Kalifornien, Chile, Nieder-Österreich – man kommt rum …Berlinale 2015, #4

Lage: Es fängt langsam an, zu verschwimmen (…was hab ich gestern gesehen? Hab ich die Tickets für jenen schon? ..und wenn ja, an welchem Tag?) Dennoch keine Spur von Müdigkeit, eher Übermut beim Buchen der Termine.

Highlight des Tages: Trotz Verschlafens es gerade noch zum Haus der Berliner Festspiele geschafft um -wenigstens im Kino- bei den Sessions zu „Pet Sounds“ dabei gewesen zu sein, denn:

Morgens in „Love & Mercy

Brian Williams Lebensgeschichte gibt nun wirklich etwas her. Kann man wirklich etwas falsch machen, wenn man ein Bio-Pic über seine schicksalhaften Jahre macht ? Durchaus, Beispiele von halbgaren Musikfilmen gibt es genug. Bill Pohlad jedoch setzt das ganze liebe- und würdevoll in Szene…auch die abgründigen Seiten. Musikfreunde werden die überzeugend nachgestellten Studio-Sessions zu den Beach Boys Meisterwerken „Pet Sounds“ und „Smile“ wie Süßigkeiten in sich aufsaugen.

Love & Mercy

auf der Suche nach Good Vibrations

Für die Spätgeborenen: Brian Williams stand songschreiberisch Lennon/McCartney in nichts nach – im Gegenteil. Anerkanntermaßen haben seine Kleinode die Beatles erst zu „Sergeant Pepper“ angestachelt. Mitte der 60er wollte der Hauptsongschreiber der Beach Boys die Ewig-Gute-Laune-Musik der Beach Boys zu etwas größerem transzendieren. Seine überbordenden Visionen, seine Manie waren jedoch nicht genug um Abgründen auszuweichen. Die 80er Jahre war er gar in den Fängen eines mehr als zweifelhaften Promi-Therapeuten, der sein komplettes Privatleben steuerte. Erst (ok, kitschig wie manch Beach Boy Song-doch wahr) eine neue Liebe gab ihm Mut und Anlass auszubrechen. Eigentlich zu schön um wahr zu sein.

P.S. So frappant Paul Dano auch dem jungen Wilson ähnelt, so wenig tut es John Cusack dem reiferen ! Seltsame Besetzung.

Mittags in „El boton de nacar

Ein Fall von Überladung. Meinerseits, soll heißen, ich war gegen Mittag nicht sehr aufnahmefähig. Während des Films war mir klar, wie interessant und doch sachlich Regisseur Patricio Guzmann ans Thema ging. Mir wurde aber auch klar, dass a) 4 Filme am Tag vielleicht doch zuviel sind und b) ruhige Filme bei denen ich auf Untertitel angewiesen bin gegen Mittag fatal sind. Ich möchte mir aufgrund einiger Schlummereien kein wirkliches Urteil anmaßen, dennoch: Bemerkenswert, wie hier das Thema unserer Abhängigkeit von „Wasser“ verwoben wurde mit den immer noch unverarbeiteten Greueltaten während des Pinochet-Regimes. Wie ich in der taz übrigens las, fand der Regisseur sein Sujet erst bei der Recherche und beim Drehen – war sich aber dann sicher: dass muss erzählt werden.

Nachmittags in „One & Two

One&Two

Ab und zu ein Flugzeug über ihr. Ansonsten Leben wie bei den Amish.

Interessanter weise hat keiner der Zuschauer im anschließenden Q&A die große Ähnlichkeit zu M.Night Shyamalans „The Village“ erwähnt. Freundlichkeit – oder ist der nach 10 Jahren schon vergessen?
Auch hier lebt die Kleinfamilie in einer umzäunten Enklave in der Natur und bestellt das Land wie vor 200 Jahren. Durchaus interessant, wie sich in diesem 4-Personen-Stück die jugendlichen Geschwister langsam vor allem vom Vater emanzipieren. Denn scheinbar haben sie übernatürliche Fähigkeiten, von denen die Eltern sie -auch durch die Abgeschiedenheit- abhalten wollen. Die Story ist an sich eine schöne Allegorie auf die Abnabelung und das Bewerten eigener Erfahrunen in der Pubertät – der dramatischen Gewalt im dritten Akt hätte es vielleicht gar nicht bedurft. Doch womöglich wollte Regisseur und Autor Andrew Droz Palermo sich nicht allein auf die Eigendynamik verlassen. Außerdem gibt es die eine oder andere Plausibilitäts-Lücken. Zum Glück geht es in der Inszenierung überwiegend voran, sodass es kaum auffällt.

Abends in „Superwelt

Mein Fiasko, wobei es vielleicht mein Lieblingsfilm hätte werden können. Ich möchte hier nicht mit den unablässigen Labereien neben mir langweilen. Nur soviel: das waren womöglich die tumbesten Sitznachbarn, die ich in 9 Berlinale-Jahren erleben, äh, durfte ! Im Nachhinein frage ich mich, wie viel besser ich den Film sonst wohl noch gefunden hätte:

Die Supermarkt-Kassiererin Gabi Kovanda lebt mehr neben als mit ihrem Mann ..nach etlichen Ehejahren hat man es sich eingerichtet im beschaulichen Hinterland, inklusive Grillparties, Einbauküche, Tanzgymnastik und TV-Berieselung. Vom einen auf den anderen Tag ist das allerdings für Gabi vorbei. Ihre Umwelt sieht sie nun teils minutenlang versunken inne halten und später Gespräche führen – ohne sichtbares Gegenüber. Froh ist sie darüber auch nicht gerade. Es kommt zu wirklich aberwitzigen und sehr komischen Ereignissen und Szenen. Hier und da werden vom Regisseur quasi schmunzelnd biblische Motive eingeflochten (Letztes Abendmahl, brennender Busch etc.) Dass es nie ganz klar wird, wer oder was da zu ihr spricht, ist die große Stärke des Filmes denn es lässt -wie Kunst es sollte- Raum für persönliche Interpretation.

Letztenendes gibt was auch immer Gabi da ins Leben gefunkt hat auch ihrem Mann die Gelegenheit, ihre eigene Situation ganz neu zu sehen.

Karl Marcovics‘ „Superwelt“ ist ohne Fehl und Tadel. Realistische und doch amüsante Dialoge, überzeugende Inszenierung und gekonnte Kameraführung. Und ein Glückstreffer im Casting: Sehr früh sei Markovics klar geworden, dass Ulrike Beimpold „Gabi“ ist. Fürwahr.

Superwelt

Wer zu Gott spricht, betet. Zu wem Gott spricht ist…vielleicht doch nicht schizophren?

Nachtrag: bei der Recherche fand ich heraus, dass es zwar erst der 2. Spielfilm von Karl Marcovics ist – er jedoch auch als Schauspieler, z.B. im Oscar-prämierten „Die Fälscher“ agiert hat. Chapeau !

Veröffentlicht unter Berlinale

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