Berlinale 2016, take8 – oder: erst gute Ganoven, dann schlechte Cops

Wenn es bei „meinen“ Filme dies Jahr ein wieder kehrendes Thema gibt, dann die Schwierigkeit ein gutes Ende hinzulegen. Bei mindestens der Hälfte der Filme hatte ich das Gefühl, der Regisseur, der Editor, oder beide wären unschlüssig gewesen, ob die Story zu Ende erzählt sei. Immer wieder scheinbar angehängte Szenen oder gar Handlungsstränge nach sekundenlang schwarzer Leinwand. Oder aber zu lange gehaltene Schlusseinstellungen – bei denen man sich denkt: und? und ?kommt noch was? Dann Abblende. Aha. Eine scheinbar schwierige Disziplin, etwas geschickt zu Ende zu bringen. Und gleichsam ist auch der Berlinale-Fan darauf bedacht, an den letzten Tagen besonders gute Filme zu buchen oder zumindest das Risiko auf komplette Fehlgriffe zu vermeiden. Mit Dokumentarfilmen hatte ich bisher immer ein gutes Händchen: 

Zero Days (USA)

Albert Einstein soll ja gesagt haben, er wüsste nicht, mit welchen Waffen der 3.Weltkrieg geführt würde. Der 4. allerdings mit Stöcken und Steinen.

Im Jahre 2010 wurde ein bis dahin beispiellos ausgefeilter Computer-Wurm entdeckt, der Sicherheits-Experten vor massive Rätsel stellte. Getauft wurde er von den Entdeckern auf „Stuxnet“, es gab erste Vermutungen , doch sein Ziel und seine Urheber blieben lange unbkannt. Nur dass er mit seinen weitreichenden und verdeckten Fähigkeiten ein potentielles Risiko von bisher nicht gekanntem Ausmaß darstellte – in den falschen Händen. (Doch wer hat die richtigen?) Nach einiger Zeit war  New-York-Times Journalist David Sanger einer der ersten der aussprach, dass eine Verbindung zu amerikanischen sowie israelischen Geheimdiensten wahrscheinlich ist – sowie dem damaligen iranischen Atomforschungs-Programm herzustellen.

Es ist ein Verdienst des bereits Oscar-prämierten Regisseurs Alex Gibney, dass die komplexe und teils recht theoretische Materie so dargebracht wird über fast zwei Stunden fesseln kann. Dass dazu zu anschaulichen Computersimulationen Simulationen und auch zu spannungstreibender Musik gegriffen wird ist mehr als verzeihlich. Übrigens: bei dem Level an Verschwiegenheit, das Gibney entgegen kam, scheint es mehr als erstaunlich, dass er am Ball geblieben ist. Wie ich heute las, war sein Vortrag über Interview-Techniken hier auf der Berlinale ebenso packend.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen: die NSA-Quelle, die Computer-verfremdet so bereitwillig Auskunft gibt – wird am Ende als Schauspielerin entlarft, welche die echten Aussagen von unerkannt bleibenden NSA Mitarbeitern wieder gibt. Denn so sehr sich diese auch Sorgen machen, um die eigene Sicherheitheit sind sie (siehe Snowden) bedacht. Zitat eines Rechercheurs bei Symantec, der den Code mit zuerst unter die Augen nahm: „Wir sagten uns gegenseitig: wenn ich nächste Woche verschwunden sein sollte …ich hege keine Selbstmordgedanken“. Schöne neue Welt.

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Quellen, die unkenntlich gemacht werden müssen

Wenn man sich auch nicht ganz so im freien Fall fühlt wie damals bei den Snowden-Enthüllungen:  Die Welt, die Alex Gibney hier beschreibt hat ganz neue weitreichende Risiken. Man sei immer noch „drin“, so die NSA-Informanten – in der iranischen Infrastruktur… mit einem Programm, dass noch weitaus weitreichender und gefährlicher als ‚Stuxnet‘ sei. Doch auch der Iran habe mittlerweile eine der bestausgerüsteten „Cyber-Armeen“ – und seine Fähigkeiten bereits in Form von Wirtschafts-Sabotage z.B. amerikanischer Banken unter Beweis gestellt. Letztes Zitat: „Wenn Kraftwerke, Krankenhäuser, Wasserversorgung ausgeschaltet werden …die gehen nicht einfach wieder an wie eine Glühlampe!“ Wohl auch deshalb griff keiner der Kontrahenten bisher zu diesen Mitteln. In ferner Zukunft wird man dieses Patt wohl mit dem Atom-Szenario der 70er und 80er vergleichen.

Les premiers, les derniers (The First, the Last, Frankreich/Belgien)

Die Handlung detailliert nachzuerzählen, nähme dem zukünftigen Zuschauer den Charme dieses Filmes und seine Mischung aus zunächst unheilvollem Drama, dann Krimi-Komik selbst zu entdecken. Wer hier nur finster aussieht -aber das Herz am richtigen Fleck hat- und wer die echten Arschlöcher sind wird auch so nach und nach klar. Nur soviel: es geht um ein Smartphone mit brisantem Videomaterial, das eigentlich von zwei Handlangern. Aus unerfindlichen Gründen ist das Handy im Besitz eines scheinbar aus der Psychiatrie ausgebüxten (wie gestern!) Liebespaares, welches auf einer Odyssee durch die französische Provinz ist. Konflikte mit der Landbevölkerung und ansässiger Halbwelt sind garantiert.

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Sie ahnen am wenigsten, in welcher Gefahr sie sind

Es gibt auf’s Maul, Schüsse fallen natürlich auch, es wird sich zwischen persönlichen Sinnkrisen verliebt… Ein Panoptikum an Charakteren und ein trockener Humor, der hierzulande an Detlef Buck (‚Wir können auch anders‘) und anderswo an Tarantino erinnern. Angenehmerweise ohne dessen popkulturelle Dialog-Diskurse. Hier ist alles im Dienst der schrägen, aber glaubhaften Story und der Beziehungen der Charaktere zueinander. Sie müssen sich entscheiden, tragen Konsequenzen und entwickeln sich.

War on everyone (Großbritannien)

Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Nicht zuletzt setzte ich auf den Regisseur: Wenn ich bedenke, dass mich John Michael McDonagh hier (zufällig im gleichen Kino) vor zwei Jahren mit „Calvary“ zutiefst bewegt hat, könnte ich vor Wut aufheulen bei diesem Streifen (Spielfilm kann ich das nicht nennen) Das kann doch nicht sein Ernst sein!  Denn wenn dies hier eine Satire sein soll, kapiere ich sie nicht.

Gleich zu Beginn, der Film läuft noch keine 30Sekunden, rast ein  Straßenkreuzer zu coolen Funk-Rhythmen auf einen flüchtigen Pantomimen zu – und der Beifahrer sagt „Ich hab mich immer gefragt, ob Pantomimen ein Geräusch machen, wenn man sie anfährt..“ Sekunden später wissen wir das. Schöne Handlungseinführung. Besser wird es nicht, nur noch schlimmer, gewollt lässiger. Gewalt-Exzesse gern mit cooler Musik unterlegt.

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Ich stelle mir vor, das ist auch der Finger den der Regisseur uns hier zeigt

Es scheint, als sollte ein Rekord gebrochen werden, wieviele Moralvorstellungen man die Anti-Helden in kürzester Zeit mit maximal schlechtem Geschmack brechen lassen kann. Klischees (Schwule, Adlige, Ethnien) und frauenverachtende Sprüche gibts gratis als Zugabe. Einige Szenen sind so überdreht, als hätte man einen Cartoon realverfilmt.

Ich werde den Film nicht adeln, in dem ich eine Inhaltsangabe mache: Es gibt nichts zu analysieren. Im Mittelpunkt stehen zwei lässig-coole „dirty cops“, jede Menge Klein- und Großkriminelle, Drogendeals … Alles schon zur Genüge und viel überzeugender bei Guy Ritchie und Quentin Tarantino gesehen. Wie es so ein Gequirle ins Berlinale-Programm schafft ist ein Rätsel. Und angesichts der seit Jahren schwelenden Kritik an US-amerikanischer Polizeigewalt, kann man diesen Stoff schon als Schlag ins Gesicht betrachten.

Gerade habe ich mir die Aufzeichung der Pressekonferenz angesehen. Ich hoffte auf irgendeine Erklärung… doch bezeichnenderweise glänzte der Regisseur mit Abwesenheit. Dafür gaben die Hauptdarsteller muntere und unbedarfte Anekdoten von sich. Die kommen halt aus ihren vertraglichen Promotion-Verpflichtungen nicht heraus. Die Journalisten machten das Spiel mit banalen Fragen gerne mit – und die einzige kritische Anmerkung eines Reporters wurde geflissentlich überhört. So spielt halt jeder seine Rolle.

Das Publikum ging wohl mit, erfreute sich und lachte auch; interessant wie einfach es ist bei den Leuten auf die richtigen Knöpfe zu drücken. Nur dass hier quasi mit Boxhandschuhen auf einer Klaviatur rumgedroschen wurde.

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