Klassisch muss nicht gut sein. Schön, wenn doch …Berlinale 2015 # 3

Stimmung: na also, 2 Volltreffer und bloß einmal halbgar

Patzer des Tages: zu Film Eins ohne Kontaktlinsen geeilt…dabei hätte der mit seiner opulenten Ausstattung es verdient

Mittags in „Angelica“

Literatur-Verfilmung. Hm. Viktorianisches England. Hm. Sexuelle Repression. Sprich weiter. Regie Mitchell Liechtenstein. Check ! Zwei seiner bisherigen Filme waren für mich Berlinale-Volltreffer. Hier wird wunderbar in Szene gesetzt, wie ärztlich notwendige Enthaltsamkeit erst den Gatten und dann die Mutter in eine Spirale von Zwangshandlungen führt. Muss ich erwähnen, dass es tragisch enden wird ? Schön, wenn sich Erzählkino, psychologischer Anspruch und Unterhaltung nicht ausschließen. Reiches, visuell stimulierendes Kino.

Angelica
hier kommt nicht der Exorzist, hier tauchen ganz andere Dämonen auf

Nachmittags in „K

Ich will zugeben, dass ich mit Franz Kafkas Werk nur indirekt vertraut bin und ihn bisher nicht gelesen habe. Dennoch ist mir die Thematik seines „Das Schloss“ wohl bekannt. Was ich jedoch so oder so sagen kann: einfach den Inhalt dialoglastig -wenn auch interessanterweise in die Mongolei portiert- abzufilmen, ist nicht viel. An kaum einer Stelle werden die Möglichkeiten des Kinos be- oder genutzt. Passend, dass Protagonist K an einer Stelle der Handlung beim lauschen eines Monologs spontan einschläft. Seherisch, Herr Kafka!

Abends in „In Cold Blood

Die Technicolor Retrospektive dieses Jahr fand ich -sorry- witzlos, da nur 1-2 Filme tatsächlich als neu gezogene Celluloid Kopien angeboten wurden. Digitale Projektion hat sicherlich ihre Vorteile – doch sie hat ihre Begrenzungen, wenn es um Auflösung geht. Quasi als Kompensation buchte ich diesen klassischen Kriminalfilm von 1967 aus der Regie von Richard L.Brooks („Die Katze auf dem heißen Blechdach“). Zum Zungeschnalzen allemal: der Supervisor der Restauration kündigte vor Beginn stolz an, dass diese Fassung in der jetzt vorliegenden Kontrast-Staffelung endlich selbst vor den Augen des Kameramanns Conrad L.Hall („Butch Cassidy&Sundance Kid“/“Cool Hand Luke“) Bestand hatte – und außerdem zum ersten Mal ein seinerzeit aufgenommener kompletter Stereo-Ton einmontiert wurde.

An sich ein purer Kriminalfilm. Doch weniger tranige Derrick-Dramaturgie (‚Harry fahr schon mal den Wagen vor‘)… Als vielmehr glasharte Ermittler-Arbeit wie seinerzeit Erik Ode in „Der Kommissar“. Eindringliche Charakterzeichnungen, intensive Kameraführung… zu einer Zeit als Anderswo „New Hollywood“ durchstartete, gab es hier noch einmal Old School vom Feinsten.

In Cold Blood
nichts Gutes im Sinn

So abscheulich und eindringlich, doch un-reißerisch die Morde auch dargestellt werden, so sachlich nähern sich Ermittler als auch Drehbuch und Regie den Tätern und ihrer Geschichte. Spürte ich bei den Hinrichtungen am Ende einen Ansatz der Kritik, die Jahrzehnte später Kieszlowski in „Eine kurze Geschichte über das Töten“ wie ein Fanal hinstellte ? Dass das offen bleibt ist eine Stärke, keine Schwäche.

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