Berlinale 2014, Film #30 …oder: Fremd im eigenen(?) Land

Irgendwie hoffe ich jedes Jahr, dass der persönliche Abschied von 9Tagen Kino mit einem beeindrucken Werk gelingt. Quasi Lust auf nächstes Jahr macht statt einfach auszulaufen…

Mein letzer Film des letzten Tages beginnt mit Szenen einer knochenharten Grundausbildung im britischen Militär. Der  blutjunge Private Gary Hook ist nicht gerade begeistert, als es im Anschluss daran nicht -wie angekündigt- in eine beschauliche deutsche Kaserne geht – sondern nach Belfast …an die Frontlinie zwischen protestantischer und katholischer Bevölkerung, zwischen Royalisten und Separatisten. Der Drill Sergeant schnauzt die Truppe an: „schaut nicht so, ihr bleibt im Land !“

Wir schreiben das Jahr

’71

und der Nordirland-Konflikt verschärft sich gerade wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Härte erzeugt Gewalt und umgekehrt. Gary und seine Kameraden sind überfordert, sich bei fragwürdigen Sicherungs-Einsätzen der Ablehnung, dem abgrundtiefen Hass auf die „Besatzer“ ausgesetzt zu sehen. Bald darauf wird nach einem Handgemenge sein Kamerad neben ihm kaltblütig erschossen. Von seiner Truppe getrennt, kann Gary durch beherztes Eingreifen einer Mutter gerade noch sein Leben retten und, von seiner Truppe getrennt, fliehen. Eine weitere Greueltat, für die jedoch die britische Militär-Geheimpolizei verantwortlich ist macht ihn später -schwerverletzt und immer noch gejagt- vom Mitleid einer irischen Familie abhängig. Und dann ist da noch die undurchschaubare geheime Militär-Polizei – der nicht gerade daran gelegen ist, dass Gary eine Aussage machen kann…

hier klauen einem 8jährige die Sturmgewehre

Innerhalb von nur einem Tag wird Private Hook mehr gesehen und durchgemacht haben als andere in einem gesamten Krieg.

Die Geschichte des Nordirland-Konfliktes ist lang und komplex. Man mag viel darüber gehört oder gelesen haben, mehr oder weniger eine eigene Meinung gebildet haben – der Verdienst eines Filmes wie ‚71‚ ist es, hautnah spürbar zu machen wie tief der Hass saß, wie explosiv sich die Gewalt ihren Weg suchte und wie wenig es noch um Moral oder Recht ging, statt um Dogmen und Vergeltung.

Es ist erstaunlich, wie der Film es schafft eine Parteinahme zu vermeiden. Wir werden uns überlassen, schockiert Kenntnis zu nehmen was für tiefe Wunden Hass erzeugt – und können nur vermuten, auf welchen Erlebnissen dieser Hass wiederum beruht. Am Ende der Handlung ist nichts gelöst, Missetäter auf beiden Seiten können sogar Erfolge verrechnen – und Private Hook wie wir nur unsere eigenen Schlüsse ziehen.

Ein wirklich würdiger Abschlussfilm für meine 9 Tage.

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