Berlinale 2022, Tag 10: Spurensuche, Phantasmagorie und Wehmut

Das war sie also -so gut wie…eine Berlinale unter Pandemie-Bedingungen. Dafür, dass ich vor zwei Wochen noch ablehnte hinzugehen… war es erfreulich gut – Alles in Allem betrachtet. Kino als Kunstform in Gemeinschaft zu huldigen. Doch wie immer ist man kurz vor der Ziellinie..zwischen Wehmut und Erschöpfung. Ertappe mich dabei, wie ich beim letzten Film des Tages schon beim Trailer aufatme.

Camuflaje (Argentinien, Regie: Jonathan Perel)

Schriftsteller und Hobby-Läufer Felix Bruzzone lebt in seinem neuen Heim, wie er unerwartet feststellt, nur wenige Straßen vom berüchtigten „Campo de Mayo“ entfernt. Dort auf der einst berüchtigten Militär-Basis vor den Toren von Buenos Aires waren zur Zeit der argentinischen Militär-Junta mehrere Konzentrationslager, in denen geschätzt 30000 Menschen „verschwanden“. Unter ihnen auch Felix‘ Mutter, er war noch ein Säugling und kam zum Glück davon: Vielen Müttern wurden die Kinder systematisch entrissen und in Pflegefamilien gegeben.

Nach einem ersten Gespräch mit seiner Großmutter macht Felix macht sich in dieser Dokumentation auf eine Spurensuche. Ausgehend Großmutters Erzählungen, begibt er sich als Langläufer in die mittlerweile weitgehend von der Natur zurück eroberte Militär-Anlage. Diese ist immer noch überwiegend Sperrgebiet, andererseits in ihren Dimensionen so groß, dass ein Betreten meist unbemerkt bleibt: Nach und nach begegnet Felix auf seinen Erkundungen so manchem… Sportler, Naturliebhaber, Aussteiger…Überlebende.

© Alina Films and Off The Grid

Die Gespräche, die er mit regelmäßigen Besuchern und Bewohnern in diesem überwucherten Terrain auf ausgiebigen Touren führt, nehmen sich Zeit.

Manchmal meint man in ihnen eine gewisse Dramaturgie zu erkennen – zumal das doch wohl offenkundige Doku-Setting so gut wie nie thematisiert wird. (Im Abspann wird übrigens „Skript:“ genannt – auch wenn der Film mit dankenswerter Weise auf einen Off-Erzähler verzichtet. Die Inhalte der Gespräche stehen quasi für sich.

Die mithin offenkundige Bearbeitung der Tonmischung überschreitet allerdings hier und da die Grenzen des Dokumentarischen. Umgebungsgeräusche, Schritte, Blätterrascheln, Flussrauschen …der gesamte Soundmix ist -sagen wir wohlwollend- etwas zu perfekt. Atmosphärisch, doch nicht mehr wirklich originär.

Zu großen Momenten wächst dann „Camouflaje“ gegen Ende auf: Felix nimmt am dortigen alljährichen Action-Hindernislauf teil. Dies paramilitärische „Killer Race“ wird von den anderen, nun, Mitläufern voller Freude goutiert.

Hier nun ganz ohne Dialog und auf Felix Wahrnehmung konzentriert, glauben wir zu ahnen, wo für Felix seine Abstraktion ihre Grenzen hat. Immer wieder hält er inmitten der Läufer auf dem Kurs inne. Ihm bleibt dann nach mehrmaligem Verharren nur: Weiter zu laufen.

Im nicht mal viertel besetzten Delphi blieb der Schluss-Applaus, vermutlich auch aus Pietät, aus.

 

Everything will be OK (Frankreich / Kambodscha, Regie: Rithy Panh)

Wer diesen Film (auch) aufgrund der pittoresken, possierlichen Vorschau-Fotos gewählt hat, durfte sich auf etwas gefasst machen. Die Story, die ausschließlich in elaborierten Setz-Bildern gezeigt wird, hat es in sich. Nicht animiert wohlgemerkt, die detailreichen und phantasievollen Miniatur Schaubilder werden allerdings durch Schnitt und Blickwinkel in Szene gesetzt und mit Toneffekten ausgiebig unterfüttert.

Aus dem Off wird die nun folgende Dystopie fortwährend mit einer Erzählung kommentiert. Zwischen Poesie und redundanter Paraphrase. Archiv-Szenen, teils schwer auszuhalten, runden die Narrative ab.

Tiere haben die Herrschaft übernommen und bestimmen einer bald versklavten Menscheit den Lauf der Welt. Auf Bildschirmen betrachten die Tierprotagonisten schockiert immer wieder das volle Ausmaß meist unrühmlicher Beispiele der Menscheitsgeschichte. Kriegsgreuel, Vertreibungen, Unterdrückung, Tierquälerei, Wirtschafts-Elend, Hungersnöte…

Diese neue Herrschaft nimmt immer bizarrere Formen an. Tiere experimentieren an Menschen, Hybrid Wesen entstehen… Eine ganze Zeit lang versucht man, ob der allegorischen Erzählweise noch zu folgen  Doch Irgendwann -fast 100 Minuten Laufzeit! – lässt man die Phantasmagorie dann über sich hinweg spülen. 

© CDP, Anupheap Production

Animal Farm vibes kommen natürlich unweigerlich auf. Doch es geht weniger um die soziale Konkurrenz unter den Tieren, als darum dass auch ihnen in dieser grotesken Parabel die Geschichte irgendwann aus der Hand läuft. Was ist eine Sklaverei gegen eine andere.

Warum dies unter „Dokumentarische Form“ eingeordnet ist, fragt man sich: Ironischer Kommentar – oder den verschnittenen Archiv-Szenen geschultet?

Als der Abspann zu Ende geht rührt sich zum zweiten Mal keine einzige Hand. Allerdings auch nur eine handvoll walk-outs. Überwältigung – oder Demut ?

 

Nana (Indonesien, Regie: Kamila Andini)

Indonesien, eine Provinz auf Java, 1965. Nana ist mit dem gut situierten Plantagen-Besitzer Darga verheiratet. Immer noch plagen sie ab und an Albträume. In den gewaltsamen Auseinandersetzungen der postkolonialen Zeit hatte sie einst Vater und Sohn verloren. Ihr erster Ehemann wurde als vermisst nie wieder gesehen.

Es ist ein Leben in relativen Luxus, in dem sie sich arrangiert hat. Zwar ist ihr alternder Mann mittlerweile alles andere als treu. Doch wenigstens geschehen die Affären diskret. Nur die der Damen besserer Gesellschaft, die Nana aufgrund Herkunft nie voll akzeptiert haben, sticheln mit missgünstigen Kommentaren kaum verhohlen.

In einer von Dargas Ex-Geliebten, der Geschäftsfrau Ino, findet Nana eine unerwartete Verbündete. Langsam entwickeln sich mehr als freundschaftliche Gefühle auf beiden Seiten. Frauen müssen viele Geheimnisse mit sich tragen, so bringt Nana es ihrer Tochter bei.

Durch ein unerwartetes Wiedersehen steht Nana dann vor einer schweren Entscheidung.

Es ist nur auf den ersten Blick ein konventionelles Melodrama das Kamila Andini hier detailreich inszeniert. Erst nach und nach werden die Schichten der verwobenen Schicksale frei gelegt.

© Batara Goempar

Regisseurin Kamila Andini nimmt sich ihre Zeit und zeichnet die Charaktere differenziert statt sich auf gut-und-böse Klischees zu verlassen. Die Dialoge sind stimmig, Platitüden wie „Warum haben wir uns so verändert?“ möchte ich gnädig der Untertitel-Übersetzung anlasten.

Man kann durchaus erkennen, warum Happy Salma in der Titelrolle ein silberner Bären als beste Schauspielerin verliehen wurde. Nuanciert und mit zurückhaltendem Mienenspiel zeichnet sie Nana. (Was bei der Bildsetzung mit vielen Nahaufnahmen auch gut so ist.)

Im übrigen sind die teils üppigen Dekors wunderbar fotografiert, auch das wäre preiswürdig gewesen.

Nun könnten natürlich -das nimmt man in Betracht auf Kritiken in taz, Tagesspiegel, Zeit gern vorweg- Stimmen aufkommen, die den Film als zu seicht, die Bestrebungen Nanas als tragisch hauchzart diskreditieren. Wer sind wir zu urteilen, wenn in einer anderen Zeit, einer anderen Welt es noch lange nicht so weit war, für Frauen ihren Willen zu fordern.

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