vor jeder Vorstellung weist der Trailer darauf hin, dass Fotografieren und Filmen verboten sei. Dies hielt die Trutsche zwei Sitze neben mir nicht ab, insgesamt 5(fünf!) Fotos mit gleißendem Handykamera-Licht zu schießen. Sie war sehr mit sich zufrieden, und gab zum Glück keine Widerworte als sie von der Reihe dahinter endlich angeherrscht wurde.
Nach dem Film dann konnte ich von ihr die Phrase „schon kitschig irgendwie“ ausmachen.

Was wieder einmal Billy Wilders berühmte Worte über das Kinopublikum belegt, die ich hier umgestellt zitiere: „Alle zusammen genommen …ist es ein Genie – jeder für sich alleine ein Idiot.“

letzte Randbemerkung: Minuten später beim Spazieren zum Zoopalast hörte ich noch von jemand anderem noch drastischere Worte am Telefon. Ich sag’s ja.

In Kürze hier: doch noch ein vergessener Klassiker

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