Berlinale 2016, take5 -oder: Moralische Konflikte und geistige Störungen

Manchmal läuft es dann wie am Schnürchen. Womit nicht nur der in diesem Jahr mühelose Vorverkauf gemeint ist. Sondern die Tatsache, dass ein als spröde vermuteter Film am Morgen einen hellwach hält. Dafür denkt man dann beim zweiten Film doch noch „..Reiss Du Dich zusammen: da schnarcht schon jemand!“ -um fest zu stellen: das ist man selbst. Der Reihe nach.

Deadweight (Deutschland/Finnland)

Der Containerfrachter-Kapitän Ahti Ikonen ist bei seiner aus Philippinos bestehenden Mannschaft recht beliebt. Der Alltag ist hart, die Terminpläne eng. So kommt es, dass -um einen Termin einzuhalten- er seine dafür nicht ausgebildete Crew zu Ladungsarbeiten kommandiert. Aufgrund eines darauf folgenden Unfalls stirbt ein Crewmitglied. So sehr die Besatzung auch bemüht ist, zur Tagesordnung über zu gehen – um ihre Jobs zu behalten- so stetig wie auch langsam kann Kapitän Ikonen bald mit der Schuld nicht mehr umgehen.

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Das sind so Promo-Fotos, die braucht kein Mensch

Der bewusst quasi-dokumentarische Stil in dem die Bord-Arbeiten dargestellt werden, erdet die Spielszenen. (Nur drei „echte“ Schauspieler kamen zum Einsatz, alle anderen waren tatsächlich Seeleute). Ohne je ins Vordergründige zu treiben, hat der Film genug Zeit das moralische und emotionale Dilemma seines Protagonisten aufzubauen.

Wie Tommi Korpela als Kapitän Ikonen versucht mit seiner Crew fast zum Trotz zu feiern – um kurz darauf beim Karaoke in Nahaufnahme mit den Tränen zu ringen… wird wahrscheinlich die emotionalste Szene sein, die ich dies Jahr auf der Berlinale sehen werde.

Interessanterweise berichtete der Regisseur, dass man weitaus mehr Material geskriptet und auch gedreht hatte, sich jedoch im Schnitt auf den Kern der Story beschränkte. Dies tut der Dramaturgie des Filmes sehr gut. Habe in den letzten Tagen schon so manches mal in anderen Filmen gedacht: 20min weniger hätten es auch getan.

The Road Back (USA)

Kleine Vorgeschichte: Meine Mutter nahm mir schon als Kind das Versprechen ab, Bücher von Erich Maria Remarque zu lesen. Dieser wuchs in derselben Stadt auf wie ich: Osnabrück. Doch das war nicht der Grund. Sein 1928 zum Welterfolg gewordener Roman „Im Westen nichts Neues“ ist eine zeitlose Abhandlung über die Sinnlosigkeit und das Grauen des (ersten Welt-)Krieges sowie den emotionalen Verlust einer ganzen Generation.  Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Remarque verfemt, seine Bücher verbrannt. Auch andere Bücher von ihm verschlang ich, wie: Drei Kameraden, Die Nacht von Lissabon, Schatten im Paradies, Arc de Triomphe. „Der Weg zurück“ zufälliger weise nicht.

Zur Handlung: Jungsoldat Erich kann sich gegen Ende des ersten Weltkrieges zwar noch über den herbei gesehnten Frieden freuen. Doch kurz nach der Rückkehr in seine provinzielle Heimat müssen er und seine Kameraden erkennen, wie entfremdet sie sind. Traumatisiert durch Kriegserlebnisse. Unverstanden von ihren Angehörigen und von der versagenden Staatsgewalt im Stich gelassen. Ein Vakuum, das ins 3.Reich münden sollte… Beeindruckend das Plädoyer bei einer Gerichtsverhandlung als ein Kamerad Erichs wegen Totschlages angeklagt wird. Warum denn sanktioniert sei, im Krieg fremde Menschen abzuknallen – doch unverständlich sein soll, wenn man vom Krieg enthumanisiert im Affekt handelt.

Was die filmischen Qualitäten betrifft: Ein wenig Patina hat das ganze schon. Einige der schauspielerischen Darstellungen sind dem leicht manirierten Schreib-und Schauspielstil der Hollywood 30er zuzuschreiben. Doch James Whale (‚Showboat‘, ‚Frankenstein‘) besaß Geschmack und Geschick genug, die Geschichte überzeugend darzubieten. Allerdings sollte er den Film, den er für seinen besten hielt, zu Lebzeiten nie vollendet sehen.

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Westfront, 1918

Da die Produktionsfirma Universal 1937 nämlich aufgrund der anti-militaristischen Haltung von The Road Back einen Boykott durch  Nazi-Deutschland befürchtete, wurde der Film vor der Veröffentlichung dem Regisseur weggenommen, geradezu verstümmelt und sogar zusätzliche, humoristische Szenen nachgedreht. Whale verließ darauf hin die Universal und erholte sich von diesem Karriere-Knick kaum wieder.

Es geht noch weiter: Autor Remarque hatte sich bei Verkauf der Filmrechte ein Vetorecht ausgehandelt. Als er sah, dass sein Antikriegsroman zu einer belanglosen Schmonzette frisiert worden war, untersagte er den Verleih komplett. Universal gab auf, selbst die „verbesserte“ Fassung kam nie zur Aufführung.

Erst nach Remarques Tod vermachte seine Witwe, Schauspielerin Paulette Goddard die Rechte an die New York University. Martin Scorsese, Absolvent der NYU und überaus an Filmhistorie interessiert brauchte dennoch die glückliche Fügung, dass die fast intakte, verschollen geglaubte Erstversion dort vor einigen Jahren wiedergefunden wurde. Hier und heute war dies in der Tat die Europa-Premiere des Filmes in seiner ton-und bildrestaurierten Originalversion !

Dankbar durfte man vor dem screening dem anwesenden Restaurator für diese kurzweiligen Ausführungen sein, als er dann auch noch ein persönliches Grußwort von Scorsese an uns vorlas. Hat man auch nicht alle Tage.

Übrigens: die Schlussmontage, in der Zeitungs-Schlagzeilen das Wettrüsten der späten 20er und 30er Jahre dokumentierten waren 1937 geradezu prophetisch.

Wenn man glaubt, man hätte auf der Berlinale alles erlebt, dann wird man im Spätfilm -auch noch in seinem eigenen Kiez- eines besseren belehrt und erlebt einen Beinahe-Eklat. Doch zunächst zum Film selbst:

Shepherds and Butchers (Südafrika/USA/Deutschland)

Das verfilmte Gerichtsdrama ist eine vielleicht über strapazierte Genreform. Warum ist sie so beständig, fragt man sich ? Wohl weil und nur dann, wenn die verhandelten Fälle am Kern der conditio humana rütteln. Wie auch hier. Und auch wenn es in der Neuzeit mit „Dead Man Walking“ einen fast definitiven Film gab, der einen aufforderte zur Todesstrafe Stellung zu beziehen. Regisseur Oliver Schmitz hat sich überaus lange privat mit dem Thema aus nächster Nähe beschäftigt und fand vor einigen Jahren diesen Stoff, der auf tatsächlichen Ereignissen beruht.

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Ein Ortstermin der besonderen Art

Auch wenn es -im Krieg, wie auch im Vollzugsdienst- immer noch die persönliche Verantwortung gibt und man nicht alles auf Befehl und Gehorsam schieben kann: Die Zustände, die hier im Südafrika der 80er Jahre beleuchtet werden, „verdienen“ es heraus gestellt zu werden.

Was nun mit dem Eklat auf sich hat: Als der Abspann von „Shepherds & Butchers“ läuft, kommt es vorne rechts im Publikum zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Eine englische Männerstimme beschwert sich  im Noch-Dunkel lautstark und verbitte sich das „Gerede“ seines/seiner Sitznachbar/in und bezichtigt sie des herabwürdigen Laberns über dies ernste Thema. Darauf verlässt von dort im Dunkeln jemand den Saal. Das schien alles zu sein. Während des Q&A mit dem Regisseur bekommt dann offenbar der Zuschauer das Mikro in die Hand,  der so rechtschaffen geschimpft hat. Als er seine Frage versucht zu formulieren, wird allen Anwesenden klar: Den (geistigen) Schaden hat: er! Mit dem Mikro durch die Sitzreihe auf und ab gehend, versucht er -minutenlang schwadronierend- seine ideologische Agenda an den Mann zu bringen…. Dass wir alle gerade einen „mental genocide“ in der  Gesellschaft erlebten. Teile des verbliebenen Publikums verlassen eiligst den Saal, andere versuchen wiederum ihn zum Einhalt zu bringen. Schade, dass das durchaus interessante Interview so zu Ende gehen muss. Die sichtlich überforderten Saalordner waren nicht zu beneiden.

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