Berlinale 2020, Tag 9: Polizisten, Gestrandete, Schäfer und späte Liebe

heute hätte ich den Naturheiler aus dem ersten Film gestern brauchen können: eine beginnende Erkältung raubt mir etwas die Kräfte…

Police (Frankreich, Regie: Anne Fontaine)

Der Mikrokosmos einer Pariser Polizeiwache, konzentriert auf drei Hauptfiguren: Virginie hat Mühen, den aufreibenden Job und ihr Ehe-und Familienleben in Einklang zu bringen. Aristide ist (noch) jugendlich happy-go-lucky dabei, außerdem hat er eine Affäre mit Virginie. Erik, mit 20 Dienstjahren auf dem Buckel, sieht sich vor den Trümmern seiner Ehe.

Die drei melden sich aus verschiedenen Gründen zu einer Nacht-bzw. Sonderschicht. Zwei von ihnen, wohl um dem häuslichen Alltag zu entkommen, welcher derzeit weniger attraktiv ist als der Alltag auf Streife, trotz dessen Unbills.

Sie sollen einen Häftling zum Flughafen zu überstellen, der nach abgelehntem Asyl nach Tadschikistan überstellt wird. Als Virginie unzulässigerweise seine Akte einsieht, ist sie die erste die einen Weg sucht, dies zu verhindern.

© Thibault Grabherr / F comme Film / Ciné@

Das Spannungsfeld dieser drei Charaktere ist der Hauptschauplatz von ‚Police‘. Konzentriert wird dargestellt, wie sich die Kameraden fast darüber entzweien, was sie tun sollen.

Den Esprit des Beginns, als die Charaktere in einer verschränkten Wiederholung von Szenen jede/r für sich eingeführt werden, erreicht der Film später nicht mehr…dafür hat der das Herz am richtigen Fleck.

 

Pari (Griechenland/Frankreich/Niederlande/Bulgarien; Regie: Siamak Etemadi)

Die aus Teheran stammenden Eheleute Pari und Farrokh treffen in Athen ein. Doch ihr hier studierender Sohn Babok wartet nicht am Flughafen. Seine schäbige Mietbude seit Monaten verlassen.

Nur Pari des Englischen ein wenig mächtig, machen sich die Beiden auf eine beschwerliche Spurensuche. Offenbar hat ihr Sohn die Uni so gut wie nie besucht, ist bald nach seiner Ankunft auf ganz andere Gedanken gekommen.

Nicht nur diese Kultur (wir sehen Athen vor dem Hintergrund von Demonstrationen und gewalttätigen Unruhen) ist für die Pari und Farrokh fremd. Was hat er hier gemeint gefunden zu haben? Es mündet immer wieder in Streit, wie sich der eigene Sohn so entfremden konnte.

Es ist nicht zuviel verraten, dass Pari im Verlauf ihrer Odyssee allein da stehen wird und zu immer verzweifelteren Mitteln greifen wird. Auf sich gestellt, weil der schnell aufgebrachte und meist unversöhnliche Farrokh erliegt irgendwann einem Herzinfarkt erliegt. ‚Pari‘ ist nicht von ungefähr nach seiner Protagonistin betitelt, handelt, bei aller Behandlung der Exil-Problematik, von einer Mutter, für die langsam das Konstrukt ihrer Welt zusammen bricht. Vielleicht etwas banal, doch zugegeben bewegend.

 

Laila aur sad gett [The shepherdess and the seven songs] (Indien, Regie: Pushpendra Singh)

Hier muss  bzw. sollte ich mich kurz fassen, ein Urteil steht mir genau genommen nicht zu:

Denn weite Strecken von ‚Laila‘ verschlummerte ich. Zum Einen geschuldet des selbst-gewählten Pensums von 16 Filmen innerhalb 4 Tagen. Zum Anderen durch eine beginnende Erkältung geschwächt. So wenig von einem Film habe ich zuletzt vor gefühlt 10Jahren gesehen, als ich bei einem Spätfilm im Colosseum-Kino fast komplett durchgeschlafen habe…

Soweit mir ein Urteil erlaubt ist: Eine durchaus charmante Darstellung einer alten rajastanischen Geschichte über eine schöne Schäferin, ihren Galan …und wundersame Geschehnisse. Eingerahmt von indischen Volksliedern. Durchaus freundlicher Applaus im gesamten Publikum.

© Pushpendra Singh

 

 

 

Suk Suk (Hong Kong/China; Regie: Ray Yeung.

Mit noch vorhandener Hoffnung ging es dann in den letzten Film des Tages. Aber ach…

Obwohl ich hoffnungsvoller begann, ereilte mich auch hier das gleiche Schicksal wie im Film zuvor. Ab dem ersten Drittel entglitt mir durch Schlummer allerdings die Geschichte zweier Männer im Seniorenalter, die -beide aus klassisch-normativen Ehen, ihre Gefühle führeinander entdecken.

Hoi ist geschieden, Pak in seiner Jahrzehnte wahrenden Ehe und erweiterten Familie verfangen. Zunächst zögerlich, werden ihre Besuche in einem Badehaus zu einem liebevollen Ritual für Beide. Doch ein solches Glück auf Dauer kann sich nicht einstellen.

Später erfahren wir vom Regisseur im Q&A, dass es nicht nur soziale Konventionen und Scham sind, welche die Heimlichtuerei erzeugen: In Hongkong der unteren Mittelschicht ist der  der Wohnraum so knapp, dass es gar nicht in Frage käme sich zu trennen. Und dass selbst wissende Ehefrauen beiseite schauen, da im chinesischen Rollenverstandnis die Frau alles dafür tun wird, die Familie zusammen zu halten.

Ein ruhiger, gefühlvoller Film, der sehr warmem Applaus am Schluss von einem gerührten Publikum erhielt. Ich werde Suk Suk nochmal schauen müssen.

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