Berlinal 2020, Tag 8: Naturheilung, Sauerei, Henker und eine Todgeweihte

Der dritte von vier 4-Film-Tagen…ich beginne langsam an meinem Pensum zu zweifeln…zumal ich nun durch den beendeten Vorverkauf jetzt schon zwischen 9 und 10Uhr beginne…

Charlatan (Tschechische Republik/ Irland/Polen/Slowakische Republik; Regie: Agnieszka Holland)

Durchaus interessant erzählt Agnieszka Holland die Heiler-Werdung des Tschechen Jan Mikolášeks. Bereits als junger Mann nach dem Zweiten Weltkrieg war an Kräuterkunde und Natur-Heilmethoden interessiert. Von einer alten, von allen bewunderten Frau lernte das Natur-Talent, Diagnosen rein aus dem Sichten von Urinproben zu erstellen. Mit frappanter Treffsicherheit.Ein Pragmatiker, der auch nicht hinterm Berg hält, um jemand zu sagen, dessen letzten Tage zu genießen…es sei sowieso zu spät.

© Marlene Film Production

In parallel verschränkten Szenen sehen wir ihn in seinen Anfängen, phänomenaler Ruhm in der Bevölkerung, anfängliche Verfolgung und später Ausnutzung durch Nazi-Besatzer sowie nach dem Krieg durch tschechische Kommunisten.

Nach ihrem letztjährigen Film ‚Mr Jones‘, bin ich jedoch etwas vorsichtig, wie weit das Vertrauen in die Fakten des Gezeigten gehen darf. Immerhin beschränkt Agnieszka Hollland die Parteinahme auf ein ertragbares Maß – und vermeidet es, diesen offenkundig bemerkenswerten Menschen allzu weihevoll darzustellen.

Gunda (Norwegen/USA; Regie: Viktor Kossakovsky)

Fast schon meditativ ist die Darstellungsweise in diesem Dokumentarfilm. Gleich zu Beginn erkennen wir erst nach und nach, was wir da gerade sehen (und hören): Eine erschöpft ab und zu grunzende Sau liegt am Ausgang zu ihrem Stalls und erst nach Minuten schaffen es ihre neu geborenen Ferkel über sie hinweg zu krabbeln.

In ruhigen, lang gehaltenen Einstellungen mit nur leichten Schwenks erleben wir, wie diese zunächst nur handgroßen Wesen langsam heran wachsen. Der Hauptteil des Filmes konzentriert sich vollkommen unaufgeregt, ohne Einflussnahme oder Kommentar, auf das titel-gebenden Muttertieres und seinen Wurf.

© Egil Håskjold Larsen/Sant & Usant

Erstaunlich, wie tatsächlich -wenn man sich wie hier- genug Zeit nimmt, jedes Tier einen eigenen Charakter zeigt.

Auch die soziale Interaktion von Kühen sehen wir, sowie Hühner, welche (wie der Regisseur später berichtet) von Tiervereinen vor der Schlachtung durch Aufkauf geretten werden und auf einem Gnadenhof leben dürfen. Diese betreten zum ersten Mal in ihrem Leben einer Wiese und trauen sich kaum, das Gras zu betreten.

Eine sehenswerte Studie, die nicht indoktrinieren will, sondern zum Eintauchen in diese (Tier-)Welt einlädt. Durchaus ungeschönt, nicht nur wegen der Wahl des Schwarz-Weiß-Formats.

So stellte der Regisseur auf Publikumsfrage klar, dass die Mutter-Sau tatsächlich wie gezeigt eines ihrer Ferkel totgetreten hat. Es waren für ihre Zitzen zu viele und dieses konnte kaum laufen. Wer das absurd fände, solle -so Kossakovsky- überdenken, dass auf der Welt rund 1 Milliarde Schweine gehalten werden, die nicht älter als ein Jahr sollen werden – zumal unter viel schlimmeren Bedingungen als hier gezeigt.

Am Ende des Filmes irrt Gunda  nach Abtransport ihrer Jungen ewig umher, mit den stetigem tiefem Grunzen, das uns vertraut geworden ist. Wie sie dann zweimal in die zuvor nicht mit Aufmerksamkeit bedachte Kamera schaut…lässt einen nicht kalt.

Sheytan vojud nadarad [There Is No Evil] (Deutschland/Tschechische Republik/Iran; Regie Mohammad Rassoulaf)

In seinem Episodenfilm behandelt Mohammad Rassoulaf das Thema Todesstrafe im Iran. Dort werden Wehrpflichtige durch Befehl und Gehorsam gezwungen, bei Exekutionen mitzuwirken. Sich weigern hat schwerste Konsequenzen, den Wehrdienst nicht zu leisten stellt einen wirtschaftlich und gesellschaftlich ins aus.

Diese Tatsachen macht der Film in 4 Geschichten klar, in denen sich die Protagonisten in dieser Frage ganz verschiedenen verhalten: Sich-Arrangieren als Familienvater. Eine gewaltsame Flucht suchend. Schockiert festtellend, dass ein Getöteter bester Freund der eigenen Geliebten war. Und die Spätfolgen einer Weigerung.

Am stärksten beeindrucken die erste und die letzte Episode. Und wenn filmisch vielleicht relativ konventionell, tritt all dies vor der Thematik in den Hintergrund. Wie verhält man sich als Mensch in so einer Situation, wie lebt man weiter?

© Cosmopol Film
Håp [Hope] (Norwegen/Schweden; Regie: Maria Sødahl)
Das Paar Anja und Tomas trennt nicht nur 20 Jahre (Tomas hatte Kinder aus erster Ehe in die nun vielköpfige Patchwork-Famlie mitgebracht). Über viele Jahre haben sich auch ihre Vorstellungen von Famlienleben relativiert, um nicht zu sagen abgekühlt.
Als  Anja zwei Tage vor Weihnachten erfährt, dass sie einen unheilbaren Tumor hat, sind beide gezwungen lange Verschobenes auf den Tisch zu bringen. Abgesehen davon, dass Feiertage durchgezogen werden sollen, der Vater zu Besuch ist… und auf entscheidende Befunde wird unterdem auch noch gewartet. Alles auf Kipp.
Ich kann das Skript des Filmes nicht genug loben, denn es vermeidet jede Trivialität, jedes Melodram-Klischee. Wie der Film dies alles darstellt, ist emotional nachvollziehbar mit ausgewogener Distanz. In seiner Machart so würdevoll und bemerkenswert, wie Anja, die versucht -trotz Medikation immer wieder dem Ausflippen nah- nicht zu verzweifeln.
Die beiden fantastischen Hauptdarsteller, Andrea Bræin Hovig noch vor dem notorisch überzeugenden Stellan Skarsgard, werden als fehlbare Menschen gezeigt, die nicht wissen ob sie noch finden können, was ihnen irgendwann abhanden gekommen ist.

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