Berlinale 2017 – Tag 6: Die Sättigungsphase beginnt

Die Maschine läuft auf Hochtouren, die Wege und Umsteigezeiten zwischen den Kinos optimiert. Der Sehnerv ist noch nicht übersättigt, doch lang kann es nicht mehr dauern. („In welchem Film hab ich die Szene nochmal gesehen?“). Und im Laufe des Tages wiederum zwei Highlights, die den ganzen Aufwand rechtfertigen.

Kurzfilme Programm 1 (Sektion Generation 14plus)

Aufgrund von sieben Filmen hier dann doch etwas gekürzte Zusammenfassungen:

Sheva dakot (Israel)  Zwei israelische Jungsoldaten bei einem Wettlauf gegen die Zeit: bekommen sie doch noch Wochenend-Ausgang? | SNIP (Kanada) Eine in Stop-Motion teils alptraumhaft-intensiv animierte Geschichte über den Kulturkampf zur Unterdrückung der kanadisch-indigenen Bevölkerung.

aus: SNIP, eine junge Frau geht auf eine alptraumhafte Entdeckungsreise

Libélula (Mexiko) Der jüngste von drei Brüdern im Teenager-Alter wird in der Familie ständig untergebuttert und schlägt als Frustreaktion beim Besuch einer befreundeten Familie stark über die Stränge. | Moloko (Russ.Föderation/Litauen) Eines Morgens steht bei einer Familie im 14. Stock plötzlich eine Kuh in der Küche. Allmählich arrangieren sich Vater,Mutter und Kinder mit der bizarren Situation…bis der Opa durchgreift. | Wolfe (Australien) Ein freimütiger junger Mann erzählt uns mit Animations-Szenen karikiert, wie ein imaginärer (Mr.)Wolfe ihn jahrelang beeinflusst und fast in den Suizid getrieben hat – und wie er seine psychische Außeneseiterrolle überwand. | After the smoke (Australien) Eine Elegie auf einem Rodeoplatz, Off-Erzähler über Zeitlupen-Aufnahmen. |  Morning Cowboy (Spanien) Ein alternder Büro-Angestellter entflieht Walter-Mitty-artig seinem langweiligen Dasein und wird in seiner Phantasie zum waschechten Cowboy.

Alle Achtung, fast allesamt sehr sehenswert. Allerdings fragte ich mich hier und da, warum der eine oder andere Film im Generation (=Jugend-)Programm lief. Vielleicht war ausschlag gebend, dass die Filmemacher fast durch die Bank sehr jung waren.

Tiere (Schweiz/Österreich/Polen, Regie: Greg Zglinski)

Der erfolgreiche Koch Nick und seine Frau, die Buchautorin Anna, machen sich mit dem Auto auf den Weg in einen ausgedehnten Urlaub in den Schweizer Alpen. Anna verdächtigt den leutseligen Nick seit einiger Zeit der Untreue. Zu Recht, wie wir schon früh erkennen. Der Urlaub könnte eine Chance sein, ihre Beziehung wieder aufs richtige Gleis zu bringen. Ein Auto-Unfall kurz vor der Ankunft ist dann der Drehpunkt der Geschichte: Aus der Ambulanz entlassen, kommt es allmählich zu allerhand rätselhaften Erlebnissen. Zunächst nur für Anna und zunächst nur vermeintliche Kleinigkeiten. Ein Vogel durchbricht beispielsweise nachts die Fensterscheibe und stirbt in der Küche: am nächsten Morgen tut Nick Annas Schilderung ab -und Blutspuren gibt es auch keine mehr.

Die Surrealität schleicht sich bald immer mehr ein, zieht immer weitere Kreise. Nick, Freundin Mischa (welche die Wohnung der Urlauber hütet) Nicks Geliebte Andrea sowie deren labiler Ex-Mann… alle zweifeln langsam an ihrer Realität.

Immer wieder zieht uns in diesem Film das gerade Gesehene den Teppich unter den Füßen weg. Stellt gerade erlebtes in Frage. Wer erlebt hier eigentlich was. Was bzw. wer ist real – und was bloß Ausgeburt der Fantasie ? Fast atemberaubend, dieses faszinierende Vexierspiel, und man muss lange zurück denken, wann es so anregend war, konstant die Bodenhaftung zu verlieren. (Bestenfalls „Remainder“ vom letzten Jahr war visuell als auch storymäßig durchaus auf Augenhöhe)

Eine Studie der Tiefe menschlicher Psyche und der Grenzen der Wahrnehmung. Lynch, Kronenberg und Bergman lassen grüßen.

Nick und Annas Flurschaden ist noch ihr kleinstes Problem

Das Drehbuch fand Regisseur Zglinski schon vor knapp zehn Jahren, und es elektrisierte ihn von Anfang an. Wie er es im Q&A ausdrückte: er verstand es zunächst nicht, doch er fühlte das es stimmte. Der Autor Jörg Kalt, ebenfalls Regisseur, kam nicht mehr dazu den Stoff umzusetzen: Er schied freiwillig aus dem Leben. Einige Jahre später hatte Zglinski das Glück, das Buch doch noch ergattern zu können und machte sich an eine sachte Adaption.

Zum einen straffte er nach eigenen Angaben die  im Original noch komplexere Story, zum anderen gab er einigen Charakteren etwas mehr sympathische Tiefe. Nicht zuletzt, damit wir uns -von der komplexen Story voll gefordert- notwendigerweise mit den Protagonisten besser identifizieren können.

Ich bin gespannt, aber nicht sicher, ob ich dieses Jahr noch einen besseren Film als diesen finden werde.

Menashe (USA/Israel, Regie: Joshua Z Weinstein)

Der Titel-„Held“ ist ein bemühter, verwitweter Vater in der fast hermetisch abgeschlossenen jüdischen Gemeinde Brooklyns. Sein Job als Aushilfskraft in einem Supermarkt eine Sackgsse, ist er nicht nur konstant in Geldnöten. Zudem drängen ihn auch noch Rabbi sowie Freunde, endlich eine neue Frau zu suchen. Was in dieser Kultur durch traditionelle Heiratsvermittlung laufen soll. Menashe zeigt sich von seinen Dates wenig beeindruckt. Doch ohne traditionellen Haushalt droht die Familie seiner verstorbenen Frau, ihm mit dem Segen des Rabbi den geliebten Sohn

Kann dieser Papa mir wirklich die Welt erklären?

Die anstehende Trauerfeier zum Todestag seiner Frau will Menashe nutzen, sich bei Familie und Rabbi als verlässliches Mitglied der Gemeinde zu beweisen. Doch eine kleine Katastrophe jagt bei diesem Helden der stoisch-traurigen Gestalt die nächste.

Dramaturgisch vielleicht noch ausbaufähig, ist der Film doch ein im Kino seltener und liebevoll-kritischer Blick in die zeitgenössische jüdische Kulur der USA. Wobei die Regie nicht verleugnet, dass es auch dort Kleingeister und Nervensägen gibt – doch auch zeigt, dass dem Ganzen nicht nur Religion, sondern auch ein ganz eigener Gemeinschaftssinn zugrunde liegt.

Im Originalton übrigens auf jiddisch, offenbar der erste Film in dieser Sprache auf der Berlinale überhaupt.

Casting JonBenet (USA/Australien, Regie: Kitty Green)

Und wieder, wie schon gestern bei „Tamaroz“, eine Studie über Wahrnehmung und Wahrheit:

Ein bis heute nicht schlüssig aufgeklärter Mordfall in Boulder, Colorado bewegte im Jahr 1996 die Welt weit über die Grenzen der USA. Die 6jährige JonBenet Ramsay wird nach vermeintlicher Entführung wenige Stunden später im Elternhaus ermordet aufgefunden. Die Spurensicherung schlampig, die wenigen Indizien sehr suspekt -und so gut wie keine Hinweise auf einen Täter außerhalb der Familie. Die Presse schießt sich auf die Familie ein, die wiederum gibt bizarre Interviews und Statements. Ein Medienzirkus und langwierige Ermitlungen beginnen.

Statt konventionell Interviews zu führen und originales Archivmaterial zu montieren, benutzt Regisseurin Kitty Green einen gewitzten Kniff: Mehr oder weniger geeignete Laien-Darsteller und Amateure wurden aufgerufen (der Anlass: ein Casting für einen angeblichen Spielfilm),  beispielhafte Szenen der Vorfälle nach Skript wieder zu geben. Dass die Darsteller nebenbei als Mitbürger und teils Nachbarn der Ramsays persönliche Meinungen zum Fall bis hin zu ausführlichen Kommentare zum Besten geben, war offensichtlich erwünschter Nebeneffekt. Sneaky.

Abermals wiederholltes Re-Enactment als Annäherung an unbegreifliche Ereignisse

Was zu Beginn noch für Lacher sorgt (einige der Mimen sind überambitioniert, andere erscheinen -nur zunächst- absurd), kristallisiert sich nach und nach zum Geniestreich: Gerade weil wir hier eine Vielzahl von Laiendarstellern (teilweise chargieren) sehen, ist es die Überlappung in den Performances, und übereinander geschnittenen Szenen und die Schnittmenge des Gesehenen, welche eine größtmögliche Annäherung an das Innenleben dieser tragisch-mysteriösen Geschichte ermöglichen.

So wenig wie dies Verbrechen wohl auch aufgeklärt werden wird, so bringt doch ‚Casting JonBenet‘ auch zwanzig Jahre nach der Tat und nach einer Unzahl von Filmen zum Thema interessante, andersartige Perspektiven.

Veröffentlicht unter Berlinale

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