Berlinale 2022, Tag 7: Trümmer, eine Geschichts-Aufstellung …und Liebes-Terror

Für den späteren Leser: die 72.Berlinal findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem russische Truppen mit großer Konzentration an der Grenze zur Ukraine aufgezogen sind…und „der Westen“ uneins ist, mit welchen Mitteln man dieser scheinbaren oder offenkundigen Bedrohung begegnen soll.

Klondike (Ukraine/Türkei; Regie Maryna Er Gorbach)

Irka und ihr Mann Tolik leben in der ländlichen Ost-Ukraine. Es ist Sommer 2014, Zeit des kriegsähnlichen Ukraine-Konflikts im russlandnahen Grenzgebiet. Monate zuvor ist die Krim annektiert worden.

Nach einem Granaten-Treffer ihres Hauses lebt das Paar ohne Wohnzimmerwand. Für die hochschwangere Irka kommt es jedoch nicht in Frage, ihre Heimat hinter sich zu lassen. Ihr jüngerer Bruder Yarik drängt sie Mal um Mal, aus dem Krisengebiet zu verlassen – die Milizen rücken immer näher.

Irkas Mann Mann Tolik ist den Separatisten auch unter den Nachbarn zunächst ablehnend eingestellt – gibt aber irgendwann dem Druck der vermeintlichen Notwendigkeit nach. Er opfert ihre Milchkuh, um wie vom separatistischen Nachbarn verlangt die Söldner zu speisen. Tolkis Auto wurde ihm schon genommen, seine Bitten es auch im Blick auf Irkas Schwangerschaft zurück zu bekommen werden lapidar vertröstet.

Nach der Beinah-Zerstörung ihres Heims holen die schießwütigen Milizionäre bald darauf ein Zivil-Flugzeug vom Himmel: Die Gegend wird zur Einschlagstelle des unseligen Malaysian Air Fluges MH17.

Wrackteile, stöbernde Söldner in Sichtweite. eine der vielen Leichen fällt sogar auf den Schuppen des Hofes. Die Soldateska ist eilfertig mit Vertuschung beschäftigt.

Als Irka und Tolik irgendwann meinen, es vielleicht überstanden zu haben, holt die Beiden wie einst Mutter Courage der Krieg ein.

© Kedr Film

Regisseurin Maryna Er Gorbach (ebenfalls Skript und Schnitt), versteht es, unaufgeregt ein immer bedrohlicheres Setting zu inszenieren. Sie verzichtet dabei nicht nur fast komplett auf Musik, sondern auch gänzlich auf Effekthascherei. Schockiendes zeigt sich wenn, dann meist am Ende von langen, erst spät wahrnehmbaren Kamera-Fahrten oder extrem langsamen Schwenks.

Erst als es dann irgendwann aus Irka in quälenden Schreien heraus bricht, wird das Grauen körperlich spürbar.

Wie sie dann ihr Kind in dieser Ruine selbt auf die Welt bringt, während Söldner achtlos durch ihre Wohnung streifen – das wird zu einem erschütternden Moment.

Einblendung am Schluss: Dedicated to the women.

 

I Poli ke i Poli | The City and the City (Griechenland, Regie: Christos Passalis & Syllas Tzoumerkas)

Keine 5 Minuten – und ich denke: Bitte nicht wieder so ’nen Kunstfilm-Quark wie vorgestern!“ Es kommt anders, wenn auch sperrig.

Die Regisseure Passalis und Tzoumerkas stammen aus Thessaloniki, eine Stadt die sie nach wie vor lieben, erzählen sie im Gruß-Trailer. Eine Stadt, die jedoch auch eine dunkle Vergangenheit hat. Während des Zweiten Weltkrieges und dessen deutscher Besetzung Griechenlands wurden durch Greueltaten der Nazis 96% der jüdischen Bevölkerung Thessalonikis eliminiert. Diese spezielle Tragödie wurde allerdings von Teilen der einheimischen, christlichen Bevölkerung der Stadt mitgetragen. Es wurde mitgetan, jahrelange Ressentiments wurden ausgelebt, profitiert obendrein.

© Homemade Films

In Ihrem Film montieren Christos Passalis und Syllas Tzoumerkas Diverses. Zunächst scheinbar unpassendes und unvereinbares Material wird miteinander verschränkt.

Schwarzweiß, Farbe, mal Spielszenen in denen Damaliges nachgestellt wird, dann Aufnahmen aus dem heutigen Thessaloniki. In frappantem Verfremdungs-Effekt steht dann irgendwann eine Ansammlung Gefangener von Nazi-Schergen mit Waffe in Schach gehalten in einer Brache inmitten des Alltags-Autoverkehrs in der Jetzt-Zeit.

Es ist eine Art Scripted-Documentary der besonderen Art. Anfänglich fremdelt man wie gesagt noch mit Schnitt, Fotografie, Zeitlupen, Großaufnahmen, Wiederholungen. Bis wir nach circa 10 Minuten das erste Archiv-Foto mit einer exakt ähnelnden Szenerie des gerade noch Gespielten als Beleg eingeblendet bekommen.

Ab da schluckt man seinen anfänglichen Vorbehalte über die vermeintliche Prätenziosität der nachgespielten Szenen herunter. Absurd, manchmal schwer fassbar – doch so oder ähnlich war es…und es war unmenschlich. Ein unbequemer Film, gegen das Vergessen.

Der Applaus kommt spät im Abspann und er kommt verhalten. Wer will es einem verdenken.

Viens je t’emmène | Nobody’s Hero (Frankreich, Regie: Alain Guiraudie)

Der Programmierer und Hobby-Langläufer Médéric bandelt mit Isadora an. Dass die reife Frau Gelegenheits-Prostituierte ist…für ihn egal, er ist hin und weg. Isadora ist allerdings verheiratet und ihr Mann tierisch eifersüchtig. Isadora zögert, ist dem Mittdreißiger jedoch zugetan.

Als Médéric und Isadora sich zum ersten Schäferstündchen in Isadoras Stamm-Hotel treffen, werden die beiden beim Sex von der Meldung eines Attentats in ihrer Provinzstadt überrascht. Polizei und Medien vermuten einen islamistischen Hintergrund.

Tags darauf bittet Selim, ein junger Streuner, Médéric vor dessen Haustür um Geld. Obwohl ihm dieser wegen Hoodie und vermeintlich nahöstlichem Aussehennicht ganz geheuer ist, willigt Médéric ein, auch als Selim später kurzfristig um Quartier bettelt. Dann bekommt Anti-Held Médéric doch die Flatter: Ruft Polizei, Rollkommando. Französche Paranoia nach der Anschlagsserie 2015.

Unterdessen plant unser Galan und Gutmensch, als Programmier in der Firma seiner Bekannten Florence anzufangen. Diese wiederum hofft, dass er mehr als einen Job von ihr will – in einer Verkehrung des Klischees, versucht Florence Médéric zu überreden, sie noch „auf einen Drink mit hoch“ zu nehmen. (Dort wird sie allerdings später in der Handlung einen halbnackten Selim antreffen… das hält sie allerdings genauso wenig auf wie Médéric die Drohungen durch Isadoras brutalen Ehemann.

Gut, dass Médéric Jogger ist – hat er doch noch einiges zu Laufen. Als er Isadora liebestoll nachstellt bis in deren gutsituierte Nachbarschaft, ist auf einmal er der Verdächtige.

Kommen sie noch mit ? Gut, nicht genug: Charlene, Azubi in der Rezeption von Isadoras Stundenhotel, hat sich in Selim verguckt. Der jedoch hat einen ganz eigenen Grund, warum er dauernd bei Médéric klingelt…

© CG Cinema

Vor dem Haus lungernde Jungmänner, die Nachbarn vigilant bis gewaltbereit militant (einer auch Marihuana nicht abgeneigt)… die Glaubwürdigkeit wird etwas strapaziert.

Statt um Glaubwürdigkeit oder gar Realismus geht es in Skript und Inszenierung von Regisseur Alain Guiraudie eher um  heillose, amüsante Verstrickung.

Und so ist es ein Wunder, dass Guiraudie es vollbringt, alle diese Bälle in der Luft zu halten. Auch sowas ist eine Kunst. Spätestens im letzten Akt nimmt dieser absurde, liebestolle Reigen dann doch boulevardeske Züge an.

Folglich hat dieser -teils hinreißend- komische Film auch kein Ende, sondern eine Schlusspointe.

 

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