Berlinale 2017 – Tag 7: Abgründe

El Bar (Spanien, Regie: Álex de la Iglesia)

Eine kleine Bar in der Stadtmitte von Madrid. 8 Menschen begegnen sich, für einen Snack da, für ein Getränk, eine Verschnaufpause. Kurz darauf ein Schuss, der zuletzt gegangene Gast liegt draußen leblos auf dem Pflaster. Der belebte Platz ist sofort wie leergefegt. Ein zu Hilfe kommender wird ebenfalls erschossen. Aus der anfänglichen Panik (Ein Terrorakt?) der nun in der Bar Gefangenen erwächst alsbald Misstrauen und später Paranoia.

Rettungskräfte: Fehlanzeige. Handy-Empfang ebenso. In den Nachrichten: Nichts. Als kurz darauf ein furchterregend entstellter, offenbar einer Infektionskrankheit erlegener Mann auf dem Klo entdeckt wird, scheint man noch mehr in der Falle. Ist man schon infiziert? Hat einer der anderen etwas damit zu tun? Werden wir aus Staatsräson eliminiert?

Tobt dort draußen die Hölle – oder hier drinnen ?

Wer jetzt glaubt, ich hätte bereits zuviel verraten, irrt. Denn „El Bar“ funktioniert nur an der Oberfläche als Genre-Thriller. Hier geht es in erster Linie um die Innendynamik dieser kleinen sich zerfleischenden Zufallsgesellschaft. Es geht um den Wahnsinn, der sich in kürzester Zeit aufschaukelt und Schritt für Schritt alle zivilisierten Konventionen erwürgt. Werden zuerst moralische Grenzen a la ‚Herr der Fliegen‘ nur verwischt, stiften Egoismus und Misstrauen bald zu abscheulicher Gewalt anstiftet. Getreu dem Sartre-Zitat: „Die Hölle sind die anderen“ ist hier alsbald jeder misstrausich. Selbst Menschen, die sich seit Jahren kennen, bekämpfen sich bis aufs Blut. (Jetzt ist es aber gut mit den Spoilern)

Wer mag, darf sich hier natürlich auch einfach durch Drastik, Spannung und Horror einfach gut unterhalten fühlen. Wer nur ein wenig genauer hinschaut, erkennt in den Handlungen der Figuren eine Allegorie auf nicht nur europäische gesellschaftliche Entwicklungen dieser Zeit sehen.

Die kirmeshaftige Drastik, die „El Bar“ über weiter Teile an den Tag legt, soll uns womöglich die Chance geben, uns von dieser Dystopie zu distanzieren. Denn: das können doch unmöglich wir sein ? Oder ?

Schwarzer Kies (BR Deutschland 1961, Regie: Helmut Käutner)

Bei seiner ersten Veröffentlichung erfuhr aufgrund einer im Grunde lächerlichen Beschwerde wegen vermeintlicher Verunglimpfung von Juden dieser fast vergessene Film des deutschen Routiniers Helmut Käutner nicht nur eine Kürzung, sondern wurde auch mit einem unschlüssigen, vermeintlich kommerziellerem Ende ausgestattet. Dankenswerter weise wiederum hier und heute eine restaurierte Fassung. Das ist dieses Jahr nun schon meine fünfte(?)

Ein kleines Hunsrück-Dorf in der erst 15 Jahre alten Bundesrepublik. Die amerikanischen Truppen der dortigen Air Force Basis mag man nicht wirklich, doch man arrangiert sich anhand der Wirtschaftskraft, die sie für die ärmliche Gegend bringen. Nicht nur im Nachtleben in schmuddeligen Großkneipen sorgen sie für Umsatz. Der expandierende Flug-Basis ernährt Bau-und Fuhrunternehmer. Der Kleinselbständige Robert Neidhardt nimmt auch krumme Geschäfte an, um über die Runden zu kommen. Bei einer nächtlichen Tour verursacht er teilschuldig einen Unfall mit Todesfolge. Die überfahrenen (ein US-Soldat und seine deutsche Geliebte) werden unter einer Kiesaufschüttung in der US Basis entledigt.

Denn seine Ex-Flamme Inge (die jetzt mit einem US-Major verheiratet ist) war in der Fahrerkabine – und trotz Haderns über ihre gemeinsame Vergangenheit will er ihrer Zukunft nicht im Wege stehen. Doch langsam kommt nicht nur der Militär-Geheimdienst sondern auch ein neidischer Mit-Unternehmer auf die Spur, dass am Verschwinden der Vermissten irgendwas faul ist.

Verschüttet sind nicht nur die einstmaligen Träume

Späte Eifersucht, Missgunst gegenüber den „Amis“, Kampf ums soziale Überleben, immer noch vorhandener Antisemitismus – es ist etwas viel, was hier storymäßig angerührt wurde. Und letztenendes doch fast wie ein besserer Krimi rüberkommt. Dafür gewährt uns Regie-Profi Käutner einen Einblick in diese langsam verbleichende Phase bundesdeutscher Findung: Dem Status eines besetzten Landes gefühlt noch nicht entwachsen, sich aber eifrig mit den Verhältnissen arrangierend.

Vielleicht ist die Story um die quasi-Zensur des Filmes doch bemerkenswerter als der Film an sich. Ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte ist er dennoch.

Übrigens: Der Schnitt betraf eine Szene, in der ein Greis einen Barbesitzer als „Saujud“ beschimpft – nachdem der ihm  die Marschmusik in der Jukebox abgedreht hat. Die anwesenden amerikanischen Soldaten sind konsterniert, der Barbesitzer zeigt dem Alten seine KZ-Tätowierung. Für jeden denkenden Menschen ist dies ein … doch knapp eineinhalb Jahrzehnte nach der Nazizeit knickte der Verleih ein und kürzte gegen den Willen des Regisseurs – und kastrierte auch noch das geplant düstere Ende.

Berlin Syndrome (Australien, Regie: Cate Shortland)

Ich gestehe, vor ein paar Jahren durch einen vermeintlich ähnlichen Film („Lose your head“) prächtig unterhalten, hoffte ich hier einfach mal auf gutes Genre-Kino. Nicht mehr und nicht weniger war der Fall. Wie auch in damaligem Film, kommt ein nichts ahnender junger Berlin-Tourist unter die Räder. Der Tourismus-Verein darf hoffen, dass beide Filme nicht zuviel Beachtung finden werden.

Die allein (oh, oh) reisende Clare lernt scheinbar zufällig Andi kennen und verbringt einen Abend mit ihm. Entgegen der Entscheidung weiter zu reisen, besucht sie Andi tags darauf noch einmal und folgt ihm sogar in seine Wohnung. Am nächsten Morgen ist die Tür verriegelt, die Fenster -so erkennt sie jetzt- sind mehrfach verstärkt, die alte Mietskaserne ansonsten menschenleer. Andi hält Clare wie ein besseres Haustier und geht draußen gesittet seinem Job als Lehrer nach. Ausbruchsversuche Clares werden mit weiteren Restriktionen geahndet. Clare scheint sich zu fügen…bis sie heraus findet, dass sie wohl nicht das erste Opfer Andis ist.

Noch scheint er ganz charmant

Weitere Schlussfolgerungen für den Verlauf der Menschheit sollten wir nicht suchen. Doch wie eingangs erwähnt, manchmal möchte man einfach nur spannungsmäßig an die Extreme geführt werden. Das tut der Film nämlich prächtig.

God’s own country (Großbritannien, Regie: Francis Lee)

Der gerade Erwachsene Johnny lebt mit seinen Eltern in einer Farm in Yorkshire. Die Kommunikation in der Familie ist genause herzlich schroff wie ihr eigenwilliger Dialekt und Tonfall. Die Last der Arbeit liegt hauptsächlich auf seinen Schultern, seine Eltern nicht mehr die Jüngsten, sein Vater kämpft sich nach einem leichten Schlaganfall mehr durch den Alltag, als dass er seinen Hof mitbestellen kann.

Einzige Abwechslung scheinen für Johnny gelegentliche Quickies mit anonymen Männern zu sein. Im Pub, zur Not auch im Viehtransporter. Doch wohl nicht nur aus Rücksicht auf seine nichts ahnenden Eltern kanzelt er weiter gehende Avancen seiner Sexpartner ab. Nachdem der junge Rumäne Georghe als Saison-Aushilfe auf die Farm kommt, ist nichts mehr so wie es war. Zunächst vom stets bemühten, aber überarbeiteten Johnny als Konkurrenz gesehen, entwickeln sich zwischen den beiden langsam Gefühle. Johnny lebt zum ersten Mal Sinnlichkeit aus, im Geheimen werden die Beiden ein Paar. Wie werden seine Eltern das aufnehmen?

Der Regisseur Francis Lee hat mit seinem Langfilm-Erstling nicht nur der Gegend (aus der er übrigens selbst stammt), sondern auch ihren eigenwilligen Charakteren ein beeindruckendes Abbild geschaffen. Ohne jeden Kitsch oder Klischee haben wir Teil an der emotionalen Entwicklung aller Charaktere.

Zwar habe ich Verwandte in Nordengland, wo ein ähnlich starker Dialekt gesprochen wird. Doch für die englischen Untertitel bei einem englischen Film war ich trotzdem dankbar.

Nicht nur die Schulter ist kalt

Veröffentlicht unter Berlinale

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