Berlinale 2017 – Tag 5: Humor extra trocken, ein Experiment und ein Killer-Koch

Auch wenn es jetzt immer professioneller, manischer läuft: Flüchtigkeitsfehler schleichen sich ein. Nanu, gar keine Schlange beim Cinemaxx 8, dem Spielort der Retrospektive? Glück gehabt! Als ich mein Ticket checke, stelle ich fest: Falsches Kino, schnell rüber, zum Cinestar – glücklicherweise nebenan.

gog (USA 1954, Regie Herbert L. Strock)

Eine unterirdische Wissenschafts-Station inmitten einer amerikanischen Einöde. Hier erproben dutzende Wissenschaftler die Technik der Zukunft. Eingeflogen wird Dr.Sheppard, denn langsam häufen sich Unfälle mit Todesfolge und vermeintliche Sabotage.

Ich hatte durchaus schlockigeres erwartet, lächerliche Monster, böse Invasoren, klischeehafte Dialoge etc… Doch abgesehen vom plakativ ausgeleuchtetem Set Design der 50er Jahre war sowohl der Plot als auch seine Umsetzung sonstigen Sci-Fi Machwerken dieser Ära haushoch überlegen. Derart „erwachsen“  und fast schon philosophisch kann man sich lediglich an den famosen „Forbidden Planet“ (mit einem jungen Leslie Nielsen als Helden) erinnern.

Rollenverteilung in den 50ern

gog (wirklich kleingeschrieben) hatte als Indie-Produktion deutlich weniger Budget und kaum namhafte Stars. Doch von einigen Stereotypen abgesehen, wird hier dennoch überzeugend gespielt. Regisseur Herbert L. Strock verlieh dem ein gutes Maß an Spannung und verließ sich nicht nur darauf, dass die Produktion mit 3D punkten konnte. Der Film ist einer von doch nur rund 50 3D Filmen der ersten Welle dieser Technik – als man seinerzeit versuchte das aufkommende TV doch noch zu überflügeln. Ganze Arbeit wurde bei der Restauration dieses Kleinods geleistet: Von der linken Kamera war nur eine ausgeblichene, von der rechten eine ziemlich beschädigte überliefert. 63 Jahre nach Premiere erstrahlen die raumtiefen Bilder wieder in neuem Glanz.

Randnotiz : zur Abwechslung kamen die Bösen mal weder aus Russland noch aus dem All, sondern „from Europe“.

Toivon tuolla puolen [Die andere Seite der Hoffnung] (Finnland/Deutschland, Regie: Aki Kaurismäki)

Nur wo Kaurismäki drauf steht, ist auch Kaurismäki drin. Mag sein, dass man nicht in die Filme des großen finnischen Lakonikers geht, um überrascht zu werden. Traditionsgemäß hat der Regisseur Oddballs und Außenseiter ins Herz geschlossen. Hier ist es der reifere Handelsvertreter Wikström, der seine trinkende Frau verlässt. (Das mit dem Trinken reimen wir uns erst später zusammen, denn Kaurismäki-Charaktere reden nicht mehr als nötig  ist.) Wikström liquidiert seinen Betrieb -und übernimmt kurzentschlossen eine leicht abgewirtschaftete Kiezkneipe…nebst kauzigem Personal.

Wie Wikström seinen neuen Laden schmeißt, das hat den oben erwähnten aberwitzigen Kaurismäki-Charme, staubtrocken e Dialoge in aberwitzigen Situationen. Als der Laden schlecht läuft, wird das Personal auf Sushi-Bar „umgeschult“, als eine asiatische Reisegruppe die Fischvorräte aufisst, muss es fragwürdig alter Salzhering auch tun.

Die Parallel-Handlung zeigt den syrischen Flüchtling Khaled, der nur durch Zufall in Helsinki gelandet ist und seine Schwester auf der Flucht aus den Augen verloren hat. Kaurismäki findet nicht, dass bei diesem Thema der Spaß aufhört: Seine Erlebnisse beim Asylverfahren sind ebenso kurios wie später seine Zufallskarriere in Wikströms Kneipe als Faktotum vom Dienst. Wenn schon Finnland kein Asyl gewährt, so zeigt Wikström letztlich ein Herz als er Khaled -sich vor Neonazis versteckend- findet. Hier haben sich die richtigen gefunden.

Einzig die Dialoge der Asylbewerber untereinander lassen mit dem nötigen Ernst deren sorgen und Gefühle erahnen. Doch Humor wird auch hier transportiert. Tip eines Freundes für Khaled: „Lächle, dann hast du größere Chancen hierzubleiben. Die Trübsinnigen schicken Sie als erste zurück. Aber lächle niemals auf der Straße…sonst hält man dich für verrückt.“

Beachtlich die thematische Balance, die Kausimäki gefunden hat. Doch das muss man von einem Meister der Tragikomik eigentlich auch erwarten. Womöglich die meisten Lacher auf dieser Berlinale, unter den Wettbewerbs-Beiträgen ganz sicher.

Der Betriebsrat tagt


Tamaroz [Simulation] (Iran, Regie: Abed Avest)

Ich nehme es vorweg, abgesehen von der frappanten visuellen Umsetzung (kein Set im eigentlichen Sinne, nur ganz vereinzelte  grün eingefärbte Kulissen-Elemente in einer großen schwarzen Halle) ist es die nonlineare Erzählstruktur, die diese Geschichte so faszinierend macht. Faszinierende Versuchsanordnung statt klassische. Erzählkino.

Reduziert auf das Notwendigste und trotzdem hoch intensiv

Samstagnachts in einer Polizeistation in der iranischen Grenzprovinz. Drei junge Freunde und ein Mann etwas älter als sie werden nach der Festnahme verhört. Aussagen widersprechen sich schnell. Wurden sie nun eingeladen? Kennen sie den anderen Mann – oder wollten sie bloß bei ihm einbrechen? Die Situation eskaliert, als das Verhör handgreiflich wird und auch noch verbotenerweise die Schwester eines der verhafteten nebst kleiner Tochter erscheint. Schnitt und Sprung auf:

Wenige Stunden zuvor – die jungen Männer überlegen, wie sie sich die Gastfreundschaft zu dem Mann erschleichen sollen. Langeweile an einem Wochenend-Abend ? Oder doch böses im Schilde. Immer fährt die Kamera nach kurzem Einfrieren des Bildes auf eine andere Perspektive. Immer wieder müssen wir das Gesehene und die Dialoge neu bewerten. Wer führt hier was im Schilde? Die vermeintliche Story ist weder eine gerade Linie, noch ein Kreis – sondern eine Ellipse.

Und so führt uns Regisseur Abed Avest vor Augen, dass es verworren, vielleicht aber auch unmöglich ist,  das kostbare Gut „Wahrheit“ zu sondieren.

Randnotiz: verkopfte Fragen im Q&A sind zum Glück nicht nur eine Domäne deutscher Fragesteller: Als jemand auf Farsi fragt, wie denn nun die Reihenfolge der Ereignisse war = was der Anfang und das Ende der Story war, entgegnet Abed Avest salomonisch: „Der Film begann in Minute 1 und endete in Minute 84.“ Touché.

Mr. Long (China, Regie: Sabu)

Long ist ein eiskalter Profi-Killer im taiwanesischen Khaoshung. Nach einem missglückten Auftrag im für ihn fremden Japan muss er verletzt in einem Slum am Rande einer Metropole Schutz suchen. Dort freundet ein von seiner drogensüchtigen Mutter vernachlässigter kleiner Junge sich mit ihm an. Nicht zuletzt, weil Long -langsam von seinen Verletzungen genesen- lecker kochen kann. Darauf wird bald auch die erweiterte Familie des Knaben aufmerksam. Welche ihn zunächst privat einspannt, ihn bald auf herzlich-aufdringiche Art nötigt, einen mobilen Imbiss-Stand aufzumachen. Ohne Papiere, Geld oder Sprachkenntnisse fügt er sich, lässt die Mischpoke sogar sein kleines Heim renovieren. Er sorgt sogar dafür, dass die Mutter des kleinen von der Droge loskommt, erwehrt sich aber aufkommenden Gefühlen der jungen Frau. Und noch immer muss er vermuten, dass man ihm noch auf den Fersen ist.

Long kocht sein eigenes Süppchen

Dass Mr Long, wunderbar stoisch dargestellt von Chen Chang, über den gesamten Film vielleicht fünf Sätze Dialog hat liegt nicht nur an seiner professionellen Coolheit des Titelhelden – aufgrund der Sprachbarriere versteht der gestrandete Taiwanese einfach keinen der wohlmeinenden Japaner – fügt sich aber fast Buster-Keaton-haft seinem Schicksal. Eine abstruse Ausgangslage, ein Setting, das die Grenzen der Glaubwürdigkeit strapaziert. Doch die meiste Zeit  und unterhält uns dabei prächtig. Komik konterkariert hier die ausweglose Situation des Killers außerhalb seines Elementes.

Gegen Ende schafft es der Regisseur dann noch, uns einen Stich ins Herz zu setzen. Das Ende drückt ein wenig auf die Tränendrüse, ein Showdown gerät nicht nur drastisch sondern unglaubwürdig – doch da ist man nach zwei Stunden schon dem eigenwilligen Charme der Geschichte erlegen.

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Berlinale 2017 – Tag 4: Polnische Visionen, dann Drama Highlights

…wie das manchmal so ist, überschätzt man Filme für die man händeringend Tickets gesucht hat. Andere, die man eher aus Verlegenheit gebucht hat, erweisen sich alsee Highlight. Trostpreise werden zu Hauptgewinnen:

Na srebrnym globie [On Silver Globe] (Polen 1977/87, Regie: Andrej Zulawski)

166 Minuten ?! Film nur in rekonstruierter, unvollständiger Fassung ? Ich bin trotztdem sehr froh, dass ich mich nicht habe abhalten lassen.  Wenn auch Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen. Bzw. Triumph und Fehlschlag:

Der vor gut einem Jahr verstorbene Andrej Zulawski war einer der berühmtesten Regisseure Polens und gelang durch Filme wie ‚Nachtblende‘ oder ‚Obsession‘ zu Ruhm. Doch auch er hat ein persönliches Waterloo erlebt. Ein Film, der -wie er sich ausdrückt- ihm im Jahre 1977 „gestohlen und zerstört“ wurde. Zur Handlung:

Erdastronauten wollen auf einem fernen, erdähnlichen Planeten eine neue Gesellschaft gründen. Ihr Einfluss auf die ansässigen vorzivilsatorischen Menschen stellt sich aber nicht nur als förderlich heraus. Mystizismus und Gewalt sind und bleiben an der Tagesordnung, die Ankömmlinge werden ungewollt sogar zu Religions-Stiftern. Rüchschritt statt Evolution. Eine Raumsonde mit Aufzeichungen über die ersten Jahre wird abgesetzt; eine weitere Expedition folgt – und droht in der sich abermals zurück entwickelten Gesellschaft die Fehler zu wiederholen.

Das ist quasi die Kurzversion, denn die Narrative des Films angemessen wieder zu geben ist fast unmöglich. Zum einen, weil Zulawskis cineastische Vision zu groß war, es trotz beindruckendener expressiver (Massen-Szenen) schwer fällt die Erzählstränge auseinander zu halten (..überbordende Dialoge und Monologe helfen auch nicht gerade). Zum anderen aber wohl auch, weil eine Vielzahl von Szenen (gut 20% des Filmes) nie gedreht wurden: Als sich 1977 der Wind in Polen nämlich politisch drehte, meinte man im bereits gedrehten Material Regimekritik zu erkennen. Obwohl mit wenig Phantasie das Gegenteil zu deuten ist: Der Mensch ist allzu anfällig für Religion und wird sie sich im Zweifel immer selbst erfinden. Dass nun gerade die politische Kaste des damals kommunistischen Polens damals sich selbst gezeichnet sah, mag man als Ironie des Schicksals betrachten.

Erst 10 Jahre später montierte Zulawski eine Schnittfassung, in der alles Fehlende mit stummen polnischen Alltags-Szenen ersetzt wurde, über die Zulawski im Voice-Over beschrieb, was nun eigentlich zu sehen gewesen wäre.

Technischer Fakt am Rande: erst mit den digitalen Mitteln der letzten Jahre wurde es endlich möglich, die geplante Bildästhetik zu realisieren: Um nämlich den Look der fernen Welt herzustellen, wurden 1975/76 beim Dreh Grünfilter benutzt. Dies, um die Rotwerte zu filtern und einen kalten, entsättigten außerweltlichen Look zu erzeugen -und nicht zuletzt, um dies quasi im Negativ einzubrennen und seinerzeit beschönigende Nacharbeit zu verhindern. Die weiteren Kopier-Prozesse, die den Rest der Farben etablieren sollten, wurden nie beendet. Wenigstens kurz vor Zulawskis Tod konnte man ihm nach digitaler Restauration den Film so zeigen, wie er zumindest visuell gedacht war.

Das ist noch eine von den dezenteren Szenen

Nach der Vorstellung sprach ich mit einem Mitarbeiter des polnischen Studios Kadr, das für die wirklich fantastische Bildrestauration verantwortlich war. Er fügte unter anderem an, dass selbst er die teils wortgewaltigen Monologe und Dialoge in englisch als Untertitel liest – da sie im Original auch noch in einer altertümlichen polnischen Diktion daher kommen. Meinen insgeheimen Wunsch ab und zu anzuhalten und die inhaltsschwere  Gesagte sacken zu lassen, konterte er (selbst als Fan des Films) „bloß nicht, dann wäre es ja noch länger“/“irgendwann möchte mann nur noch, dass es vorbei ist“.

Man stellt sich über die ganze epische Laufzeit immer wieder die Frage: Wäre es plausibler, kohärenter, wenn nicht ein Wie lang wäre das ganze, wenn alles Material realisiert worden wäre ? Ein cineastischer Riesen-Ritt allemal. Und ganz am Rande: auch bei 2001 – Odyssee im Weltall haben sich Generationen von Kinogängern beim ersten Schauen gefragt: Ist das Irrsinn – oder genial ?

Test Pilota Pirxa [Der Test des Piloten Pirx] (Polen/UdSSR) 1979, Regie: Marek Piestrak)

Das Q&A fand unverständlicher Weise vor dem Film statt und war auch noch umständlich moderiert. Ein Umstand, der Filmfans mit Terminplan gut 20min kostete. Der greise Regisseur zeigte sich sehr erstaunt, dass der Film ein so großes Interesse fand. Wie ich feststellen sollte, zu Recht. (Das Erstaunen, nicht das Interesse, denn:)

Ein kreuznormales Politdrama im Gewande eines Science Fiction. Um die Einsetzbarkeit einer neuen Reihe von Androiden zu testen, wird Testpilot Pirx angeheuert, eine gemischte Crew auf einer Weltraum-Mission zu führen. Ihm wird bewusst vorenthalten, wer von seiner Besatzung Android ist oder nicht – um seine Objektivität zu garantieren. Interessen der Industrie spielen jedoch auch eine Rolle und so kommt es irgendwann fast zur Katastrophe. Die Frage, ob im Angesicht einer Katastrophe Mensch oder Maschine besser handeln können wir hier schlüssig, aber auch etwas plakativ verarbeitet. Die etwas hölzerne Szenensetzung trägt nicht gerade bei – und so ging ich das ein oder anderer Mal unbeabsichtigt quasi wie ein Astronaut minutenweise in den Raumschlaf. Womöglich sind mir somit wenigstens einige der -selbst für die Spätsiebziger und den Ostblock- putzigen Spezial-und Toneffekte erspart geblieben.

Golden Exits (USA, Regie: Alex Ross Perry)

Ganz hingerissen war ich beim Kartenkauf nicht: Alex Ross Perry’s leicht wort- und dramalastiges Kammerspiel Queen of Earth hat mich auf der Berlinale 2015 durchaus beeindruckt …wenn auch nicht begeistert. Am Ende war ich dann hingerissen:

Ins etablierte Mittelschicht-Brooklyn trifft die junge, unbewusst-verführerische Australierin Naomi ein. Sie hofft, als Assistentin von Archivar Nick eine Green Card zu erhalten. Nicks Ehe läuft auf seit einiger Zeit auf eher etablierten als herzlichen Bahnen. Nach Affären seinerseits ist das Verhältnis zu seiner Frau Alyssa nie wieder das selbe geworden. Die wiederum steht stark unter demeinfluss ihrer dominanten, nüchtern-desillusionierten Schwester Gwendolyn. Diese wiederum ahnt jedoch nicht, dass ihre persönliche Assistentin Sam seit Jahren für sie mehr als nur zarte Gefühle hegt. Was Sam immer wieder ihrer guten und verständnisvollen Freundin Jess klagt. Jess hat vor einiger Zeit ihren Arbeitskollegen, den Indie-Musikproduzenten Buddy geheiratet. Sie fragt sich mittlerweile ebenfalls, ob  die beiden noch mehr als die Musikproduktion verbindet.

Ein aussagekräftigeres Bild war nicht zu bekommen. Immerhin kann man Naomis leicht verhuschten, jugendlichen Charme erahnen…erahnen.

Kommt ihr noch mit ? Langsam und sehr geschickt werden wir in Alex‘ Familien-und Freundeskreis eingeführt. Ohne voneinander zu wissen, sind die meisten Protagonisten über zwei Ecken miteinander bekannt. In dieses Small-World-Szenario platzt nun quasi Naomi und setzt ohne es zu wissen eine Reihe von lange aufgeschobenen Entscheidungen in Gang. Nicht nur die kurz vor der Midlife-Crisis stehenden Männer glauben, ihre Lebenssituation neu bewerten zu müssen.

Ein wunderbarer Cast, exzellente und realistische Dialoge, ein sich spielerisch entwickelnder Plot: Man möchte Regisseur Perry einfach nur die Hand schütteln, denn dies ist ganz tolles Erwachsenen-Kino. Große Fragen, im Kleinkosmos beleuchtet.

Im Q&A zeigte sich Alex Ross Perry im übrigen dankbar, seit Jahren mit einem nahezu unverändertem Stab zu arbeiten. So hat es nur zweier Sätze bedarft, um seinen Komponisten zu instruieren. Und am ersten Drehtag war man beispielsweise drei(!) Stunden vor Plan fertig.

Una Mujer Fantastica (Chile/USA/Deutschland/Spanien, Regie: Sebastián Lelio)

Mich am Ende eines so langen Tages und nach einem so fantastischen Vorfilm um halb Elf nochmal zu überzeugen – Alle Achtung:

Marina lebt als Trans-Frau einigermaßen unbelästigt in Santiago. Die aufstrebende Amateur-Sängerin und Gelegenheits-Kellnerin ist in einer Beziehung mit dem geschiedenen Unternehmer Orlando. Die Familie des Mittfünfzigers sowie seine Ex-Frau versuchen das Thema zu ignorieren. Homo-oder Transsexualität wird in Chile immer noch bestenfalls toleriert. (Wie ich schon in einem Film des letzten Jahres feststellen durfte, sind Gewaltausschreigungen noch an der Tagesordnung.)

Als Orlando nach einer Feier plötzlich erkrankt und kurz darauf stirbt, bricht für Marina ihre kleine Welt zusammen. Das nicht genug, steigt ihr nun Orlandos Familie aufs Dach, will sie aus der gemeinsamen Wohnung komplementieren und verbittet sich die Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten. Eine Kommisarin „nervt“ derweil, da sie unentwegt meint beweisen zu müssen, dass Marina von Orlando missbraucht oder gar misshandelt geworden wäre. Peinliche Verhöre und Untersuchungen folgen. Wenigstens Marinas Schwester und Schwager sind ihr ein Halt. Wenn auch auf tragische Weise, so wird sie ihre nicht  nur  sexuelle Identtität nochmals neu etablieren müssen.

Marinas Geliebter erscheint ihr nur noch in Visionen

Wie sanft-störrisch und würdevoll Daniela Vega als Marina sich ihr Recht zu trauern erkämpft, wie es ihr endlich gelingt ihren persönlichen Abschied von Orlando zu finden, ist bewegendes Kino. Ich hätte zwar Golden Exits mindestens genau so gerne im Wettbewerb gesehen, doch drücke ich diesem Film die Daumen.

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Berlinale 2017 – Tag 3: Ein Ehedrama der lehrreichen Art

1984 (Großbritannien 1955, Regie: Michael Anderson)

George Orwells Roman über den ultimativen Überwachungs-Staat, in dem Macht und die Ausübung von Kontrolle zum Selbstzweck geworden sind und das Individuum ein Nichts ist, wurde zum Klassiker der Weltliteratur. (Wenn Freunde und Gattin auch behaupten, „Animal Farm“ wäre noch besser.)

Das ist keine Pegida Demo

Die Story des Mitläufers Winston, in dem die Ablehnung gegen das System brodelt und der sich in die ebenfalls im Ministerium arbeitende Julia verliebt, wurde bereits 1954 filmisch umgesetzt. Der Regisseur verzichtete auf melodramatischen Schmonzes und setzt das ganze überzeugend in Szene. Natürlich kann der Film das Feeling seiner Produktionszeit der fünfziger Jahre nicht leugnen, doch darstellerische Leistungen, Dialoge, Dramaturgie …alles überzeugt hier frappant. Ich kann mich nicht mehr recht an die Verfilmung mit John Hurt und Richard Burton im Jubiläumsjahr 1984 erinnern – besser haben sie es seinerzeit auch nicht hinbekommen.

Newton (Indien, Regie: Amit V. Masurkar)

Der titelgebende junge Studienabsolvent und Verwaltungsangestellte Newton ist auf den ersten Blick ein Pedant. Je weiter die Geschichte sich ausbreitet, desto mehr erkennen wir aber auch: Idealisten haben es nicht leicht. Er lehnt z.B. das Ehe-Arrangement ab, das seine Eltern für ihn ausgeknobelt haben („Denk nur, Du bist Beamter, ihr Vater ist Bauunternehmer!“) …denn seine Angedachte ist minderjährig. Kurz darauf volontiert er, bei den anstehenden indischen Parlaments-Wahlen als Wahlhelfer ins indische Hinterland zu reisen. Dort, wo kleine Stämme in Abgeschiedenheit leben – und maoistische Revoluzzer die Kontrolle anstreben. Schon bei der Begegnung mit seiner militärischen Schutzeinheit und seinem nicht so ganz prinzipienfestem Stab, kommt es zu ersten Reibereien.  Die Reise ins dschungelhafte Outback ist durchzogen von aberwitzigen Situationen und Querelen zwischen Newton und – eigentlich jedem. Doch am Ende ist es auch seiner Prinzipientreue zu verdanken, dass -wenn auch nur 39 von 76 Einwohnern- wohl zum ersten Mal so gewählt haben, wie es einer Demokratie würdig ist.

Wahlhelfer mit Stahlhelm

Die sehr unterhaltsame Geschichte ist voll mit originellen Charakteren. Wenn wir lachen, so lachen wir sie nicht aus, sondern darüber dass sie nicht aus ihrer Haut können. Der kauzige kurz vor dem Ruhestand stehende Kollege Newtons, der toughe, aber auch gewitzte Militäroffizier, die Eltern Newtons, die nur halb in der Moderne angekommen sind. Die Regisseur Masurkar gab zu, die komplexe Handlung mit jeder Menge Komik gewürzt zu haben, da er zurecht vermutete dass der Stoff so besser zu präsentieren  wäre. Dass er seine ersten Sporen als Sketch-Comedy Autor erworben hatte, half ihm da. Nebenbei bemerkte er noch, dass in Indien Zensur durchaus in den Filmschnitt (wenn auch nicht bei ihm) eingreifen würde.

Ikarie XB-1 (Tschechoslowakei 1963, Regie: Jindřich Polák)

Ich verbringe dies Jahr ziemlich viel Zeit in der Retrospektive. Nicht nur weil das Hauptprogramm subjektiv etwas zu wünschen übrig ließ. Sondern weil ich in meiner Jugend ein Riesen-Science-Fiction Nerd war. Selige Zeiten, als in der ARD Samstags spätabends Filmreihen mir Barbarella, Soylent Green (hier auch im Programm), Andromeda Faktor etc. näher brachten. „Ikarie XB-1“ hatte es -vielleicht auch wegen der politischen Situation damals- nicht ins Fernsehen geschafft.

Im Jahr 2163. Ein komplexes Team von gut zwei Dutzend Wissenschaftlern macht sich auf eine auf Jahrzehnte angelegte Raumexpedition zum Sternbild Alpha Centauri. Dort vermutet man einen erdähnlichen Planeten. Unterwegs darf etwas Systemkritik nicht fehlen: Man stößt auf ien  havariertes Raumschiff des Jahres 1987 mit offensichtlich in seiner westlichen Dekadenz tragisch verunglückter Besatzung.

Auf dem weiteren Verlauf der Reise kommt dann noch eine rätselhaft eingeschleppte Krankheit und ein rätselhafter Dunkler Stern mit gefährlicher Strahlung in die Quere. Teils recht kluge, quasi-philosophische Dialoge zwischen den Astronauten, Außenbord-Missionen, Notsituationen aufgrund menschlichen Versagens: alles solide in Szene gesetzt. Drei Jahre, bevor Captain Kirks Raumschiff Enterprise und Dietmar Schönherrs als ebenso faszinierendem  Commander McLane mit seinem Raumschiff Orion. Solch einen Nimbus hatte der Film in der Erwachsenheit seiner Genre-Behandlung wie auch in seinen beeindruckenden Kulissen und Gesamt-Design, dass selbst Stanley Kubrick ihn für Recherchen zu 2001- Odyssee im Weltall heran zog.

Ich muss hier zu geben, dass es aufgrund Minutenschlaf meinerseits (9Fillme in 2Tagen) nicht nur an der etwas eigenwilligen Inszenierung Jindřich Poláks lag. Der Mann ist als Routinier über Zweifel erhaben – war im Westen jedoch wohl am ehesten für seine Kinderserien Pan Tau und Die Besucher bekannt.

Die mittlerweile berühmten Barrandov-Studios in Prag lieferten schon damals ganze Arbeit. Die Spezialeffekte zwar eher durchschnittlich, doch ein Set Design das sicher für viele andere Filme stilbildend war. Dass Stanley Kubrick den Film zu Recherchen für seinen Meilenstein „2001-Odyssee im Weltall“ heran zog, scheint konsequent. Zumindest die Idee des wandfüllenden Bildtelefons ist direkt kopiert worden 😉

At the Fork (USA, Regie: John Popola)

Was macht man als Dokumentar-Filmer, wenn die Ehegattin überzeugte Veganerin ist, man selbst aber in einer Fleisch-liebenden Familie aufgewachsen ist ?  Nein, keine Paartherapie, sondern einen Film. Ein Glück für uns.

John Popola und Lisa Versaci machten sich auf eine 9000 Meilen Reise durch Amerika, um dem derzeitigen Stand der Massentierhaltung auf den Grund zu gehen. Ein faszinierendes Panoptikum über ganz verschiedene Ansätze und Fakultäten in der Landwirtschaft. Farmer, Verhaltensforscher, Tierrechtler, Politikern wird das Wort gegeben. Eine Vielzahl von Betrieben, teils an der Spitze des derzeitigen Tierschutzes, wird besucht. Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, dass es in den USA schon so lobenswerte Beispiele gibt …wenn sie auch sicher noch in der Minderzahl sind und es noch einiges zu tun gibt. Als sie andererseits eine der größten Industrie-Farmen mit rund 100.000 Rindern auf knapp bemessenen „Weiden“ auch nur von der Landstraße aus filmen, bekommen sie alsbald unbestellte Gesellschaft und es droht -obwohl öffentlicher Raum- latent Ärger.

Mal ausprobieren, wieviel Raum einem Mastschwein zugebilligt wird.

Wie auch John Popola und Lias Versaci damit in ihrer Ehe leben können, das Thema Fleischkonsum/Veganismus immer noch verschieden zu sehen, so wird auch dem Zuschauer die Wahl gelassen seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Keine Moralkeule, keine plakativen Bilder von Tiergreueln. Was die Kamera hier auch in Musterbetrieben an der Spitze der derzeitigen Tierempathie en passent einfängt, reicht schon.

In den freimütigen Interviews des Filmes wollte Popola niemanden entlarven. Völlig zu Recht konstatierte er im Q&A (auch mit Blick auf die derzeitige amerikanische politische Kultur), dass „shouting matches“ die Sache nicht weiter bringen.  Letztendes bringt uns der Film wieder einmal zur notwendigen Erkenntnis: es beginnt zuhause, mit den eigenen (Kauf-)Entscheidungen. Zählt mal nicht nur der Preis, reagiert der Markt auch meist prompt.

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Berlinale 2017 – Tag 2: Der längste Tag

Vor einigen Jahren wagte ich, fünf Filme auf einen Berlinale Tag zu legen. Gegen Spätabend damals schleppte ich mich nahezu in den Letzten. Ein süd-koreanisches Road Movie, das zu Glück noch punkten konnte. Doch wie gesagt, zuvor dachte ich: jetzt nach Hause wäre auch nicht schlecht. Dass gleich mein zweiter Tag ein neuer Anlauf dieser Selbstüberschätzung werden sollte, ist einem Versehen im Vorverkauf zu verdanken. Wie es mir ergangen ist ?

Seconds (USA1966, Regie: John Frankenheimer)

Die Inhaltsangabe versprach eine Moritat a la Twilight Zone. Am Rande der Wissenschaft.

Der alternde Banker Hamilton lebt ein erfolgreiches, aber gefühlt inhaltsleeres und emotionsloses Leben. Die Beziehung zu seiner Frau schon lange versachlicht. Ein Anruf eines tot geglaubten Freundes offenbart ihm, es gäbe ein zweite Chance. Eine Firma, die ihn quasi neu erfindet, mit neuer Identität ausstattet. Ein Verschwinden mit komplettem Neufanfang. Nach einiger Überzeugung willigt er ein. Bald kommen ihm Zweifel ob der zweifelhaften Moralvorstellungen und Ethik dieser Firma. Doch in seinem neuen Leben, nach einer kosmetischen Umoperation lebt es sich gut in seiner neuen Identität: als deutlich jüngerer Maler an der Westküste. Parties, eine neue Liebe, Alkohol… der ihm allzu bald die Zunge löst und klar macht, dass tief innen er diese neue Realität nicht annimmt. Da die „Firma“ eine Enttarnung nicht zulassen kann, wird er in deren Zentrale zur Konditionierung zurück geholt. Doch man ist auch zu drastischeren Mitteln bereit.

Rock Hudson in einer beachtlichen Rolle. Durch Type-Casting unterschätzten wir ihn.

Wow, für die Rolle sei unter anderem Laurence Olivier im Gespräch gewesen. Der Regisseur hätte überredet werden müssen, den damaligen Frauenschwarm und vermeintliches Leichtgewicht Rock Hudson zu casten. Was für eine Performance! Dann noch die eindringliche Kamera-Arbeit und ein dezenter aber effektiver Soundtrack von Jerry Goldsmith… ein vergessenes Kleinod. Trotz gewünschter Starpower des Studios tat sich der Film seinerzeit schwer. Kratzte er doch an der Fassade des Amerikanischen Traumes.

THX 1138 (USA1971, Regie: George Lucas)

Ja, genau der George Lucas. Das letzte Mal, dass ich einen George Lucas-Film im Kino sah, war -Trommelwirbel- 1977: Krieg der Sterne. Mit englischen Titeln hatten wir es noch nicht so sehr. Und dass es „Episoden“ sein würden, ahnte auch noch niemand. Ebensowenig, dass Lucas bereits 1971 einen wegweisenden Science Fiction konzipiert und realsiert hatte. Ein Remake seines eigenen Studien-Abschlussfilms.

THX (Robert Duvall) lebt bzw. funktioniert in einer streng reglementierten, unterirdischen Welt der Zukunft. Menschen befolgen Ansagen und arbeiten von Robotern kontrolliert in Fabriken. Sedierung durch Medikamente ist Pflicht. Emotionen, gar Liebe oder Erotik sind bei hohen Strafen verboten. THX‘ Mitbewohnerin LUH befolgt dies aber nicht mehr und tauscht langsam auch THX‘ Pillen aus. Sie verlieben sich und werden zu Kriminellen erklärt. Als die Geschehnisse eskalieren, wagt THX mit zwei weiteren Insassen die Flucht – obwohl die Oberfläche keine Überlebenschancen bieten soll.

Das Gefängnis der Zukunft hat keine Mauern…aber scheinbar auch kein Ende.

Nicht nur das Set Design dieser totalitären Welt beeindruckt, auch die Konsequenz wie hier Entmenschlichung und Kontrollstaat dargestellt werden. Wie Kurator Josh Siegel vor dem Screening erklärte, geschah dies in der Literatur bereits zweimal schon Jahrzehnte zuvor. Unter anderem in E.M.Fosters „The Machine Rests“, indem angeblich das Internet quasi Jahrzehnte zuvor vorausgesagt wurde. George Lucas und Ko-Autor und Sound-Designer Walter Murch versichern aber die nie gelesen zu haben (!)

Fast schon konventionell wirkt es da an, dass die Menschen-Hatz gegen Ende in eine Verfolgungsjagd Auto vs. Motorräder mündet. Wenn auch technisch spannend gemacht.  Doch offenbar war es für George Lucas und Produzent Francis Ford Coppola schwierig genug, seinerzeit Warner Brothers zur Produktion zu überreden.

Fun Fact: THX hielt als Abkürzung in ein von Lucasfilm lizensiertes Tonzertifikat in Filmtheatern und Heimkinos Einzug. (Andere sagen es stünde für Toningenieurs Tom Holman Crossover, doch egal)

Requiem for Mrs J. (Serbien/Bulgarien/Mazedonien/Russische Föderation/Frankreich, Regie: Bojan Vuletić)

Jelena ist seit einem Jahr Witwe und fast ebenso lange ihren Job als Sekretärin in einer Belgrader Fabrik los. Viel ist nicht mehr los mit ihr, ihrer fast erwachsenen Tochter geht es auf die Nerven, den Haushalt quasi alleine zu schmeißen. Die jüngste Tochter entzieht ihr ebenfalls langsam das Vertrauen, die Oma lebt abgeschieden im Nebenzimmer und erscheint nur ein/zwei Mal am Tag. Jelana besorgt sich eine Pistole.

Jelema hat mit diesem Leben abgeschlossen

Nicht wenige Male fühlte ich mich an den lakonischen Stil Aki Kaurismäkis erinnert, der in Kürze auf der Berlinale mit seinem neuen Film sein wird. Traumhaft wie scheinbar emotionslos Hauptdarstellerin sich durch die Woche  vor ihrem geplanten Selbstmord laviert. Umbestellung beim Steinmetz für den nun gemeinsamen Grabstein mit ihrem Mann, umständliche Gespräche mit der Krankenversicherung wegen abgelaufener Versichertenkarte (wie kommt man sonst an Schlafmittel für Plan B) …und dann bricht auch noch die Nachricht herein, dass ihre Tochter schwanger sei.

Erase and Forget (USA, Regie: Andrea Luka Zimmerman)

James „Bo“ Greitz ist der höchst dekorierte Elite Soldat der US Armee. Der mittlerweile 70jährige hat so viele Einsätze hinter sich, dass es selbst ihm schwer fallen dürfte, sich an alle zu erinnern.

Eine klassische Narrative sucht man hier vergebens. Fast schon kaleidoskop-artig sind die aus verschiedenen Jahrzehnten stammenden Elemente montiert. Interviews der Regisseurin, Nachrichtenbeiträge, Ausschnitte aus Bo’s Serie von Nahkampf Tutorials …sowie eines obskuren B-Movies  um seine Person. Unterbrochen durch Aussagen von Weggefährten bis hin zum Regisseur Ted Kotcheff, dessen „First Blood“(Rambo) auf der Figur des Bo Greitz basierte.

Im Q&A nach dem Film erklären Regisseurin Andrea Luka Zimmerman und ihre Produzentin, dass es Ansatz gewesen sei, das Material zu präsentieren – aber keine Deutung oder Wertung vor zu nehmen. Sie seien gespannt, den Film in Kürze auch in deutlich konservativeren Zirkeln in den USA zu zeigen und dort zu diskutieren.

Discreet (USA, Regie: Travis Mathews)

Dass der Regisseur vor zwei Jahren hier mit dem verkopften Doku/Drama „Interior:Leather Bar“ wie auch anderswo nicht so recht punkten konnte, hätte mich aufhorchen lassen sollen. Doch die Inhaltsangabe rückte es in Thriller-Nähe. Also:

Der längst erwachsene Alex führt ein nomadisches Dasein. Er ist (offenbar) irgendeine Art von Dokumentar-Filmer, wir sehen ihn am Rande von Highways mit Stativ und Kamera hantieren. Später ein Besuch bei seiner Mutter, ein fragmentarisches Gespräch bei dem endlich fällige Themen auf dem Tisch kommen. Dann wieder bei homosexuellen Quickies in Toiletten und ebensolche Meetings mit Fremden in Motels arrangierend. Noch später nimmt er sich seines siechen Vaters an, der eigentlich in ein Pflegeheim gehören würde.

Wie das nun alles zusammen hängt, bleibt dem Zuschauer über weiter Strecken überlassen. Denn Schnittfolge und Dramaturgie sind alles andere als schlüssig. Am Ende ist wenigstens halbwegs klar, wer und warum eine am Anfang des Filmes verschnürte Leiche flussabwärts geschickt hat.

Ähnlich orientierungslos fühlt sich der Zuschauer

Wenn Thriller meint, dass man sich sehr viel denken muss, dann mag das stimmen. Vielleicht tue ich dem Film am Ende eines langen Tages aber auch unrecht. Ob ich mir eines Tages aber noch einmal gut 80min investiere um das heraus zu finden, bleibt fraglich.

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Berlinale 2017 – Tag 1: Ein Tag in Cinemascope

Beim ersten Durchsehen des Filmprogramms schien die Auswahl für meinen ersten Berlinale Tag nicht gerade groß. Immerhin war dann alles im Format 2,35:1.

Django (Frankreich, Regie: Etienne Comar)

war im Gesamtprogramm nicht unbedingt meine erste Wahl. Bio-Pics haben nicht selten etwas Nummer-Sicher artiges. Andererseits: warum nicht mit etwas solidem starten?

Django Reinhardt war ein Phänomen in der Jazzwelt der 30er bis 50er Jahre. Weit über die Grenzen Frankreichs hatte er durch sein geniales Talent auf der Gitarre für lange Zeit eine Alleinstellung. Seine einzigartiger Gypsy Swing begeisterte durch Spielfreude, seine Rhythmen brachten jedes Bein in Bewegung. Allerdings fiel sein künstlerischer Zenith auch mit der Zeit der deutschen Besatzung durch die Nazis zusammen. Was für ihn als Sinti besonders heikel war. Nicht nur die Franzosen verehrten ihn, immer mehr kam die Begehrlichkeit auf, ihn für deutsche Truppenbetreuung einzuspannen. Natürlich mit festgelegten Grenzen: „Max.5% Synkopen, kein Solo über 5sec, Tempi sind unter Allegro zu halten, KEIN Blues..“

Es fällt ihm zunehmend schwer, sich dem Einfluss seiner ungeliebten Gönner zu entziehen. Auch wenn er sich selbst am liebsten außerhalb dieser Realität sähe. Es sei nicht sein Krieg. Er und seine Familie bekommen das Angebot mit seiner Familie in die Schweiz zu fliehen, allerdings gibt es kurz vorher Komplikationen und sie sind gezwungen in einem grenznahen Ort unterzutauchen. Man freundet sich mit in der Nähe campierenden Zigeunern an, Django spielt in örtlichen Kneipen – was natürlich aufgrund seines Talentes wiederum Kreise zieht. Bald wird er gestellt und soll sich endlich mit den Besatzern arrangieren. Eine letzte verzweifelte Chance zur Flucht tut sich auf…

Reza Kateb als durchaus überzeugender Django

In wieweit dies nun alles historisch bis ins letzte exakt ist (ein kurzer Gegencheck auf wikipedia lies zweifeln) darf sich jeder selbst fragen. Andererseits: Szenen wie die vermutlich fiktive(?) Eingangs-Sequenz, in der ein brodelnder Konzertsaal auf ihn wartet, Django aber versonnen an der Seine angelt, skizzieren nunmal einen Charakter und seine Zeit.

Immerhin darf sich Regisseur Comar rühmen, die Erinnerung an einen der genialsten und einflussreichsten Gitarristen hochzuhalten.

Eolomea (DDR, Regie: Hermann Zschoche)

Dass dieses Science-Fiction-Fundstück aus dem Filmfundes des anderen Deutschlands sogar in 70mm-Fomat gedreht wurde, ließ mich hoffen ihn auch im Kino International in diesem Format zu sehen. Dass vorher vergaß, meine Kontaktlinsen einzusetzen, half dabei nicht. Die Kopie war allerdings schon sichtlich gealtert. Doch es taten sich ganz andere Schwächen auf.

Bei diesen Dialogen ist es besser, wenn man angeschnall ist.

In einer nicht allzu fernen Zukunft. Von Staaten reden wir gar nicht mehr, im Zentralrat der Astronautik sitzen Menschen aller Rassen ausgewogen nebeneinander. Angenehm progressiv. Dass die Hauptfigur Professorin Maria Scholl einen holländischen Zungenschlag hat, passt zur sich langsam aufbauenden Drolligkeit des Filmes.

Denn was mit einer Krisenkonferenz wegen vermisster Raumschiffe beginnt, springt bald handlungsmäßig hin und her. Das meet cute von Professorin Maria und „Raum-Taxifahrer“ (Eigenbezeichnung) = Kosmonauten Dan. Dann ein Dialog zwischen Maria und ihrem mysteriösen Gegenspieler Professor Tal. Kurz darauf sind wir bei Dan und seinem weisen und greisen Navigator Kun auf einem entlegenen Außenposten „Luna3“. [Wobei in der Astronautik Luna eigentlich für Erd-Mond steht und der war 1972 fast schon wieder passé. Aber lassen wir das.]

Avantgardistische Dramaturgie ist eines, doch wenn wir zeitweilig nicht wissen, wie uns geschieht wird es latent komisch. Wenn auch einige Nerds meinten, im Kino bei jedem vermeintlich als zu offensichtlich erkannten optischem Effekt auflachen zu müssen: die Komik entsteht hier durch die Betagtheit und Überambition.

Überambitionierte Dialoge (vom großen Rolf Hoppe seltsamerweise zeitweilig fast cool genuschelt), gewagte Schnitte (manchmal glaubte ich, der Vorführer würde die Spulen in falscher Reihenfolge zeigen),  …die aus heutiger Sicht putzigen Spezialeffekte waren noch das kleinste Übel.

Wir spionieren auf einer scheinbar verlassenen Raumstation herum, später darf dann noch ein tapsiger Roboter nicht fehlen, Dan trifft eine heroische Entscheidung… Ich lasse es mal gut sein. Das Vertrauteste in diesem Klimbim ist die Stimme von Manfred Krug – der den russichen Hauptdarsteller synchronisierte. Diese Tatsache erdet zum Glück diese etwas verrutschte Genre-Stilübung.

Man könnte jetzt sagen: Immerhin haben sie es versucht. Doch im selben Jahr schuf Tarkowski in der UdSSR mit „Solaris“ einen philosophischen Meilenstein des Genres.

Und ganz offenbar war auch Regisseur Hermann Zschoche der Film ziemlich einerlei. Im zähen Q&A vor dem Film fiel es Retrospektive-Leiter Richard Rother fast schon schwer ihn bei Laune zu halten. Das Projekt sei für ihn stilistisch eine einmalige Beschäftigung gewesen, er hatte ein fertiges Drehbuch versprochenerweise übernommen -und sich kurz darauf anderem zugewendet. Und nie wieder zurück geblickt. Was ich mittlerweile verstehen kann. Immerhin erfahren wir, dass trotz Riesenbudget aufgrund Planwirtschaft kaum futuristisches Szenenbild zu kaufen war. Somit wurden Bühnenbildner mit Schnapps in die Volkseigenen Betriebe geschickt – um das Material zu organisieren.

Vazante (Brasilien/Portugal, Regie: Daniela Thomas)

Wie gesagt, die Filmauswahl für meinen ersten Tag war subjektiv nicht sehr üppig. So greift man dann auch am ersten Tag mal zu vermeintlich kargem Existenzdrama:

Minenbetreiber António lebt im frühen 19.Jahrhundert im brasilianischen Outback. Eine Welt, in der Sklaverei an der Tagesordnung ist – und die Diamantenvorräte erschöpft. Er verliert Frau und Nachwuchs im Kindbett und verfällt dem Phlegma. Sein freigelassener Ex-Sklave/Sklaven-Aufseher Jeremias und die angereiste Verwandschaft seiner Frau scheint mehr am Fortbestand des entlegenen Betriebes zu liegen als ihm. Erst nachdem er auf Betreiben seiner Familie Beatriz,  12(!)jährige Tochter seines Schwagers, heiratet, zieht es ihn langsam ins Leben zurück. Beatriz geht während Antónios Geschäftsreisen mit kindlicher Naivität auf die eigentlich streng getrennten Sklaven zu und schließt mit einem Jungen sogar mehr als Freundschaft. Sklaventreiber Jeremias hat indes alle Mühe, aufkeimende Revolten zu unterdrücken. Und Herr über Haus und Hof António verlangt es nach wie vor mehr nach seiner Sklaven-Mätresse Feliciana als seiner Kind-Frau. Was in Anbetracht der Umstände aus heutiger Sicht fast schon als anständig zu bezeichnen wäre. Aber nur fast.

Einige Zeit später sind sowohl Beatriz als auch Feliciana schwanger. Fragt sich nur, von wem. Jeweils.

Regisseurin Thomas verschönt hier nichts, nüchtern aber teils wunderbar konzipierte SchwarzWeiß Kamera-Arbeit treffen auf angemessen spärlichen Einsatz von Dialogen.

Eine glückliche Ehe sieht anders aus

Der Film verzichtet fast völlig auf Musik, was zur Kargheit und Archaik nochmal beiträgt. Als man sich erstmal an das Erzähltempo und die teils kühle doch angemessene Dramaturgie und Montage gewöhnt hat, ist man bereit sich auf dieses Sittenbild einzulassen. Inklusive der tragischen Schluss-Spirale.

Übrigens einer der besten Schluss-Cuts, die ich in meinen Berlinale Jahren sehen durfte.

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