Berlinale 2022, Tag 4: Reise-Illusion und anarchistische Uhrmacher

Die erste Berlinale mit fester Sitzplatzbuchung. Erst mit der Zeit lerne ich, welche zugewiesenen Platznummern akzeptabel sind, insbesonders von der Sicht her. Doch manchmal wird das auf gute Weise zur Nebensache.

Millie lies low (Neuseeland, Regie: Michelle Savill)

Das ist kein guter Start: Millie drängt kurz vor dem Abflug nach New York handgreiflich darauf, den Flieger noch zu verlassen. Ein Trip, mit dem sie eigentlich gleich nach dem Abschluss ihres Architektur-Studiums einen Traumjob anfangen will.

Genauso, wie sie sich nicht eingestehen will, dass es eine Panik Attacke war welche sie gehindert hat, macht Millie sich und ihren Kommilitonen und Freunden etwas vor: Per social media und Skype Telefonaten erzeugt sie mit einigen Verrenkungen die Illusion, dass für sie gerade in NYC ein tolles Leben beginnt!

© Sandy Lane Productions

Denn die Wahrheit ist Millie unangenehmer als ihr gesamtes Umfeld hinters Licht zu führen: Nach dem gecancelten Ticket ist sie pleite und 2000 NZ Dollar von ihrem Traumziel entfernt. Vorläufige Endstation Straße. Ihre Beharrlichkeit, das Ganze doch noch in den Griff zu bekommen bringt außer manch absurden Momenten auch schlussendlich notwendige Einsichten. Millie braucht schmerzhaft lange, bis sie -auch durch immer groteskere Situationen allmählich erkennt, was (ihr) wirklich wichtig ist.

Regisseurin und Autorin Michelle Savill (die im Trailer gesteht, dass ihr etwas ähnliches passiert ist) verlässt sich in ihrer gelungenen Tragikomödie ganz auf ihre Hauptdarstellerin Ana Scotney, die ihre Rolle ganz wunderbar im Griff hat. Savill beleuchtet gleichsam, wie sehr junge Menschen die Wirkung auf sozialen Medien und vermittlete vermeintliche Perfektion dominiert. Dass ein versöhnliches Ende gefunden wird, mag (der Film lief in der Sektion Generation ab 14Jahren) sein Publikum inspirieren.

Spätestens nach 15 Minuten hätte ich im weniger als halb voll besetzten Saal (aufgrund Covid19 Protokoll werden nur die Hälfte der Plätze vergeben) nach einem besseren Platz Ausschau halten können. Doch „Millie lies low“ ist über die ganze länge einnehmend genug, einen sub-optimalen Sitzplatz zu vergessen.

 

Unrueh (Schweiz, Regie: Cyril Schäublin)

1877 in der ländlichen Schweiz, ein von der Uhrenfabrikation geprägtes Tal. Der Kartograph (und Anarchist) Pjotr Kropotkin trifft im Dorf ein. Einige der Werktätigen in der Uhrenfabrik interessieren sich bereits für anarchistische Ideen – die derzeit in einigen Ländern Europas die Runde machen.

Die Werksleitung wiederum versucht Konjunktur-Schwankungen mit Maximierung der Produktivität als auch mit Taktieren bei Verträgen und Beamten wett zu machen. Die Arbeiter werden zeitlich gemaßregelt, Arbeitsabläufe auf Zeitbedarf bewertet.  Kantonale Wahlen stehen an. Ein steckbrieflich gesuchter Anarchist wird im Kanton vermutet.

Weithin ohne linearen oder zumindest stringenten Plot konstruiert Regisseur Cyril Schäublin hier ein Panoptikum einer bevorsthenden Zeitenwende. Industrialisierung, politische Umbrüche, Individualisierung…vieles wirft hier Schatten voraus. Und immer wieder geht es um Zeit…Soll der Ort die Uhrzeit nach Eisenbahn-Zeit stellen ? Diese wird bald per Telegraf landesweit vereinheitlicht..oder nach Werkszeit der Fabrik: Diese „tickt“ bewusst 8 Minuten vor der offiziellen Zeit.

Bildlich nutzen Schäublin und Kameramann Silvan Hillmann die Juxtapose: Nur ab und zu in halbnahen Settings, ansonsten dominieren lang gehaltene Einstellungen mit Tableau-artigen Kompositionen. Bei denen bemerkenswerter Weise die Akteure nicht immer zentral, sondern meist am Rande der Totalen im Bild sind. Konterkariert wiederum mit Makroaufnahmen der präzisen Feinarbeit der UhrmacherInnen.

Durchaus interessant, wenn auch tendenziell spröde. Mit Schauspielern hat er es nicht so, gibt Regisseur Schäublin freimütig im anschließenden Q&A zu. (Die somit eingesetzten zumeist Laien-Darsteller machen ihre Sache jedoch tadellos.)

© Seeland Filmproduktion

Es ist vielleicht eher die latente Überfrachtung: Das Aufkommen der Industrialisierung, der kommerziellen Fotografie – und das kurzzeitige Aufflackern anarchistischer Ideen in der beschaulichen Schweiz. Diese allerdings, so versichert Schäublin ist geschichtlich belegt. Er empfiehlt das im freien Download erhältiche „Anarchistische Uhrmacher in der Schweiz“.

Schreibe einen Kommentar

Zum Kommentieren bitte angezeigten Code eingeben. Please enter code to comment. *