Berlinale 2016, take4 – oder: Ton-Bild-Schere

Früher oder später schlägt selbst bei dem enthusiastischsten Berlinale-Zuschauer das (nennen wir es mal) Nickerchen-Syndrom zu. Für Momente, manchmal Minuten, selten für halbe Filme dämmert man weg. Gründe hierfür gibt es viele: ein zu großes Tagespensum (>3 Filme), zu wenig Schlaf wegen Spätvorstellung am Vortag, zu große Mahlzeiten die einem im Magen liegen. Manchmal ist es auch eine Kombination. Der plausibelste Grund: langweiliges statt großes Kino war es heute nicht, dass ich gleich beim ersten Film ein paar Szenen nicht mitbekam.

Gleich in den ersten Minuten von

Cartas da  guerra (Portugal) hatte man jedoch so viel Untertitel zu verarbeiten, dass die Frage aufkam…geht das jetzt so weiter ? Leider ja. Dass gleichzeitig englische und deutsche Untertitel nur einzeilig eingeblendet wurden, ließ den Augen keine Ruhe, nur selten hatte man die Chance, die in zeitlos eindrucksvollem Schwarzweiß manchmal schon zu kunstvoll inszenierten Bilder auf sich wirken zu lassen.

1971. Der portugiesische Militär-Arzt Antonio nach Angola in den dortigen Dekolonial-Krieg entsandt. Seine abgöttisch geliebte Frau daheim ist in Erwartung ihres ersten Kindes – Antonio versucht sich mit seiner Situation so gut es geht zu arrangieren und schreibt hochemotionale Briefe.

So romantisch die Brieftexte sind, so schroff ist zeitweilig Gegensatz zu den Kriegsgreueln zu denen sie montiert werden. Fachbegriff Ton-Bild-Schere. Als Stilmittel in ihrer Wirksamkeit durchaus umstritten. Worauf es hier hinaus sollte, darüber könnte man ebenso streiten.

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Postkarten-Ästhetik

Ab und zu erinnerte die Gegenmontage Bild/Ton an Terence Malicks „The Thin Red Line“ ohne dessen Souveränität zu erreichen. Und, wie gesagt, die überwiegende Textlastigkeit, das ungemeine Untertitel Textpensum schafften einen zeitweilig.

Wenn ich dann zugegebenerweise erst auf wikipedia mich über die prä-demokratischen Umstände im damaligen Portugal informieren muss, kann man schon sagen, dass der Film sich zu sehr auf die Poesie der Briefe und Optik denn auf politische Ambivalenz konzentriert – und vieles relevante nicht mal andeutet.

The Lovers and the Despot (Republik Korea) 

Es gibt Stories, die kann man sich nicht ausdenken. Die würden einem als fiktiver Spielfilm nicht abgenommen werden. In diesem Fall handelt es sich jedoch um Nordkorea- und da ticken Uhren als auch Regierung bekanntlich anders. Im Jahre 1978 ließ damalige Kim Jong-il, designierter Nachfolger seines Vaters als nordkoreanischer Machthabers die damals beliebteste südkoreanische Schauspielerin und kurz darauf ihren Ehemann und flamboyanten Regisseur Shin Sang-ok ins kommunistische Bruder-Reich  entführen. Man war schon lange  neidisch auf die Filmerfolge des südkoreanischen Nachbarn – und wurde selbst nie zu irgendwelchen Festivals eingeladen.

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Geliebter Führer, umrahmt von beliebten Schauspielern

Nachdem sich Diktator und entführte Filmschaffende zunächst nicht über den Weg trauten, läutete Shin Song-ok bald mit einer Vielzahl in Rekord-verdächtiger Zeit gedrehten Filmen eine Blütezeit des nordkoreanischen Kinos ein. In der Hauptrolle zumeist Ehefrau Choi Eun-he. „The Lovers and The Despot“ legt das Innenleben dieser bizarren Geschichte offen. In einem Mix aus nachgespielten Szenen und Interviews aller Beteiligten (Kim Yong-Il mal ausgenommen) ist er dabei auch noch ziemlich unterhaltsam. Die nachgespielten Szenen sind durch Super8 Look so gut auf alt getrimmt, dass es gerne hier und da eine Einblendung a la „nachgestellt“ hätte sein dürfen. So läuft der Film Gefahr die Grenze zu echtem Archiv-Material zu vermischen. Es sei drum. Das sonstige Quellenmaterial sind nämlich bloße Tonbandkassetten – und selbst diese wurden unter Lebensgefahr aufgenommen…

La helada negra (Argentinien)

Die junge Alejandra taucht eines Morgens nahe einer Farm im argentinischen Hinterland auf. Die dortigen Bauern sind zwar nicht weltfremd, offenherzige Plaudertaschen allerdings auch nicht. Nach einiger Zögerlichkeit, wird dann zu allererst dem jungen Lucas klar, dass diese Frau etwas Besonderes und eine Bereicherung für sie zu sein scheint: Der Befall der Nutzpflanzen mit dem „schwarzen Frost“ geht, kurz nachdem sie Hand anlegt, zurück. Und auch sonst stellen sich erstaunliche Entwicklungen ein. Bald eilt der selbstbewussten aber verschlossenen Alejandra der Ruf als Heilerin bis zum Nachbardorf voraus – was allerdings nicht ohne Argwohn oder Neid bleibt. Bis zum Ende bleibt allerdings im Dunkeln, was es damit nun genau auf sich hat.

Ansprechend in Szene gesetzt, ist dies allerdings nur eine leichte Enttäuschung. Allein der charismatischen Ailin Salas in der Hauptrolle zuzusehen hat sich gelohnt.

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Die faszinierende Alejandra

Remainder (Großbritannien/Deutschland)

Eine gute Dramaturgie zeichnet aus, dass sie dem Zuschauer in einem guten, aber nicht zu großem Maß voraus ist. Dass die Elemente der Handlung quasi wie eine Spur Brotkrumen ausgelegt werden. In „Remainder“ wird diese Spur sogar immer wieder auf’s spannendste neu arrangiert. Immer wenn man meint, sich etwas zusammen reimen zu können, gibt es neue Einsichten und Blickwinkel. Der Video-Künstler Omer Fast hat mit seinem ersten Spielfilm ein treffliches Werk geschaffen. Ein Film der – anders als so mancher Festivalfilm – geradezu zu mehrfachem Anschauen herausfordert.

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Was ist Kulisse, wer Komparse…und was ist wirklich..wirklich ?

Zur Handlung : Zu Beginn des Filmes lernen wir Tom passender weise ohne jede Einführung kennen. Er ist in der Londoner Innenstadt mit einem Rollkoffer unterwegs…sich immer wieder hektisch umsehend. Dann fällt ihm plötzlich ein großes Objekt auf den Kopf. Als er nach langer Zeit aus dem Koma erwacht, ist seine Erinnerung fast komplett verschwunden. [Zu seinem Vorleben erfahren wir im Verlauf der Geschehnisse kaum mehr als er] Mühsam kämpft er sich ins Leben zurück. Immerhin wird er finanziell kompensiert. Im Laufe der Zeit plagen ihn immer mehr Visionen, die er seinem Vorleben zurechnet und die er kaum von der Realität unterscheiden kann. Er nutzt seinen unerwarteten Reichtum und inszeniert das was er im Kopf hat mit einem Stab von Darstellern, Technikern und immer größeren Kulissen nach. Als er und wir vermuten, dass er der Lösung ganz nahe ist, wendet sich das Blatt nochmal völlig.

Irgendjemandem tritt man in der Filmgeschichte wohl immer auf die Füße. Dafür sind in den letzten 100 Jahren auch bereits zu viele Geschichten erdacht und inszeniert worden. Hier sind es nun Charlie Kaufmans ‚Synecdoche‘ sowie Christopher Nolans ‚Memento‘. Gott sei Dank erfüllte sich meine Befürchtung nicht, dass die Auflösung dieser so faszinierenden Story dieselbe ist wie die von Joel Schumachers „Jacob’s Ladder“ – an den man sich als Filmfan ebenfalls erinnert fühlt.

Das klingt jetzt wie Klipp-Schusterei. Ist jedoch großes Kino mit eigenständigem Charakter. Vielleicht gerade weil man es so schwer in Worte fassen kann. Ansehen !

Im Q&A offenbarte Regisseur Omer Fast übrigens, dass die Umwandlung der noch komplexeren Romanvorlage sehr lange Zeit in Anspruch nahm und nur mit einem riesiger Papier-Wandplaner gelang …den er dann kaum noch in einen Koffer bekam.

Veröffentlicht unter Allgemein

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