Berlinale 2019, Tag 6: Teen noir, Geisterflotte, unerklärliche Empfängnis und…die Deneuve

Gewagt: Nicht nur ein 4-Film-Tag im Allgemeinen. Sondern auch eine Vormittags-Vorstellung zu buchen, während man im Vorverkauf in der Regel eine gute Dreiviertelstunde braucht um dranzukommen. Mit etwas Glück lief alles glatt und ich schätze mich glücklich diesen ersten Film des Tages doch noch in mein Programm bekommen zu haben:

Knives and Skin (USA, Regie: Jennifer Reeder)

Anytown USA, provinzielles Kentucky. Wir treffen ein knappes Dutzend high schooler. Die vermeintlich konformistische Routine wird durchrisssen vom Verschwinden der Mitschülerin Carolyn Harper. Dies ist jedoch nur der Aufhänger und Fokuspunkt eines Panoptikums an mehr oder weniger dysfunktionalen Familien, welches Twin Peaks oder Desperate Housewives würdig wäre.

Die Erwachsenen schlagen sich mit diversen Sinn- und Ehekrisen herum. Entfremdung, eheliche Desillusionierung, Betrug, Jobverlust…

Währenddessen haben die Youngster alle Hände damit zu tun, ihre Rolle im Leben zu finden, sich zu definieren und behaupten. Die ersten Liebschaften machen das Unterfangen nicht gerade einfacher.

Doch the kids are alright, bekommen ihre Sache in Anbetracht der Umstände bemerkenswert gut hin. „Es muss hier doch einen Weg heraus geben“, so formuliert es einer der Schüler gegen Ende.

(c) Newcity Chicago Film Project

Auch die Regisseurin und Autorin Jennifer Reeder gab im Anschluss zu, nicht schnell genug aus ihrer Heimat Ohio heraus gekommen zu sein – um jetzt gern wieder zurück zu kehren.

Das große, große Pfund des Filmes ist nicht so sehr der mit Mystery-Plot, der zur größeren Vereinnahmung mit metaphysischen Elementen gepfeffert wurde. Die sarkastisch-satirischen Dialoge sind es, die mit viel Wortwitz die Figuren treffend und nachvollziehbar charakterisieren. Selten werden psychologische Studien so unterhaltend dargestellt.

Für einige der Anwesenden Jung-Zuschauer war es dann aufgrund vereinzelt hysterischem Lachen etwas viel. Szenisch wagt sich Jennifer Reeder bis ins grotesk-absurde, wobei sie es auch noch schafft viele gerade poetische Momente zu zaubern. Ein kleines Kunststück.

Wie auch die Einbindung der Musik: der Schulchor probt (unter Leitung der labilen Mutter der Vermissten Carolyn) ein ums andere Mal eindringliche a-capella Versionen von 80er Jahre Popsongs (u.a. Our lips are sealed, Blue Monday)

Einer der berührendsten Momente: Genau wie letztes Jahr in „L’Animale“ eine parallel-Montage, in der alle Protagonisten, jeder in seinem eigenen Setting (ink. das vermisste Mädchen!), abends gemeinsam einen weiteren melancholischen Song anstimmen.

Diesem von beiden Filmen bei PT Andersons „Magnolia“(1999) direkt beliehene Zitat kann man nicht böse sein. Dafür ist es als Stilmittel einfach immer wieder zu surreal-faszinierend.

 

Ghost Fleet (USA, Regie: Shannon Service, Jeffrey Waldron)

Das Thema war mir nach „Buoyancy“ (siehe Tag 3) nicht neu. Eine unbewusste Doppelbuchung sozusagen.

Shannon Service und Jeffrey Waldron haben hier den dokumentarischen Weg gewählt, um Bewusstsein für diese unhaltbaren Zustände zu schaffen:

Im südostasiatischen Pazifik tummelt sich eine unüberschaubare Zahl von Trawlern, die aufgrund der Überfischung immer weiter aufs Meer hinaus müssen. Da keiner der Berufs-Seeleute mehr bereit ist, Monate bis Jahre auf See zu bleiben, ist man im großen Stil dazu übergegangen, komplette Crews in der Tat zu „shanghaien“. Mit falschen Versprechungen oder dreisten Lügen werden Tagelöhner angelockt oder Nichtsahnende direkt gefangen genommen.

Damit sie nicht fliehen können, bleiben die mittelgroßen Schiffe dauerhaft auf See – und treffen sich höchstens alle paar Wochen mit Mutter-Schiffen. Denen dann der Fang angeliefert wird und die im Gegenzug Versorgungsgüter bringen. An Bord werden dann jegliche Standards mit Füßen getreten, es herrscht ein gewalttätiges und gnadenloses Regime.

Der Zuschauer begleitet Aktivisten, allen voran die Thailänderin Patima Tungpuchayakul bei ihren Recherchen und Interventionen. Einige der Opfer dieses grausamen Spiels verbringen Jahre bis Jahrzehnte in diesem Dasein. Eine Flucht ist selten und bestenfalls an Gestaden fern der Heimat möglich. Dort, wenn man denn den Häschern entkommen ist (auch vor Mord schreckt diese Mafia nicht zurück), bauen sich dann die wenigen Entkommenen in der Fremde notgedrungen eine neue Existenz auf.

Der Film verzichtet nicht auf Stilmittel wie re-enactment. Das ist den Machern allerdings in Anbetracht der Sicherheitslage nicht zu verdenken. Das Thema ist nämlich nach wie vor unliebsam und man hat Repressalien zu fürchten – wenn nicht sogar um das eigene Leben. Denn die Regierungen von Thailand als auch Indonesien haben zwar allererste Schritte zur Eindämmung unternommen, doch es ist noch ein scheinbar endloser Weg bis diese unhaltbaren Zustände überwunden sind.

In realiter treffen einen Handy-Videos einiger der Überlebenden in die Magengrube: Den Geflüchteten bieten Patima und ihre Gefolgsleute Rückkehr an – die meisten lehnen dann resigniert ab. Das Leben sei ja nun schon verpfuscht…und so sprechen sie wenigstens in Tränen aufgelöst für ihre Familien zu Hause ein paar hoffentlich tröstliche Worte.

Der Titel des Filmes erklärt sich nämlich aus der Tatsache, dass die Angehörigen die spurlos Verschwundenen zumeist als längst verstorben aufgegeben haben.

(c) Seahorse Productions

Im Q&A kam die Frage, nach den Zahlen der Geknechteten: Da es eine Schattenwirtschaft sei, zögerte Shannon Service. Ließ uns jedoch die Schätzungen wissen: die vorsichtigen (mehrere Zehntausend), die konservativen (mehr als Hunderttausend) und die pessimistischsten von Insidern: womöglich eine Million…

 

Divino Amor (Brasilien, Regie: Gabriel Mascaro) 

In einem Brasilien der nicht zu fernen Zukunft ist das Land zu einer Art Kirchenstaat geworden.

Die reife Joana ist pflichtbewusste Beamtin für Standesangelegenheiten. Sie checkt -offenbar staatliche Obhut dieser Zukunft- zB die DNA Übereinstimmung von werdenden Eltern. Scheidungs-Willigen hält sie es für ihre Pflicht, als überzeugtes Mitglied der christlichen Sekte „Divino Amor“, deren Trennungs-Absichten auszureden – und die Noch-Ehepaare zu Treffen der Sekte einzuladen. Durchaus mit Erfolg, in ihrem Sinne: Bereits 11 Ehen hat sie „gerettet“.

Dort werden nicht nur Bibel-Texte gelesen. Außer Gruppenübungen gehört doch auch Partner-Tausch(!) Sex dazu.

Mit ihrem Mann Danilo, ebenso überzeugter Sektengänger, verbindet sie im Ehealltag liebevolle Routine. Allerdings plagt die beiden das Ausbleiben des lang ersehnten Kindersegens. Als der sich dann doch einstellt, ist die Euphorie von kurzer Dauer. Keiner der DNA Checks ergibt einen Treffer: Ist das Kind vielleicht eine göttliche Empfängnis? Etwas, das offenbar nur Joana bereit ist zu glauben.

(c) Desvia

In „Divino Amor“ wird einiges behauptet, nicht zuletzt einfach durch beschreibende Off-Texte. Doch so manches bleibt das Szenario an Schlüssigkeit schuldig. Das absolute Durchdringen der Religion müssen wir anhand von wenigen Plot-Elementen festmachen, wie einem christlichen Rave oder Drive-In-Beichten. Ansonsten, mit Verlaub, scheint das Alles gar nicht so surreal.

Ich bin ja kein kleiner Doofer, doch warum z.B. in einer christlichen Sekte zeremoniell rumgevögelt wird, gehört zu den Mysterien des Skripts.

Im Grunde, so gebe ich zu, geht es wohl weniger um die dystopischen Auswirkungen, als um eine echte Glaubenskrise Joanas. Inmitten einer angeblich gläubigen Gesellschaft. Die Implikation, welche die vermutete göttliche Empfängnis hat, kommt zudem spät im Vergleich zu so viel Setup.

Anwesende Landsleute bejubelten das Werk und Crew und Cast ausgiebig. Doch ein Triumph ist das Alles nicht.

 

L’adieu à la nuit (Frankreich, Regie: André Téchiné)

Wenn auch längst im Oma-Alter angekommen, ist Muriel (in jedem Lebensalter wunderbar: Catherine Deneuve) eine vital-frische Pferde-Züchterin. Den Betrieb mit angeschlossener Reitschule in den Pyrenäen führt sie zusammen mit ihrem langjährigen Geschäftspartner Youssef.

Nach langer Zeit stellt sich mal wieder Muriels Enkel Alex ein. Der junge Mann ist jedoch latent entfremdet. Nicht zuletzt wegen des (für ihn noch immer ungeklärten) Unfalltods seiner Mutter bzw. Muriels Tochter vor einigen Jahren. Den Kontakt mit seinem ungeliebten Vater in Kanada hat er eingestellt.

Zunächst scheint das Verhältnis zwischen Muriel und Alex wieder aufzufrischen. Als Muriel Wind bekommt, dass Alex zum Islam konvertiert ist, reagiert sie noch souverän-liberal. Wenig später jedoch veruntreut Alex eine größere Summe ihres Geldes. Er und seine Freundin Lila sind dabei, drastische Pläne umzusetzen: Auswandern und sich zu Gotteskriegern ausbilden zu lassen.

Muriel spürt kaum noch Boden unter den Füßen und sieht sich zu verzweifelten Maßnahmen gezwungen.

(c) Curiosa

Wenn es ein Thema in meinem Berlinale-Jahr gibt (und nicht von mir bewusst gebucht): Teenager in Konflikt mit ihrer Eltern-Generation. Nicht der schlechteste Grund, seinen Nachwuchs mal wieder in die Arme zu nehmen oder auf die Schulter zu klopfen.

Mit Urgestein André Téchiné ist hier ein Regie-und Skript-Routinier am Werk. Und dies meine ich nach so manchen enttäuschenden Erlebnissen der letzten Tage im besseren Sinne des Wortes. Schritt für Schritt entwickelt André Téchiné die Handlung und vermittelt seine Charaktere und ihre Motive. Vielleicht wird hier das dramaturgische Rad nicht neu erfunden. Doch es ist nach all dem Sturm und Drang in den bisherigen Filmen dieses Festival-Jahres auch mal ganz nett, sich einfach bei einer einnehmend erzählten und emotional nachvollziehbaren Geschichte hinzugeben.

In „L’adieu à la nuit“ geht es zudem weder um Moral, noch um Verurteilung. Das ist sicherlich eine weitere Stärke dieses Films.

Autopilot gibt es bei der Deneuve einfach nicht. Ihr Spiel wirkt wiederum so natürlich, dass es nur sehr wenig braucht, ihre sich steigernde Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen und dem Film einen authentischen Schlussmoment zu gönnen.

Veröffentlicht unter Allgemein

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