Berlinale 2020, Tag 3: Kurzstrecken, Portale …und Lektionen

Kurzfilm-Programm 1 (Generation14plus)

Sieben an der Zahl sind in Summe dann schon fast mehr als eine Spielfilmlänge. Nicht alles leider war zwingend. In „Panteres“ (Spanien, Regie: Èrika Sánchez) bemüht sich eine Schülerin, ihr Selbstbild zu akzeptieren, flankiert von Anfeindungen wegen ihrer Liebesbeziehung zu einer Mitschülerin.

„The Flame“ (Australien, Regie Nick Waterman) ist eine erzählerische Elegie Aboriginee Jugendlicher im neuzeitlichen, wohlhabenden New South Wales.

In einer Jugendstrafanstalt begehrt ein Halbwüchsiger gegen seine jüdische Religion auf: Grevillea (Australien, Regie: Jordan Giusti)

Hervorheben möchte ich Clebs [Mutts] (Kanada/Marokko; Regie: Halima Ouardiri) zeigt allegorisch ohne Dialog Aufnahmen aus einer Tierschutz-Station: Hunderte von Hunden in kargem Lebensraum. Und erinnert uns (ein Radio-Off-Sprecher) damit daran, dass die wirklichen Flüchtlings-Krisen sich nicht in Industrienationen, sondern in armen Nachbarländern der Kriegsregionen abspielen.

Babylebbe [Babydyke] (Dänemark, Regie: Tone Ottilie)  begleitet amüsant und einfühlsam Natasja und ihre jüngere Schwester Frede über eine Partynacht. Frede ist zum ersten Mal unglücklich verliebt – und Natasha will doch nur helfen.

Surreale Visionen bietet Black Sheep Boy (Frankreich, Regie: James Molle): Mit an alte Videospiele erinnernder, knuffiger Animation verfolgen wir den Traum der Spielfigur nach einem Streit mit seiner Freundin. Ein weiser Löwe, eine Zyklopen Katze sind nur einige der Figuren auf der nächtlichen Odyssee. Der kleine Prinz auf mushrooms sozusagen. Durchaus anrührend.

und schließlich: Något att minnas [Something to Remember] (Schweden, Regie: Niki Lindroth von Bahr), in dem Tierfiguren in liebevoller Stop-Animation ein schwedisches Wiegenlied (mit umgedichteten, unheilvollen Text) in einem Nahes-Ende-der-Welt Szenario zum Besten geben. Erst possierlich, dann immer verstörender. Roy Andersson hätte es nicht besser gemacht.

 

Chico ventana tambien quisiera tener un submarino [Window boy would also like to have a submarine] (Uruguay/Argentinien/Brasilien/Niederlande/Philipinen; Regie: Alex Piperno)

Ein Kreuzfahrtschiff im Patagonischen Meer. Ein Schiffsjunge glänzt immer wieder durch Versäumen seiner Dienstschichten. Er hat nämlich, in einem Lagerraum ein Schott entdeckt…das in die Wohnung einer alleinstehenden Frau in Montevideo führt. Wenn er nicht gerade das Deck oder die Aussichts-Fenster des Schiffes reinigt, schaut er sich immer  in dieser (für ihn Parallel-)Welt um. Als ihn die eigentliche Bewohnerin eines Tages überrascht, ist sie nur zu Beginn schockiert. Man lernt sich kennen.

Gleichzeitig entdecken philippinische Farmer weit oben im philippinischen Hochland eine alleinstehende, mysteriöse Beton-Hütte. Sie getrauen sich nicht hinein zu gehen, denn sie vibriert offensichtlich.

© Niki Lindroth von Bahr

Zugegeben, die außergewöhnliche Prämisse des Films (Anleihen zwischen ‚Being John Malkovich‘ und ‚Lost‘) macht sehr neugierig. Die absurde Grundkonstellation wird hier so konsequent und unaufgeregt erzählt, dass es fast schon plausibel erscheint. Und nur die Frage interessiert, wie sich die Akteure mit der Situation und ihren Möglichkeiten arrangieren werden.

Regisseur Piperno hat das Tempo sehr gut im Griff, lässt sich jedoch auch die Zeit, die es braucht, das vorsichtige Tasten Chicos realistisch erscheinen zu lassen. Ein Faszinosum.

Minyan (USA; Regie: Eric Steel)

New York 1986. Der halbwüchsige David kann es seinen Eltern nicht recht machen: Der jüdischen Schule kann er nichts abgewinnen und würde viel lieber eine säkulare, öffentliche besuchen. Vater und Mutter sind russische Immigranten und haben sich schlecht bis recht in einem kompromiss-behafteten Leben eingerichtet, die ehemaligen Karrieren und Hoffnungen aufgegeben.

© AgX

Einzig seinem erfahrenen und mildem Großvater, noch aus der Kriegsflüchtlings-Generation, vertraut er sich wirklich an. Für den gerade Verwitweten bietet sich ein neues Appartment in einer jüdischen Community an – wenn David sich bereit erklärt, bei den Minyan Gebeten (die ein Minimum von 10 Männern erfodern) auszuhelfen.

Unter den dortigen Senioren, zumeist ebenfalls ehemalige Flüchtlinge und Holocaust Überlebende, erfährt David eine für ihn neue Form von Zuneigung und Verständnis.

David entdeckt außerdem dass er sich mehr zu Männern als Frauen hingezogen fühlt – und dass man außer Sachzwängen und Kompromissen irgendwann seine eigene Stimme erheben muss.

Das sensible Spielfilm-Debüt Eric Steels nimmt sich Zeit und vertraut seinen Akteuren. Das geht allerdings soweit, dass nicht alle Szenenfolgen schlüssig wirken und  es sich auf Langstrecke doch irgendwann etwas zieht. Andererseits ist das Panoptikum an Charakteren so gut gezeichnet und das Sittenbild dieser Zeit fernab von Übertreibung. Konsequent wird auf comic relief verzichtet, was dem Film aber auch eine gewisse Schwere gibt. Sehenswert, allemal.

Das Schauspiel-Alter vom durchaus beeindruckenden Samuel H.Levine als David erfordert allerdings etwas guten Glauben.

Randnotizen:

Nach einem wiederum sehr erfolgreichen Vorverkaufs-Morgen in Hochstimmung, dann, nach meiner gestrigen Irrfahrt, ein weiterer Lapsus. Diesmal mit Folgen.

Die Startzeit meines ersten Filmes falsch im Gedächtnis, erscheine ich nicht 20min vor, sondern 10min nach Vorstellungsbeginn im Haus der Berliner Festspiele. Aus Erfahrung hilft dort kein Argumentieren und Betteln. Wer die engen Sitzreihen dort kennt, weiß, dass es im Dunklen kaum möglich ist störungsfrei einen Platz zu finden.

Der Film hätte Persian Lessons geheißen, dies war nun eine  ganz eigene Lektion.

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