Berlinale 2016, take7 – oder: ..“what did the end meant“, bzw. The Return of Trillerpfeife

Kleiner Tip für die Fragestunde nach dem Screening: Zeit zu gehen wird es, wenn Zuschauer so sinnlose Fragen stellen wie in der Überschrift. Doch ich musste los und der Regisseur Axel Anwandter hatte schon von sich sehr interessantes ausgeführt. Ansonsten:  Er war wieder da. Der Troll der Spätvorstellung, siehe am Ende von  Take 5. Sein gelber Anorak macht ihn aber auch zu gut erkennbar. Diesmal warnte ich die Security im Kino International vor. Da es allerdings kein Q&A geben sollte, war diese Gefahr schon einmal gebannt. Dennoch brachte er -als das Szenengelächter ihm wohl zu viel wurde- seine Trillerpfeife wieder zum Einsatz. Doch das kam erst am Ende des Tages, los ging es mit einer anderen leider wahren Geschichte:

Já, Olga Hepnerova /I, Olga Hepnerova (Tschechien, Polen, Slowakei, Frankreich)

Die mit sich selbst und ihrer Umwelt im Clinch liegende Olga fühlt sich zeitlebens wie ein Fremdkörper. Konflikte, Anecken, Übergriffe ziehen sich durch ihre Kindheit und Jugend. Sie kann es nicht erwarten, das verhasste Elternhaus zu verlassen um sich als Lastwagen-Fahrerin selbst durchzuschlagen. Durchschlagen, weil sie sich auch in der Firma kaum Freunde macht mit ihrer schroffen und selbstgerechten Art. Dass hinter ihren sozialen Defiziten mehr stecken könnte, dafür ist im tschechischen Sozialismus kein Platz. Einzig eine Liebschaft zu einer Kollegin bringt etwas Licht in Olgas Leben. Doch nicht von Dauer, denn die lebt fast bürgerlich  -wenn auch verdeckt da…CSSR der 70er- mit einer Frau und Kind zusammen und weist Olga ab als sie ihr zu Nahe kommt. Nach weiteren Enttäuschungen kommt es zu einem kalten Amoklauf. Olga überfährt bewusst Passanten, da sie sich eine Hinrichtung geradezu wünscht und damit ein Fanal setzen will dafür, was aus ihr aufgrund der Behandlung anderer aus ihr geworden ist.

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Die Angeklagte klagt an

Wenn ich hier also den Film quasi komplett erzählt habe, so ist es doch nicht das was sonder das wie welches zählt. In kontrast-armem Schwarz-Weiß wird hier überzeugend, geduldig und nahezu sachlich das Bild einer auf Funktion und Konformität gepolten Gesellschaft gezeichnet. Olga und die Welt der sie sich gegenüber sieht: Kälte auf beiden Seiten.

Der Film leistet sich uns nicht alle Details zur Vor- und Krankengeschichte von Olga schlüssig darzubringen. Doch auch so wird klar, dass mit dieser jungen Frau nicht nur „etwas nicht stimmte“, sondern dass sie massive psychologische Probleme hatte. Bis zur kühlen, emotionslosen Schlusseinstellung zeigt „Já, Olga Hepnerova“ eine gegenüber Außenseitern indifferente Gesellschaft.

Die Russen kommen (DDR)

Der Jugendliche Günther lebt in einer Kleinstadt nahe der Ostsee. In den letzten Tagen des 2.Weltkrieges glaubt dort kaum noch jemand an den Sieg. Günther ist jedoch nicht bereit, seine über die Kindheit entwickelten Ideale aufzugeben. Er bekommt für seine Hilfe bei der Verfolgung (und in-Folge-Erschießung) eines Zwangsarbeiters das Eiserne Kreuz. Auch wenn ihn bald darauf Schuldgefühle plagen, zieht er Tage vor der Invasion seiner Heimat freudig in das was seinerzeit „Volkssturm“ genannt wurde: Kinder, Alte, Versehrte und Veteranen wurden als Kanonenfutter dem nahenden Feind entgegen geschickt.

Nach nur einem Scharmützel ist -auch für Günther- der Krieg aus – die Russen sind in der Stadt. Auch wenn sich diese menschlicher als von allen erwartet zeigen, muss er feststellen, dass er alt genug ist, von den Siegern verhaftet und zur Verantwortung gezogen zu werden.

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Zweiter Feindkontakt

Auch dies ein Film, der 1968 noch vor Veröffentlichung verboten wurde. Nicht nur wegen des Titels (Erinnerung an das gewaltsame Ende des Prager Frühlings). Sondern: Ein antifaschistischer Film ohne antifaschistischen (kommunistischen) Helden – das war seinerzeit undenkbar. Man beanspruchte quasi alleiniges Anrecht auf die Bezwingung des Nationalsozialismus. Und im Gegenteil wurde hier gezeigt, dass die unter den nunmehr Erwachsenen im 3.Reich auch ostdeutsche Mitläufer waren.

Nachdem die Originalversion des Filmes verschwand, montierte Regisseur Heiner Carow (Die Legende von Paul und Paula) 1971 Teile seines Materials als Rückblende in einen themen-verwandten Film, der in seinem agitierenden Ton der DDR-Führung zu gefallen wusste – den Carow jedoch später am liebsten aus seinen Werken getilgt gesehen hätte. Bereits 1987 -also noch vor der friedlichen Revolution- kam dann der ursprüngliche Film doch noch zur Aufführung. Eine Arbeitskopie des Originals (welche seine Witwe und Cutterin Evelyn Carow aufbewahrt hatte) war hervor geholt worden… mit deutlichen Schwächen in der Bildqualität.

Eine wieder entdeckte hochwertige Kopie der 1971-Version wurde nunmehr in den letzten 2 Jahren quasi mit dem Original gespleisst und digital überarbeitet. Lange Geschichte. Und ich hätte gewünscht, dass ich von einem Meisterwerk berichten kann. Doch wirkten szenische und bildliche Umsetzung etwas bemüht und zu sehr an expressionistischen Vorbildern jener Zeit orientiert. Somit ist die Existenz des Filmes etwas bemerkenswerter als seine Qualität.

Nunca vas estar solo /You’ll never be alone (Chile)

Der chilenische Student Pablo wohnt noch bei seinem Vater Juan. Der ist zu sehr mit der Prokura einer Fabrik die er leitet beschäftigt, als dass er merkt wie sein Sohn sich entwickelt. Man lebt liebevoll aneinander vorbei, Pablos aufkeimende Homosexualität Tendenzen übersieht er. Dafür ereifern sich einige der Nachbars-Halbstarken an dem jungen Mann, der nicht immer das Make-Up komplett entfernt.  Auf dem Weg zu einer Verabredung lauert man ihm dann auf und prügelt ihn auf menschenverachtende Weise fast zu Tode. Koma.

Dramaturgisch ungewöhnlich, wechselt die Erzählperspektive nach diesem Attentat komplett auf Pablos Vaters Juan. Vermutet man in den ersten 30Minuten noch konventionelles, hoffentlich gutes coming-of-age Drama, befürchtet (hofft?) man nun auf den Ein-Mann-sieht-Rot-Trip. Doch Autor und Regisseur Axel Anwandter geht es nicht um Rache oder Bestrafung. Wenn überhaupt, so lässt er Vater Juan vor allem mit seinen eigenen Versäumnissen hadern. Seine Situation scheint ausweglos: Die Krankenhaus-Rechnungen sind dabei ihn zu ruinieren, die Justiz zeigt sich unfähig oder unwillig die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Als er sein Leben betrachtet hat, macht er einen dramatischen Schritt.

Wie Sergio Hernández diesen Mann am Rande des Verzweifelns spielt, wie er Stadien einer längst fälligen Entwicklung darstellt: das hätte einen silbernen Bären verdient. Wenn der Film denn im Wettbewerb und nicht in der Genre-Wundertüte „Panorama“ liefe. Sehr erfreulich, dass

Im Q&A versichert uns Regisseur Anwandter, dass diese auf Tatsachen beruhende Story leider nur die Spitze des Eisbergs ist. Die durch und durch patriarchalische chilenische Gesellschaft dort Homosexualität ab und gesteht z.B. auch vergewaltigten Frauen keine Abtreibungen zu. Das Publikum musste hören, dass man auf der Straße verprügelt werden kann wenn man nur „so aussieht“, selbst Händchen-Halten sei für gleichgeschlechtliche Paare undenkbar.

Des nouvelles de planetes mars (Frankreich, Belgien)

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Was er mit einem Hackebeil anrichten kann, hat Philippes Kollege bereits gezeigt

Philippe Mars ist eigentlich für die Welt zu gut. Er lässt seine Ex-Frau die gemeinsamen Kinder unangemeldet abzuladen. Als IT-Programmierer greift er auf Wunsch seines Chefs dem labilen Kollegen unter die Arme. Als dieser ihm bei einem Fast-Amoklauf fast das halbe Ohr abschneidet, kurz darauf aus der Psychiatrie entspringt – lässt er sich auch von ihm auch noch bequatschen ein paar Tage Asyl zu gewähren. Seine streberhafte Tochte (die den Vater für einen Loser hält) verzweifelt fast, sein etwas tüdeliger jüngerer Sohn ist zu sehr beschäftigt für den von ihm entdeckten Vegetarismus zu kämpfen. Jetzt muss ich nur noch erwähnen, dass Sohn und Psycho-Ex-Kollege bald gemeinsame Pläne schmieden, dass Philippes exaltierte Künstler-Schwester ihren nervenden Hund bei ihm abgibt …und ihm immer öfter seine verstorbenen Eltern mit verschmitzten Kommentaren im Traum erscheinen.

So weit, so unglaubwürdig. Ein großes Verdienst des Filmes ist, dass er die Possen so unterhaltsam aufbaut, dass wir mitgehen und eher mit Philippe mitfühlen als die Farce in Frage zu stellen. Philippe hat noch viel zu erdulden – und zu lernen, dass es auch mal ok ist auszurasten und auszubrechen. Er und all die anderen Figuren sind keine bloßen Lachnummern, sondern Prototypen unserer aller alltäglichen Idiotien und Unzulänglichkeiten. Die reichlich vorhandene Komik ist nie Selbstzweck, sondern hilft, dies sich einzugestehen. Mit dem Wort von Improtheater-Papst Del Close: „Truth in Comedy“. Wird dies mein diesjähriger Favorit sein ?

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