Berlinale 2018, Tag 10: Unversöhnliches mit poetischem Schluss

Paradoxer Weise gehen ja die Tickets für den letzten Berlinale-Tag als erstes in den Vorverkauf. Man ist also genötigt, noch vor Beginn zu überlegen, wie man das Ganze beschließen möchte. Also quasi den letzten Akt zu entwerfen, noch ohne die Handlung zu kennen. Fast schon philosophisch. Ich griff zu bewährten Zutaten. Historien-Drama und Tragikomödie.

Toppen av ingenting [The Real Estate] (Schweden/Großbritannien, Regie:Axel Petersén&Måns Månsson)

Die knapp 70jährige Nojet kehrt aus Anlass einer Erbschaft in ihre Heimat Stockholm zurück. Die weltgewandte Dame, die ansonsten im sonnigen Ausland auf Kosten ihrer Eltern ein gutes Leben hatte, will beim Verteilen des Erbes des verstorbenen Vaters nicht hintanstehen. Ihr wird ein Miethaus zugedacht. Das zuvor von ihrem Halbbruder und ihrem Neffen herunter verwaltete Objekt stellt sich als Trostpreis heraus. Denn es ist nicht nur renovierungsbedürftig, es hausen auch unüberschaubar viele illegale Untermieter dort. Eine Situation, die einen eventuellen Weiterverkauf fast unmöglich macht.

Die selbstbewusste Alternde gibt nicht auf. Nojet bittet ihren alten Freund Lex bemüht sie um Rat, der bald ihr einziger Verbündeter ist. Der ist sowohl Rechtsanwalt als auch Musikproduzent. Er plant gerade ein Benefiz-Album für -wie passend- Obdachlose.

Als die Mieter dann auch noch planen eine Gemeinschaft zu gründen -was Nojets Vermarktungschancen vollends auf den Kopf stellen würde-, steigt sie denen bald darauf aufs sprichwörtliche Dach. Kommt unangemeldet zu Mieterversammlungen, dringt mit Nachschlüssel in Abwesenheit in Wohnungen ein… Da ihr nichtsnutziger Neffe und dessen Vater Bruder kurz darauf ihr gegenüber auch noch handgreiflich werden um sie zur Abtretung zu bringen, überlegt sie zu noch drastischeren Mitteln zu greifen um die 7.Etage zu räumen.

Ist es Alters-Starrsinn oder eine Art Rache für die Vernachlässigung durch ihren Vater, warum sie ihre Verwandschaft nicht gewähren lässt und sich den Ärger nicht spart? Dies bleibt an uns zu beurteilen.

Dieses Haus scheint ihr über den Kopf zu wachsen. © Flybridge

Gegen Ende wird es sogar noch militant bis anarchistisch, und erst da schein Nojet inne zu halten und die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen zu ahnen. Erkennt sie langsam, ob das das Ganze immer zum Selbstzweck wird?

Man kann es somit nicht nur als Charakterstudie einer alternden Dame sehen, sondern auch als Farce über die Misstände auf dem schwedischen Wohnungs- und Immobilienmarkt deuten.

„Toppen av ingenting“ (was viel mehr so  viel bedeutet wie „An der Spitze von Nichts“) würde ohne seine beeindruckende Hauptdarstellerin nicht so stark wirken. Die Atmosphäre ist kühl, nicht nur zwischen den Konfliktparteien. Und dennoch zieht dieses fast unwürdige Treiben in den Bann. Ungewöhnliche Perspektiven, nicht nur wenn die Kamera Nojets immer noch ansehnliche, doch unverkennbar alternde Physis in Nah-bis  Grossaufnahmen aufs Korn nimmt.

Black 47 (Irland/Luxemburg, Regie:

Irland im Jahre 1847: Nach einer verheerenden Kartoffel-Fäule und folgenden Missernten kommt es zu einer landesweiten Hungesnot. Durch die lasche Haltung der englischen Regierung und den gleichgültigen Chauvinismus der ebenfalls englischen Großgrundbesitzer kommt es zu Hundertaussenden von Toten.

Aus dem englischen Afghanistan-Feldzug zurück gekehrt (desertiert, wie man ihm bald vorwirft), findet Ire Feeney (James Frecheville) sein Elternhaus zerstört vor. Seine Mutter, berichtet der Gutsverwalter des englischen Grundbesitzers, sei verhungert. Seine Schwägerin sei zur Witwe geworden und stünde kurz vor der Zwangsräumung. Denn die englischen Grundbesitzer müssen pro bewohntem Haus Steuern zahlen – und wollen ihre schwindenden Profite mit menschenverachtenden Mitteln retten. Feeney wird Augenzeuge der Auswirkungen von Verwüstung und Vertreibung und erkennt seine Heimat nicht wieder.

Sollte er dafür den eigentlich verachteten Engländern bei deren Krieg gedient haben? Der Hass, der sich in dem durch den Krieg verhärmten Feeney aufbaut führt ihn auf einen scheinbar unaufhaltsamen und gnadenlosen Rachefeldzug gegen alle direkte und indirekt Verantwortliche.

Die englische Krone heuert den in Ungnaden gefallenen Hannah (Hugo Weaving) an. Dem gebürtigen Iren und als ehemaliger Rebellen-Jäger somit Verräter gegen sein eigenes Volk droht eigentlich der Galgen – nachdem er einen Verdächtigen beim Verhör erwürgt hatte. Hannah wird in Aussicht gestellt, so seinen Kopf retten zu können. Was die Engländer nicht ahnen: Er diente mit Sweeney und verdankt ihm sogar sein Leben.

Unaufhaltsam

Wenn ich Filme wie Black 47 schaue, denke ich mittlerweile die zu erwartenden geschmäcklerischen, hämischen  Kommentare im Feuilleton gleich mit. So von wegen emotional vorhersehbar oder klischeehafte Charaktere. Gewiss ist der Film nicht ganz klischeefrei. Der die Verfolgung leitende schneidige britische Jungoffizier kommt vielleicht etwas zu geschniegelt und unsympathisch über den Weg – spiegelt aber vielleicht auch treffend die damalige britische Überheblichkeit. Und James Frecheville als Martin Sweeney schaut finsterer drein als Gerard Butler in „300“, seine Darstellung aber ist in der toternsten Konsequenz seines blutigen Wegs konsequent. So, wie Dramaturgie und Regie seine Gewalttaten nicht für den bloßen Effekt in Szene setzen – und wir einige Male auch nur deren Ergebnis statt den Akt an sich sehen. So viel zum Label Rachedrama.

Hugo Weaving überzeugt in dem, was zunächst wie  the-man-you-love-to-hate rüber kommt. Durchaus differenziert dargestellt, wie Hannah nur langsam aber unaufhörlich seine Zweckallianz mit den Engländern aufgibt. Erst innerlich, später durch Taten ebenso desertierend wie Sweeney.

Vielleicht ist der Storyverlauf vorhersehbar, spannend und ergreifend erzählt ist er allemal. „Black 47“ ist nicht nur eine packendendes Drama, sondern auch ein Einblick in die Verfassung der irischen Nation und den Grund für die damalige Auswanderungswelle nach Amerika.

Am Ende steeht eine der Figuren wortwörtlich am Scheideweg: Rache und Vergeltung fortführen – oder dem Treck in die Emigration folgen?

The Interpreter [Der Dolmetscher] (Slowakische Republik/Tschechische Republik/Österreich, Regie: Martin Šulík)

Eines Tages steht der 80jährige Slowake Ali Ungár vor der Haustür des Wiener Rentners Georg Graubner. Ali ist pensionierter Dolmetscher, Georg ist ehemaliger Lehrer, der nach Burnout und Alkoholproblemenim Ruhestand ist.

Ali, der eine Pistole in der Manteltasche trägt, verlangt Georgs Vater zu sprechen – der hätte nämlich seine Eltern im zweiten Weltkrieg erschossen. Georgs lapidare Antwort: Der Vater sei vor Jahren verstorben und hätte Hunderte erschießen lassen. Das fängt ja gut an.

Nach ein paar gegenseitigen Beschimpfungen lässt sich Ali zwar abwimmeln. Ali lässt jedoch Georg noch die Memoiren von dessen Vater da – die Georg nie gelesen hatte. Georg hatte sich als junger Mann von seinem Vater und dessen Vergangenheit losgesagt. So meint er.

Nicht nur weil Ali ihm noch zum Abschied den Briefkasten mit einem Hakenkreuz zerkratzt, nimmt Georg noch einmal Kontakt mit ihm auf. Er möchte Ali als Übersetzer für eine Reise in die Slowakei anheuern, um mit Ali auf die Spurensuche zu gehen. Bei der es Ali insgeheim auch darum geht, heraus zu finden wo seine Eltern eigentlich begraben liegen. Ali stimmt nur zögernd zu.

Doch so beginnt ein Road Movie der besonderen Art. Es ist schon ein ungleiches Paar. Was dem einen fehlt hat der andere im Überfluss: Der Eine mürrisch-resigniert, die Ereignisse nie ganz verwunden; der Andere unbekümmert im Hier und Jetzt lebend, wirkt manchmal trotz (oder wegen?) seiner Lebenskrise zunächst noch geradezu spitzbübisch.

Gemeinsame Sache machen sie noch nicht. © Titanic, InFilm, Coop 99 / Barbara Jancarova

Georg hat sich so gut wie gar nicht mit der Vergangenheit beschäftigt. Ali scheinbar mit nichts anderem. Auf ihrer Reise, die noch mit komödiantischen Verwirrungen und Reibereien beginnt, ahnen die beiden Senioren langsam, dass es richtig und wichtig sein könnte, wenn sie etwas mehr von den Qualtitäten des Anderen annehmen würden.

Bei der Durchforstung von slowakischen Archiven treten immer mehr erdrückende Details zutage über die Greueltaten, die Georgs Vater begangen hat. Georg verliert seinen Spielraum, es wird es nun endlich Zeit, sich der Vergangenheit zu stellen. Denn eines hat er Ali verschwiegen…

Wie auch schon im Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“ vor einer Woche, geht es hier umd das längst überfällige Bekenntnis Österreichs zur Mitverantwortung in dem, was immer gerne als bloße Besatzungszeit gesehen wurde.

Diese eindringliche Tragikomödie es nach anfänglicher Spielerei, so etwas wie einen Versöhnung wenigstens anzubahnen. Vergebung scheint hier unmöglich, und das vor allem für Georg.

Wieder einmal bei meinen diesjährigen Filmen überzeugt auch der letzte Akt, hält einen Schluss mit verblüffender Wendung bereit und lässt uns sehr bewegt zurück. Große Stille beim Abspann. Sehr spät starker und sehr verdienter Applaus.

Notiz am Rande: Jiri Menzel, der in seiner langen Karriere hauptsächlich als Regisseur tätig war, nennt bereits einen Goldenen Bären („Lerchen am Faden“ 1968/1990), sowie auch einen Oscar („Liebe nach Farplan“1966) sein eigen! Menzel sprang übrigens kurzfristig für die ausgefallene Erstbesetzung ein. Wie er sich in bloß  14Tagen diese Rolle zu eigen gemacht hat, ist frappant.

In den Gängen (Deutschland, Regie: Thomas Stuber)

Schon zu Beginn punktet der Film, als zu den Klängen von Johann Strauss an der schönen blauen Donau Gabelstapler durch sich langsam erhellende Großmarkt Passagen schweben wie seinerzeit vor 50 Jahren bei Stanley Kubricks Raumschiff Ballett im Klassiker „2001“.

Dieser Großmarkt in der mitteldeutschen Pampa ist in der Tat ein ganz eigener Mikrokosmos und die Mitarbeiter schätzen ihre eigene kleine Welt. Christian ist ein schweigsamer aber fleißiger junger Mann, der neu in die Belegschaft kommt. Er hat wie wir später erfahren keine ganz reine Weste und versucht hier einen Neuanfang.

Er wird Bruno, dem gestandenen Gabelstapler-Fahrer der Getränke-Abteilung unterstellt. Anfänglich mürrisch, lernt Bruno Christians Zuverlässigkeit, Ernsthaftigkeit und Fleißigkeit bald zu schätzen. Bruno weiht ihn in alles ein. Welche Abteilung mit welcher kann, wie man geschickt Pause macht und so fort.

Der Großmarkt wird bald mehr und mehr ein Zuhause für Christian. Jedenfalls mehr als es seine trostlose Wohnung sein könnte in der er mehr haust als wohnt. Nicht anders, so ahnt er, ist es auch bei seinen Kollegen. Und wie durch die Blicke auf die anderen Abteilungen durch die Regal-Lücken, so scheint auch er den Blick in ein neues Leben zu werfen. Genau wie Christian lernen wir nach und nach ein knappes Dutzend, eigenwilliger Charaktere  mit ganz eigenwilligem Charme kennen.

Christian wiederum wirft bald ein Auge auf die freche Marion von der Süsswaren-Abteilung nebenan. Auch bei ihr allerdings bekommt Christian seinen Mund kaum auf. Taten müssen Worte ersetzen, er überrascht Marion mit kleinen Geschenken. Die findet zwar Gefallen an ihm und flirtet weiter, doch die bald warnen die Kollegen Christian – Marion sei verheiratet, wenn auch unglücklich. Misshandlung wird angedeutet.

Staplerfahrer Christian. © Sommerhaus Filmproduktion

Auch anderes offenbart sich Christian erst spät. Zu spät. Kollege Bruno hat zum Beispiel -wie behauptet- gar keine Frau mehr und ist nach Verlust seines ursprünglichen Fernfahrer-Jobs depressiver als er es durchblicken lässt…

„In den Gängen“ weht immer wieder eine poetisch-verschmitzte, dann wieder burschikose Stimmung, die uns gerne zum Teammitglied werden lässt.

Wenn ich dem Film überhaupt etwas vorwerfen kann, dann nur, dass es im Lebensmittelhandel wohl nicht so relativ relaxt zugeht wie hier dargestellt. [Über Kurzpausen wird in diesem Großmarkt selbst entschieden, der Chef ist väterlich gelassen und das Arbeitspensum scheinbar gemütlich zu schaffen – die Realität ist durch zumeist hohen Kostendruck und  knappe Personalsetzung eher ein Knochenjob.]

Der Film scheint sich eine Zeit nicht entscheiden zu können, wohin die Reise geht doch das will ich nicht als Nachteil verstanden wissen. Wir sind Teil eines mal verschmitzten, mal nachdenklichen, feinem Melodrams, das die Stimmung in der mitteldeutschen Provinz fast schon poetisch rüber bringen möchte. Mit der Erkenntnis, dass Arbeitsumfeld für manchen die einzige Form von Familie ist. Irgendwo zwischen Resignation, Geborgenheit, Hoffnung.

Einmal mehr ist die Besetzung ein Traum. Franz Rogowski als verschlossener aber sensibler Christian, Peter Kurth, als knittriger aber herzguter Bruno und Sandra Hüller als Marion, die mit vordergründigem Frohsinn ihre Traurigkeit überspielt.

Und so endet dann ein Jahrgang Berlinale, den ich in -von meiner eigenen „Ausbeute“- zu meinen besten zählen darf. In 34 Filmen nur ein paar kleinere Enttäuschungen und mindestens ein Dutzend Mal großes Kino, an das ich auch in Jahren noch gerne zurück denken werde. Wenn ich auch jedes Jahr fast froh bin, wenn es geschafft ist …es hat sich gelohnt!

Veröffentlicht unter Allgemein

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