Berlinale 2017 – Tag 10: Schinkentag

Der letzte Sonntag gilt als „Publikumstag“. Als Newbie dachte ich vor Jahren, dass nur für diesen Tag Normalbürger Tickets zu bekommen seien. Dabei geht es an dem Tag einfach um einen allgemeinen vergünstigten Ticketpreis.

Nichtsdestotrotz: Da die Tickets für den allerletzten Tag seltsamer Weise als erstes in den Vorverkauf gehen, überlegt man paradoxer Weise weit vor Beginn wie man sein Berlinale-Jahr beschließen möchte.

Über die Jahre weiß man, dass man nach gut 30 Filmen sich vielleicht auch mal was „gönnen“ möchte. Es muss also nicht die schwerste Kost sein. Das ab und zu belächelte Genre des Historien-Filmes (volkstümlich auch -Schinken genannt) schien da eine probate Wahl.

Viceroy’s House (Indien/Großbritannien, Regie: Gurinder Chadha)

Indien 1947, kurz bevor das Land von den britischen Kolonialmacht in die Unabhängkeit entlassen werden soll. Für die Übergangsphase wird der in solchen Dingen geschickte und in Indien noch unbelastete Lord Mountbatten entsandt. Auch seine Frau Edwina zeigt Empathie für die Empfindlichkeiten des jahrhundertelang kolonialisierten Mehrvölker-Staates.

Zwischen den kaum noch die Freiheit erwarten könnenden Hindus, Sikhs und Moslems scheint es jedoch mehr Uneinigkeit als Gemeinsamkeiten zu geben. Eine Teilung des Landes würde die aufkommenden Gewaltakte zwischen den Religions-Gruppen vermeintlich unterbinden – aber auch seit unzähligen Generationen ansässige Familien zum Verlassen ihrer Heimatdörfer zwingen. Eine undankbare, scheinbar unlösbare Aufgabe, wie Mountbatten irgendwann einsehen muss. Ist eine schlechte Entscheidung besser als gar keine?

Wenn schon ‚Hostages‘ gestern zeitweilig am Stil eines (wenn auch guten) TV-Doku-Melodrams entlang schrappte, so hat man hier über weite Strecken doch das Gefühl, emotional deutlich geführt zu werden. Die Story spiegelt das Dilemma im Mikrokosmos der Bediensteten des titelgebenden Palasts des Vizekönigs. Denn auch die indischen Bediensteten des Hofstaates sind aus verschiedenen Glaubensgruppen und untereinander sehr uneins. Dazu noch verbotene Liebe, alte Gelübde und Familienbande.

Regisseurin Chadra gibt auch freimütig zu, dass sie epische, volksnahe Historiendramen vermisst, die uns an unsere Geschichte erinnern. Dass sie früher als Journalistin bei der BBC arbeitete und für diesen Film eine Unmenge recherchiert haben soll, lässt uns halbwegs ruhen.

Doch ich erinnerte mich an die weisen Worte des (ebenfalls indischen) Regisseurs von ‚Newton‘ vor einer Woche. Dieser gab zu, seinerseits Humor als Würze zu benutzen, um eine wichtige Story zu verkaufen, für die man sich sonst vielleicht nicht über Spielfilmlänge interessieren würde.

In „Viceroy’s House“ dienen Emotionen und Sentiment, die komplexen politischen und sozialen Verhältnisse zu konterkarieren. Und ich will es zugeben (siehe oben), manchmal ist es genehm sich

Wobei diese Phase Indiens wirklich nicht in Vergessenheit geraten sollte: mit rund 14 Millionen führten die Begehrlichkeiten nach religiöser Souveränität und Separatismus zur mithin größten Völkerwanderung der Geschichte -und zu unzähligem Leid.

Und anders als so manches Historiendram beleuchtet Regisseurin Chadra in „Viceroy’s House“ deutlich, dass es wahrlich kein hausgemachtes Dilemma war: Ein allzu erstarkendes Indien wäre den Briten (ehrlich gesagt wohl der gesamten westlichen Welt) nicht Recht gewesen.

Es hätte sich womöglich der Sowietunion zugewandt, die schon damals auf einen Zugang zum Persischen Golf drang. Geopolitik, die schon ihren Lauf nahm. (Diverse Historiker sind übrigens der Meinung, dass die Konflikte unter den Ethnien bereits nach einem ersten Aufstand im Jahr 1857 von den britischen Besatzern angestachelt worden seien, um das Land weiter unter Kontrolle zu halten)

Den Mountbatten gibt übrigens unser Britischer Aristokratendarsteller vom Dienst Hugh Bonneville (Downton Abbey), er spielt zugegeben ohne Fehl und Tadel und vermeidet unnötiges Melodrama, Regie und Drehbuch verlangen nur ein dezentes Maß an Klischees. Überrschend gut besetzt: Gillian Anderson (X-Files) als Gattin Edwina.

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Böse Zungen könnten jetzt behaupten, bei einer indischen Co-Produktion könnte man froh sein, wenn wichtige Passagen nicht gesungen und getanzt werden. Böse Zungen. Denn Regisseurin Gurinder Chadha appelliert vor allem in der zweite Hälfte des Filmes stark an unsere Gefühle.

Doch das Geschichte nicht abstrakt ist und immer zuletzt auch einzelne menschliche Schicksale betrifft, verdeutlicht zu Ende ein eingeblendeter Text und Familienfotos der Vorfahren der Regisseurin: Auch ihre Großeltern hatten sich in den Wirren verloren, die Hoffnung schon fast aufgegeben – und  fanden erst nach Wochen doch noch zueinander.

Und da hat man dann doch zum zweiten Mal dieses Jahr feuchte Augen.

Kongens Nei (Norwegen/Schweden/Dänemark/Irland, Regie: Erik Poppe)

Haakon der Siebte war seit 1905 Norwegens erster und gewählter König. Das Land gab sich in einer demokratischen Entscheidung Anfang des letzten Jahrhunderts die heutige Staatsform der konstitutionellen Monarchie. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges hoffte man die längste Zeit, Norwegen in dem Konflikt wiederum neutral zu halten. Als 1940 die Expansionspläne Nazi-Deutschlands entweder einen Marionetten-Staat des Dritten Reichs oder aber eine Invasion vorsahen, kam es an Haakon, die rechtstaatlichen und demokratischen Werte aufrecht zu erhalten.

Der damals schon alternde Monarch lehnte den Rücktritt des Regierungskabinetts ab – man müsse seiner demokratischen Pflicht gegenüber dem norwegischen Volk nachkommen. Aufgrund der drohenden Invasion schien bald eine Flucht von Regierung und Königsfamilie in den Norden des Landes eine vorüber gehende Lösung. Auch die verzeifelten Vermittlungs-Versuche des deutschen Botschafters waren letztlich zum Scheitern verurteilt: Der Führer erwartete eine Unterwerfung, der norwegische König blieb seinen Prinzipien und dem erst vor kurzem errungenen Staatsideal treu.

Fast ohne Melodram geht es also auch. Gut, wir sehen die (auch familiäre) Zerrissenheit des Botschafters. Jesper Christensens eindrucksvolle Darstellung Haakons lässt uns die Sorgen des Monarchen und seine weitgehend unterdrückten Emotionen mehr als erahnen. Doch ‚Kongens Nei‘ fühlt sich in seiner gut realisierten Prägnanz beinahe wie ein Dokumentarfilm an. Und dass liegt nicht nur am weitgehenden Handkamera-Einsatz (in Cinemascope immer ein Wagnis, doch hier sehr gut gelöst). Wir scheinen unmittelbar dabei.

Haakon kann sich nur noch auf sein Gewissen verlassen

Wie ebenfalls in ‚Viceroy’s House‘ , dürfte auch hier vor allem in den (trefflichen) Dialogen einiges fiktionalisiert worden sein. Der Regisseur stellt im Abspann dazu das Statement: „Der Film beruht auf einer Wahrheit. Es mag andere geben.“

So einige Plots dieses Berlinale-Jahres scheinen wichtiger, treffender seit noch vor ein paar Wahlen in der sogenannten „freien Welt“. Auch wenn „Kongens Nei“ bereits Jahre vor dem Aufstieg eines Donald Trump konzipiert wurde: Hoffen wir, dass wichtige Geschichten wie diese der Nachwelt nur irgendwann nur wegen des Zeit-Kolorits als nostalgisch vorkommen.

Pokot (Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik, Regie: Agnieszka Holland)

Janina, die darauf besteht bei ihrem Nachnamen Duszejko genannt zu werden, ist eine naturliebende Lehrerin im reiferen Alter. Ihre Schüler lieben sie, sie liebt ihr kleine Welt in einem abgelegenen Waldhaus in der polnischen Provinz. Sie fühlt sich eins mit der Natur und solange man die in Ruhe lässt, ist sie eine liebenswerte Frau.

Nur zwei Nachbarn hat sie dort draußen: den pensionierten Staatsanwalt Matoga, mit dem sie eine platonische Freundschaft verbindet – und einen ortsbekannten Wilderer. Letzteres führt natürlich zu Konflikten. Auch der ansässige Besitzer einer Pelzfarm auf der Füchse unter grausamen Bedingungen gehalten werden ist auf der Liste ihrer Lieblingsfeinde. Dann wären da noch ein schäbiger Großunternehmer, ein korrupter Polizeichef, ein milchbubiger Nerd in der IT-Abteilung der Stadt, der sie in einige Geheimnisse einweiht.. vor klischeehafter Zeichnung hat auch dieses Drehbuch keine Angst.

Duszejkos kauzig-resolute Art, eine Mischung aus militanter Naturliebe mit Astologie gekreuzt, macht sie nicht gerade beliebt auf der Polizeiwache, wo sie regelmäßig -inklusive drastischem Beweismaterial- die konsequente Verfolgung der Wilderer fordert -aber nur Ausflüchte erntet.

Denn im ländlichen Polen gilt das eher als Kavaliersdelikt, selbst beim Priester erntet sie Ablehnung. Dass Duszejkos geliebte Hunde bald darauf vermisst werden, ist zunächt nur betrüblich. Als dann kurz darauf ihr Wilderer-Nachbar dann eines Nachts tot aufgefunden wird ist dies nur der Anfang einer Kette von aberwitzigen und drastischen Ereignissen.

Duszejko ganz in ihrem Element

„Anarchistisch-feministischer-Öko-Thriller im Gewand einer schwarzen Komödie“: So ähnlich beschrieb Regisseurin Agnieszka Holland den Film auf der Pressekonferenz. Ich würde es etwas anders gewichten, schließe mich ansonsten aber an – denn einfach zu beschreiben ist der Ton des Filmes wirklich nicht. Hier wird teilweise etwas viel und gewollt zusammen gemixt, doch über die meiste Zeit wird man andererseits prächtig unterhalten. Und die Drastik der Ereignisse erfährt durch eine späte Offenbarung sogar eine plausible Erklärung. Das Ende gelang etwas irreal bis sphärisch, doch nach all dem storymäßig noch die Kurve zu kriegen ist überhaupt schon eine Leistung.

Verständlich, dass Agnieszka Holland den Film angesichts der politischen Strömungen in ihrer Heimat Polen, aber auch Ungarn oder den USA als Mahnung auf demokratische, ethische und ökologische Ideale verstanden wissen will.

Veröffentlicht unter Berlinale

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