Berlinale 2018, Tag 5: Erpressung und Bildpoesie, Ehedrama und Visionen

Nachdem ich gestern nun diverse Film-Minuten verschlief, lief heute die Maschine besser geölt. Man kommt langsam in den Groove. Wird auch Zeit, das Ende des Tages markiert die Halbzeit der Berlinale…

7 days in Entebbe (USA/Großbritannien, Regie: José Padilha)

Der große Francois Truffaut wird zurecht zitiert, dass es keine Anti-Kriegs-Filme gäbe, da Krieg darin zwangsläufig aufregend erscheint. Warum schaut man sich Filme über Terrorakte an? Was kann dieses Genre bewirken?

Den ähnlich gelagerten „Utoya – 22.Juli“ habe ich im Programm bewusst umgangen. Und das, obwohl ich Erik Poppes letztjährigen Film „Kongens Nei“ sehr geschätzt habe. Mir war es zeitlich zu nah an der unbegreiflichen Tat, die Hintergründe zu klar, als dass ich dafür das Risiko in Kauf nehmen wollte, mich wie ein Voyeur zu fühlen.

Braucht es das? Den zeitlichen Abstand? In der Tat sind die Ereignisse von „7 days in Entebbe“ fast zwei Generationen her – und im Vergleich zur „Landshut-Entführung“ im Jahr darauf fast in Vergessenheit geraten.

Zur Handlung: 1976, die Ära des Terrors der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) als auch in Deutschland der sogenannten Roten Armee Fraktion und der Revolutionären Zellen steuert auf ihren Höhepunkt zu. Ende Juni wird eine vollbesetzte Air France Maschine entführt und ins sympathisierende Uganda gesteuert.  Die anfänglichen Entführer sind maßgeblich zwei Deutsche (gespielt von Daniel Brühl und Rosamund Pike).

Er, naiv-idealistisch, sie zynischer, doch ebenso verblendet, merken jedoch bald, dass sie eher Handlanger für die PFLP sind. Auf dem einem aufgegebenen  Terminal des Flughafen Entebbe verschanzen sich die Geiselnehmer und stellen Forderungen an den israelischen Staat …knapp die Hälfte der Passagiere sind Juden. Als die Erpresser dann beginnen, die Geiseln nach Herkunft zu selektieren verschärft sich die Lage. Die deutschen Entführer merken, dass sie im Hinblick auf die Historie ungewollt bei einer erneuten Juden-Selektion Komplizen sind.

Und das Kabinett um Jitzchak Rabin und Shimon Peres muss -wie die deutsche Regierung ein Jahr darauf- entscheiden: Verhandeln und Wiederholungen riskieren – oder militärisch eingreifen und Tote riskieren? Wie die deutsche Regierung im darauf folgenden Jahr wählt man letzteres.

Der Film ist nicht ohne einige fragwürdige Parolen,  doch auch einige kluge Sätze fallen. Nicht zuletzt der, der dem damaligen Ministerpräsidenten Rabin am Ende in den Mund gelegt wird: „Wenn wir nicht irgendwann anfangen zu verhandeln, wird es ewig so weiter gehen.“

Doch bei allem, was dem Film als Schwächen ausgelegt werden wird: Es lässt es einen nicht kalt, wie hier Menschen aus ihren tiefsten Überzeugungen argumentieren und entscheiden. Ob nun fragwürdig und verwerflich oder zukunftsweisend und idealistisch.

Ironie der Geschichte: Rabin wurde 1995 aufgrund seines gemäßigten Kurse von einem Fanatiker ermordert – und der aktuelle Ministerpräsident Netanyahu ist Bruder eines bei der Befreiung erschossenen Soldaten.

Unicórnio (Brasilien, Regie: Eduardo Nunes)

Selten war ich so optisch so angetan – und zugleich ratlos, was das gesehene nun genau bedeutete. Vielleicht muss man einfach mal loslassen können. Wieder einmal denke ich an die Worte an meinem diesjährigen Anfangstag.

Normalerweise kann ich auf so etwas gar nicht: Herausfordernd lange gehaltene Einstellungen, laaangsame Kamerafahrten, spärliche Dialoge – im Kontrast zu wunderbar gestalteten Bild-Tableaus. Farben, was für Farben! (OK, die wurden wie der Regisseur später zugab in der Postproduktion angereichert, doch wen kümmert’s.)

Marias Welt

Unicórnio“ zeigt eine drei-Pesonen-Solitüde: Die junge Maria wohnt mit ihrer Mutter im einsamen Hochland Brasiliens. Ein Ziegenhirte nahe ihres Holzhauses ist der einzige weiter Ansprechpartner, den das Mädchen und später auch die Familie hat. Ansonsten ist sie mit Bäumen, Pflanzen aber auch ihren Träumen in denen immer wieder ein Einhorn vorkommt, verbunden.

Den Kontrast dazu bilden Szezen, in denen wir Maria ihren Vater besuchend sehen. Seine grellweiße Zelle könnte in einer Heilanstalt oder einem Gefängnis sein, wir erfahren es nicht.Das Kind stellt philosophische Fragen, der Vater versucht zu antworten so gut es geht.

Weitere Zusammenhänge erschließen sich auch im weiten Verlauf des Filmes kaum. Einmal kommen -offenbare- Freunde zu Besuch, mal wird der Hirte vorsichtig aus der Ferne beäugt, mal ist er bei einem Festmahl dabei. Genau genommen haben wir am Ende mehr Fragen als Antworten. Trotzdem lassen wir uns auf diesen sehr langsamen Bilderreigen ein. Bemerkenswert.

Die exzellent komponierten Einstellungen im Ultra-Breitwand-Format (geschätzt 4:1) sind hier nicht Selbstzweck sondern verdeutlichen immer Blickrichtungen zeigen, in mehreren Ebenen zugleich, die weiten Räume der Charaktere.

Im anschließenden Interview gab Regisseut Nunes zu, dass es ihm weniger darum ging, klassisch eine Geschichte zu erzählen. Vorrangig wollte er die Gefühle und Emotionen vermitteln, die er beim Lesen seiner Literaturvorlage empfand. Die Kurzgeschichten der brasilianischen Autorin Hilda Hilst seien nämlich ebenso poetisch-metaphorisch und entzögen sich weitgehend jedem Versuch der Nacherzählung.

 

Abwege (Deutschland, Regie: Georg Wilhelm Pabst)

Ein -wie der Direktor des Münchner Filmmuseums anmerkte- kleiner Film eines der bedeutendsten Regisseurs der Weimarer Republik. „Abwege“ wurde zwar seinerzeit gut vermarktet, jedoch auch vom G.W. Pabst eher als routinerte Auftragsarbeit gesehen. Wer mag, kann mal recherchieren, was „Kontingentfilme“ waren.

Die Kurzversion: nach dem ersten Weltkrieg sollte die Überflutung mit amerikanischen Verleihfilmen unterbunden werden. Daher wurde in vielen europäischen Ländern eine Quote beschlossen, wieviel Filme pro hiesig produzierten Filmen importiert werden durften. Somit gingen wohl auch Routinewerke in Auftrag, die bestenfalls gediegen waren.

Die Story: Vernachlässigte Gattin Irene gibt sich dem Partytreiben der 20er Jahre hin. Ihrem lakonischen Ehemann Thomas scheint seine Rechtsanwalts-Beruf wichtiger als sich darüber zu echauffieren. Angestachelt treibt die Verschmähte es noch weiter. Was mit dem Flirt mit einem Künstler beginnt, endet nach einigen Wirrungen später beinahe in der Vergewaltigung durch einen anderen Verehrer. Die angedrohte Scheidung soll Thomas aber kurz darauf bereuen…

Overacting im Preis inbegriffen

So seltsam auch ein Stummfilm heutzutage anmutet (Verbeugung vor der live-Klavier-Begleitung von Stefan Drößler !), war es doch verblüffend, wie durchaus fassbar die Charaktere erschienen…sich vorzustellen, dass all dies mal tagesaktuell und relevant war.

Film als Museum. Zum Einen, um zu erkennen, welche Stilmittel 1928 bereits er- beziehungsweise gefunden waren. Zum Anderen, indem sich zeigt, wie sehr damals immer noch ein manchmal arg expressives Mienenspiel en vogue war. Was wohl unsere Enkel in 90 Jahren z.B. über Sönke Wortmanns „Allein unter Frauen“ denken werden…? Beziehungsweise in 67, denn das ist auch schon wieder mehr als zwanzig Jahre her…

Was ein wenig nervte, auch wenn das gelegentliche Overacting auf der Leinwand durchaus amüsant anmutete: Wiederholtes, bewusstes bis affektiertes Gelächter hier und da im Publikum. Einigen war es wohl Bedürfnis, zu zeigen, für wie kurios sie die Schauspieltechnik von damals fanden.

 

Kissing Candice (Irland, Regie: Aoife Mcardle)

Vorab: mir will nicht klar werden, warum -gerade in der Generation14 Sektion, wo nicht alle potenziellen Zuschauer über verfestigte Englisch-Kenntnisse verfügen- ein Film ohne Untertitel gezeigt wird. Noch zumal, wenn irischer Dialekt und der auch noch zumeist naturalistisch genuschelt wird… Mannomann.

Die 17jährige Schülerin Candice wartet in einer heruntergekommenen irischen Kleinstadt auf ihren Traum-Mann. Ihre Träume, das sind Visionen die die junge Epileptikerin während ihrer Krampfanfälle immer wieder mal hat. Und in einem von denen küsste sie „ihn“ bereits.

Ungünstig, dass sie ihn dann tatsächlich, jedoch in dem Kleinkriminellen Jacob wieder erkennt. Der ist noch das gemäßigtste Mitglied einer brutalen Jugend-Gang die die Stadt unsicher macht. Candices Vater, der als Polizei-Ermittler Jacobs Bruder eingebuchtet hat, ist von den Entwicklungen gar nicht angetan. Doch das Mädchen gibt nicht auf und nach anfänglicher Abweisung findet Jacob langsam Gefallen an der eigenwilligen Candice.

Leider müssen Candices Visionen erst noch Realität werden

Leider ist die Gang und damit auch Jacob allerdings im Verschwinden eines Jungen verwickelt, ein Fall der die gesamte Gemeinde umtreibt. Für alle stehen dramatische Entscheidungen an.

Regisseurin McArdle findet eindringliche Szenen, um uns diese Geschichte nahe gehen zu lassen. Die Bildgestaltung ist stimmig, bisweilen sogar faszinierend. Ein paar kunstvolle Schnittwechsel und Erzählstränge hätten es gerne sein dürfen. Dann hätte „Kissing Candice“ seine Kraft vielleicht noch mehr ausspielen können. Anhaltenden Applaus gab es allemal.

Veröffentlicht unter Allgemein

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