Berlinale 2022, Tag 9: Ein Heim mit Ausstieg, eines ohne – und vergehende Glorie

Incroyable mais vrai | Incredible but True (Frankreich, Regie: Quentin Dupieux)

Marie und Alain sind einigermaßen hin und weg von ihrem neuen Eigenheim. Der Makler hatte wortreich etwas ganz Besonderes im Keller versprochen: Ein Schacht führt nach unten – und damit in einen Ausstieg im gleichen Haus – bloß 12 Stunden später. 3 Tage jünger wird man dabei obendrein. So weit, so bizarr.

Mitteilen können und wollen die Beiden das erstmal keinem. Auch nicht, als Alains launenhafter Freund und Arbeitgeber Gérard bei einem gemeinsamen Einweihungs-Abendessen mit seinem eigenem amourösen Geheimnis prahlt. Der Liebestolle hat sich für seine Liebschaft Jeanne, sagen wir, technisch modifizieren lassen…

Es ist kurz darauf dann Marie, die -vielleicht auch durch Gérard getriggert- unzufrieden mit ersten Anzeichen des Alterns, eine Manie entwickelt – Alain ist mit dem Status Quo zufrieden. Zwanghaft steigt Marie wieder und wieder durch den Schacht hinunter. Dass sie sich dabei mehr und mehr von Alain entfremdet (man ist für 12 Stunden weg…) nimmt sie, bald wahnhaft, in Kauf.

In der Tat ein Abstieg. welcher in der Psychiatrie zu enden droht.

Welche Tauschhandel unsere verrückten Obsessionen und vermeintlichen Wünsche uns einbringen, das zeigt dieser bestrickend unterhaltsame Film mit Gespür für Timing und Groteskes.

© ATELIER DE PRODUCTION-ARTE FRANCE CINEMA-VERSUS PRODUCTION-2022

Die relativ kurze Laufzeit ist eine kluge Wahl. Was (vielleicht auch von der Länge) eher für eine der besseren Twilight Zone Episoden gereicht hätte, erweitert Quentin Dupieux (ebenfalls Autor) hier zu einem amüsant absurdem kleinen Sittenbild.

Den Nebenplot um Gérards Elektronik-Fixierung hätte es im Grunde nicht gebraucht. Immerhin bewegt dieser angenehm groteske Film die Waage noch ein Stück mehrin Richtung Komik.

La edad media | The middle ages (Argentinien, Regie: Alejo Moguillansky, Luciana Acuña)

Nur wenige Filme dieses ersten „richtigen“ Jahrgangs nach der letzten Verlegenheits-OpenAir-Berlinale haben die allgegenwärtige Pandemie seit 2020 thematisiert. Diese kuriose Familien-Produktion wurde nicht nur während sonder auch wegen ihr gedreht. Cinema verité.

Mutter Luciana öffnet die zigste Rechnung, Vater Alejo brennt in der Küche das Essen an -während Tochter Cleo versucht, im Online-Unterricht mitzukommen. Die Patchwork-Familie hat es wie viele in der Lockdown-Zeit der COVID19 Pandemie ganz schön getroffen.

Die Eltern wechseln von einer Video Konferenz in die nächste. Besprechen in frustrierenden und ruckelnden Gesprächen die Lage – es sicht nicht gut aus für die Künster. Er (wie auch im wirklichen Leben) Regisseur, sie Choreografin.

Wenn man nicht arbeiten kann – wie dann über Wasser halten? Tochter Cleo hat bald den Bogen raus:

Sie wünscht sich sehnlichst ein Teleskop…und beginnt Haushaltsgeräte und Kleinmöbel online zu verticken. Nebenbei verbessern sich beim Schachern noch die Mathe-Kenntnisse. Der Motorrad-Kurier ist Cleo bald vertrauter als ihre Eltern, die ihren Kopf in Sphären davon bis spät in der Handlung nichts mitbekommen.

© El Pampero Cine

Statt Selbst-Vermarktung durch Arbeit – Hab und Gut vermarkten…und wenn das zu Ende geht ?

Immer wieder wurde und wird in den letzten Monaten ‚was ist mit den Kindern?! Sie leiden…‘ gerufen. Dieser Film, der auch durch die lakonische off-Erzählstimme Cleos punktet, zeigt das jugendliche Mitglied der Gesellschaft als gewitzt und empowered.

Dies lebhafte Trio spinnt hier einen in der Tat aus der Not geborenen komischen Reigen. Der letzte Akt darf, wenn auch ins Surreale abdriftend, als poetischer, sozio-ökonomischer Kommentar gesehen werden.

Dreaming walls (Belgien / Frankreich / USA / Niederlande / Schweden; Regie: Amélie van Elmbt, Maya Duverdier)

Das New Yorker Hotel Chelsea war in seiner über hundertjährigen Geschichte Heimstätte für Hunderte von Künstlern. Insbesonders durch den einstigen Besitzer Stanley Bard gefördert, zog dieser scheinbar magische Ort unzählige bildende, schreibende und darstellende Künstler an. Für viele wurden die Appartments zum Lebensmittelpunkt.

Von Größen der Pop-Kultur bis hin zu Independent (Lebens-)Künstlern. Für alle hatte das Chelsea Platz und Besitzer Bard ein Herz.

Nach mehreren Verkäufen läuft dort nun seit vielen Jahren eine scheinbar endlose Renovierung und Modernisierung. Nur noch ein kleiner Anteil der einstigen Dauermieter hält während der enervierenden Bauarbeiten trotzig die Stellung. Wir spüren, das Chelsea ist ihr Leben …auch wenn es eine Baustelle ist.

Kaum etwas ist noch in seinem ursprünglichen Zustand, Räume werden kleiner, nur noch das famose Treppenhaus scheint wie eh und je.
Mit den vergleichsweise wenigen Verbliebenen führten Van Elmbt und Duverdier keine klassischen Interviews, sondern begleiteten sie in ihrem (Zusammen-)Leben in diesem Baudenkmal.

Eine besondere, einzigartige und eingeschworene Nachbarschaft: Wir bekommen das Gefühl, dass die Bewohner ahnen, das Ende einer Ära zu erleben. Wie sie zwischen vergangener Glorie und teils in Erinnerungen ihr Dasein auf dieser Dauerbaustelle bestreiten macht die Faszination dieser Dokumentation aus.

Nach und nach vermittelt „Dreaming Walls“ uns die Erkenntnis: wenn diese letzten Bewohner mal nicht sind wird etwas einzigartiges verschwunden sein.

© Clin d’oeil films

Bildformat und -Auflösung sind so gewählt, dass sie sich mit den Archiv-Aufnahmen teils unbemerkt verweben lassen. Wenn zum Beispiel eine nunmehr gehbehinder Choreografin im Treppenhaus schwelgt – und die damalige Tanzperformance dort gegen-montiert wird. Das Chelsea als Bühne.

Manchmal wünscht man sich etwas mehr Einordnung und Beschreibung – alles, was wir erfahren kommt nach und nach aus dem Mund der verbleibenden Einwohner – und ist sehr subjektiv und nicht immer stringent. Doch die Fokussierung und das Fehlen von Polemik oder Parteinahme sind zugleich eine Stärke des Films.

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