Berlinale 2017 – Tag 7: Abgründe

El Bar (Spanien, Regie: Álex de la Iglesia)

Eine kleine Bar in der Stadtmitte von Madrid. 8 Menschen begegnen sich, für einen Snack da, für ein Getränk, eine Verschnaufpause. Kurz darauf ein Schuss, der zuletzt gegangene Gast liegt draußen leblos auf dem Pflaster. Der belebte Platz ist sofort wie leergefegt. Ein zu Hilfe kommender wird ebenfalls erschossen. Aus der anfänglichen Panik (Ein Terrorakt?) der nun in der Bar Gefangenen erwächst alsbald Misstrauen und später Paranoia.

Rettungskräfte: Fehlanzeige. Handy-Empfang ebenso. In den Nachrichten: Nichts. Als kurz darauf ein furchterregend entstellter, offenbar einer Infektionskrankheit erlegener Mann auf dem Klo entdeckt wird, scheint man noch mehr in der Falle. Ist man schon infiziert? Hat einer der anderen etwas damit zu tun? Werden wir aus Staatsräson eliminiert?

Tobt dort draußen die Hölle – oder hier drinnen ?

Wer jetzt glaubt, ich hätte bereits zuviel verraten, irrt. Denn „El Bar“ funktioniert nur an der Oberfläche als Genre-Thriller. Hier geht es in erster Linie um die Innendynamik dieser kleinen sich zerfleischenden Zufallsgesellschaft. Es geht um den Wahnsinn, der sich in kürzester Zeit aufschaukelt und Schritt für Schritt alle zivilisierten Konventionen erwürgt. Werden zuerst moralische Grenzen a la ‚Herr der Fliegen‘ nur verwischt, stiften Egoismus und Misstrauen bald zu abscheulicher Gewalt anstiftet. Getreu dem Sartre-Zitat: „Die Hölle sind die anderen“ ist hier alsbald jeder misstrausich. Selbst Menschen, die sich seit Jahren kennen, bekämpfen sich bis aufs Blut. (Jetzt ist es aber gut mit den Spoilern)

Wer mag, darf sich hier natürlich auch einfach durch Drastik, Spannung und Horror einfach gut unterhalten fühlen. Wer nur ein wenig genauer hinschaut, erkennt in den Handlungen der Figuren eine Allegorie auf nicht nur europäische gesellschaftliche Entwicklungen dieser Zeit sehen.

Die kirmeshaftige Drastik, die „El Bar“ über weiter Teile an den Tag legt, soll uns womöglich die Chance geben, uns von dieser Dystopie zu distanzieren. Denn: das können doch unmöglich wir sein ? Oder ?

Schwarzer Kies (BR Deutschland 1961, Regie: Helmut Käutner)

Bei seiner ersten Veröffentlichung erfuhr aufgrund einer im Grunde lächerlichen Beschwerde wegen vermeintlicher Verunglimpfung von Juden dieser fast vergessene Film des deutschen Routiniers Helmut Käutner nicht nur eine Kürzung, sondern wurde auch mit einem unschlüssigen, vermeintlich kommerziellerem Ende ausgestattet. Dankenswerter weise wiederum hier und heute eine restaurierte Fassung. Das ist dieses Jahr nun schon meine fünfte(?)

Ein kleines Hunsrück-Dorf in der erst 15 Jahre alten Bundesrepublik. Die amerikanischen Truppen der dortigen Air Force Basis mag man nicht wirklich, doch man arrangiert sich anhand der Wirtschaftskraft, die sie für die ärmliche Gegend bringen. Nicht nur im Nachtleben in schmuddeligen Großkneipen sorgen sie für Umsatz. Der expandierende Flug-Basis ernährt Bau-und Fuhrunternehmer. Der Kleinselbständige Robert Neidhardt nimmt auch krumme Geschäfte an, um über die Runden zu kommen. Bei einer nächtlichen Tour verursacht er teilschuldig einen Unfall mit Todesfolge. Die überfahrenen (ein US-Soldat und seine deutsche Geliebte) werden unter einer Kiesaufschüttung in der US Basis entledigt.

Denn seine Ex-Flamme Inge (die jetzt mit einem US-Major verheiratet ist) war in der Fahrerkabine – und trotz Haderns über ihre gemeinsame Vergangenheit will er ihrer Zukunft nicht im Wege stehen. Doch langsam kommt nicht nur der Militär-Geheimdienst sondern auch ein neidischer Mit-Unternehmer auf die Spur, dass am Verschwinden der Vermissten irgendwas faul ist.

Verschüttet sind nicht nur die einstmaligen Träume

Späte Eifersucht, Missgunst gegenüber den „Amis“, Kampf ums soziale Überleben, immer noch vorhandener Antisemitismus – es ist etwas viel, was hier storymäßig angerührt wurde. Und letztenendes doch fast wie ein besserer Krimi rüberkommt. Dafür gewährt uns Regie-Profi Käutner einen Einblick in diese langsam verbleichende Phase bundesdeutscher Findung: Dem Status eines besetzten Landes gefühlt noch nicht entwachsen, sich aber eifrig mit den Verhältnissen arrangierend.

Vielleicht ist die Story um die quasi-Zensur des Filmes doch bemerkenswerter als der Film an sich. Ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte ist er dennoch.

Übrigens: Der Schnitt betraf eine Szene, in der ein Greis einen Barbesitzer als „Saujud“ beschimpft – nachdem der ihm  die Marschmusik in der Jukebox abgedreht hat. Die anwesenden amerikanischen Soldaten sind konsterniert, der Barbesitzer zeigt dem Alten seine KZ-Tätowierung. Für jeden denkenden Menschen ist dies ein … doch knapp eineinhalb Jahrzehnte nach der Nazizeit knickte der Verleih ein und kürzte gegen den Willen des Regisseurs – und kastrierte auch noch das geplant düstere Ende.

Berlin Syndrome (Australien, Regie: Cate Shortland)

Ich gestehe, vor ein paar Jahren durch einen vermeintlich ähnlichen Film („Lose your head“) prächtig unterhalten, hoffte ich hier einfach mal auf gutes Genre-Kino. Nicht mehr und nicht weniger war der Fall. Wie auch in damaligem Film, kommt ein nichts ahnender junger Berlin-Tourist unter die Räder. Der Tourismus-Verein darf hoffen, dass beide Filme nicht zuviel Beachtung finden werden.

Die allein (oh, oh) reisende Clare lernt scheinbar zufällig Andi kennen und verbringt einen Abend mit ihm. Entgegen der Entscheidung weiter zu reisen, besucht sie Andi tags darauf noch einmal und folgt ihm sogar in seine Wohnung. Am nächsten Morgen ist die Tür verriegelt, die Fenster -so erkennt sie jetzt- sind mehrfach verstärkt, die alte Mietskaserne ansonsten menschenleer. Andi hält Clare wie ein besseres Haustier und geht draußen gesittet seinem Job als Lehrer nach. Ausbruchsversuche Clares werden mit weiteren Restriktionen geahndet. Clare scheint sich zu fügen…bis sie heraus findet, dass sie wohl nicht das erste Opfer Andis ist.

Noch scheint er ganz charmant

Weitere Schlussfolgerungen für den Verlauf der Menschheit sollten wir nicht suchen. Doch wie eingangs erwähnt, manchmal möchte man einfach nur spannungsmäßig an die Extreme geführt werden. Das tut der Film nämlich prächtig.

God’s own country (Großbritannien, Regie: Francis Lee)

Der gerade Erwachsene Johnny lebt mit seinen Eltern in einer Farm in Yorkshire. Die Kommunikation in der Familie ist genause herzlich schroff wie ihr eigenwilliger Dialekt und Tonfall. Die Last der Arbeit liegt hauptsächlich auf seinen Schultern, seine Eltern nicht mehr die Jüngsten, sein Vater kämpft sich nach einem leichten Schlaganfall mehr durch den Alltag, als dass er seinen Hof mitbestellen kann.

Einzige Abwechslung scheinen für Johnny gelegentliche Quickies mit anonymen Männern zu sein. Im Pub, zur Not auch im Viehtransporter. Doch wohl nicht nur aus Rücksicht auf seine nichts ahnenden Eltern kanzelt er weiter gehende Avancen seiner Sexpartner ab. Nachdem der junge Rumäne Georghe als Saison-Aushilfe auf die Farm kommt, ist nichts mehr so wie es war. Zunächst vom stets bemühten, aber überarbeiteten Johnny als Konkurrenz gesehen, entwickeln sich zwischen den beiden langsam Gefühle. Johnny lebt zum ersten Mal Sinnlichkeit aus, im Geheimen werden die Beiden ein Paar. Wie werden seine Eltern das aufnehmen?

Der Regisseur Francis Lee hat mit seinem Langfilm-Erstling nicht nur der Gegend (aus der er übrigens selbst stammt), sondern auch ihren eigenwilligen Charakteren ein beeindruckendes Abbild geschaffen. Ohne jeden Kitsch oder Klischee haben wir Teil an der emotionalen Entwicklung aller Charaktere.

Zwar habe ich Verwandte in Nordengland, wo ein ähnlich starker Dialekt gesprochen wird. Doch für die englischen Untertitel bei einem englischen Film war ich trotzdem dankbar.

Nicht nur die Schulter ist kalt

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Berlinale 2017 – Tag 6: Die Sättigungsphase beginnt

Die Maschine läuft auf Hochtouren, die Wege und Umsteigezeiten zwischen den Kinos optimiert. Der Sehnerv ist noch nicht übersättigt, doch lang kann es nicht mehr dauern. („In welchem Film hab ich die Szene nochmal gesehen?“). Und im Laufe des Tages wiederum zwei Highlights, die den ganzen Aufwand rechtfertigen.

Kurzfilme Programm 1 (Sektion Generation 14plus)

Aufgrund von sieben Filmen hier dann doch etwas gekürzte Zusammenfassungen:

Sheva dakot (Israel)  Zwei israelische Jungsoldaten bei einem Wettlauf gegen die Zeit: bekommen sie doch noch Wochenend-Ausgang? | SNIP (Kanada) Eine in Stop-Motion teils alptraumhaft-intensiv animierte Geschichte über den Kulturkampf zur Unterdrückung der kanadisch-indigenen Bevölkerung.

aus: SNIP, eine junge Frau geht auf eine alptraumhafte Entdeckungsreise

Libélula (Mexiko) Der jüngste von drei Brüdern im Teenager-Alter wird in der Familie ständig untergebuttert und schlägt als Frustreaktion beim Besuch einer befreundeten Familie stark über die Stränge. | Moloko (Russ.Föderation/Litauen) Eines Morgens steht bei einer Familie im 14. Stock plötzlich eine Kuh in der Küche. Allmählich arrangieren sich Vater,Mutter und Kinder mit der bizarren Situation…bis der Opa durchgreift. | Wolfe (Australien) Ein freimütiger junger Mann erzählt uns mit Animations-Szenen karikiert, wie ein imaginärer (Mr.)Wolfe ihn jahrelang beeinflusst und fast in den Suizid getrieben hat – und wie er seine psychische Außeneseiterrolle überwand. | After the smoke (Australien) Eine Elegie auf einem Rodeoplatz, Off-Erzähler über Zeitlupen-Aufnahmen. |  Morning Cowboy (Spanien) Ein alternder Büro-Angestellter entflieht Walter-Mitty-artig seinem langweiligen Dasein und wird in seiner Phantasie zum waschechten Cowboy.

Alle Achtung, fast allesamt sehr sehenswert. Allerdings fragte ich mich hier und da, warum der eine oder andere Film im Generation (=Jugend-)Programm lief. Vielleicht war ausschlag gebend, dass die Filmemacher fast durch die Bank sehr jung waren.

Tiere (Schweiz/Österreich/Polen, Regie: Greg Zglinski)

Der erfolgreiche Koch Nick und seine Frau, die Buchautorin Anna, machen sich mit dem Auto auf den Weg in einen ausgedehnten Urlaub in den Schweizer Alpen. Anna verdächtigt den leutseligen Nick seit einiger Zeit der Untreue. Zu Recht, wie wir schon früh erkennen. Der Urlaub könnte eine Chance sein, ihre Beziehung wieder aufs richtige Gleis zu bringen. Ein Auto-Unfall kurz vor der Ankunft ist dann der Drehpunkt der Geschichte: Aus der Ambulanz entlassen, kommt es allmählich zu allerhand rätselhaften Erlebnissen. Zunächst nur für Anna und zunächst nur vermeintliche Kleinigkeiten. Ein Vogel durchbricht beispielsweise nachts die Fensterscheibe und stirbt in der Küche: am nächsten Morgen tut Nick Annas Schilderung ab -und Blutspuren gibt es auch keine mehr.

Die Surrealität schleicht sich bald immer mehr ein, zieht immer weitere Kreise. Nick, Freundin Mischa (welche die Wohnung der Urlauber hütet) Nicks Geliebte Andrea sowie deren labiler Ex-Mann… alle zweifeln langsam an ihrer Realität.

Immer wieder zieht uns in diesem Film das gerade Gesehene den Teppich unter den Füßen weg. Stellt gerade erlebtes in Frage. Wer erlebt hier eigentlich was. Was bzw. wer ist real – und was bloß Ausgeburt der Fantasie ? Fast atemberaubend, dieses faszinierende Vexierspiel, und man muss lange zurück denken, wann es so anregend war, konstant die Bodenhaftung zu verlieren. (Bestenfalls „Remainder“ vom letzten Jahr war visuell als auch storymäßig durchaus auf Augenhöhe)

Eine Studie der Tiefe menschlicher Psyche und der Grenzen der Wahrnehmung. Lynch, Kronenberg und Bergman lassen grüßen.

Nick und Annas Flurschaden ist noch ihr kleinstes Problem

Das Drehbuch fand Regisseur Zglinski schon vor knapp zehn Jahren, und es elektrisierte ihn von Anfang an. Wie er es im Q&A ausdrückte: er verstand es zunächst nicht, doch er fühlte das es stimmte. Der Autor Jörg Kalt, ebenfalls Regisseur, kam nicht mehr dazu den Stoff umzusetzen: Er schied freiwillig aus dem Leben. Einige Jahre später hatte Zglinski das Glück, das Buch doch noch ergattern zu können und machte sich an eine sachte Adaption.

Zum einen straffte er nach eigenen Angaben die  im Original noch komplexere Story, zum anderen gab er einigen Charakteren etwas mehr sympathische Tiefe. Nicht zuletzt, damit wir uns -von der komplexen Story voll gefordert- notwendigerweise mit den Protagonisten besser identifizieren können.

Ich bin gespannt, aber nicht sicher, ob ich dieses Jahr noch einen besseren Film als diesen finden werde.

Menashe (USA/Israel, Regie: Joshua Z Weinstein)

Der Titel-„Held“ ist ein bemühter, verwitweter Vater in der fast hermetisch abgeschlossenen jüdischen Gemeinde Brooklyns. Sein Job als Aushilfskraft in einem Supermarkt eine Sackgsse, ist er nicht nur konstant in Geldnöten. Zudem drängen ihn auch noch Rabbi sowie Freunde, endlich eine neue Frau zu suchen. Was in dieser Kultur durch traditionelle Heiratsvermittlung laufen soll. Menashe zeigt sich von seinen Dates wenig beeindruckt. Doch ohne traditionellen Haushalt droht die Familie seiner verstorbenen Frau, ihm mit dem Segen des Rabbi den geliebten Sohn

Kann dieser Papa mir wirklich die Welt erklären?

Die anstehende Trauerfeier zum Todestag seiner Frau will Menashe nutzen, sich bei Familie und Rabbi als verlässliches Mitglied der Gemeinde zu beweisen. Doch eine kleine Katastrophe jagt bei diesem Helden der stoisch-traurigen Gestalt die nächste.

Dramaturgisch vielleicht noch ausbaufähig, ist der Film doch ein im Kino seltener und liebevoll-kritischer Blick in die zeitgenössische jüdische Kulur der USA. Wobei die Regie nicht verleugnet, dass es auch dort Kleingeister und Nervensägen gibt – doch auch zeigt, dass dem Ganzen nicht nur Religion, sondern auch ein ganz eigener Gemeinschaftssinn zugrunde liegt.

Im Originalton übrigens auf jiddisch, offenbar der erste Film in dieser Sprache auf der Berlinale überhaupt.

Casting JonBenet (USA/Australien, Regie: Kitty Green)

Und wieder, wie schon gestern bei „Tamaroz“, eine Studie über Wahrnehmung und Wahrheit:

Ein bis heute nicht schlüssig aufgeklärter Mordfall in Boulder, Colorado bewegte im Jahr 1996 die Welt weit über die Grenzen der USA. Die 6jährige JonBenet Ramsay wird nach vermeintlicher Entführung wenige Stunden später im Elternhaus ermordet aufgefunden. Die Spurensicherung schlampig, die wenigen Indizien sehr suspekt -und so gut wie keine Hinweise auf einen Täter außerhalb der Familie. Die Presse schießt sich auf die Familie ein, die wiederum gibt bizarre Interviews und Statements. Ein Medienzirkus und langwierige Ermitlungen beginnen.

Statt konventionell Interviews zu führen und originales Archivmaterial zu montieren, benutzt Regisseurin Kitty Green einen gewitzten Kniff: Mehr oder weniger geeignete Laien-Darsteller und Amateure wurden aufgerufen (der Anlass: ein Casting für einen angeblichen Spielfilm),  beispielhafte Szenen der Vorfälle nach Skript wieder zu geben. Dass die Darsteller nebenbei als Mitbürger und teils Nachbarn der Ramsays persönliche Meinungen zum Fall bis hin zu ausführlichen Kommentare zum Besten geben, war offensichtlich erwünschter Nebeneffekt. Sneaky.

Abermals wiederholltes Re-Enactment als Annäherung an unbegreifliche Ereignisse

Was zu Beginn noch für Lacher sorgt (einige der Mimen sind überambitioniert, andere erscheinen -nur zunächst- absurd), kristallisiert sich nach und nach zum Geniestreich: Gerade weil wir hier eine Vielzahl von Laiendarstellern (teilweise chargieren) sehen, ist es die Überlappung in den Performances, und übereinander geschnittenen Szenen und die Schnittmenge des Gesehenen, welche eine größtmögliche Annäherung an das Innenleben dieser tragisch-mysteriösen Geschichte ermöglichen.

So wenig wie dies Verbrechen wohl auch aufgeklärt werden wird, so bringt doch ‚Casting JonBenet‘ auch zwanzig Jahre nach der Tat und nach einer Unzahl von Filmen zum Thema interessante, andersartige Perspektiven.

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Berlinale 2017 – Tag 5: Humor extra trocken, ein Experiment und ein Killer-Koch

Auch wenn es jetzt immer professioneller, manischer läuft: Flüchtigkeitsfehler schleichen sich ein. Nanu, gar keine Schlange beim Cinemaxx 8, dem Spielort der Retrospektive? Glück gehabt! Als ich mein Ticket checke, stelle ich fest: Falsches Kino, schnell rüber, zum Cinestar – glücklicherweise nebenan.

gog (USA 1954, Regie Herbert L. Strock)

Eine unterirdische Wissenschafts-Station inmitten einer amerikanischen Einöde. Hier erproben dutzende Wissenschaftler die Technik der Zukunft. Eingeflogen wird Dr.Sheppard, denn langsam häufen sich Unfälle mit Todesfolge und vermeintliche Sabotage.

Ich hatte durchaus schlockigeres erwartet, lächerliche Monster, böse Invasoren, klischeehafte Dialoge etc… Doch abgesehen vom plakativ ausgeleuchtetem Set Design der 50er Jahre war sowohl der Plot als auch seine Umsetzung sonstigen Sci-Fi Machwerken dieser Ära haushoch überlegen. Derart „erwachsen“  und fast schon philosophisch kann man sich lediglich an den famosen „Forbidden Planet“ (mit einem jungen Leslie Nielsen als Helden) erinnern.

Rollenverteilung in den 50ern

gog (wirklich kleingeschrieben) hatte als Indie-Produktion deutlich weniger Budget und kaum namhafte Stars. Doch von einigen Stereotypen abgesehen, wird hier dennoch überzeugend gespielt. Regisseur Herbert L. Strock verlieh dem ein gutes Maß an Spannung und verließ sich nicht nur darauf, dass die Produktion mit 3D punkten konnte. Der Film ist einer von doch nur rund 50 3D Filmen der ersten Welle dieser Technik – als man seinerzeit versuchte das aufkommende TV doch noch zu überflügeln. Ganze Arbeit wurde bei der Restauration dieses Kleinods geleistet: Von der linken Kamera war nur eine ausgeblichene, von der rechten eine ziemlich beschädigte überliefert. 63 Jahre nach Premiere erstrahlen die raumtiefen Bilder wieder in neuem Glanz.

Randnotiz : zur Abwechslung kamen die Bösen mal weder aus Russland noch aus dem All, sondern „from Europe“.

Toivon tuolla puolen [Die andere Seite der Hoffnung] (Finnland/Deutschland, Regie: Aki Kaurismäki)

Nur wo Kaurismäki drauf steht, ist auch Kaurismäki drin. Mag sein, dass man nicht in die Filme des großen finnischen Lakonikers geht, um überrascht zu werden. Traditionsgemäß hat der Regisseur Oddballs und Außenseiter ins Herz geschlossen. Hier ist es der reifere Handelsvertreter Wikström, der seine trinkende Frau verlässt. (Das mit dem Trinken reimen wir uns erst später zusammen, denn Kaurismäki-Charaktere reden nicht mehr als nötig  ist.) Wikström liquidiert seinen Betrieb -und übernimmt kurzentschlossen eine leicht abgewirtschaftete Kiezkneipe…nebst kauzigem Personal.

Wie Wikström seinen neuen Laden schmeißt, das hat den oben erwähnten aberwitzigen Kaurismäki-Charme, staubtrocken e Dialoge in aberwitzigen Situationen. Als der Laden schlecht läuft, wird das Personal auf Sushi-Bar „umgeschult“, als eine asiatische Reisegruppe die Fischvorräte aufisst, muss es fragwürdig alter Salzhering auch tun.

Die Parallel-Handlung zeigt den syrischen Flüchtling Khaled, der nur durch Zufall in Helsinki gelandet ist und seine Schwester auf der Flucht aus den Augen verloren hat. Kaurismäki findet nicht, dass bei diesem Thema der Spaß aufhört: Seine Erlebnisse beim Asylverfahren sind ebenso kurios wie später seine Zufallskarriere in Wikströms Kneipe als Faktotum vom Dienst. Wenn schon Finnland kein Asyl gewährt, so zeigt Wikström letztlich ein Herz als er Khaled -sich vor Neonazis versteckend- findet. Hier haben sich die richtigen gefunden.

Einzig die Dialoge der Asylbewerber untereinander lassen mit dem nötigen Ernst deren sorgen und Gefühle erahnen. Doch Humor wird auch hier transportiert. Tip eines Freundes für Khaled: „Lächle, dann hast du größere Chancen hierzubleiben. Die Trübsinnigen schicken Sie als erste zurück. Aber lächle niemals auf der Straße…sonst hält man dich für verrückt.“

Beachtlich die thematische Balance, die Kausimäki gefunden hat. Doch das muss man von einem Meister der Tragikomik eigentlich auch erwarten. Womöglich die meisten Lacher auf dieser Berlinale, unter den Wettbewerbs-Beiträgen ganz sicher.

Der Betriebsrat tagt


Tamaroz [Simulation] (Iran, Regie: Abed Avest)

Ich nehme es vorweg, abgesehen von der frappanten visuellen Umsetzung (kein Set im eigentlichen Sinne, nur ganz vereinzelte  grün eingefärbte Kulissen-Elemente in einer großen schwarzen Halle) ist es die nonlineare Erzählstruktur, die diese Geschichte so faszinierend macht. Faszinierende Versuchsanordnung statt klassische. Erzählkino.

Reduziert auf das Notwendigste und trotzdem hoch intensiv

Samstagnachts in einer Polizeistation in der iranischen Grenzprovinz. Drei junge Freunde und ein Mann etwas älter als sie werden nach der Festnahme verhört. Aussagen widersprechen sich schnell. Wurden sie nun eingeladen? Kennen sie den anderen Mann – oder wollten sie bloß bei ihm einbrechen? Die Situation eskaliert, als das Verhör handgreiflich wird und auch noch verbotenerweise die Schwester eines der verhafteten nebst kleiner Tochter erscheint. Schnitt und Sprung auf:

Wenige Stunden zuvor – die jungen Männer überlegen, wie sie sich die Gastfreundschaft zu dem Mann erschleichen sollen. Langeweile an einem Wochenend-Abend ? Oder doch böses im Schilde. Immer fährt die Kamera nach kurzem Einfrieren des Bildes auf eine andere Perspektive. Immer wieder müssen wir das Gesehene und die Dialoge neu bewerten. Wer führt hier was im Schilde? Die vermeintliche Story ist weder eine gerade Linie, noch ein Kreis – sondern eine Ellipse.

Und so führt uns Regisseur Abed Avest vor Augen, dass es verworren, vielleicht aber auch unmöglich ist,  das kostbare Gut „Wahrheit“ zu sondieren.

Randnotiz: verkopfte Fragen im Q&A sind zum Glück nicht nur eine Domäne deutscher Fragesteller: Als jemand auf Farsi fragt, wie denn nun die Reihenfolge der Ereignisse war = was der Anfang und das Ende der Story war, entgegnet Abed Avest salomonisch: „Der Film begann in Minute 1 und endete in Minute 84.“ Touché.

Mr. Long (China, Regie: Sabu)

Long ist ein eiskalter Profi-Killer im taiwanesischen Khaoshung. Nach einem missglückten Auftrag im für ihn fremden Japan muss er verletzt in einem Slum am Rande einer Metropole Schutz suchen. Dort freundet ein von seiner drogensüchtigen Mutter vernachlässigter kleiner Junge sich mit ihm an. Nicht zuletzt, weil Long -langsam von seinen Verletzungen genesen- lecker kochen kann. Darauf wird bald auch die erweiterte Familie des Knaben aufmerksam. Welche ihn zunächst privat einspannt, ihn bald auf herzlich-aufdringiche Art nötigt, einen mobilen Imbiss-Stand aufzumachen. Ohne Papiere, Geld oder Sprachkenntnisse fügt er sich, lässt die Mischpoke sogar sein kleines Heim renovieren. Er sorgt sogar dafür, dass die Mutter des kleinen von der Droge loskommt, erwehrt sich aber aufkommenden Gefühlen der jungen Frau. Und noch immer muss er vermuten, dass man ihm noch auf den Fersen ist.

Long kocht sein eigenes Süppchen

Dass Mr Long, wunderbar stoisch dargestellt von Chen Chang, über den gesamten Film vielleicht fünf Sätze Dialog hat liegt nicht nur an seiner professionellen Coolheit des Titelhelden – aufgrund der Sprachbarriere versteht der gestrandete Taiwanese einfach keinen der wohlmeinenden Japaner – fügt sich aber fast Buster-Keaton-haft seinem Schicksal. Eine abstruse Ausgangslage, ein Setting, das die Grenzen der Glaubwürdigkeit strapaziert. Doch die meiste Zeit  und unterhält uns dabei prächtig. Komik konterkariert hier die ausweglose Situation des Killers außerhalb seines Elementes.

Gegen Ende schafft es der Regisseur dann noch, uns einen Stich ins Herz zu setzen. Das Ende drückt ein wenig auf die Tränendrüse, ein Showdown gerät nicht nur drastisch sondern unglaubwürdig – doch da ist man nach zwei Stunden schon dem eigenwilligen Charme der Geschichte erlegen.

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Berlinale 2017 – Tag 4: Polnische Visionen, dann Drama Highlights

…wie das manchmal so ist, überschätzt man Filme für die man händeringend Tickets gesucht hat. Andere, die man eher aus Verlegenheit gebucht hat, erweisen sich alsee Highlight. Trostpreise werden zu Hauptgewinnen:

Na srebrnym globie [On Silver Globe] (Polen 1977/87, Regie: Andrej Zulawski)

166 Minuten ?! Film nur in rekonstruierter, unvollständiger Fassung ? Ich bin trotztdem sehr froh, dass ich mich nicht habe abhalten lassen.  Wenn auch Genie und Wahnsinn nah beieinander liegen. Bzw. Triumph und Fehlschlag:

Der vor gut einem Jahr verstorbene Andrej Zulawski war einer der berühmtesten Regisseure Polens und gelang durch Filme wie ‚Nachtblende‘ oder ‚Obsession‘ zu Ruhm. Doch auch er hat ein persönliches Waterloo erlebt. Ein Film, der -wie er sich ausdrückt- ihm im Jahre 1977 „gestohlen und zerstört“ wurde. Zur Handlung:

Erdastronauten wollen auf einem fernen, erdähnlichen Planeten eine neue Gesellschaft gründen. Ihr Einfluss auf die ansässigen vorzivilsatorischen Menschen stellt sich aber nicht nur als förderlich heraus. Mystizismus und Gewalt sind und bleiben an der Tagesordnung, die Ankömmlinge werden ungewollt sogar zu Religions-Stiftern. Rüchschritt statt Evolution. Eine Raumsonde mit Aufzeichungen über die ersten Jahre wird abgesetzt; eine weitere Expedition folgt – und droht in der sich abermals zurück entwickelten Gesellschaft die Fehler zu wiederholen.

Das ist quasi die Kurzversion, denn die Narrative des Films angemessen wieder zu geben ist fast unmöglich. Zum einen, weil Zulawskis cineastische Vision zu groß war, es trotz beindruckendener expressiver (Massen-Szenen) schwer fällt die Erzählstränge auseinander zu halten (..überbordende Dialoge und Monologe helfen auch nicht gerade). Zum anderen aber wohl auch, weil eine Vielzahl von Szenen (gut 20% des Filmes) nie gedreht wurden: Als sich 1977 der Wind in Polen nämlich politisch drehte, meinte man im bereits gedrehten Material Regimekritik zu erkennen. Obwohl mit wenig Phantasie das Gegenteil zu deuten ist: Der Mensch ist allzu anfällig für Religion und wird sie sich im Zweifel immer selbst erfinden. Dass nun gerade die politische Kaste des damals kommunistischen Polens damals sich selbst gezeichnet sah, mag man als Ironie des Schicksals betrachten.

Erst 10 Jahre später montierte Zulawski eine Schnittfassung, in der alles Fehlende mit stummen polnischen Alltags-Szenen ersetzt wurde, über die Zulawski im Voice-Over beschrieb, was nun eigentlich zu sehen gewesen wäre.

Technischer Fakt am Rande: erst mit den digitalen Mitteln der letzten Jahre wurde es endlich möglich, die geplante Bildästhetik zu realisieren: Um nämlich den Look der fernen Welt herzustellen, wurden 1975/76 beim Dreh Grünfilter benutzt. Dies, um die Rotwerte zu filtern und einen kalten, entsättigten außerweltlichen Look zu erzeugen -und nicht zuletzt, um dies quasi im Negativ einzubrennen und seinerzeit beschönigende Nacharbeit zu verhindern. Die weiteren Kopier-Prozesse, die den Rest der Farben etablieren sollten, wurden nie beendet. Wenigstens kurz vor Zulawskis Tod konnte man ihm nach digitaler Restauration den Film so zeigen, wie er zumindest visuell gedacht war.

Das ist noch eine von den dezenteren Szenen

Nach der Vorstellung sprach ich mit einem Mitarbeiter des polnischen Studios Kadr, das für die wirklich fantastische Bildrestauration verantwortlich war. Er fügte unter anderem an, dass selbst er die teils wortgewaltigen Monologe und Dialoge in englisch als Untertitel liest – da sie im Original auch noch in einer altertümlichen polnischen Diktion daher kommen. Meinen insgeheimen Wunsch ab und zu anzuhalten und die inhaltsschwere  Gesagte sacken zu lassen, konterte er (selbst als Fan des Films) „bloß nicht, dann wäre es ja noch länger“/“irgendwann möchte mann nur noch, dass es vorbei ist“.

Man stellt sich über die ganze epische Laufzeit immer wieder die Frage: Wäre es plausibler, kohärenter, wenn nicht ein Wie lang wäre das ganze, wenn alles Material realisiert worden wäre ? Ein cineastischer Riesen-Ritt allemal. Und ganz am Rande: auch bei 2001 – Odyssee im Weltall haben sich Generationen von Kinogängern beim ersten Schauen gefragt: Ist das Irrsinn – oder genial ?

Test Pilota Pirxa [Der Test des Piloten Pirx] (Polen/UdSSR) 1979, Regie: Marek Piestrak)

Das Q&A fand unverständlicher Weise vor dem Film statt und war auch noch umständlich moderiert. Ein Umstand, der Filmfans mit Terminplan gut 20min kostete. Der greise Regisseur zeigte sich sehr erstaunt, dass der Film ein so großes Interesse fand. Wie ich feststellen sollte, zu Recht. (Das Erstaunen, nicht das Interesse, denn:)

Ein kreuznormales Politdrama im Gewande eines Science Fiction. Um die Einsetzbarkeit einer neuen Reihe von Androiden zu testen, wird Testpilot Pirx angeheuert, eine gemischte Crew auf einer Weltraum-Mission zu führen. Ihm wird bewusst vorenthalten, wer von seiner Besatzung Android ist oder nicht – um seine Objektivität zu garantieren. Interessen der Industrie spielen jedoch auch eine Rolle und so kommt es irgendwann fast zur Katastrophe. Die Frage, ob im Angesicht einer Katastrophe Mensch oder Maschine besser handeln können wir hier schlüssig, aber auch etwas plakativ verarbeitet. Die etwas hölzerne Szenensetzung trägt nicht gerade bei – und so ging ich das ein oder anderer Mal unbeabsichtigt quasi wie ein Astronaut minutenweise in den Raumschlaf. Womöglich sind mir somit wenigstens einige der -selbst für die Spätsiebziger und den Ostblock- putzigen Spezial-und Toneffekte erspart geblieben.

Golden Exits (USA, Regie: Alex Ross Perry)

Ganz hingerissen war ich beim Kartenkauf nicht: Alex Ross Perry’s leicht wort- und dramalastiges Kammerspiel Queen of Earth hat mich auf der Berlinale 2015 durchaus beeindruckt …wenn auch nicht begeistert. Am Ende war ich dann hingerissen:

Ins etablierte Mittelschicht-Brooklyn trifft die junge, unbewusst-verführerische Australierin Naomi ein. Sie hofft, als Assistentin von Archivar Nick eine Green Card zu erhalten. Nicks Ehe läuft auf seit einiger Zeit auf eher etablierten als herzlichen Bahnen. Nach Affären seinerseits ist das Verhältnis zu seiner Frau Alyssa nie wieder das selbe geworden. Die wiederum steht stark unter demeinfluss ihrer dominanten, nüchtern-desillusionierten Schwester Gwendolyn. Diese wiederum ahnt jedoch nicht, dass ihre persönliche Assistentin Sam seit Jahren für sie mehr als nur zarte Gefühle hegt. Was Sam immer wieder ihrer guten und verständnisvollen Freundin Jess klagt. Jess hat vor einiger Zeit ihren Arbeitskollegen, den Indie-Musikproduzenten Buddy geheiratet. Sie fragt sich mittlerweile ebenfalls, ob  die beiden noch mehr als die Musikproduktion verbindet.

Ein aussagekräftigeres Bild war nicht zu bekommen. Immerhin kann man Naomis leicht verhuschten, jugendlichen Charme erahnen…erahnen.

Kommt ihr noch mit ? Langsam und sehr geschickt werden wir in Alex‘ Familien-und Freundeskreis eingeführt. Ohne voneinander zu wissen, sind die meisten Protagonisten über zwei Ecken miteinander bekannt. In dieses Small-World-Szenario platzt nun quasi Naomi und setzt ohne es zu wissen eine Reihe von lange aufgeschobenen Entscheidungen in Gang. Nicht nur die kurz vor der Midlife-Crisis stehenden Männer glauben, ihre Lebenssituation neu bewerten zu müssen.

Ein wunderbarer Cast, exzellente und realistische Dialoge, ein sich spielerisch entwickelnder Plot: Man möchte Regisseur Perry einfach nur die Hand schütteln, denn dies ist ganz tolles Erwachsenen-Kino. Große Fragen, im Kleinkosmos beleuchtet.

Im Q&A zeigte sich Alex Ross Perry im übrigen dankbar, seit Jahren mit einem nahezu unverändertem Stab zu arbeiten. So hat es nur zweier Sätze bedarft, um seinen Komponisten zu instruieren. Und am ersten Drehtag war man beispielsweise drei(!) Stunden vor Plan fertig.

Una Mujer Fantastica (Chile/USA/Deutschland/Spanien, Regie: Sebastián Lelio)

Mich am Ende eines so langen Tages und nach einem so fantastischen Vorfilm um halb Elf nochmal zu überzeugen – Alle Achtung:

Marina lebt als Trans-Frau einigermaßen unbelästigt in Santiago. Die aufstrebende Amateur-Sängerin und Gelegenheits-Kellnerin ist in einer Beziehung mit dem geschiedenen Unternehmer Orlando. Die Familie des Mittfünfzigers sowie seine Ex-Frau versuchen das Thema zu ignorieren. Homo-oder Transsexualität wird in Chile immer noch bestenfalls toleriert. (Wie ich schon in einem Film des letzten Jahres feststellen durfte, sind Gewaltausschreigungen noch an der Tagesordnung.)

Als Orlando nach einer Feier plötzlich erkrankt und kurz darauf stirbt, bricht für Marina ihre kleine Welt zusammen. Das nicht genug, steigt ihr nun Orlandos Familie aufs Dach, will sie aus der gemeinsamen Wohnung komplementieren und verbittet sich die Teilnahme an den Trauerfeierlichkeiten. Eine Kommisarin „nervt“ derweil, da sie unentwegt meint beweisen zu müssen, dass Marina von Orlando missbraucht oder gar misshandelt geworden wäre. Peinliche Verhöre und Untersuchungen folgen. Wenigstens Marinas Schwester und Schwager sind ihr ein Halt. Wenn auch auf tragische Weise, so wird sie ihre nicht  nur  sexuelle Identtität nochmals neu etablieren müssen.

Marinas Geliebter erscheint ihr nur noch in Visionen

Wie sanft-störrisch und würdevoll Daniela Vega als Marina sich ihr Recht zu trauern erkämpft, wie es ihr endlich gelingt ihren persönlichen Abschied von Orlando zu finden, ist bewegendes Kino. Ich hätte zwar Golden Exits mindestens genau so gerne im Wettbewerb gesehen, doch drücke ich diesem Film die Daumen.

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Berlinale 2017 – Tag 3: Ein Ehedrama der lehrreichen Art

1984 (Großbritannien 1955, Regie: Michael Anderson)

George Orwells Roman über den ultimativen Überwachungs-Staat, in dem Macht und die Ausübung von Kontrolle zum Selbstzweck geworden sind und das Individuum ein Nichts ist, wurde zum Klassiker der Weltliteratur. (Wenn Freunde und Gattin auch behaupten, „Animal Farm“ wäre noch besser.)

Das ist keine Pegida Demo

Die Story des Mitläufers Winston, in dem die Ablehnung gegen das System brodelt und der sich in die ebenfalls im Ministerium arbeitende Julia verliebt, wurde bereits 1954 filmisch umgesetzt. Der Regisseur verzichtete auf melodramatischen Schmonzes und setzt das ganze überzeugend in Szene. Natürlich kann der Film das Feeling seiner Produktionszeit der fünfziger Jahre nicht leugnen, doch darstellerische Leistungen, Dialoge, Dramaturgie …alles überzeugt hier frappant. Ich kann mich nicht mehr recht an die Verfilmung mit John Hurt und Richard Burton im Jubiläumsjahr 1984 erinnern – besser haben sie es seinerzeit auch nicht hinbekommen.

Newton (Indien, Regie: Amit V. Masurkar)

Der titelgebende junge Studienabsolvent und Verwaltungsangestellte Newton ist auf den ersten Blick ein Pedant. Je weiter die Geschichte sich ausbreitet, desto mehr erkennen wir aber auch: Idealisten haben es nicht leicht. Er lehnt z.B. das Ehe-Arrangement ab, das seine Eltern für ihn ausgeknobelt haben („Denk nur, Du bist Beamter, ihr Vater ist Bauunternehmer!“) …denn seine Angedachte ist minderjährig. Kurz darauf volontiert er, bei den anstehenden indischen Parlaments-Wahlen als Wahlhelfer ins indische Hinterland zu reisen. Dort, wo kleine Stämme in Abgeschiedenheit leben – und maoistische Revoluzzer die Kontrolle anstreben. Schon bei der Begegnung mit seiner militärischen Schutzeinheit und seinem nicht so ganz prinzipienfestem Stab, kommt es zu ersten Reibereien.  Die Reise ins dschungelhafte Outback ist durchzogen von aberwitzigen Situationen und Querelen zwischen Newton und – eigentlich jedem. Doch am Ende ist es auch seiner Prinzipientreue zu verdanken, dass -wenn auch nur 39 von 76 Einwohnern- wohl zum ersten Mal so gewählt haben, wie es einer Demokratie würdig ist.

Wahlhelfer mit Stahlhelm

Die sehr unterhaltsame Geschichte ist voll mit originellen Charakteren. Wenn wir lachen, so lachen wir sie nicht aus, sondern darüber dass sie nicht aus ihrer Haut können. Der kauzige kurz vor dem Ruhestand stehende Kollege Newtons, der toughe, aber auch gewitzte Militäroffizier, die Eltern Newtons, die nur halb in der Moderne angekommen sind. Die Regisseur Masurkar gab zu, die komplexe Handlung mit jeder Menge Komik gewürzt zu haben, da er zurecht vermutete dass der Stoff so besser zu präsentieren  wäre. Dass er seine ersten Sporen als Sketch-Comedy Autor erworben hatte, half ihm da. Nebenbei bemerkte er noch, dass in Indien Zensur durchaus in den Filmschnitt (wenn auch nicht bei ihm) eingreifen würde.

Ikarie XB-1 (Tschechoslowakei 1963, Regie: Jindřich Polák)

Ich verbringe dies Jahr ziemlich viel Zeit in der Retrospektive. Nicht nur weil das Hauptprogramm subjektiv etwas zu wünschen übrig ließ. Sondern weil ich in meiner Jugend ein Riesen-Science-Fiction Nerd war. Selige Zeiten, als in der ARD Samstags spätabends Filmreihen mir Barbarella, Soylent Green (hier auch im Programm), Andromeda Faktor etc. näher brachten. „Ikarie XB-1“ hatte es -vielleicht auch wegen der politischen Situation damals- nicht ins Fernsehen geschafft.

Im Jahr 2163. Ein komplexes Team von gut zwei Dutzend Wissenschaftlern macht sich auf eine auf Jahrzehnte angelegte Raumexpedition zum Sternbild Alpha Centauri. Dort vermutet man einen erdähnlichen Planeten. Unterwegs darf etwas Systemkritik nicht fehlen: Man stößt auf ien  havariertes Raumschiff des Jahres 1987 mit offensichtlich in seiner westlichen Dekadenz tragisch verunglückter Besatzung.

Auf dem weiteren Verlauf der Reise kommt dann noch eine rätselhaft eingeschleppte Krankheit und ein rätselhafter Dunkler Stern mit gefährlicher Strahlung in die Quere. Teils recht kluge, quasi-philosophische Dialoge zwischen den Astronauten, Außenbord-Missionen, Notsituationen aufgrund menschlichen Versagens: alles solide in Szene gesetzt. Drei Jahre, bevor Captain Kirks Raumschiff Enterprise und Dietmar Schönherrs als ebenso faszinierendem  Commander McLane mit seinem Raumschiff Orion. Solch einen Nimbus hatte der Film in der Erwachsenheit seiner Genre-Behandlung wie auch in seinen beeindruckenden Kulissen und Gesamt-Design, dass selbst Stanley Kubrick ihn für Recherchen zu 2001- Odyssee im Weltall heran zog.

Ich muss hier zu geben, dass es aufgrund Minutenschlaf meinerseits (9Fillme in 2Tagen) nicht nur an der etwas eigenwilligen Inszenierung Jindřich Poláks lag. Der Mann ist als Routinier über Zweifel erhaben – war im Westen jedoch wohl am ehesten für seine Kinderserien Pan Tau und Die Besucher bekannt.

Die mittlerweile berühmten Barrandov-Studios in Prag lieferten schon damals ganze Arbeit. Die Spezialeffekte zwar eher durchschnittlich, doch ein Set Design das sicher für viele andere Filme stilbildend war. Dass Stanley Kubrick den Film zu Recherchen für seinen Meilenstein „2001-Odyssee im Weltall“ heran zog, scheint konsequent. Zumindest die Idee des wandfüllenden Bildtelefons ist direkt kopiert worden 😉

At the Fork (USA, Regie: John Popola)

Was macht man als Dokumentar-Filmer, wenn die Ehegattin überzeugte Veganerin ist, man selbst aber in einer Fleisch-liebenden Familie aufgewachsen ist ?  Nein, keine Paartherapie, sondern einen Film. Ein Glück für uns.

John Popola und Lisa Versaci machten sich auf eine 9000 Meilen Reise durch Amerika, um dem derzeitigen Stand der Massentierhaltung auf den Grund zu gehen. Ein faszinierendes Panoptikum über ganz verschiedene Ansätze und Fakultäten in der Landwirtschaft. Farmer, Verhaltensforscher, Tierrechtler, Politikern wird das Wort gegeben. Eine Vielzahl von Betrieben, teils an der Spitze des derzeitigen Tierschutzes, wird besucht. Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, dass es in den USA schon so lobenswerte Beispiele gibt …wenn sie auch sicher noch in der Minderzahl sind und es noch einiges zu tun gibt. Als sie andererseits eine der größten Industrie-Farmen mit rund 100.000 Rindern auf knapp bemessenen „Weiden“ auch nur von der Landstraße aus filmen, bekommen sie alsbald unbestellte Gesellschaft und es droht -obwohl öffentlicher Raum- latent Ärger.

Mal ausprobieren, wieviel Raum einem Mastschwein zugebilligt wird.

Wie auch John Popola und Lias Versaci damit in ihrer Ehe leben können, das Thema Fleischkonsum/Veganismus immer noch verschieden zu sehen, so wird auch dem Zuschauer die Wahl gelassen seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Keine Moralkeule, keine plakativen Bilder von Tiergreueln. Was die Kamera hier auch in Musterbetrieben an der Spitze der derzeitigen Tierempathie en passent einfängt, reicht schon.

In den freimütigen Interviews des Filmes wollte Popola niemanden entlarven. Völlig zu Recht konstatierte er im Q&A (auch mit Blick auf die derzeitige amerikanische politische Kultur), dass „shouting matches“ die Sache nicht weiter bringen.  Letztendes bringt uns der Film wieder einmal zur notwendigen Erkenntnis: es beginnt zuhause, mit den eigenen (Kauf-)Entscheidungen. Zählt mal nicht nur der Preis, reagiert der Markt auch meist prompt.

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