Berlinale 2016, take6 ..oder: Schon wieder Elternfreuden

Eigentlich ist man jetzt langsam eingespielt. Schlaf-Wach-Rhythmus festival-angepasst, Ticket-Ergattern like a Boss, Transit zwischen Kinos läuft… Und dann wie jedes Jahr erste Ausfall-Erscheinungen: Welchen Wochentag haben wir heute? Wieviele Filme habe ich heute noch? Was ich heute morgen gesehen habe? Ähhh. Durcheinanderbringen von bereit liegenden Tickets, Stolpern beim Eilen auf den Treppen. Vielleicht ganz gut, dass es „nur“ 10Tage sind jedes Jahr 

Soy Nero (Mexico)

Too young to drink, but old enough to die – diese Sentenz über US-amerikanische Verhältnisse und das dortige Alter für Rekrutieung und Alkohol-Freigabe kennt man bereits. Der junge Mexikaner Nero träumt wie viele Altersgenossen davon, den Weg über eine der bestbewachtesten Grenzen überhaupt zu schaffen: Die, zwischen den USA und Mexiko. Sein Bruder hat es drüben angeblich zu etwas gebracht. Soy träumt davon, sich dort eine Existenz als Automechaniker aufzubauen. Ein erster Versuch scheitert.  Als er beim zweiten Mal zwar die Polizei foppen kann, stellt sich des Bruders Wohlstand allerdings als potemkinsches Dorf heraus. Von ihm ist also keine Unterstützung zu erwarten. Enttäuscht meldet sich Nero freiwillig zur US-Armee – in der Hoffnung so die ersehnte GreenCard zu erhalten (..eine Zeitlang durchaus Praxis). Bald darauf ist am anderen Ende der Welt er es nun, der mit dem Gewehr im Anschlag Ausweise und Einreise kontrolliert.

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Lauf, Nero, lauf

Durchaus satirische Monmente hält der Film des iranisch-stämmigen Regisseurs Rafi Pitts bereit. Das Gespräch, das Nero aufgedrängt wird als er per Anhalter fährt; der Culture Clash, als die eigentlichen Besitzer der Beverly-Hills-Villa eintreffen- die sein Bruder als die eigene ausgab. Der Streit zwischen schwarzen und mexikanischen G.I.s, ob denn nun East oder Westcoast Rap das Ding ist – und welche Ethnie es bringt oder nicht („hey, Taco bender!“)

Wenn auch die soziale Komponente, wie sich Nero und zwei afro-amerikanische Kameraden um ihren Stellenwert in der Gesellschaft kabbeln, etwas bemüht wirkt, so hat der iranisch-stämmige Regisseur Rafi Pitts den Topos Gib-Dein-Leben-auf-für-Deine-Träume interessant in Szene gesetzt. Das Schlussbild ist bitter-staubtrocken: In die Wüste geschickt.

Maggie’s Plan (USA)

Greta Gerwig bezauberte mich und viele andere vor zwei Jahren in dem Berlinale-Überraschungs-Erfolg „Frances Ha“. Mittlerweile ist sie so etwas wie das it-girl des amerikanischen Indie-Kinos. Hier spielt sie mit dem ihr immer anwohnendem kauzigen Charme die Dozentin Maggie, die sich in den Kopf gesetzt hat ein Kind qua Samenspende ganz ohne Vater aufzuziehen. Außer Sehnsucht auf Mutterfreuden treiben sie rein praktische Erkenntnisse: „Die Zeit ist für mich einfach reif“ „Keine meiner Beziehungen hielt mehr als ein halbes Jahr“.

Designierter Spender ist ein entfernter College-Bekannter. Doch Dozenten-Kollege und aufstrebender Autor John (Ethan Hawke) der es in seiner Ehe nicht mehr aushält, gesteht Maggie kurz vor dem Befruchtungstermin seine Liebe. Was folgt ist genretypisch klar.

Kaum vorhersehbar ist dann für alle Beteiligten der neuen Patchwork-Familie, dass das Glück sich nicht erzwingen lässt – und manche Träume beim Realisieren zeigen, dass sie keine sind. Bald darauf schmiedet Maggie mit Johns exaltierter Exfrau Georgette (Julianne Moore mit herrlich passendem Haar-Dutt) einen unkonventionellen Plan.

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Du, Du, Du ! – Ich ? Ich ??

Regisseurin Rebecca Miller muss nun einmal akzeptieren, dass Vergleiche zu Woody Allen allerorten heran gezogen werden. Fast-neurotische Charaktere und spitzfindige, von bonmots überbordende Dialoge. Wer -wie ich- will,  findet außerdem  Motive aus John-Irving-Romanen: individualistische und unkonventionelle Protagonisten, die zumeist Autoren sind (wie in „Garp und wie er die Welt sah“), sowie bizarre Disziplinen: fikto-kritische Anthropologie.

Maya Rudolph und Bill Hader (beide ex-Saturday-Night-Live) veredeln in Nebenrollen mit zurück genommen komödiantischem Timing den Cast.

Ähnlichkeiten in Setting und Tonfall sind also beachtlich. Meine Vermutung: Rebecca Miller wird das akzeptiert haben. Denn als Stilmittel um die Kernfragen des Skripts an den Mann und die Frau zu bringen, bedarf es schon einem Maß an Unterhaltungskino – das der Film aber nur vordergründig bedient.

Manche Wendungen sieht man zwar von weitem voraus. Auf den ersten Blick rein unterhaltendes Satire-Kino. Doch wie hier Lebens- und Partnerschafts-Entwürfe, die offensichtlich nicht funktionieren, auf den Kopf gestellt, hat einen entwaffnenden Charme: Wie will ich eigentlich leben? Mit wem wie lange? Warum sind wie (noch) zusammen – und Du nicht mit ihr? Das sind Fragen, auf die heutige Generationen halt ganz andere Antworten finden als ihre Eltern oder Großeltern.

Shelley (Dänemark)

Kasper und Louise leben ein zurückgezogenes Leben in einem Waldhaus nahe der See. Ohne Strom und fließendes Wasser, versuchen sie einen Ansatz „zurück zur Natur“. Die rumänisch-stämmige Elena haben sie als Haushalts-Hilfe engagiert. Eva möchte ein ähnlich gutes Leben wie die Beiden – und spart das vergleichsweise fürstliche dänische Gehalt für die Familie daheim.

Als man eine Hausgemeinschaft geworden ist, willigt Eva sogar ein, den beiden bisher Kinderlosen Leihmutter zu sein. Allerdings werfen schon bald mysteriöse Ereignisse einen Schatten auf das kommende Familienglück: Von unerklärlichen Blutspuren am Körper, toten Nutztieren bis zu Nachtwandeln. Eva baut immer mehr ab und ist bald panisch gegenüber ihre Leibesfrucht. Als das Kind dann endlich unter katastrophalen Umständen zur Welt gekommen ist, bestätigen sich kurz darauf für Vater Kasper die Vorahnungen.

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Leihmutterschaft der unheimlichen Art

Wem man hier, wie ich es vorgestern nannte, mit so einer Story auf den Füßen steht, ist natürlich „Das Omen“ und „Rosemarys Baby“. Regisseur Ali Abbassi stellte im Anschluss des Filmes heraus, dass es ihm darum ging das so genannte Böse nicht wie in anderen Filmen als externes Wesen zu symbolisieren oder mit monströsen Schaueffekten zu externalisieren: Das Böse, das kommt auch und vor allem durch uns Menschen in die Welt. Assari setzt hier fast meisterhaft weniger auf  jump-scares als auf Bildgestaltung, Beleuchtung, Sound-Design, teils überwältigende Musik – und nicht zuletzt eine hoch-charismatische Hauptdarstellerin, um  schauerliche Momente zu kreieren. Schaudern, das nachwirkt.

Dass hier nebenbei auch das Thema soziale Ausbeutung angeschnitten wurde, mag man als Zugabe betrachten.

The End (Frankreich)

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Ist sie es, deren Schreie er vorher hörte ?

Es ist schon ungewöhnlich die Worte THE END im Vorspann zu lesen. Ebenso provokant, wie eine Kneipe „Heute geschlossen“ zu nennen? Spaß beiseite:

Wenn man sich von dem Schock erholt hat, gleich zu Anfang Gerard Depardieu in voller Leibesfülle fast nackt beim Aufstehen zu sehen, entbreitet sich ein ungewöhnlicher Film – welcher das Publikum jedoch durchaus spaltete. Walk-Outs gab es allerdings so gut wie keine.

Depardieu stellt in dem nahezu 1-Personen-Drama einen alternden Mann dar, der morgens zu einem Jagdausflug aufbricht. Als er zuerst seine Hund aus den Augen und später die Orientierung im Wald verliert, ist er zunächst nur frustriert bis aufgebracht. Doch nach und nach verliert er komplett die Kontrolle.

Seine Gewehr verschwindet, kein Handy-Empfang und nichts, aber auch gar nichts erinnert ihn an die ihm bekannte Umgebung. Entfernte Schreie sind zu hören. Sein Handy klingelt, doch es ist niemand dran – nur das Echo seiner eigenen zornigen Rufe. Stunden werden zu Tagen, der Proviant ist aufgebraucht, die Hoffnung schwindet. Als er sich schon fast aufgegeben hat, steht auf einmal ein wortkarger, wenig hilfreicher junger Mann vor ihm. Der ihm allerdings nur ausweichende Antworten gibt und ihn nach Kurzem im Stich lässt.

In der zweiten Lagerfeuer-Nacht erscheint auf einmal eine nackte Frau, die so gut wie kein Wort spricht. Er (einen Namen bekommt seine Figur im ganzen Film nicht) nimmt sich ihrer so gut es geht ihrer an. Als die beiden später doch noch Hilfe bekommen, hat die Geschichte scheinbar ihr Ziel erreicht. Doch hat Regisseur Guillaume Nicloux noch eine ganz andere Wendung parat.

Die mag man nun für plausibel oder nicht halten. Doch der Spannungsaufbau, der allmähliche mentale Verfall, den Depardieu (er ist immer noch ein Ereignis) darstellt –  und wie der Wald hier quasi Darsteller wird, das ist über die gesamte Länge faszinierend. 

Vor ein paar Jahren war es Martina Gedeck, die im österreichischen Beitrag „Die Wand“ ein entfernt verwandtes Schicksal ereilte.

Ich vermute, dass es die letzten Szenen des Films sind, die beim Publikum für Befremden sorgten. Vor ein paar Jahren war es Martina Gedeck, die im österreichischen Film „Die Wand“ ein entfernt verwandtes Schicksal ereilte. „Die Wand“ kam mit einem sehr offenen Ende aus. Nicloux ist hier direkter, noch düsterer. So mag sich mancher um das Mitfiebern am Schicksal des Protagonisten betrogen fühlen. Applaus gab es hier am Schluss nur vereinzelt, von mir jedoch vollen Herzens.

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