Berlinale 2022, Tag 2: Genre-Kino

Occhiali neri | Dark Glasses (Italien, Regie: Dario Argento)

Man weiß ja so manches Mal, was man da für ein Ticket bucht. Jahre des Filmkonsums und mehr als ein Dutzend intensiv besuchte Berlinalen zahlen sich aus, wenn man die Film-Zusammenfassungen liest… um zu entscheiden welche Vorstellungen man sehen will. Und ab und zu ist es auch nett, auf „L’art pour l’art“ zu pfeifen – und sich einen Genre-Heuler zu gönnen.

Diana (Ilenia Pastorelli) ist eine exklusive Sex-Workerin in Rom und kann sich ihre Kunden aussuchen. Als sie eben dies tut – und einem ihr nicht geheuren Freier nach einem Übergriff mit Pfefferspray beikommt- wird der Heimweg vom Hotel zum Albtraum: Ein Lieferwagen verfolgt Diana und versucht, ihr Auto zu rammen. Bei der waghalsigen Flucht wird ein fataler Unfall provoziert. Diana verliert in Folge dessen ihr Augenlicht – doch in einem weiteren beteiligten Kleinwagen überlebt nur ein Junge, der chinesisch-stämmige Chin (Nicht mein Einfall).

Als sie mit ihrer missgünstigen Haushälterein bricht, bleibt Diana nur noch ihr neuer Blindenhund Nerea als Vertrauter. Nicht nur muss sich Diana mit ihrer Behinderung zurecht finden. Die Auto-Attacke, so vermutet die Polizei, war von Händen eines mutmaßlichen Serientäters  – der bereits eine Prostituierte bestialisch ermordete und es nun auf Diana abgesehen hat. Kurz darauf steht dann auch noch der Junge Chin bei ihr auf der Matte…er ist aus dem Waisenhaus ausgebüxt. Die Ermittler, die tags darauf nach ihm bei ihr fahnden, sind bald Dianas kleinstes Problem.

Viel mehr kann ich hier zur Handlung nicht schreiben. Denn das ist sie schon. Ab Film-Mitte ist alles Weitere an Wendungen… Flucht, die Attacken denen Diana und Chin ausgesetzt werden. Bei der Stange halten uns Plot und Regie einigermaßen mit mehr oder minder steigender Gefahrmomenten und zunehmender Drastik. Doch immer, wenn keine akute Gefahr droht, schwächelt der Film tendenziell. Übrigens auch schauspielerisch.

© 2021 Urania Pictures – GetAway Films

Später geht es noch das ein oder andere Mal in Richtung Hanebüchen (Wasserschlangen? Die zischen?? Ein ganzes Nest??? Manche Leute haben aber auch Pech.)

Doch Regisseur Dario Argento ist seit jeher mehr für Spannung und Schock bekannt als für plausible oder psychologisch ausgefeilte Drehbücher. Leider ist „Occhiali neri“ weit entfernt von der rauschhaften Stilistik seiner Blütezeit der 70er und 80er Jahre.

Argento ist für viele eine der Eminenzen des Horrorthriller-Kinos. Wenig überraschend: Auch als Altmeister versteht er noch sein Handwerk. Dafür ist aber auch überraschend wenig, was man nicht konventionell nennen könnte, hier zu sehen.

Wenn es auch in Argentos Haus-Genre, dem „Giallo“ und seinen Filmen speziell weniger um stringente Plots oder großartige Charakterstudien geht, so hat „Occhiali negri“ bestenfalls das Zeug zur Stilübung.

Der Vertriebstext (bzw. der Berlinale Blurb) meint dann noch etwas von dargestellten Spannungen zwischen reichen Vierteln Roms und der römischen Chinatown herbei zu faseln. Nur: davon ist hier absolut nichts zu sehen.  Dem Bub begegnen wir nach dem Unfall bei Dianas Besuch im Waisenhaus – und dann ist er halt auf Dianas Türschwelle.

Man hadert, so mit Autor und Regisseur ins Gericht zu Gehen. Denn spannende, wenn auch reißerische Unterhaltung ist es schon. Für Argento senior allerdings: bestenfalls Durchschnitt.

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