Heiliger Sankt Valentin oder: Berlinale 2016, take3

Das war ja ein schöner Einstieg für den Valentinstag:

Las Plantas (Chile)

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Allein zuhaus

Die 17jährige Florencia betreut ihren im Koma liegenden Bruder in häuslicher Pflege. Die Mutter ist ebenfalls im Krankenhaus, chronisch erkrankt. Aus diesem tristen Alltag sucht sie manchmal auszubrechen, wenn sie mit Freunden Comic-Conventions besucht  oder -von den Jungen in ihrer Clique angestachelt- mit fremden Männern online sex in Aussicht stellt. Aus diesen Streichen ergeben sich bald vorsichtige und bizarre dates im „echten“ Leben. Erst hält sie die fast notgeilen Galane noch hinter der geschlossenen Glas-Haustür. Doch bald wird die Neugier zu groß.

Ich bin ja nicht prüde, aber (Satzkonstruktionen wie diese gehören eigentlich verboten). Ich will ja auch nur zum Ausdruck bringen, dass nach dem immerhin großartigen „Diary of a teenage girl“ im letzten Jahr hier nun schon wieder ein Film in der „Generation14“ Reihe lief, der hierzulande wohl keine Chance auf eine Jugend-Freigabe hätte. Kann mir das mal jemand erklären ?

Okay, alles irgendwie halbwegs story-bezogen: Aber masturbierte Penisse in Nah-Aufnahme, Koitus neben dem im Koma liegenden Bruder…. Vielleicht mache ich mir aber auch nur falsche Illusionen, was die heutige Jugend online und offline treibt.

Als Psychogramm einer jungen Frau, die ihre eigene Sexualität entdeckt, überzeugt der Film nie wirklich. Zumal das titel-gebende Motiv einer Graphic Novel, in der Pflanzen nachts unsere Körper in Besitz nehmen nur halbherzig mit der Handlung verwoben wird. Ein halbbackener Film – der übrigens bis jetzt den Rausgeh-Rekord hält. (Jedenfalls von den von mir gesehenen)

Dafür eine kuriose Aussage des Regisseurs im anschließenden Interview. Das chilenische Fernsehen würde sich nicht an chilenischen Filmen beteiligen. Und wenn es sie kaufen oder mitfinanzieren würde, würde es sie nicht zeigen. Leider wird „Las Plantas“ wohl nichts zur Lösung dises Problems beitragen.

Karla (DDR)

Wenn ich in die Retrospektive gehe, habe ich immer Zweifel: klappt’s diesmal? Spaß beiseite: vorletztes Jahr war hier ein hoch gehandelter indischer Klassiker abhanden gekommen. Das Dilemma: Die Filmdatei (heute ist ja fast alles digitale Projektion) ließ sich damals nicht öffnen und musste neu vom Server geladen werden. Wartezeit: 1 Stunde – ich musste passen und zum nächsten Film. Beides neuzeitliche Probleme.

Das konnte heute nicht passieren, denn „Karla“ war ganz offenbar als Zelluloid-Film vorhanden. Mit allem wenn und aber = Schärfe-Einstellerei des Vorführers, schon leicht angekratzter Vorführ-Kopie, die aufgrund der Körnigkeit wohl auch nicht mehr 1.Generation war (?). Doch dass der Film überhaupt überlebt hat ist ein echter Glücksfall.

Denn im Produktionsjahr 1966 wurde er vom 11.Zentralkommitee der SED verboten, nachdem auch starke Zerstückelungen und Schnitte die Story nicht auf (Partei-)Linientreue bringen konnten. Überhaupt ein schlechtes Jahr für die Kunst in der DDR. Ein noch 1963 initiierter frischer Wind war nun nicht mehr willkommen. Erst 1990 wurde der Film endlich so gut es ging restauriert und in der eigentlich gedachten Version veröffentlicht.

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Diesen Schülern kann man noch den Rücken  zu drehen. Die meinen nicht selbst denken zu dürfen.

Die ambitioniert-frische Karla Blum wird kurz nach dem Staats-Examen für das Lehramt in die ostdeutsche Provinz beordert. Der väterlich-knorrige Rektor Hirte sucht dort nach frischem Blut für seinen Lehrkörper. Die idealistische, ehrlich-offene und lebensfrohe Karla scheint ihm gerade recht zu kommen. Scheint, denn wenn ihm auch Ja-Sager verhasst sind, so ist reibungsloser und partei-treuer Betrieb ihm ebenso wichtig. Karla hingegen ist es wichtig Lernen und eigenes Denken zu lehren – statt bloßes Wissen und Staats-Sichten zu übermittlen. Als sie der angepassten Haltung ihrer Schüler mit Änderungen im Lehrplan begegnet, dauert es nicht lange bis sich Konflikte anbahnen.

Das Skript des großartigen Ulrich Plenzdorf (Die neuen Leiden des Jungen W, Liebling Kreuzberg, Die Legende von Paul und Paula) ist wie eine Geigensaite angespannt. Die Dialoge laufen wie ein Uhrwerk und sind voll von kleinen Seitenhieben und Andeutungen. Besonders die von Karla mit ihrem Geliebtem, dem desillurionierten Journalisten (und mittlerweile Sägewerk-Arbeiter Kaspar) Doch immer mit dem Blick, jenen Staat zu verbessern, vielleicht zu kritisieren – doch nicht zu stürzen. Doch selbst das war wohl schon zuviel. Wo sich die einen zuviel zutrauten, trauten sich die andern gar nichts.

Ein Werk, dass durchaus vergleichbar ist mit  „Spur der Steine“ und „Die Legende von Paul und Paula“. So „richtig“, engagiert und idealistisch der Film auch ist… es muss damals schon sehr viel Idealismus dazu gehört haben, zu glauben dass diese Story damals den Weg ins DDR-Kino gefunden hätte. Doch vielleicht war das ja der große geschichtliche Dilemma: Die, die am meisten hätten gestalten und sich einbringen wollen – hatten den Kopf einzuziehen. Die Revolution fraß ihre Kinder.

Bewegend: Regisseur Hans Zschoche (heute 83) und Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann (Jahrgang 41 und immer noch fast jugendlich wirkend) waren zugegen. Leider gab es kein wirkliches Q&A. Regisseur Zschoche zitierte einige damalige Briefe von Kollegen wie Manfred Krug. Und Jutta Hoffmann erinnerte sich, dass sie 1966 (zum Ärger des Regisseurs) behauptet hätte, es sei gut dass der Film verboten worden wäre – es wäre quasi ein Beweis gewesen, was alles im Argen war.

„Jug-yeo-ju-neun Yeo-ja“ (‚The Bacchus Lady‘, Republik Korea)

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Darf es etwas spezielles sein ?

Die alternde So-Young lebt auf Sparflamme in sehr kleinen Verhältnissen. Lose Freundschaft verbindet sie mit ihren Nachbarn, ihrer herzensguten Transsexuellen Vermieterin und dem Lebenskünstler Do-hoon. Ihr Berufsleben bot nie die Gelegenheit Rücklagen zu bilden, Familienglück wollte sich nicht einstellen. Nicht zuletzt, weil sie ihre mageren Einkünfte hier und da mit sexuellen Dienstleistungen aufbesserte. Nun, im Alter, verdingt sie sich wie viele Altersgenossinnen indem sie im Park das Getränk „Bacchus“ anbietet. Auf Wunsch mit, nun, sexuellen Handreichungen.

Ihre Freier sterben langsam weg (was soll ich hier sprachlich schönfärben) – und alsbald wünscht sich mancher in Armut dahin vegetierende, ob So-Young ihm nicht beim Freitod helfen könnte.

The Bacchus Lady ist alles andere als ein Feel-Good-Movie, doch ein notwendiges und eindringlich gezeichnetes Bild der sich wendenden Alters-Pyramide und die damit grassierende Alters-Armut Südkoreas. Entwicklungen, die uns in Europa – nur vielleicht später und vermindert (?) – ebenfalls blühen können. Die Story-Linie, dass sich So-Young zeitweilig des kleinen Philippino-Jungen Min-ho annehmen muss, ist da fast schon zu viel. Wirft jedoch ein weiteres Bild aus ihrer Vergangenheit auf. Die Szene, in der sie in einem Imbiss einen  koreanisch-amerikanischen Soldaten wieder zu erkennen glaubt, wirkt noch lange nach.

Veröffentlicht unter Allgemein
Ein Kommentar auf “Heiliger Sankt Valentin oder: Berlinale 2016, take3
  1. Martin sagt:

    Deine zusammenfassungen sind echt köstlich, schön geschrieben. Ich wusste gar nicht, dass man auf der Berlinale auch historisches Material vorührt (Karla (DDR)), bekommt man sowas auch ausgeliehen oder frei zugänglich zu sehen?
    Ich hatte gedacht, du schreibst diesmal keinen Blog mehr?
    Ich denke mal, das sind deine Keynotes für später 🙂

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