Plansequenz eines guten Tages… Berlinale 2015 #2

Stimmung: fit und hochmotiviert, trotz Beginn um 9:30 !

Highlight des Tages: am Ende des Tages trotz missverstandener Anfangszeit noch in Weltpremiere eines faszinierenden deutschen Beitrags gekommen

Frühmorgens in „Queen of the desert“

Werner Herzog ist Legende. Ein Mann der es erfolgreich mit Klaus Kinski aufnahm, der einen Dampfer über einen Berg ziehen ließ, der angeschossen ein Interview zu Ende führte…

Lawrence von Arabien kennt Dank David Lean’s Monumental-Film fast jeder. Die Britin Gertrude Bell kaum jemand. Als hochgebildete Tochter aus dem Geldadel brach sie Anfang des letzten Jahrhunderts aus den Konventionen aus und ging in den Nahen Osten. Lernte Länder und Leute kennen, wurde auf beiden Seiten angesehene Expertin für Beziehungen der Stämme und Nationen.

Endlich mal gute, wenn auch konventionelle, Dramaturgie. Gespühr für Rhythmus und Pausen. Ein paar Mal ertappte ich mich bei der Frage, ob es vielleicht gar nicht Star-Darsteller bedarft hätte. Doch eine Produktion dieser Größe muss ihr Geld einspielen

Und so kommen Freunde des James-Franco-ismus wie auch Fans von Nicole Kidman und Damian Lewis voll auf ihre Kosten. Was die Leistungen der Darsteller -allesamt voll da- nicht schmälern soll. Also: saftiger, gut abgehangener Filmstoff, kenntnisreich umgesetzt …im Wettbewerb damit wohl chancenlos. Straft mich bitte Lügen !

Abends in „Violencia“

If you have a message- send a telegram ! Wer hat’s gesagt, Randolph Hearst oder Samuel Goldwyn ? (..vergesse es immer wieder) Der Regisseur, wie wir später im Q&A erfahren, hat mit einem 10seitigen „Skript“ angefangen – was auf Betreiben des Produzenten dann um 30 Seiten aufgestockt wurde. Etwas mehr hätte es vielleicht sein können. Denn die drei nacheinander gestellten Episoden (Ein Gefangener im Regenwald, wir werden nicht erhellt von wem oder wieso || Ein Jugendlicher, der fataler weise einen Nebenjob annimmt und auf eine nächtliche Autofahrt geht, die tödlich für ihn enden wird || Ein wortkarger Mann bei seinen täglichen Besorgungen und mit seiner Freundin…später wird er sich uns als Befehlshaber in einem menschenverachtendem paramilitärischen Camp entpuppen) … so eindringlich gespielt sie auch sein mögen wirken dramaturgisch…absichtslos.

Violencia
…ich weiß immer noch nicht, wo und wieso dieser Mann gefangen gehalten wurde

Ohne Kenntnisse der politischen Lage in Kolumbien war das alles -wie einige Fragen aus dem Publikum anschließend zeigten- nicht zu verstehen oder zu würdigen. Wenn es dem Regisseur wirklich darum ging und er sich nicht nur an sein eigenes Volk wenden will, wäre das schade.

Nebenbei gesagt: die schlechteste Berlinale-Moderation seit Menschengedenken. Ok, der Mann konnte spanisch und englisch. Doch JEDE der elaborierten Fragen und Antworten wurde in der Übersetzung zu einer verhuschten englischen Nuschel-Version. Von30sec auf 5sec…wie in einem Comedy Sketch.

Spätabends in „Victoria“

Die desillusionierte junge Victoria jobbt, wenn sie nicht gerade in Clubs tanzt in einer Berliner Bäckerei. Die lebensfrohe Spanierin scheint hier gestrandet, hat sich jedoch scheinbar arrangiert. Auf dem Rückweg von einer Clubnacht begegnet sie 4 Berliner…früher hätte man gesagt: Halbstarken.

Victoria
2 1/2 Stunden, die das Leben aller Beteiligten für immer verändern

Lärmend, große Klappe, doch irgendwie kann sie sich derem Charme nicht entziehen. Es geht noch etwas um die Häuser und auf die Dächer und man kommt sich näher. Als einer von ihnen später in der Nacht eine Schuld begleichen muss und ein sprichwörtliches Ding drehen soll, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Das ganze ist allein schon von der Chemie zwischen den eindringlichen Darstellern und den intensiven Charakteren her aufgeladen. Was wie eine Schnapsidee klingt, macht den eigentlichen sich immer weiter steigernden Sog der Story aus:

Die gesamte 2h20 lange Handlung wurde an einem Stück gedreht ! Für angehende Cineasten: Man spricht von Plansequenz oder Tracking Shot. Diverse Filme versuch(t)en sich an Szenen-am-Stück mit mehreren bis 10min (die alte Begrenzung durch die Länge einer Filmspule. Die Digitaltechnik hob solche Grenzen auf. Eine enorme logistische, darstellerische als auch kameratechnische Leistung, Chapeau ! Regisseur Sebastian Schipper gibt dann auch zu, dass er es nie wieder machen wird und es phasenweise ein Albtraum war. Seien wir froh, dass er sich nicht davon hat abbringen lassen.

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