Berlinale 2020, Tag 1: Zahlenspiele, Mischpoke und Kräfteschwund

Nomery (Ukraine, Regie: Akhtem Seitablaev und Oleg Sentsov)

Wenn die Produktionsgeschichte eines Werkes so bemerkenswert ist, macht man sich schon mal Gedanken, ob der Film das einlösen kann.

Der ukrainische Schauspieler und Regisseur Oleg Sentsov wurde 2014 in Russland verhaftet. Die Anklage lautete auf Planung von terroristischen Akten. Er wurde nach langer Untersuchungshaft (die auch Folter beinhaltet haben soll) zu 20  Jahren Arbeitslager verurteilt. Erst auf Betreiben und Protest von diversen Menschenrechts-Organisationen, Film-Instituten und einer Vielzahl von Künstlern wurde er schließlich 2019 ein einem Gefangenenaustausch mit der Ukraine freigelassen.

Zum Film: Wir sehen ein bühnengleiches Setting, ein stilisiertes Sportstadion in klein. Auf der Tribüne wachen 2 Bewaffnete. Akteure sind ein Sammelsurium von Männern und Frauen, die keine Namen, sondern nur großformatige Nummern tragen. Die Männer ungerade, die Frauen gerade. Die Zahlen bestimmen ihre Authorität. Die Nummer Eins trägt stets ein dickes Buch mit sich, „die Schriften“. Aufgrund derer, die von einem Wesen namens „Null“ angeblich ergangen sind, gestaltet sich ihr strikter und immer gleicher Tagesablauf. Dieses Wesen thront quasi -nur für uns sichtbar- über dem Ganzen auf einer Beleuchter-Brücke wie in einer kleinen Wohnung.

© 435 Films, Apple Film Production, Česká Televize, ITI Neovision, Ministry of Culture of Ukraine

Wir verfolgen neben Beziehungs-Gesprächen und Rang-Geplänkel erste Auflehnung, Zweifel an der Ordnung. Wobei jeder letztlich darauf bedacht ist, nicht die Nummer Null zu verärgern oder gar von den Wachen ins Visier genommen zu werden.

Das groteske Setting zeigt verklausuliert ein small world Szenario, in dem man ewige Mechanismen menschlicher Zivilisation erkennen kann.

Rangordnug, Religiösität, Dogmatismus. „Wir dürfen IHN nicht verärgern“ „Das war immer schon so, wie wollen wir es denn sonst machen“

Aufkommende Entwicklungen werden von Kleingeistigkeit und Standesdenken im Keim erstickt. Nichts darf in Frage gestellt werden, aufkeimender Mut des Nebenmannes wird alsbald von seinem Nächsten denunziert. Ein Panoptikum menschlicher Petitessen.

Erst nach und nach befreit sich sozusagen nach Kant das Individuum aus selbst verschuldeter Ignoranz. Der gottgleiche Übervater hat ausgedient, seine Schergen werden entwaffnet.

Das Verdienst des textlastigen Drehbuchs ist es, bei aller Abstraktheit die Handlung nicht allzu aufgesetzt scheinen zu lassen.

Doch im Akt „V“ wird ein dystopisches Schlaglicht aufgeworfen. Es geht immer noch schlimmer. Viel schlimmer.

Autor und Co-Regisseur Sentsov hat die Arbeit am Stück übrigens bereits während seiner Inhaftierung begonnen. Laut Produzent hat ihm die briefliche Kooperation mit Ko-Regisseur womöglich die Kraft und Zuversicht gegeben, um seine Inhaftierung zu überstehen.

 

Kød & blod [Wildland] (Dänemark, Regie: Jeanette Nordahl)

Die 17jährige Ida hat bei einem Autounfall ihre Mutter verloren. Das Sozialamt lehnt ab, sie -gerade noch minderjährig- alleine leben zu lassen und weist sie zur Familie ihrer Tante Bodil. Wohl wissend, wie wir später vermuten müssen, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht. Milde ausgedrückt.

Denn als alleinige Matriarchin hat Tante Bodil die Fäden fest in der Hand: Sie und ihre drei erwachsenen Söhne haben allerlei Halbwelt-Aktivitäten zu laufen. Beteiligung an einem Nachtklub, Schulden-Eintreiberei mit wenig zimperlichen Methoden. Täglich geht es auf Fahrt, die säumigen Zahlern heimzusuchen.

Regie-Debütantin(!) Jeanette Nordahl setzt das Ganze erstaunlich gekonnt und emotional anspannend in Szene.

Denn auch wenn zum Beispiel „nur“ um den Frühstücks-Tisch gesessen wird, scheint für Ida fast immer die Atmosphäre angespannt oder fremd. Ihre Verwandten kennen es nicht anders und finden es als das Normalste in der Welt. Ida fragt sich, trotz Mangels an Alternativen, ob sie hier je heimisch werden wird – oder soll. Sie zögert, geblendet von einer langsam aufkommenden Familiarität, so lange, bis es (ohne ihre Schuld) zu einer Katastrophe kommt.

Das ist schon eine bemerkenswerte Mischpoke im sonst für unauffällig gehaltenen Dänemark.

Hauptdarstellerin Sandra Guldberg Kampp, zum ersten Mal vor der Kamera, überzeugt mit zurückhaltenden Fremdeln in dieser abgründigen Provinz. Sie zeigt Ida nicht missmutig sondern vorsichtig nach etwas wie Familiengefühl suchend. Das, erkennt sie spät, wird sie hier nicht finden.

Wir sind hautnah dran, wie Ida das Alles zunächst nicht glauben kann, sich dann versucht damit zu arrangieren – und später nur noch nach einem -wenn auch unangenehmen- Ausweg suchen kann. Was am Ende dieser Familie geschieht, war genau genommen kaum ausweichlich.

Regisseurin Nordahl wie auch die Hauptdarsteller bedankten sich bei Drehbuchautorin .. Die Charaktere seien den Schauspielern quasi aus dem Skript entgegen gesprungen. Regie Debütantin ..

Einzige Plotschwäche: Warum Ida überhaupt zu den Machenschaften ihrer Brüder mitgenommen werden muss…Denn daraus entspinnen sich ja Twist und Tragödie des Filmes. Um mit Mel Brooks zu sprechen: weil’s halt im Drehbuch steht.

Randnotiz: nach einigen durchaus interessanten Wortbeiträgen im Q&A nach dem Film…stellte eine Zuschauerin die Frage, ob eine Fortsetzung geplant sei. Es seien doch „viel „Supense gegen Ende im Raum geblieben“. Heilige Einfalt. Skriptwriterin Topsøe , der von Regisseurin Nordahl prompt das Mikro gereicht wurde, nahm es mit Humor. Und fügte ihrer ironischen Antwort an: Vielleicht könne man ja auch einen Themen-Park zum Film eröffnen.

 

Mogul Mowgli (Vereintes Königreich, Regie: Bassam Tariq)

Zaheer, der nur Zed genannt werden will, ist Sohn pakistanischer Eltern. In London aufgewachsen, hat er seit Jugendtagen gerappt. Damit hat er über die Jahre einigermaßen erfolg gehabt – und ist mittlerweile nach New York gezogen, wo er versucht, seinen wirklichen Durchbruch zu schaffen.

Seine Ambition und seine Egozentrik stressen seine Managerin wie auch seine Freundin trotz aller Sympathie. Sie empfehlen ihm, sich bei einem Besuch in seiner englischen „Heimat“ zu erden… wie er sich selbst in seinen Raps gerne unterstellt und rühmt.

Das Wiedersehen mit seinen Working Class Eltern, deutlich der Einwanderer-Generation angehörend, bringt diverse Reibungspunkte. Die Zed offensichtich bei seiner „Auswanderung“ hinter sich lassen wollte. Nolens, volens nimmt er an Ritualen wie dem islamischen Fasten-Brechen teil und kommt sogar in die Moschee mit. Wo er selbst erkennt, dass er wie ein Fremdkörper wirkt.

© Mughal Mowgli Ltd, BBC

Alsbald plagen Zed Schmerzen und Taubheit im Bein. Erst ignoriert er es, doch nach einem Zusammenbruch kommt im Hospital die Diagnose: Auto-Immun-basierte Degeneration. Therapierbar, doch kaum heilbar.

Zed verliert allmählich nun auch durch seine Muskelschwäche den Boden unter den Füßen. Denn je mehr er mit dem drohenden Verlust seines Slots als Opener für einen anderen Rap-Star auf dessen Tournee hadert, desto mehr versagt sein Körper. Unheimliche Visionen plagen im Schlaf bis hin zu Albträumen. Seine Kultur, seine Herkunft scheinen ihn einzuholen.

Nur sehr langsam kommt er zur Einsicht, dass seine Krankheit Tribut fordert und er -mehr als er jemals wollte- auf Andere angewiesen sein wird. Seine Familie. Die Versöhnungs-Szene mit seinem Vater gegen Ende zählt wohl zu den denkwürdigsten der jüngeren Berlinale Geschichte. Auf einer Toilette, laut singend…

Im mittlerweile außergewöhnlichen 4:3 (dem allten TV Format) sind wir hautnah dran am Geschehen. Immer wieder rahmt die intensive Kamera-Arbeit von Annika Summerson Details großformatig im Vordergrund ein oder rückt den Akteuren ungewöhnlich nah. Ganz besoders die krass und brilliant inszenierten Albtraum-Sequenzen, die Vergangenheit,Gegenwart und Ängste um die Zukunft verweben, wirken lange nach.

Erst-Regisseur (alle Achtung!) Bassam Tariq und Hauptdarsteller/Ko-Autor Riz Ahmed bestätigten im Q&A mehrfach, dass sie -wie der Protagonist- Wanderer beziehungsweise Heimatlose zwischen den Kulturen seien. Dass sei jedoch nicht bedauernswert, sondern in diesem „Riss“ zu leben ist geradezu Quelle für Energie und Antrieb. Nur, wer diese „Hot Mess“ akzeptiere, kann sie nutzen.

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