Berlinale 2019, Tag 9: Revoluzzer, Mafia-Fotos, kaputte Frauen …und eine Visitenkarte

 Der Ticketstapel arbeitet sich langsam ab, oder bin ich bald abgearbeitet ?

Marighella (Brasilien, Regie: Wagner Mauro )

Ein Bio-Pic gönne ich mir, wenn möglich, jedes Jahr. Gönnen, weil das Genre zwar verlockend ist, es jedoch nicht immer die Hoffnungen einlöst. Mal ist es allzu leichte Kost, mal  merklich tendenziös.

1964. Zu Beginn der Militär-Diktatur in Brasilien wird der Schriftsteller und Abgeordnete Carlos Marighella aufgrund seiner (kommunistischen) Haltung aus der Opposition in den Untergrund gedrängt. Wir sehen, zunächst in zwei Zeitebenen (1964/1968) miteinander verwoben, wie er und seine Gefährten sich zunehmend radikalisieren.

Über seine Anfänge, wie er seine politischen Erfahrungen gemacht hat, erfahren wir so gut wie nichts. Über die gesellschaftlichen Hintergründe nicht genug.

Später wird die Dramaturgie dann konventioneller, sieht sich der Film irgendwo zwischen Epos und lebendem Geschichtsbuch. Wenn man nur nicht bei so manchen Dramaturgie- und Charakter-Schablonen hier und da das Gefühl hätte latent indoktriniert zu werden. Bei allem Verständnis für die damalige Rebellion.

(c) 02 Filmes

Der Film entzieht sich nur knapp dem Vorwurf einer Heldenverehrung. So gerade.

Immerhin legt das Drehbuch Marighella in einem Moment der Verzweiflung in den Mund, sich und seine Gefährten klar als Terroristen zu bekennen.

Entschlossenheit, drastische Mittel, schön und gut. Nicht genug bekommt das Skript davon, seine gefühlvolle Seite zu betonen. Doch immerhin stand Marighella mit seinem „Minihandbuch für Stadtguerilla“ bei diversen Terrororganisationen noch Jahrzehnte später hoch im Kurs.

Der Film vermag dennoch über die beachtliche Länge zu interessieren. Auch wenn man sich ein ums andere Mal fragt, wieviel das dramatischer Vereinfachung, Schwarz-Weiß-Malerei und überzeichneten Figuren zu verdanken ist.

Shooting the Mafia (Irland, USA; Regie: Kim Longinotto)

Na toll. Das Kino, das abends Q&A abwürgt bzw verhindert, hat tagsüber ein Problem mit dem Termin-Management. Der Einlass begann erst Minuten nach der eigentlichen Startzeit. So musste ich dann im Anschluss wegen eng gesteckter Termine eines der interessanteren Interviews vorzeitig verlassen. Danke Colosseum

Letizia Battaglia ist eine Legende der italienischen Foto-Journalistik. Die Sizilianerin kam durch einen Zufall zur Fotografie, entdeckte jedoch bald ihr gutes Händchen. Insbesonders ihre Milieustudien im von Mafia Verbrechen geplagten Sizilien der 70er und 80er sind unabdingbar.

(c) Shobha/Lunar Pictures

So interviewlastig der Film auch zeitweilig erscheint. Er verlässt sich nicht nur auf die immer noch lebenslustige Präsenz der mittlerweile 80jährigen, sondern stellt deren Memoiren auf großen Strecken einer verblüffenden Zahl von TV-Zeitdokumenten und Reportage-Ausschnitten gegenüber.

Kim Longinotto  und ihre Rechercheure hatten nach eigenem Bekunden teils größte Schwierigkeiten an eine ausreichende Menge relevantes Material zu kommen. Größte Beharrlichkeit war notwendig, um an bestimmte Film-Ausschnitte zu kommen. Die häufig unkooperative Haltung des italienischen Fernehens RAI z.B. ließen Longinotto vermuten, dass es auch heute noch Verstrickungen gibt.

Ihr war es wichtig aus dem Material Sequenzen zu montieren, die ein Gefühl dabei gewesen zu sein vermitteln. Dies ist ihr und ihrem Editor Ollie Huddleston wirklich gelungen.

 

To thávma tis thálassas ton Sargassón [The Miracle of he Sargasso Sea](Griechenland, Regie: Syllas Tzoumerkas)

Elisabeth ist gewiefte Chefin einer Antiterror-Einheit in Athen. Nachdem man die toughe Frau durch interne Manipulationen abserviert, wird ihr eine Stellung als Polizeichefin im Küstenort Mesolongi angedreht.

Zehn Jahre später erleben wir, was die Abschiebung ins Niemandsland aus ihr gemacht hat. Sie trinkt wie ein Ketzer, hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Chefarzt. Im Dienst besteht ihr Vokabular der Desillusionierten überwiegend aus Flüchen und Schimpfwörtern. Nur mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn Dimitris hat sie ein halbwegs vernünftiges Verhältnis, er nimmt es und sie relativ gelassen.

Rita ist Malocherin auf einer Fischfarm. Sie plagen für uns zunächst rätselhafte Visionen. Ihr Bruder Manolis, zu dem sie ein bizarres Verhältnis zu haben scheint, ist eine Mischung aus lokalem Club-Popstar und Drogendealer. Auch Rita träumt von einer Flucht, steht jedoch zu sehr unter der Hand ihres Bruders.

Als nach einer Partynacht (die Elisabeth auf einer ihre Sauftouren streift) Manolis am Strand erhängt aufgefunden wird, muss Elisabeth dann doch mal halbwegs auf professionell schalten. Es werden sich noch weitere Abgründe auftun.

(c) Kiki Papadopoulou

Unerbittlich ist Regisseur Syllas Tzoumkerkas nicht nur bei der Zeichnung seiner zahlreichen Figuren. Denn die eben Beschriebenen sind nur ein kleiner Teil des Personals in diesem hintergründigen Szenario. Wie geschickt verwickelt sich hier dieses Kabinett von Horrorprovinz langsam vor unserem Auge entfaltet, fordert den Zuschauer auf mysteriöse Weise heraus.

Durchaus kein feel good Movie, belohnt der Film die eingeforderte Aufmerksamkeit. Man will keine Andeutung verpassen.

Auch der Cast überzeugt auf ganzer Linie. Allen voran Angeliki Papoulia (Elisabeth) und Youla Boudali (Rita) mit reduziert-verzweifeltem Mienenspiel. Diese noch nicht ganz gebrochenen Frauen haben mehr miteinander gemein als sie ahnen: Ihre Erlösung kann nur Entkommen heißen. Der faszinierende Plot findet auch dafür einen Weg.

Vielleicht ist hier nur begrenzt Neues über die conditio Humana zu entdecken. Doch dafür wird hier der Begriff Provinzkrimi neu geadelt.

 

Jessica Forever (Frankreich, Regie: Caroline Poggi, Jonathan Vinel)

Ein überwiegend menschenleeres Upperclass Villen-Viertel. Wir sehen eine alerte, schwer bewaffnete Kampfgruppe Heranwachsender, wie sie einen verletzten Jüngling aus einem scheinbar unbewohnten Bungalow retten, kurz bevor bewaffnete Flugdrohnen den Ort heimsuchen.

Die einzige Frau der Gruppe ist Ihre Anführerin, die junge Jessica. Ihr vertrauen die jungen Männer grenzenlos. Mit ihr leben sie in eingeschworener Gemeinschaft.

Das Setting wird nun von einem Off-Sprecher mit einigen dürr-rätselhaften Sätzen gegeben: Die Jungs sind von der Gesellschaft als gewalttätig ausgestoßen und zum Abschuss frei gegeben worden. Nur Jessica glaubt noch an sie.

Eine Endzeit ist dies offenbar nicht, eingekauft wird (womit auch immer) in Einkaufszentren. Allerdings sehen wir im gesamten Film keinen einzigen Erwachsenen. Und die Vororte in denen sich „Jessica Forever“ überwiegend abspielt, sind schier entvölkert. Lediglich hier und da treffen sie auf andere Jugendliche, die in scheinbarer Normalität die Schule besuchen, Parties feiern.

Man geht sich weitgehend aus dem Weg, doch einer aus der Gruppe wird sich verlieben. Ein anderer begeht, trotz Gruppengefühl deprimiert, Selbstmord. In Visionen erfahren wir, dass der Grund für sein Ausgestoßenen-Dasein der Mord an jetzt von ihm vermissten eigenen Schwester war.

(c) Ecce films – ARTE France Cinéma

Surreale, Erscheinungen, schon wieder wird einiges nur angedeutet. Krasseste Wendungen werden sowohl von den Akteuren als auch vom Drehbuch lapidar quittiert.

Inkongruent und teilweise inkonsequent, fasziniert der Film dennoch, wenn er auch nicht erfüllt.

Was mit einem spektakulären Feuergefecht beginnt, wie eine fabelhafte Visitenkarte für eine potenzielle Jugendaction-Serie oder einen zum Leben erwachten Sci-Fi Comic, wird mehr und mehr zu einem kühlen, existentialistischen Drama. Eine Chiffre – doch für was? Konsumismus, adoleszente Vereinsamung ?

Oder werden hier doch schlicht und einfach Zusammenhalt, Freundschaft und Kampfeswillen als oberste Ziele heroisiert?

Womöglich verstecken sich hier eine oder mehrere Allegorien. Doch nach meinem diesjährigen Händchen bei der Filmauswahl bin ich langsam etwas müde, danach zu suchen…

Ich bin mir halbwegs sicher, dass hiervon in Kürze eine stromlinierte Version wieder neu erscheinen wird. Netflix oder Amazon werden sich das nicht entgehen lassen.

Am Ende meines dritten 4-Film-Tages bin ich mir einigermaßen sicher: Dies ist meine seltsamste Film-Ausbeute seit langem. Und mit dem diesjährigen Geschick bin ich froh, dass ich am Sonntag nur drei Filme gebucht habe. Vielleicht wird der letzte Tag noch etwas richten!

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