Berlinale 2022, Tag 6: Die Angst der Feuerwehr – und das Herz einer Boxerin

Kdyby radši hořelo | Somewhere Over the Chemtrails (Tschechische Republik, Regie: Adam Koloman Rybanský)

Standa ist ein Weichei, wenn auch ein gutherziges. Nicht einmal einen kleinen Baum bekommt der werdende Vater gefällt, ohne dass ihm sein väterlicher Freund, der alternde Bronya zur Seite stehen muss. Standa ist in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, welcher Bronya in diesem beschaulichen tschechischen Dort vorsteht.

Die urige Truppe ist einsatzmäßig stark unterfordert und so bleibt dann leider mehr als genug Zeit, Verschwörungs-Stories auszutauschen. Ein Kamerad empfielt Essig als Allheilmittel gegen Chemtrails. Hauptmann Bronya, wiederum sieht an jeder Ecke „Araber“ die schöne Heimat infiltrieren. Dabei wohnt in diesem eingeborenen Dörfchen gerade mal eine einzige Familie mit Sinti-Wurzeln.

Mitmenschen wie „solche“ sind nur beim gütigen Standa wohl gelitten. Denn er ist nicht bloß naiv, sondern hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Doch Außenseiter möchte natürlich auch er nicht sein.

Beim österlichen Dorffest rammt ein Lieferwagen nächtens den Dorfbrunnen. Schnell haben Bronya und Mischpoke die Erklärung bei der Hand: Das kann nur ein Islamist gewesen sein. Dabei ist von einem Fahrer keine Spur. Dafür waren beim Feuerwerk alle bereits zu betrunken.

Bronya, auch durch den Tod seiner Frau verhärmt, stachelt die Gemeinde dennoch nach und nach auf. Zwei Skinheads treffen ein, „seid ihr die Verstärkung?“.

© Bratri

Als der Priester bei der Ostermesse es dann wagt, Vergebung anzumahnen – und für den Täter zu beten, geht ihm die Gemeinde nach und nach von der Fahne. Dabei wird er es sein, der als Erster des Rätsels Lösung erfährt. Doch… das Beicht-Geheimnis !

Ohne die Figuren der Lächerlichkeit Preis zu geben strickt Regisseur Rybanský hier ein liebevolles, streichbürgerliches Panoptikum.

Seine Protagonisten nicht als Witzfiguren zu verraten war ihm wichtig. Denn er glaube, so erfahren wir im anschließenden Q&A -ebenfalls dörflich aufgewachsen- an das Gute im Menschen. Allerdings auch an dessen Verführbarkeit.

Selbst die Auflösung der verzwickten Posse gelingt geradezu salomonisch. Alle Achtung.

Womöglich der absurd komischte Moment meines Berlinale Jahrgangs: Standas absurde Maßnahme, den Bauch seiner hochschwangeren Frau mit Essig einzusprühen. Was die Erwachende als Fetisch seinerseits interpretiert – und, äh, mitspielt.

 

 

 

Keiko, me wo sumasete | Small, Slow But Steady (Japan/Frankreich, Regie: Shô Miyake)

Um Liebe gehe es in seinem Film, so Regisseur Miyake im Trailer vor dem Film. Erst spät, aber überzeugend wird dies in diesem unsentimentalen Film eingelöst.

Die gehörlose Keiko ist angehender Boxprofi. Im Brotjob arbeitet die junge Japanerin im Zimmerservice eines Hotels, mit ihrem Bruder teilt sie sich eine spärliche Wohnung. Er tendiert etwas zum Luftikus, dennoch vertraut die ambitionierte Sportlerin ihm…wenn er auch so manches Mal die Fassade seiner meist ernsten Schwester durchbrechen muss.

Keiko hat ihre Karriere dem kleinen Boxstudio begonnen und zu verdanken. Man kennt sich – und die vermeintliche (Hör-)Behinderung Keikos ist im routinierten Zusammenspiel mit Team und Trainer kein Thema. Zwei wichtige Siege sind geschafft …doch das Boxing Gym ist wirtschaftlich auf der Kippe – und den von Allen geachteten Besitzer und Gründer lässt seine Gesundheit im Stich.

Dieser hat der nun zweifelden Keiko noch eine letzte Lektion Nahe zu bringen: Ohne Kampfeswille sei Alles Nichts – er sei auch Respekt, so ihr alternder Mentor.

© 2022 « KEIKO ME WO SUMASETE » Production Committee & COMME DES CINEMAS

Fast gänzlich unsentimental -und insofern nah bei seiner Hauptfigur- porträtiert Shô Miyake eine Kämpferin, die erst noch herausfindet wie sehr sie ihren Traum will. Dankenswerter Weise vermeidet er auch so gut wie jedes Boxfilm-Klischee.

Wenn der Film auch etwas distanziert wirkt, so schafft er einige intensive Momente. Zum Beispiel das Training mit Keikos Sparringspartner, bei dem sich die unermüdlichen, eingeübten Treffersequenzen in dessen Boxpads rhythmisch wie Musik anhören.

Oder die dann doch berührende Szene, als sich Keiko nach ihrer Trainings-Krise wieder aufrafft und (wir beobachten beim Schattenboxen lange ihr Gesicht) ihr nach und nach dabei die Tränen kommen.

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