Der zweite Akt eines guten Jahrgangs… Berlinale 2015 #5

Stimmung: gefühlte Mitte, eine gewisse Wehmut macht sich breit, denn eins ist klar: genau so sicher wie nach dem Film das Licht angeht, wird dieses Bohemia irgendwann vorbei sein

Highlight: mein zweiter Favorit für dieses Jahr gleich zu Beginn des Tages:

Mittags in „El Club

Ein Keulenschlag.
Und das obwohl gleich zu Beginn unvermittelt Arvo Pärts „Fratres“ ertönt. Elegie- und Klischee-Alarm ! Doch gemach.

El Club

Sie betrachten das (Dorf-)Leben nur noch aus der Ferne

Letztes Jahr bildete der famose „Calvary“ hier im ZooPalast einen meiner Berlinale-Höhepunkte. Zufälliger Weise heute an gleicher Stelle wieder das Thema Missbrauch im Kirchenamt.

4 Padres, reifes bis Greisen-Alter, leben in einem abgelegenen chilenischen Küstendorf. Die Amtskirche hat sie hierhin vor Jahren auf’s Abstellgleis geschoben, um weiteren Skandalen zu entgehen. Man hat sich eingerichtet, in der Enge in welche sie die strikten Auflagen der Kirche zwingen. Die Ruhe wird gestört, als ein weiterer Padre als Neuzugang kommt – und prompt darauf von einem Landstreicher vor dem Haus lautstark in allen Details der Unzucht bezichtigt wird. Die folgende Kurzschluss-Reaktion, gibt für den Film und das Thema den Ton an. Kurz darauf erscheint zudem noch ein smarter und rätselhafter Kirchen-Supervisor, der beurteilen soll, ob solche Heimstätten geschlossen werden sollen. Unangenehme Fragen. Alle sehen sich seit Jahren zum ersten Mal von neuem konfrontiert und ergehen sich in Ausflüchten, Vergleichen und Rechtfertigungen. Als ihre für Sie kleine heile Welt zu zerbrechen droht, kennt die Niedertracht keine Grenze. Doch mit der Rechnung, die sie präsentiert bekommen, hat keiner von ihnen gerechnet.

Der Widerwillen einer echten Aufarbeitung und die Frage nach der Möglichkeit der Sühne. In letzter Konsequenz -wenn man sich wirklich darauf einlässt- ein ethisches Dilemma, für das es vielleicht keine wirkliche Lösung gibt. Ich weiß gar nicht was ich mehr loben soll: die konsequente Regie, die erschütternd überzeugenden Darsteller, die Bildkomposition welche die Tristesse und die Unausweichlichkeit spiegelt…? Preisverdächtig. Wird mich sehr wundern, wenn es hier keinen Bären geben wird.

Nachmittags in „Prins

Die Generation14-Sektion ist immer wieder für ein paar Geheimtipps gut. Und die Niederlande fehlten auf meiner diesjährigen Landkarte noch.

Ayoub ist eigentlich ein ganz normaler Teen. Hängt mit seinen Kumpeln in der Amsterdamer Vorstadt rum, schwafelt über Mädchen und „Gangstas“ des Viertels. Jede Menge Flausen und der erste Flirt. Er hängt an seinem Vater, der die Familie jedoch aufgrund von Drogensucht verlassen hat. Als er versucht mit dem Mädchen eines Halbstarken anzubandeln, handelt er sich üble Prügel ein. Dies treibt ihn in die Arme eines anderen Tunichtguts des Viertels: Kalpa, der in ganz seltsame Geschäfte verwickelt ist. Ein Abrutschen auf die schiefe Bahn scheint sicher.

Prins

mit so was könnte man natürlich nicht nur die Mädchen beeindrucken

An 80er Sounds erinnernder Soundtrack, humoristische Kabinettstückchen, krumme Touren: Dem jugendlichen Publikum wird einiges geboten, aber auch einiges abverlangt. Nämlich wie unser Protagonist gut von böse zu unterscheiden und sich nicht von Coolness vereinnahmen zu lassen. Erfreulich wie gut Regisseur Sam de Jong den Slalomkurs schafft und weder in Moral-Drama abdriftet, noch Kleinkriminalität marginalisiert. Schlussendlich muss Ayoub als Held der Geschichte einsehen, dass das wichtigste ist: für sich und die Familie einzustehen. Dann winkt auch die Gunst der Herzdame, soviel Klischee darf sein.

Abends in „Queen of earth

Ein Überraschungs-Ticket: Während des Vorverkaufs bemerkte ich -zu Hause angekommen-, dass mir der falsche Film ausgehändigt worden war. Das Thema fand ich nicht uninteressant, jedoch war „Queen of earth“ ziemlich weit hinten auf meiner Wunschliste. Sollte hier das Schicksal seine Hände im Spiel gehabt haben ?

Wenn die allererste Einstellung ein verheultes Gesicht zeigt, das mit einer Person im Off ein bitteres Streitgespräch führt….

Dafür, dass es zum überwiegenden Teil ein Kammerspiel ist, alle Achtung. Den Großteil des Filmes schleichen die selbstbekundeten besten Freundinnen Catherine und Virginia umeinander herum und beschäftigen sich mit: sich. Catherine stand bisher im Schatten ihres übermächtigen Künstler-Vaters (so hören wir, denn der komplette Film spielt in einem Landhaus) – eigene Ambitionen standen hinter der Assistenz für den Vater zurück. Virginia ist ihr langjährige Freundin und aufgrund wohlhabender Eltern ist ihr ein Leben im Müßiggang möglich. Als Catherines Vater stirbt und ihr Freund sie verlässt, wird der alljährliche Besuch im Ferienhaus von Virginia zu einer extensiven, gnadenlosen Abrechnung. Es gibt viel, was sich über die Jahre aufgestaut hat.

Queen of earth

Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. (Oh, das ist auch schon wieder über 20 Jahre her: bitte unter Pedro Almodovar nachschlagen)

Geschickt, manchmal jedoch auch verwirrend, wird der Besuch vom Vorjahr -damals noch mit Boyfriend-quasi als Vorgeschichte zu diesem Showdown eingewoben. Dass ich nach 3 Tagen aber nicht mehr weiß, wie es ausging ist vielleicht nicht nur ein Effekt des vollen Filmprogramms während der Berlinale.

Spätabends in „Bizarre

Ein gestrandeter Loner, der in eine sexuell aufgeladene, abwegige Szene abdriftet. Wenn das kein Sujet ist.

Bizarre

Alles andere als die sprichwörtliche WG

Der Zufall lässt Kim und Betty, Betreiberinnen des Performance-Clubs „Bizarre“ den Streuner und Gelegenheits-Arbeiter Maurice auflesen. Sie sehen in dem verschlossenenem, attraktiven jungen Mann etwas und geben ihm eine bessere Unterkunft als sein hobo-artiges Dasein. Zudem Arbeit als Bar-Gehilfe in ihrem Club, der einer ganzen Heerschaar von abseitigen Performen als Nabelpunkt dient. Burleske, Travestie, Selbstkasteiung… nichts ist hier Fehl am Platz. Dem jungen Mann machen sie schnell klar, dass sie ihn mehr als mögen, er jedoch nie zwischen ihre lesbische Beziehung kommen wird. Dafür verliebt sich langsam Bar“mann“ Luka (wunderbar androgyn) in ihn. Wie auch mit seiner Vergangenheit -aus Frankreich ausgerissen- kann Maurice damit nicht umgehen. Als ihn später ein Angehöriger schließlich in seinem neuen Leben aufspürt, kommt es zur Katastrophe. Doch warum ? So interessant die Charakterzeichnungen auch sind: Der Film lässt zu vieles offen, zu oft müssen wir uns die Motivation der Charaktere selbst erklären.

Vor allem die Szenen, in denen Maurice immer wieder scheinbar ziellos durch die Straßen irrt, wirken vor alllem …ziellos. „Bizarre“ ist nicht ohne Verdienste. Von einer zwingenden Charakter-Studie ist er allerdings weit entfernt. An keiner Stelle können wir auch nur ahnen, was in seinem Protagonisten im Ansatz vorgeht. Das baut zum einen etwas Spannung auf, zum anderen wirken dann Gewalt-Taten gegen Ende des Films nicht mehr plausibel.

Doch wie der Regisseur beim Q&A zugibt, ging es ihm in erster Linie darum, den tatsächlichen „Bizarre“-Club in Brooklyn zu zeigen. Nun ja.

Veröffentlicht unter Berlinale

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