Berlinale 2019, Tag 1: Starker Tobak und die erste Gurke

Der Vorverkauf lief für mich dies Jahr frustrierend an: Nicht genug, dass das schicke neue Design der Berlinale Programm-Seiten beim Navigieren auch auf flotten PCs und Handhelds ruckelt. Der neu designte Online Vorverkauf crasht jeden Morgen punkt 10:00Uhr – und wenn er wieder da ist sind alle gewünschten Tickets „online ausverkauft“.

Da heißt es dann: ab zum „real-life“ Vorverkauf. Und auch dort gab es dann ein ums andere Mal nicht das eigentlich gewünschte Ticket. So kam ich -gerade für meinen ersten Freitag …gerade mal auf einen Film. Bis ich am Morgen des Tages doch noch einen zweiten Film buchte – den ich mir allerdings hätte sparen können. Doch davon unten. Zunächst:

 

Bei der Anfahrt zum Cinemaxx das nächste Malheur: Nach dem Hin und Her der Vorverkaufstage ganz in Gedanken das Umsteigen verpasst. Zug zurück, Zeitverlust. Just noch vor Filmstart in  den Saal geschafft – allerdings ohne irgendeinen ersichtlichen Sitzplatz. Einer, ja, doch der ist (1min vor Start!) mal wieder angeblich besetzt. Somit dann für quälende 140min auf die seitlichen Stufen gekauert. Wie viele Positionen man doch probieren kann, bevor die Po-Backen in wirklich jeder Stellung schmerzen.

Woo Sang [Idol] (Republik Korea, Regie: Lee Su-jin)

Koo Myung-hui ist ein dynamischer, charismatischer Politiker und hoffnungsvoller Kandidat seiner Partei. Gleich zu Beginn der Handlung fallen einige Wände seines Kartenhauses jedoch zusammen: Sein halbwüchsiger Sohn hat bei einer Spritztour mit dem Auto einen Unfall gebaut. Ein Passant kam zu Tode. Erst nach und nach stellt sich heraus: Der Mann war noch stundenlang am Leben. Das Zögern und die Vertuschungs-Bestrebungen seines Sohnes und seiner Ehefrau gaben dem Opfer das Letzte.

Pragmatisch entscheidet Koo für die Familie (und wohl auch für seine Karriere), dass die Leiche wieder auf der Landstraße deponiert wird und der Sohn sich den Behörden zu stellen hat. Ein geständiger jugendlicher Unfallfahrer kommt besser weg als ein gefasster Fahrerflüchtiger.

Besonders der verzweifelte, fast gebrochene Vater des Opfers ist jedoch weitaus umtriebiger als die Polizei. Hatte sein Sohn doch gerade erst geheiratet und erwartete mit der Schwiegertochter sein erstes Kind. Die allerdings hat als illegale chinesische Einwanderin mit dunkler Vorgeschichte so einiges am Stecken – und eine ganz eigene Agenda. Die Ermittlungen des Vaters, die Bestrebungen des anderen Vaters, eingeschaltete Privatdetektive, Rechtsanwälte… bald ergibt sich eine Gemengelage, in der die Einen nach Wahrheit oder Genugtuung suchen, die Anderen ihre Schäfchen im Trockenen halten wollen. 

(c) Vill Lee Film

Die gute Nachricht: keine einzige verschlummerte Minute meinerseits. Was gerade zum Start der Berlinale bei mir gerne schon mal vorkam. Und dies lag nicht nur an meiner unmöglichen Sitzposition.

Die Handlung ist spannend (allerdings zu lang), die Akteure überzeugend. Ein immer unüberschaubarerer Pfad an menschlichen Abgründen und Niedertrachten der immer wieder in drastischen Taten mündet. Nichts für schwache Nerven.

Das Ganze hätte jedoch auch in unter zwei Stunden erzählt werden können. Vielleicht hätte der Plot dann sogar noch mehr Sog entwickelt. So denkt man im letzten Viertel ein ums andere Mal „das auch noch“. Dennoch: ein Auftakt nach Maß! 

Doch ich musste ja unbedingt noch einen zweiten Film buchen…..

 

La fiera y la fiesta [Holy Beasts] (Dominikanische Republik/Argentinien/Mexiko, Regie: Laura Amelia Guzmán, Israel Cárdenas)

Laut Ansager sind die Filmemacher (wie beim ersten Film des Abends) nicht anwesend. Hm. Dann endlose Einblendungen der Produktions-und Verleihfirmen, wiederholt nochmals im Vorspann. Kein gutes Omen.

Die alternde Schauspielerin Vera V. weilt auf Spuren ihrer Vergangenheit, als sie für ein vermutlich letztes Projekt in die Dominikanische Republik reist. Dort wartet Freund und Produzent Victor, mit dem sie ein Skript eines gemeinsamen Freundes Jean-Luis Jorge verfilmen will. Der ist verstorben – wie auch so gut wie jeder andere aus dem Zirkel der Beiden, wie sie sich wehmütig eingestehen müssen. 

Das Projekt gestaltet sich nach anfänglicher Euphorie immer schwieriger. Ob es daran liegt, dass der Streifen, den sie drehen genauso hanebüchen erscheint wie den, den wir gerade sehen ? Dass Vera V. ebenso wenig wie dieser Film weiß, wo sie eigentlich hin will?

(c) Aurora Dominicana

Hier ist viel Wollen aber nicht genug Substanz. Ein Sammelsurium an vermeintlichen Produktions-Querelen, huldvollen Gesprächen über die alten, gemeinsam erlebten Zeiten. Ich komme nicht drum herum: Es ist an der Grenze zu prätentiösem Quark. 

Drehbuch, Inszenierung und Schnitt…alle lassen zu wünschen übrig. Unglaubwürdige Figuren, Logik-Löcher, bedeutungsschwangere, aber nie aufgelöste Montagen. Der Plot verzichtet zusehend auf Plausibilität und die Vermutung kommt auf, dass -wie in der Handlung- der Film für die Macher weitaus wichtiger ist, als er es für das potenzielle Publikum jemals werden wird.

Spätestens ab der Hälfte hofft man bei fast jeder Abblende, dass es bitte doch vorbei sein könnte. Es wird einfach nicht mehr besser. Wir bekommen immerhin mit, dass Geraldine Chaplin für ihr Alter bemerkenswert fit ist. Und der unverwüstliche Udo Kier darf hier und da auch chargieren. Doch bis zum Schluss vergehen diese 90 Minuten deutlich langsamer als die 140 des ersten Filmes dieses ersten Abends.

Fußnote: Im Abspann wird eingeblendet, dass Jean-Luis Jorge keine fiktive Figur ist, sondern ein in seiner dominikanischen Heimat nach wie vor verehrter Filmemacher war. Ob dieser Film seinem Ruf zuträglich ist, darf bezweifelt werden. 

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