Berlinale 2017 – Tag 3: Ein Ehedrama der lehrreichen Art

1984 (Großbritannien 1955, Regie: Michael Anderson)

George Orwells Roman über den ultimativen Überwachungs-Staat, in dem Macht und die Ausübung von Kontrolle zum Selbstzweck geworden sind und das Individuum ein Nichts ist, wurde zum Klassiker der Weltliteratur. (Wenn Freunde und Gattin auch behaupten, „Animal Farm“ wäre noch besser.)

Das ist keine Pegida Demo

Die Story des Mitläufers Winston, in dem die Ablehnung gegen das System brodelt und der sich in die ebenfalls im Ministerium arbeitende Julia verliebt, wurde bereits 1954 filmisch umgesetzt. Der Regisseur verzichtete auf melodramatischen Schmonzes und setzt das ganze überzeugend in Szene. Natürlich kann der Film das Feeling seiner Produktionszeit der fünfziger Jahre nicht leugnen, doch darstellerische Leistungen, Dialoge, Dramaturgie …alles überzeugt hier frappant. Ich kann mich nicht mehr recht an die Verfilmung mit John Hurt und Richard Burton im Jubiläumsjahr 1984 erinnern – besser haben sie es seinerzeit auch nicht hinbekommen.

Newton (Indien, Regie: Amit V. Masurkar)

Der titelgebende junge Studienabsolvent und Verwaltungsangestellte Newton ist auf den ersten Blick ein Pedant. Je weiter die Geschichte sich ausbreitet, desto mehr erkennen wir aber auch: Idealisten haben es nicht leicht. Er lehnt z.B. das Ehe-Arrangement ab, das seine Eltern für ihn ausgeknobelt haben („Denk nur, Du bist Beamter, ihr Vater ist Bauunternehmer!“) …denn seine Angedachte ist minderjährig. Kurz darauf volontiert er, bei den anstehenden indischen Parlaments-Wahlen als Wahlhelfer ins indische Hinterland zu reisen. Dort, wo kleine Stämme in Abgeschiedenheit leben – und maoistische Revoluzzer die Kontrolle anstreben. Schon bei der Begegnung mit seiner militärischen Schutzeinheit und seinem nicht so ganz prinzipienfestem Stab, kommt es zu ersten Reibereien.  Die Reise ins dschungelhafte Outback ist durchzogen von aberwitzigen Situationen und Querelen zwischen Newton und – eigentlich jedem. Doch am Ende ist es auch seiner Prinzipientreue zu verdanken, dass -wenn auch nur 39 von 76 Einwohnern- wohl zum ersten Mal so gewählt haben, wie es einer Demokratie würdig ist.

Wahlhelfer mit Stahlhelm

Die sehr unterhaltsame Geschichte ist voll mit originellen Charakteren. Wenn wir lachen, so lachen wir sie nicht aus, sondern darüber dass sie nicht aus ihrer Haut können. Der kauzige kurz vor dem Ruhestand stehende Kollege Newtons, der toughe, aber auch gewitzte Militäroffizier, die Eltern Newtons, die nur halb in der Moderne angekommen sind. Die Regisseur Masurkar gab zu, die komplexe Handlung mit jeder Menge Komik gewürzt zu haben, da er zurecht vermutete dass der Stoff so besser zu präsentieren  wäre. Dass er seine ersten Sporen als Sketch-Comedy Autor erworben hatte, half ihm da. Nebenbei bemerkte er noch, dass in Indien Zensur durchaus in den Filmschnitt (wenn auch nicht bei ihm) eingreifen würde.

Ikarie XB-1 (Tschechoslowakei 1963, Regie: Jindřich Polák)

Ich verbringe dies Jahr ziemlich viel Zeit in der Retrospektive. Nicht nur weil das Hauptprogramm subjektiv etwas zu wünschen übrig ließ. Sondern weil ich in meiner Jugend ein Riesen-Science-Fiction Nerd war. Selige Zeiten, als in der ARD Samstags spätabends Filmreihen mir Barbarella, Soylent Green (hier auch im Programm), Andromeda Faktor etc. näher brachten. „Ikarie XB-1“ hatte es -vielleicht auch wegen der politischen Situation damals- nicht ins Fernsehen geschafft.

Im Jahr 2163. Ein komplexes Team von gut zwei Dutzend Wissenschaftlern macht sich auf eine auf Jahrzehnte angelegte Raumexpedition zum Sternbild Alpha Centauri. Dort vermutet man einen erdähnlichen Planeten. Unterwegs darf etwas Systemkritik nicht fehlen: Man stößt auf ien  havariertes Raumschiff des Jahres 1987 mit offensichtlich in seiner westlichen Dekadenz tragisch verunglückter Besatzung.

Auf dem weiteren Verlauf der Reise kommt dann noch eine rätselhaft eingeschleppte Krankheit und ein rätselhafter Dunkler Stern mit gefährlicher Strahlung in die Quere. Teils recht kluge, quasi-philosophische Dialoge zwischen den Astronauten, Außenbord-Missionen, Notsituationen aufgrund menschlichen Versagens: alles solide in Szene gesetzt. Drei Jahre, bevor Captain Kirks Raumschiff Enterprise und Dietmar Schönherrs als ebenso faszinierendem  Commander McLane mit seinem Raumschiff Orion. Solch einen Nimbus hatte der Film in der Erwachsenheit seiner Genre-Behandlung wie auch in seinen beeindruckenden Kulissen und Gesamt-Design, dass selbst Stanley Kubrick ihn für Recherchen zu 2001- Odyssee im Weltall heran zog.

Ich muss hier zu geben, dass es aufgrund Minutenschlaf meinerseits (9Fillme in 2Tagen) nicht nur an der etwas eigenwilligen Inszenierung Jindřich Poláks lag. Der Mann ist als Routinier über Zweifel erhaben – war im Westen jedoch wohl am ehesten für seine Kinderserien Pan Tau und Die Besucher bekannt.

Die mittlerweile berühmten Barrandov-Studios in Prag lieferten schon damals ganze Arbeit. Die Spezialeffekte zwar eher durchschnittlich, doch ein Set Design das sicher für viele andere Filme stilbildend war. Dass Stanley Kubrick den Film zu Recherchen für seinen Meilenstein „2001-Odyssee im Weltall“ heran zog, scheint konsequent. Zumindest die Idee des wandfüllenden Bildtelefons ist direkt kopiert worden 😉

At the Fork (USA, Regie: John Popola)

Was macht man als Dokumentar-Filmer, wenn die Ehegattin überzeugte Veganerin ist, man selbst aber in einer Fleisch-liebenden Familie aufgewachsen ist ?  Nein, keine Paartherapie, sondern einen Film. Ein Glück für uns.

John Popola und Lisa Versaci machten sich auf eine 9000 Meilen Reise durch Amerika, um dem derzeitigen Stand der Massentierhaltung auf den Grund zu gehen. Ein faszinierendes Panoptikum über ganz verschiedene Ansätze und Fakultäten in der Landwirtschaft. Farmer, Verhaltensforscher, Tierrechtler, Politikern wird das Wort gegeben. Eine Vielzahl von Betrieben, teils an der Spitze des derzeitigen Tierschutzes, wird besucht. Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, dass es in den USA schon so lobenswerte Beispiele gibt …wenn sie auch sicher noch in der Minderzahl sind und es noch einiges zu tun gibt. Als sie andererseits eine der größten Industrie-Farmen mit rund 100.000 Rindern auf knapp bemessenen „Weiden“ auch nur von der Landstraße aus filmen, bekommen sie alsbald unbestellte Gesellschaft und es droht -obwohl öffentlicher Raum- latent Ärger.

Mal ausprobieren, wieviel Raum einem Mastschwein zugebilligt wird.

Wie auch John Popola und Lias Versaci damit in ihrer Ehe leben können, das Thema Fleischkonsum/Veganismus immer noch verschieden zu sehen, so wird auch dem Zuschauer die Wahl gelassen seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Keine Moralkeule, keine plakativen Bilder von Tiergreueln. Was die Kamera hier auch in Musterbetrieben an der Spitze der derzeitigen Tierempathie en passent einfängt, reicht schon.

In den freimütigen Interviews des Filmes wollte Popola niemanden entlarven. Völlig zu Recht konstatierte er im Q&A (auch mit Blick auf die derzeitige amerikanische politische Kultur), dass „shouting matches“ die Sache nicht weiter bringen.  Letztendes bringt uns der Film wieder einmal zur notwendigen Erkenntnis: es beginnt zuhause, mit den eigenen (Kauf-)Entscheidungen. Zählt mal nicht nur der Preis, reagiert der Markt auch meist prompt.

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