Berlinale 2019, Tag 4: Nudeln, Korruption und eine Transformation

Der Tag begann filmisch leicht unterwältigend. Dafür habe ich dann am Abend womöglich heute einen der, wenn nicht DEN besten Film meines persönlichen Jahrgangs gesehen…

Complicity (Japan, VR China; Regie: Kei Chikaura)

Der junge Chinese Chen Liang ist illegal nach Japan eingewandert. Mit gefälschten Papieren ausgestattet, führt ihn ein Missverständnis zu einem Job als Hilfskraft in einem Soba Restaurant in einer Kleinstadt. Der alternde Küchenchef Hiroshi nimmt die traditionellen Buchweizen Nudeln und ihre Zubereitung sehr ernst. Trotz fortwährender Sprachbarriere kommen sich Lehrling und Meister langsam näher. Hier findet Chen, auch durch die Zuneigung zu Hiroshis Tochter, durchaus so etwas wie eine neue Familie. Doch nicht nur seine Familie daheim, die er glauben lassen will, er wäre ein erfolgreicher Büro-Angestellter hat Chen die längste Zeit getäuscht.

(c) Creatps Inc.

Ebenso behutsam wie Einwanderer Chen im Film geht auch Regisseur Kei Chikaura hier vor. Langsam tastet sich die Story voran (…bei all dem Bilderrausch der letzten Tage an sich mal ganz erholsam). Die Beziehung, die sich zwischen dem alternden Koch und dem Jungspund aufbaut, wirkt allerdings authentisch.

Der Wahrheit die Ehre: Um den Film wirklich beurteilen zu können, war ich nicht ausgeschlafen genug. Erst ab der Mitte des Filmes ging es einigermaßen. Ungeschickter Weise hatte ich just vor der Vorstellung meine erste Tagesmahlzeit etwas zu reich bemessen. Zu Berlinale Zeiten nie eine gute Idee. Hier mal Studentenfutter, da mal etwas Obst und bis Mittag bestenfalls eine kleine Portion Müsli.

The Shadow Play (VR China, Regie: Lou Ye)

Eine Großstadt in Südchina. Bei Demonstrationen gegen die Sanierung eines Altbau-Viertels kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Baukommisar Tang versucht die Wogen vor Ort zu glätten. Wird jedoch kurze Zeit später, von einem Dach zu Tode gestürzt aufgefunden. Der ambitionierte Polizei-Beamte Yang lässt bei seinen Ermittlungen nicht locker. Tun sich doch weitere und weitere Abgründe auf: Tang hatte zu Beginn seit Beginn seiner Karriere mit dem späteren Baulöwen Jiang gemeinsame Sache gemacht. Man hatte nicht nur voneinander profitiert – Tang war sogar willens, seine Frau Lin Hui mit ihm quasi zu teilen. Eine brisante Dreiecksgeschichte.

Polizist Yang sieht sich auf der richtigen Spur, jedoch Gegnern gegenüber, die vor nichts zurück schrecken.

Der Plot ist vielleicht vom Grunde her konventionell. Die vielen Verwicklungen und Verstrickungen wären allerdings eines Raymond Chandler oder in deutscher Neuzeit eines Jörg Fauser würdig. So packend wie die Umsetzung von Regisseur Lou Ye auch ist, so Schwindel erregend ist er in der Wahl seiner Mittel. Hohe Schnittfolge, häufige Handkamera, rasende Flug-Kamera-Sequenzen und die Tatsache, dass die Geschichte zu knapp der Hälfte in unvermittelten Rückblenden erzählt wird.

(c) Dream Factory

Der Film tut gut daran, konsequent mit Einblendungen zu Ort und Zeit zu arbeiten. Zu Beginn hält man die noch für affektiert, später ist man geradezu darauf angewiesen. Leider sind nicht alle der Szenenwechsel dabei assoziativ interessant gelöst.

Die immense Action Sequenz im Showdown wirkt insgesamt fast schon wie eine Pflichtübung, wenn auch eine Atem beraubende.

Bei allem dramaturgischen Wollen und viel Können: Vor allen an der Struktur des Finales hätte man bei knapp zwei Stunden Laufzeit noch arbeiten können. Etwas aufgesetzt, wie auch die redundanten Kommentare von TV Sprechern, die die Rehabilitierung des zuvor von der Polizei geschassten Yang konstatieren. 

Zwei eingeblendete, nochmals erklärende lapidare überflüssige Sätze schießen ebenso wie der schnulzige Song im Abspann dem Werk fast noch ins Bein. Dennoch: solides Genre-Kino.

Skin (USA, Regie: Guy Nattiv)

In einem Alter, in dem viele bereits eine Famlie haben, hat Bryon hat zwar nicht mal einen festen Job – das ist als bis ins Gesicht tättowiertes Mitglied der US-Neonazi Szene auf der FBI Watchlist kaum möglich. Rückhalt und Dazu-Gehörigkeit geben ihm seine Wahlfamilie, die vom scheinbar fürsorglichen Paar Fred und Shareen wie ein Clan geführt wird. Was Fred -in seiner Rolle als „Viking Social Club“ Anführer sagt, ist Gesetz. Gewaltexzesse und rassistische Übergriffe, White Supremacy – das ganze fiese Spiel. Bryon ist nicht die einzige verlorenen Seele, die die Beiden aufgesammelt haben.

Bryon verguckt sich bei einem Konzert in die junge Mutter Julie, die nach einschlägigen Vorerfahrungen jetzt allein erziehend leben will. Mit Männern im Allgemeinen und der rechtsextremen Szene im Besonderen hat sie abgeschlossen.

Seinem hartnäckigen Werben erliegt sie jedoch dann doch. Denn der sonst so brutale und rücksichtslose Bryon kann auch ganz anders und beginnt sein Leben schonungslos zu betrachten. Bald sieht er sich von seinen auf „Blut und Ehre“ pochenden Kumpanen in die Ecke gedrängt.

Sicher keine leichte Kost lässt der Film lässt wohl keinen kalt.

Regisseur Guy Nattiv konzentriert sich in „Skin“ weniger auf das weshalb und warum der Akteure dieser Szene – als auf Wege, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Im Abspann erfahren wir, dass der von Jamie Bell in verkörperte Bryon ein reales Vorbild hat. Wie auch der farbige Aktivist, der ihn anwarb aus der Szene aus zu steigen. Ein letztes Foto kommentiert, die Beiden seien bis heute Freunde. Kloß im Hals.

Nicht enden wollender Applaus schon beim Abspann und dann für den Regisseur und seine Hauptdarsteller auf der Bühne.

Trotz allem Interesse am Thema, hatte ich latent mit der Buchung dieses Tickets gezögert. Dann hätte ich allerdings Jamie Bell in der Rolle seines bisherigen Lebens verpasst, voller nervöser und desolater Energie.

Veröffentlicht unter Allgemein

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