Berlinale 2019, Tag 3: Jugendfilme – Zombies, Guerilla und Sklaverei

Wieder glückliche Hand beim Anstehen, dank an die Dame mit dem Regenschirm. Denn heute gab es wegen der gleichzeitigen Schlange für die 10:30 Vorstellung durchaus Konfusion …und beim Eintreffen kippte ich (bevor ich erkannte, dass die Meisten keine Karte sondern nur Einlass wollten) aufgrund der Ausmaße fast hinten über. Vorwort: Lediglich der erste Film lief in der „Generation“ Sektion mit Freigabe ab 14.

We are little Zombies (Japan, Regie: Makato Nagahisa)

Die Eltern des dreizehnjährigen Hikari sind vor wenigen Tagen bei einem Busunglück ums Leben gekommen. Nach der Trauerfeier, im Krematorium, lernt er Ikuko, Ishi und Takemura kennen, die ebenfalls Mutter und Vater verloren haben. Als Teenager zwar sowieso noch nicht in ihrem Leben angekommen, haben sie dennoch zusammen genug Trotz und Galgen-Humor, sich zu verbünden und fortan „Little Zombies“ zu nennen.

Irgendwann nehmen die Freunde sogar einen gemeinsam Songs auf, werden medial entdeckt und aufgepimpt. Auch wenn sie als Video-Game Aficionados bald ahnen, dass das Leben manchmal im wahrsten Sinne ein Scheiß-Spiel ist (einer der besten Sätze, beim Anblick des Berges Fuji: „wow, die Realität ist so HD!“), so sind sie dennoch aneinander gewachsen und nicht bereit aufzugeben. Ein Reset-Knopf wird quasi gesucht.

(c) „We Are Little Zombies“ Film Partners

Regisseur Nagahisa zettelt hier geradezu einen Bilderrausch an. Von den Rückblenden auf die Familien-Backstories bis zur medialen Ausschlachtung der Kids…kaum lässt er hier das Auge zur Ruhe kommen, werden immer weitere, ungewöhnliche Perspektiven gesucht. Immer wieder Verweise auf Videospiel-Elemente, wenn Plot-Punkte wie in einem Konsolen-Spiel mit Einblendungen kommentiert werden.

Dabei lassen die häufig atemlose Schnittfolge und der Textreichtum (man kam beim Untertitel Lesen kaum mit) nicht nur Entzücken. Auf die Dauer ist das ganz schön viel. Doch in Gänze durchaus charmant.

Im Q&A erklärte sich Makato Nagahisa, dass man beim ersten Langfilm einfach versucht, Alles was man auf dem Herzen hat hinein zu legen. Kommt hin.

Monos (Kolumbien / Argentinien / Niederlande / Dänemark / Schweden / Deutschland / Uruguay / USA; Regie: Alejandro Landes)

Wir begegnen einer paramilitärischen Gruppe Heranwachsender im abgelegenen Hochland eines nicht bezeichneten südamerikanischen Landes. Harte aber herzliche Ausbildung durch einen väterlichen Schleifer.

Die 8-köpfige Bande hat eine familiäre Eigendynamik. Das raue Leben scheint ihnen nichts auszumachen, im Gegenteil. Fast könnte man es idyllisch nennen – wären nicht Sturmgewehre und Gefechtsübungen der Alltag. Nicht gerade Jugendprogramm. Hinzu kommt, dass ihnen eine Geisel aus unterstellt wird, eine ausländische Ingenieurin.

Als in Abwesenheit des Aufsehers nach einer nächtlichen Party im Übermut ein potentiell unter Todesstrafe stehendes Malheur geschieht, kommt es zu Verwerfungen innerhalb der Gruppe. Einige wollen sich zur Verantwortung stellen, andere mit Blick auf ihre Aussichten in diesem Leben die Sache vertuschen.

Ein Gegenangriff der Regierungstruppen kommt diesen Überlegungen zuvor und es ergeht der Befehl sich in den Dschungel weiter zu schlagen. Doch spätestens als bei ihrem Weiterzug ihnen die Geisel mehr als ein Mal entflieht, fallen letzte Hemmungen und einstmaliger Gehorsam.

Atemberaubende Aufnahmen des Hochlandes über den Wolken, später des unwirtlichen Dschungels stehen der Darstellung einer Gruppendynamik gegenüber, die nach euphorisch-freundschaftlichem Übermut sich nach und nach zerlegt.

Gewisse Parallelen zu „Herr der Fliegen“ sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen und (später zugegeben, siehe unten) auch gewollt. Wo bei Goldings Roman jedoch wohlerzogene, gestrandete Kinder am Rande eines Weltkrieges verrohen, so werden hier freiwillig durch Gruppengefühl verführte Jugendliche im Dienste einer nicht bezeichneten politischen Idee. Ein moralisches Urteil behält sich der Film vor. Die Handlungen der Jugendlichen werden weder entschuldigt noch verdammt. Regisseur und Autor Alejandro Landes geht es um die Möglichkeit, auch nach verabscheuungswürdigen  Missetaten zur Menschlichkeit zurück kehren zu können.

Wilson Salazar, der den „Kurier“ und Ausbilder darstellt, war – so erfahren wir später- in der Tat seit seinem 13. Lebensjahr bei einer Miliz – und stieg erst vor wenigen Jahren aus. Regisseur Landes weiß sich glücklich, ihn für diese Produktion nicht nur als Berater sondern auch als Darsteller gewonnen zu haben. Zu Beginn der Zusammenarbeit soll Wilson übrigens misstrauisch gewesen sein. In seinem Aussteiger-Programm zu Geheimhaltung verpflichtet, vermutete er in Alejandro einen Agenten…

Dies war die Europa-Premiere dieses Films und Cast und Crew wurden im Anschluss zu Recht bejubelt. Alejandro Landes gab zu, vieles bewusst im Ungefähren gelassen zu haben (das Land, den eigentlichen Konflikt…)

Denn die Kämpfe, die seine Heimat Kolumbien seit vielen Jahren durcheinander brachten, hätten die Grenzen zwischen Parteien sowie Gut & Böse langfristig verwischt.

Buoyancy (Australien, Regie: Rodd Rathjen)

Der 14jährige Kambodschaner Chakra ist die Schufterei in der Großfamilie seines Vaters satt. Er will nicht zeit Lebens das Dasein eines Feldarbeiters am Rande des Existenzminimums fristen.

Kurz entschlossen will er sich von Schleppern nach Thailand bringen lassen. Auf Montage oder in Fabriken soll sich gutes Geld verdienen lassen. Da -falsch informiert und blauäugig- allerdings den Menschenhändlern nicht den nötigen Obulus‘ zahlen kann, findet er sich alsbald auf einem Fischkutter wieder. Statt zu einer angeblichen Fabrik geht die endlose Fahrt auf Fischfang fernab der leer gefischten Küsten.

An Bord herrscht ein menschenverachtender Skipper, wer aufmuckt oder nicht mehr schuften kann, geht sofort über Bord. Chakra kann das Ganze erst nach und nach fassen, arbeitet sich jedoch einigermaßen geschickt ins Bordleben ein.

Einige schockierende Ereignisse später wird ihm immer klarer, dass sein Leben hier genau genommen keinen Pfifferling wert ist. Dass sie -wie es einer seiner Leidensgenossen formuliert- eigentlich „alle schon tot“ sind. Chakra passt sich seinem Milieu an und sieht sich zu drastischen Taten gezwungen.

(c) Rafael Winer

Derzeit wird vermutet, so heißt es im Abspann, dass bis zu 200.000 Menschen in diesen unwürdigen Zuständen gefangen sind.

Regisseur Rodd Rathjen ist es zu danken, dass er sich dieses unpopulären Stoffes angenommen hat und ein sehenswertes filmisches Zeichen gesetzt hat über die Selbstausbeutung und -Zerfleischung in einem enthemmten Kapitalismus. Durchaus konventioneller Dramaturgie folgend, verrät „Buoyancy“ an keiner Stelle seine Protagonisten und ist fernab

Leider ist mittlerweile bei Spätvorstellungen offenbar überhaupt kein Q&A mehr vorgesehen. Wenigstens vor dem Film meldete Rathjen  und dankte fürs Kommen am Sonntag zu dieser späten Stunde bei diesem Thema.

Veröffentlicht unter Allgemein

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