Berlinale 2019, Tag 10: Dinosaurier, das Kreuz mit dem Kreuz …und das mit der Wahrheit.

Man schaut häufiger als erstes auf die Lauflänge des gebuchten Filmes. Nicht nur um zu checken, wie sehr man sich um den nächsten beeilen muss. Kurz vor Ende der Berlinale mischt sich wie so häufig Wehmut mit, ja, Erleichterung.

Öndög (VR China, Regie: Wang Quan’an)

Jede Menge Gegend. Mongolische Steppe im Winter. Eine Frauenleiche wird in der Ödnis deckt, zig Meilen von jeder Zivilisation. Ein Jungpolizist soll den Tatort überwachen. Die latent überforderte Lokal-Polizei heuert zu seinem Schutz gegen Wölfe eine junge Hirtin an.

Die Wortkarge, die von der Landbevölkerung nur „Dinosaurier“ genannt wird, ist nämlich die Einzige mit Gewehr dort. Sie kommt auf einem Kamel geritten, lebt sie doch in Einsiedelei in einer Jurte bei ihren Tieren. Nur wenn es ans Schlachten geht oder eine Kuh kalbt, wendet sie sich an einen anderen Hirten. Mit ihm verband sie wohl schon mal mehr. Doch wie gesagt, wortkarg.

Mit dem Jungpolizisten teilt sie in der Nacht am Lagerfeuer, beide an ihr Kamel gelehnt, Schnaps und Lebensweisheiten. Und sie bringt ihm nicht nur das Rauchen bei.

Unnachahmlich, wie sie beim sachlich vollzogenem Akt bereits nach ihrem Karabiner greift und danach ohne eine Sekunde zu verlieren aufspringt, um in die Finsternis auf den Wolf zu feuern. Echte Jäger, so heißt es schon zu Beginn des Filmes, zielen instinktiv.

(c) Wang Quan’an

Der Junge wird durch diese Nacht angeregt, der hübschen Praktikantin in seiner Wache nicht mehr so schüchtern gegenüber zu sein. Die Hirtin wird, verursacht durch den Lagerfeuer-Beischlaf, bald mehrere Entscheidungen treffen müssen.

Es hat schon etwas, wie die kauzige Story lakonisch trocken erzählt wird und sich erst nach und nach entspinnt. Zunächst sind wir durch Zoomperspektive verengte Bildtiefe und Kameraführung in der ersten Hälfte noch dokumentarisch-distanziert, später hautnah dran am Treiben.

Wie der Plot mit dieser doch relativ überschaubaren Zahl an Figuren und Elementen zu Ende gebracht wird hat schon etwas. „Öndög“ verdankt seine innere Logik dem ungekünstelten Charme seiner stoisch sympathischen Charaktere. Hier draußen wird pragmatisch gehandelt.

Dass so relativ einfach mal erzählt wird, macht auf dieser Berlinale für mich die Ausnahme. Die Dinosaurier werden vielleicht doch nicht aussterben, wie es später im Film heißt.

„Based on true stories“, diese offensichtlich ironische Einblendung sorgte für einen letzten Lacher und löste den Schluss-Applaus aus.

 

Gospod postoi, imeto i‘ e Petrunija [God lives, and her name is Petrunya] (Mazedonien, Belgien, Slowenien, Kroatien,Frankreich; Regie: Teana Strugar Mitrevska)

Petrunija ist 32 und lebt noch bei den Eltern. Mit ihrem Studien-Abschluss in Geschichte hat sie in der mazedonischen Provinzstadt Štip offenbar aufs falsche Pferd gesetzt. Die Mutter hält Petrunija insgeheim für nicht hübsch genug und treibt die scheinbar antriebslose junge Frau hin und wieder zu Bewerbungsgesprächen. Von denen Petrunjia meist schon vorher weiß, was dabei heraus kommen wird.

Auf dem Rückweg von einem wieder mal enttäuschenden Termin begegnet sie einer Kirchenprozession. Ohne groß nachzudenken, springt sie dem rituell in den Fluss geworfenen Kreuz des orthodoxen Priesters hinterher – etwas, das nur den zahlreichen Männern des Ortes vorbehalten ist.

Sie gibt es auch unter lautem Protest des barbrustigen männlichen Mannsvolks mit seinen aufgerissenen Augen und Mäulern nicht wieder her. Als sie sich vom Volkszorn davon macht beginnen aberwitzige Stunden. Dies gar nicht so hässliche Entlein hat es satt, immer nur Verlierer zu sein, schon wieder einzustecken.

Petrunijas deklarierte Untat (von der sich jedoch auch der Priester nicht sicher ist, ob es eine darstellt) macht nicht nur auf Youtube Wellen, auch das Lokal TV berichtet.

Eklat mit der Mutter daheim, Festnahme durch die Polizei, Verhöre, der Pfaffe weicht nicht aus dem Polizeirevier. Später Belagerung der Polizeistation durch die sich geprellt fühlenden Dorfmachos. Einer entsandten TV-Reporterin fehlt es nicht am Verständnis für das Bohei der Männerwelt – sie wittert auch noch die große Story für ihre mickrige Karriere.

(c) sistersandbrothermitevski

In bissigen Dialogen werden in dieser hinreißenden Tragikomödie auf spöttische Weise die matriarchalische Gesellschaft des Landes und eine unrealisierte Trennung von Kirche und Staat zerlegt.

Beispiele gefällig? Polizeichef: „Sind sie religiös?“ Petrunija: „Sind sie schwul? ….ich müsste nicht mal hier sein.“ Oder später ein von der Reporterin Interviewter: „Mazedonien: ‚Das ewige Land‘, jaja – auf ewig im Mittelalter“

Mit einem überaus guten Gespür für das richtige Tempo, sowie für Motive und Bildkomposition leistet sich „Gospod postoi…“ von vorne bis hinten keinerlei Fehl und Tadel.

Ein salomonisches Ende rundet das Bild ab. Mit die besten -und amüsantesten- 100 Minuten dieses meines Jahrgangs.

 

Mr. Jones (Polen, Großbritannien, Ukraine; Regie: Agnieszka Holland)

Für einen Film, in dem die Hauptfigur die hehren Worte sagen wird “ ..welche Wahrheit ? Es gibt nur eine Wahrheit!“ werden in „Mr. Jones“ ganz schön die Fakten zurecht gerückt und editiert. Bei aller kreativen Freiheit…

Doch Regisseurin Agnieszka Holland hat sich der Aufgabe angenommen, in Zeiten in denen der Begriff „fake“ schnell bei der Hand ist, von einer der größeren humanitären Katastrophe der Geschichte und ihres Cover-ups zu berichten. doch der Reihe nach.

Wir begleiten den walisisch-stämmigen Politikberater und Journalisten Gareth Jones im Jahre 1933. Just seine Stelle in der britischen Regierung losgeworden, macht er sich auf eigene Faust nach Moskau auf.

Als in der Ukraine Aufgewachsener, spricht er nicht nur fließend russisch, sondern ist auch mit Land und Leuten vertraut. Sein investigativer Berufs-Ethos lässt ihm keine Ruhe. Für ihn rechnen sich Stalins Bilanzen nur auf dem Papier. Er kann sich dessen angebliche wirtschaftliche Erfolge nicht erklären.

Zunächst im Hotel Metropol, im dortigen Journalisten-Pool vereinnahmt, zieht er bald unter falschem Vorwand weiter  – und wird die Entdeckung machen, dass in der seiner alten Heimat in Wirklichkeit eine Hungersnot unvorstellbaren Ausmaßes herrscht, vom Stalin-Regime herbei geführt und billigend in Kauf genommen.

Nach vorübergehender Haft  nach Großbritannien entlassen, folgen auf journalistische dann diplomatische Eklats. Mit seinen Berichten steht er bald allein und als Lügner da. Denn alle Gazetten folgen den Gegendarstellungen der New York Times, immerhin ist ihr Moskau Korrespondent Pulitzer-Preisträger Walter Duranty. Außerdem haben  Großbritannien und die USA aus großpolitischer Abwägung keine Absicht, Wellen zu schlagen.

Nicht nur im sondern auch vor einem Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Geschichte als Scheiß-Spiel.

(c) Robert Palka /Film Produkcja

Und wieder einmal fragt man sich, wieviel und was Realität und was dramaturgische Kürzung oder Erfindung ist. Ob die damaligen Dialoge wirklich so geschliffen, die Motive so hehr waren. Dahin gestellt, wenn sie wie hier die richtigen Fragen stellen.

Geschichte als persönliches Melodrama. Wenn das der Preis ist, diese fast vergessenen, unerhörten Zusammenhänge wieder ins Bewusstsein zu bringen, so sei es.

Was die Fakten betrifft: Mit nur wenig eigener Recherche erfährt man zum Beispiel, dass Gareth Jones das NS Regime bis zu seinem frühen Tod, sagen wir mal, unkritisch betrachtet hat. Zu Beginn des Filmes legt ihm das Drehbuch Warnungen vor Hitler und Goebbels in den Mund. Allerdings: Auch Jones‘ ehemaliger Chef und ex-Premier Lloyd George lobte Hitler noch im Jahre 1936 als „greatest living german“ und hielt einen Konflikt mit Deutschland für völlig abwegig.

Wenn ich urteilen sollte: Würdiges, hochprofessionelles Erzählkino, dessen Vorgehensweise zum Glück durch seine Einstellung geadelt wird.

Bei den beiden russisch sprechenden Frauen neben mir rührte sich beim Schlussapplaus übrigens keine Hand.

 

Veröffentlicht unter Allgemein

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