Berlinale 2018, Tag 2: Wüster Westen und Elend in Fernost

Ich versuche meist, bei der Berlinale den Friedrichstadt-Palast zu umgehen: Aufgrund der schieren Größe ewig dauernder Einlass verbunden mit endloser Schlange, kaum Beinfreiheit und seitwärts durchaus Sektionen, die nur noch lächerliche Sicht auf die Leinwand bieten. Diesmal muss ich jedoch dankbar sein: Die Fahrtzeit unterschätzt, kam ich auf den letzten Drücker an – und fand noch einen einzelnen ziemlich guten Platz, von einem Ordner empfohlen…

Damsel (USA, Regie: David&Nathan Zellner)

Robert Pattinson mit Zwergpony im Schlepptau. Eine angeblich entführte Braut, die sich mit der Flinte vor den vermeintlichen Rettern wehrt. Wer so einen Film bucht, nimmt in Kauf (oder hofft), dass Genregrenzen überschritten oder neu definiert werden. Schon die kauzige Anfangs-Szene dieses, äh nun ja, Westerns gibt den Ton vor: Der verzweifelte Henry (David Zellner, auch Regie) trifft einen desillusionierten Priester, der ihm (bevor er in Unterwäsche in die Wüste läuft) Kluft und Identität überlässt.

Zwar keine Greenhorns mehr – und doch nicht ganz dicht

Einige Zeit später kommt der hoffnungsfrohe Samuel (Robert Pattinson) in die noch im Aufbau befindliche namenlose Frontstadt im noch Wilden Westen. Er hat Henry per Brief angeheuert, um ihn und seine geliebte Penelope (Mia Wasikowska) zu vermählen. Vorher muss -eine Kleinigkeit- diese noch aus den Klauen von zwei Rauhbeinen befreit werden. Der zaghafte Henry ist alles andere als begeistert.

Später erledigt sein ungewollter Frühschuss jedoch den angeblichen Entführer und zugleich Herzblatt von Penelope. Die daraufhin und im weiteren Verlauf des Films, sagen wir es vorsichtig, mehr als angepisst ist. Als sich dann Samuel/Pattinson aufgrund verschmähter Liebe im Toilettenhäuschen neben der Hütte das Lebenslicht selbst auspustet … könnte man sich im Territorium der Coen-Brüder (Fargo, Big Lebowski, Hail Caesar) angekommen wähnen.

Die hätten allerdings für echte Innovationen gesorgt und nicht -zugegeben unterhaltsam- einen abstrusen Einfall nach dem anderen aneinander gereiht. Als die verbleibenden Protagonisten nach diverser Unbill, Konflikten und Explosionen endlich die Grenzstadt erreichen, sind auch wir erleichtert, dass es jetzt bald endlich ein Ende hat.

So ausführlich und weitschweifend wie die abstruse Story sich entwickelt, taugt es weniger zur Genre-Parodie – eher zur amüsanten Stilübung. Kein Film auf den die Welt gewartet hat, unbescholtene Unterhaltung durchaus. Notiz am Rande: Zwar „außer Konkurrenz“, aber dies als Wettbewerbs-Beitrag ?

River’s Edge (Japan, Regie: Isao Yukisada)

Ich muss voranschicken, dass dieses Screening ein paar Minuten Berlinaleschlaf meinerseits enthielt. Das ich so knapp nach „Damsel“ gebucht hatte und die zunächst ziellos zu springen scheinende Dramaturgie von „River’s Edge“ mögen der Grund gewesen sein. Immerhin war ich bald froh, die Figuren dieses Dramas klar zuordnen zu können. Die Innen-Dynamik dieser verdrießlichen Gruppe von Schülern, allesamt nicht mehr Teenager, aber auch noch nicht erwachsen, ergab sich bald darauf.

Nach anfänglicher Verwirrung (der Film legt ein paar falsche Fährten aus und hat immer wieder Einschübe in denen die Hauptfiguren wie in einer Dokumentation interviewt werden), kommt man langsam drauf, wer mit wem kann und das Hauptdrama kristallisiert sich.

Es gibt wieder auf die Fresse

Im Zentrum stehen der rätselhafte, sensible Ichiro (heimlich schwul) und die von ihm faszinierte Haruna. Sie ist so etwas wie das it-Girl, aber stets seltsam unbeteiligt und distanziert. Die beiden verbindet eine seltsame, zugleich innige und distanzierte Freundschaft. Haruna steht ihm bei, wenn der rüpelhafte und gewalttätige Kannonzaki ihn mal wieder zusammen geschlagen hat. Kannonzaki sieht sich als Harunas fester Freund, hat jedoch zugleich den Ehrgeiz, es mit allen seinen Mitschülerinnen zu treiben. Auch mit der erklärten Klassen-Schönheit, die sich wiederum daheim mit ihrer übergewichtigen, künstlerisch aber begabten Schwester bis aufs Blut zofft. Genug Konfliktpotenzial ? Finde ich auch.

Wir sehen eine Menge: Drogengebrauch, Missgunst und Mobbing, wüsten Sex, Körperverletzung, Bulimie, später sogar ein Selbstmord – doch die Figuren berühren uns kaum. Dass die Dramaturgie scheinbar kein Ende findet, erschwert das ganze obendrein.

Als es gegen Ende dann doch noch zu einem bewegenden Eingeständnis zwischen Ichiro und Haruna kommt, kann man nur sagen: Too little too late.

Garbage (Indien, Regie: Q)

Spoiler-Warnung vorab. Doch vielleicht sollten potenzielle Zuschauer mit schwachen Nerven gewarnt werden…

Phanishwar ist selbständiger Minibus-Fahrer im indischen Goa. Er kommt gerade so über die Runden und zieht sein Heil aus der Anhängerschaft an eine Sekte, deren Führer Spiritualität predigt und Medizin ablehnt. Somit, erfahren wir später, hat Phanishwar mittlerweile Krebs im fortgesetzten Stadium und sein Doktor verzweifelt ob seines Gleichmutes.

Ob die Sekte auch propagiert, dass man -wie Phanishwar es praktiziert- seine Frau halbnackt als Sklavin zuhause mit einer Kette, die gerade bis zur Tür reicht, hält, entschließt sich nicht schlüssig.

Phanishwars Wege kreuzen sich mit Rami, die auf der Flucht ist: Ihr Ex hat ein Revenge-Porn-Video mit ihr in die sozialen Netzwerke hochgeladen und sie wird an jeder Ecke erkannt. Im Hinterland von Goa richtet sie sich in einem von Phanishwar vermittelten Haus ein und traut sich zaghaft wieder auszugehen.  Langsam traut sie sich wieder aus dem Haus und es kommt zu -auch erotischen- Zufallsbekanntschaften.

Als Rami sie später ihr Porno-Video auf Phanishwars Smartphone entdeckt, drehen bei ihr die Sicherungen durch. Sie schlägt ihn nieder, sperrt nun ihn in einen Käfig – und beginnt ihn bis aufs Blut zu foltern. Als Rami -auf einen Verdacht hin- in Panishwars Wohnung fährt und fassungslos die dort angekettete Nanaam als Haufen Elend entdeckt, will sie die Befreite dazu bringen sich mit ihr an Panishwar zu rächen. Doch der hat sich mittlerweile befreit und stürmt mit einem Kricketschläger aus dem Keller. Das die Geschichte auf der Titel gebenden Müllhalde endet, dürfte jetzt nicht mehr überraschen.

Für ihn die reine Lehre – kniend vor dem Meister

Das hier Gezeigte war an Drastik (auch für Berlinale Verhältnisse) wohl nur von Lars von Triers „Antichrist“ in der Hommage-Sektion des Festivals zu überbieten. Es gab geschätzt 30 Walk-Outs und bei Beginn des letzten Drittel des Filmes (gefühlt eher das 5. Sechstel) angekommen, fragte ich mich wer wohl noch bis zum Ende bleibt. Erstaunlich viele.

Liebend gerne hätte für die Hintergründe liebend gerne der Fragerunde mit Regisseur und Cast beigewohnt – hatte aber leider meinen letzten Film so knapp gebucht, dass ich dort nur außer Atem und mit viel, viel Glück noch einen guten Sitzplatz bekam:

La terra dell’abbastanza [Boys cry] (Italien, Regie: Damiano & Fabio D’Innocenzo)

Am Ende des Tages – wer hätte das erwartet- nun doch noch (welche Erholung) einen geradezu konventionell erzählten Film. Die Kumpel Mirko und Manolo wohnen in einem abgewirtschafteten Vorort Roms und liefern im letzten Schuljahr im Nebenjob Pizzas aus. Bei einer nächtlich ausgelassenen Tour fabulieren sie noch über ihre mögliche Zukunft in der lokalen Gastronomie – da kommt es aufgrund Fahrlässigkeit zu einem Personenunfall. Panisch entscheiden sich, den Überfahreren liegen zu lassen.

Bald darauf stellt sich heraus, dass das Unfallopfer ein von der lokalen Mafia-Familie Verfolgter war. Manolos Vater wittert das große Ding und rät seinem Sohn, das Ganze als geplante Aktion zu verkaufen und sich dort als Handlanger anzubieten.

Der Boss gibt Anweisungen – die Jungs zeigen sich betont cool

Manolos „Aufstieg“ entzweit die Freunde zunächst, doch bald raufen sie sich wieder zusammen und bieten sich als Duo an. Beide machen sich weiß, dass ihre Freunde und Familie ihren neuen Lebensstil und Manieren akzeptieren werden. Doch Mutter, Freundinnen, ihre Clique wenden sich langsam von ihnen ab. Bald werden sie mit Pistolen zu einem ersten Auftragsmord geschickt. Sie ahnen nicht, wie sehr sie ihre Situation unterschätzen und dass Geschehnisse in Gang kommen, die ihr Leben für immer verändern werden.

Übrigens: Ich werde wohl kaum einen besseren Schluss-Satz mit sofortigem Cut dieses Jahr sehen. Zum Zunge schnalzen. Ich kann nämlich nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Tagen dachte: das war’s. Oder? Nein, noch ne Szene.

Glücklich -trotz Verspätung noch mit gutem Sitzplatz- angekommen, trat der launige Moderator auf die Bühne und bat die Stimmkarten für den Panorama-Publikumspreis auszufüllen. Es gäbe „irgendwas, ich weiß es nicht- sicher toll“ zu gewinnen. Professionall. Um danach die Gebrüder D’Innocenzo auf die Bühne zu bitten – die dann bloß konstatierten, dass sie sehr schüchtern sind und den Film einfach für sich sprechen lassen wollen. Ein Q&A, so der Moderator, gäbe es aufgrund der späten Zeit hinterher nicht (Blödsinn, das war vor ein paar Jahren im Colosseum auch möglich -bis fast 1Uhr) – und es sei ja nur die „Vorpremiere“. Häh? Veräppeln kann ich mich selber.

Veröffentlicht unter Allgemein

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