Berlinale 2017 – Tag 8: Tränen, Kacke und Kunst

Króleiwich Olch [Der Erlprinz] (Polen, Regie: Kuba Czekaj)

Ein fast 15jahriger lebt im Schlepptau seiner allein erziehenden Mutter. Vordergründig will sie, dass er sein geniales Talent für theoretische Physik umsetzt. Er jedoch ahnt: Es geht ihr auch um das Preisgeld von wissenschaftlichen Wettbewerben um Mutters erdrückende Schulden zu begleichen. Wo andere seines Alters ganz andere aufregende Erfahrungen machen, hat er alle Hände voll zu tun, Professoren zu überzeugen und die Beziehung zu seinen disfunktionalen Eltern zu händeln. Denn sein mysteriöser Vater taucht auch noch auf; er lebt und arbeitet mit wilden Wölfen zusammen und bringt noch mehr Unruhe in die Familie – aber auch ganz neue notwendige Impulse.

Emotional steht er im Wald

Es bleibt einiges im Ungefähren, der Film ist eher interessiert, die emotionale Zerrissenheit seiner Protagonisten auszuleuchten – und das gelingt ihm prächtig. Nicht zuletzt durch immer wieder eingeschobene Tagtraum-Sequenzen des Jungen, die mit Goethes Gedicht vom Erlkönig zu tun haben. Und nach dramatischem Schluss-akt ein ausbalanciertes  Ende zu finden, ist Regisseur Czekaj auch noch gelungen.

Alle Hauptdarsteller stimmten im Q&A überein, dass (wieder) mit Regisseur Czekaj zusammen zu arbeiten der Hauptgrund für ihre Teilnahme am Projekt war.

Karera ga Honki de Amu toki wa [Close-Knit] (Japan, Regie:Naoko Ogigami)

Die 8jährige Tomo wird von ihrer allein erziehenden Mutter, die teils nächte-, teils wochenlang um die Häuser zieht, komplett vernachlässigt. Als es scheint, als käme sie gar nicht wieder, nimmt sich ihr Onkel Makio ihrer an. In seinem Haushalt bekommt sie zum ersten Mal wieder ein Zuhause, das den Namen verdient und eine weitere ungewohnte Erfahrung: Dessen Lebenspartnerin ist die Trans-Frau Rinko.

So befremdet-vorsichtig Tomo anfangs auch ist: Es sind nicht nur Rinkos Kochkünste, sondern ihr gesamtes liebevoll-gütiges Wesen, dass das Mädchen aufblühen lässt. Zwar sind da alsbald Lästereien in der Grundschule ob dieser „freak“-artigen Zustände, doch Tomo hat von Rinko Geduld gelernt. Sie steht sogar einem Schulkameraden bei, als der für einen anderen Jungen Gefühle entwickelt.

Makio und Rinko erwägen sogar, den Sonnenschein in ihrem Leben zu adoptieren. Da taucht überraschend die Mutter wieder auf und meldet ihre vermeintlichen Rechte an. Das Kind ist hin und her gerissen.

Wie wir im Q&A erfahren, fand sich erwartungsgemäß in Japan kein transsexueller Schauspieler für die Rolle. Das Thema ist in Japan gerade erst dem Tabu-Status entwachsen. Tôma Ikutas Performance in der Rolle der Rinko ist jedoch würdevoll überzeugend. Dass ich in den letzten Minuten bis zum Ende des Abspanns feuchte Augen habe, kommt wirklich nicht oft vor.

Auch in Japan leider noch keine wirklich anerkannte Familie

Adiós enthusiasmo (Argentinien/Kolumbien, Regie: Vladimir Durán)

Ganz ehrlich: Bei dem Titel hätte ich gewarnt sein müssen. Irgendwann sollte ich mal eine Flop Ten meiner Berlinale Jahre zusammen stellen. Zugegeben, auch hier ereilte mich der Sekundenschlaf. Doch die mäandernde „Handlung“ des Filmes, sein zäher Fluss überfordern (oder unterfordern?) den Vielseher.

Ein ausgedehntes Altbau-Appartment, eine Großfamilie und deren Freunde. Ein Samstag-Abend. Familienmitglieder trudeln ein, Freunde kommen zu Besuch, man tauscht sich aus, plaudert. Soweit so normal wie belanglos. In zwei verriegelten Zimmern, nur duch ein Oberlicht mit dem Rest der Wohnung verbunden, „wohnt“ die Mutter und wird durch die Luke mit Nahrung, Tabletten (?) und allem sonst notwendigen versorgt. Abwechselnd ist jeder dran, sich mit ihr durch die Tür unterhaltend, sie bei Laune zu halten.

Warum die Bilder des Films 3,55:1 Format  eingefangen werden mussten -also noch schmaler als Cinemascope 2,35:1, (in Bildschirm Maßen ausgedrückt 31:9) – ist ein Rätsel. Angeblich besorgte der Regisseur die Spezial-Linsen aus Japan, damit im weitgehend in der Wohnung spielenden Film sich in den langen Einstellungen am Rande des Bildes weitere Personen ins Bild bringen konnten ohne Schneiden zu müssen. Dafür darf man dann als Zuschauer bei Schwenks am Bildrand mit fast lächerlicher Verzerrung leben.

Wer die Charaktere sind, ergibt sich nur nach und nach. Warum die Mutter abgeschottet hinter der Wand ist, bis zum Ende nicht. Laut Regisseur war es die Grundprämisse des Filmes, wurde dann aber beim Schreiben nicht weiter vertieft. Ach so. Warum soll ich mir das nun anschauen? Auf jeden Fall kam ich nach circa der Mitte des Filmes noch zu einigen Minuten Berlinale-Schlummer. Ich bestehe darauf, dass dies nicht der Grund für meine Ablehnung ist.

Dies einer von bisher nur zwei Filmen meinerseits, die mir überhaupt keinen Applaus Wert waren. Das Publikum adelte das Ganze im Q&A dann noch mit vergeistigten Fragen zur technischen Konzeption und Realisierung. Bezeichnenender Weise kaum zur Story an sich. Die Antworten des Regisseurs sind dann auch ebenso verstiegen wie sein Film.

Während beim ähnlich verkopften „Discreet“ vor einer Woche beim Q&A noch vereinzelt Buh-Rufe aufkamen, fügt sich der Festival Zuschauer hier und gibt eine Menge Credit. „Naja, so’n typischer Berlinale Film“, sagte eine Frau zu ihrer Freundin seufzend beim Aufstehen. Da möchte ich widersprechen – mein Berlinale Jahrgang ist bisher ziemlich gut !

Pendular (Brasilien/Argentinien/Frankreich, Regie: Julia Murat)

Eine Künstlerkommune in einem ehemaligen, herunter gekommenen Fabrikhaus. Ein gutes Dutzend Künstler arbeitet dort nicht nur, man spielt, lacht, feiert, tauscht sich aus und unterstützt sich. Eine Tänzerin und ein bildender Künstler, seit Jahren ein Paar, sind die einzigen, die den einzigartigen Ort als Wohnraum schätzen. Ein auf den Boden geklebtes Band soll die Nutzung ihrer Etage reglementieren.

Später wird „sie“ (Namen werden uns nicht gegeben) zustimmen, ihm mehr Raum einzuräumen – er steckt in einer Schaffenskrise. Er möchte ein Kind, ihr scheint ihre (vermeintliche?) Freiheit wichtiger zu sein. Beide haben emotionale Lasten. Sie hat einen geliebten Menschen verloren. Er will nicht offenbaren, wo ein Stahlseil hinführt, das als eins seiner früheren Installationen im Loft beginnt und quer durch die Stadt irgendwo hinführt. Soll sie dem nachgehen?

Noch hat sie jede Menge Raum

Wenn es in Film-Infos heißt „weitgehend ohne Dialoge“, „die Kraft der Bilder“…ist meist Vorsicht geboten. Doch hier ist es genau die richtige Menge an Gesagtem und Ungesagtem, um uns teilhaben zu lassen, wie zwei reife Erwachsene ihre Beziehung, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft neu bewerten. Und entscheiden, ob die Partnerschaft oder die Freiheit wichtiger ist.

Vielleicht die späte Stunde, vielleicht zu spät im Festival: Das Kino (simultan in Cubix 7 UND 8) war nicht einmal viertel voll. Der Film lief allerdings fünf mal in den letzten 8 Tagen. Ich war trotzdem froh, dies Ticket relativ spät ausgewählt zu haben.

Veröffentlicht unter Allgemein

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