Berlinale 2018, Tag 5: Erpressung und Bildpoesie, Ehedrama und Visionen

Nachdem ich gestern nun diverse Film-Minuten verschlief, lief heute die Maschine besser geölt. Man kommt langsam in den Groove. Wird auch Zeit, das Ende des Tages markiert die Halbzeit der Berlinale…

7 days in Entebbe (USA/Großbritannien, Regie: José Padilha)

Der große Francois Truffaut wird zurecht zitiert, dass es keine Anti-Kriegs-Filme gäbe, da Krieg darin zwangsläufig aufregend erscheint. Warum schaut man sich Filme über Terrorakte an? Was kann dieses Genre bewirken?

Den ähnlich gelagerten „Utoya – 22.Juli“ habe ich im Programm bewusst umgangen. Und das, obwohl ich Erik Poppes letztjährigen Film „Kongens Nei“ sehr geschätzt habe. Mir war es zeitlich zu nah an der unbegreiflichen Tat, die Hintergründe zu klar, als dass ich dafür das Risiko in Kauf nehmen wollte, mich wie ein Voyeur zu fühlen.

Braucht es das? Den zeitlichen Abstand? In der Tat sind die Ereignisse von „7 days in Entebbe“ fast zwei Generationen her – und im Vergleich zur „Landshut-Entführung“ im Jahr darauf fast in Vergessenheit geraten.

Zur Handlung: 1976, die Ära des Terrors der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) als auch in Deutschland der sogenannten Roten Armee Fraktion und der Revolutionären Zellen steuert auf ihren Höhepunkt zu. Ende Juni wird eine vollbesetzte Air France Maschine entführt und ins sympathisierende Uganda gesteuert.  Die anfänglichen Entführer sind maßgeblich zwei Deutsche (gespielt von Daniel Brühl und Rosamund Pike).

Er, naiv-idealistisch, sie zynischer, doch ebenso verblendet, merken jedoch bald, dass sie eher Handlanger für die PFLP sind. Auf dem einem aufgegebenen  Terminal des Flughafen Entebbe verschanzen sich die Geiselnehmer und stellen Forderungen an den israelischen Staat …knapp die Hälfte der Passagiere sind Juden. Als die Erpresser dann beginnen, die Geiseln nach Herkunft zu selektieren verschärft sich die Lage. Die deutschen Entführer merken, dass sie im Hinblick auf die Historie ungewollt bei einer erneuten Juden-Selektion Komplizen sind.

Und das Kabinett um Jitzchak Rabin und Shimon Peres muss -wie die deutsche Regierung ein Jahr darauf- entscheiden: Verhandeln und Wiederholungen riskieren – oder militärisch eingreifen und Tote riskieren? Wie die deutsche Regierung im darauf folgenden Jahr wählt man letzteres.

Der Film ist nicht ohne einige fragwürdige Parolen,  doch auch einige kluge Sätze fallen. Nicht zuletzt der, der dem damaligen Ministerpräsidenten Rabin am Ende in den Mund gelegt wird: „Wenn wir nicht irgendwann anfangen zu verhandeln, wird es ewig so weiter gehen.“

Doch bei allem, was dem Film als Schwächen ausgelegt werden wird: Es lässt es einen nicht kalt, wie hier Menschen aus ihren tiefsten Überzeugungen argumentieren und entscheiden. Ob nun fragwürdig und verwerflich oder zukunftsweisend und idealistisch.

Ironie der Geschichte: Rabin wurde 1995 aufgrund seines gemäßigten Kurse von einem Fanatiker ermordert – und der aktuelle Ministerpräsident Netanyahu ist Bruder eines bei der Befreiung erschossenen Soldaten.

Unicórnio (Brasilien, Regie: Eduardo Nunes)

Selten war ich so optisch so angetan – und zugleich ratlos, was das gesehene nun genau bedeutete. Vielleicht muss man einfach mal loslassen können. Wieder einmal denke ich an die Worte an meinem diesjährigen Anfangstag.

Normalerweise kann ich auf so etwas gar nicht: Herausfordernd lange gehaltene Einstellungen, laaangsame Kamerafahrten, spärliche Dialoge – im Kontrast zu wunderbar gestalteten Bild-Tableaus. Farben, was für Farben! (OK, die wurden wie der Regisseur später zugab in der Postproduktion angereichert, doch wen kümmert’s.)

Marias Welt

Unicórnio“ zeigt eine drei-Pesonen-Solitüde: Die junge Maria wohnt mit ihrer Mutter im einsamen Hochland Brasiliens. Ein Ziegenhirte nahe ihres Holzhauses ist der einzige weiter Ansprechpartner, den das Mädchen und später auch die Familie hat. Ansonsten ist sie mit Bäumen, Pflanzen aber auch ihren Träumen in denen immer wieder ein Einhorn vorkommt, verbunden.

Den Kontrast dazu bilden Szezen, in denen wir Maria ihren Vater besuchend sehen. Seine grellweiße Zelle könnte in einer Heilanstalt oder einem Gefängnis sein, wir erfahren es nicht.Das Kind stellt philosophische Fragen, der Vater versucht zu antworten so gut es geht.

Weitere Zusammenhänge erschließen sich auch im weiten Verlauf des Filmes kaum. Einmal kommen -offenbare- Freunde zu Besuch, mal wird der Hirte vorsichtig aus der Ferne beäugt, mal ist er bei einem Festmahl dabei. Genau genommen haben wir am Ende mehr Fragen als Antworten. Trotzdem lassen wir uns auf diesen sehr langsamen Bilderreigen ein. Bemerkenswert.

Die exzellent komponierten Einstellungen im Ultra-Breitwand-Format (geschätzt 4:1) sind hier nicht Selbstzweck sondern verdeutlichen immer Blickrichtungen zeigen, in mehreren Ebenen zugleich, die weiten Räume der Charaktere.

Im anschließenden Interview gab Regisseut Nunes zu, dass es ihm weniger darum ging, klassisch eine Geschichte zu erzählen. Vorrangig wollte er die Gefühle und Emotionen vermitteln, die er beim Lesen seiner Literaturvorlage empfand. Die Kurzgeschichten der brasilianischen Autorin Hilda Hilst seien nämlich ebenso poetisch-metaphorisch und entzögen sich weitgehend jedem Versuch der Nacherzählung.

 

Abwege (Deutschland, Regie: Georg Wilhelm Pabst)

Ein -wie der Direktor des Münchner Filmmuseums anmerkte- kleiner Film eines der bedeutendsten Regisseurs der Weimarer Republik. „Abwege“ wurde zwar seinerzeit gut vermarktet, jedoch auch vom G.W. Pabst eher als routinerte Auftragsarbeit gesehen. Wer mag, kann mal recherchieren, was „Kontingentfilme“ waren.

Die Kurzversion: nach dem ersten Weltkrieg sollte die Überflutung mit amerikanischen Verleihfilmen unterbunden werden. Daher wurde in vielen europäischen Ländern eine Quote beschlossen, wieviel Filme pro hiesig produzierten Filmen importiert werden durften. Somit gingen wohl auch Routinewerke in Auftrag, die bestenfalls gediegen waren.

Die Story: Vernachlässigte Gattin Irene gibt sich dem Partytreiben der 20er Jahre hin. Ihrem lakonischen Ehemann Thomas scheint seine Rechtsanwalts-Beruf wichtiger als sich darüber zu echauffieren. Angestachelt treibt die Verschmähte es noch weiter. Was mit dem Flirt mit einem Künstler beginnt, endet nach einigen Wirrungen später beinahe in der Vergewaltigung durch einen anderen Verehrer. Die angedrohte Scheidung soll Thomas aber kurz darauf bereuen…

Overacting im Preis inbegriffen

So seltsam auch ein Stummfilm heutzutage anmutet (Verbeugung vor der live-Klavier-Begleitung von Stefan Drößler !), war es doch verblüffend, wie durchaus fassbar die Charaktere erschienen…sich vorzustellen, dass all dies mal tagesaktuell und relevant war.

Film als Museum. Zum Einen, um zu erkennen, welche Stilmittel 1928 bereits er- beziehungsweise gefunden waren. Zum Anderen, indem sich zeigt, wie sehr damals immer noch ein manchmal arg expressives Mienenspiel en vogue war. Was wohl unsere Enkel in 90 Jahren z.B. über Sönke Wortmanns „Allein unter Frauen“ denken werden…? Beziehungsweise in 67, denn das ist auch schon wieder mehr als zwanzig Jahre her…

Was ein wenig nervte, auch wenn das gelegentliche Overacting auf der Leinwand durchaus amüsant anmutete: Wiederholtes, bewusstes bis affektiertes Gelächter hier und da im Publikum. Einigen war es wohl Bedürfnis, zu zeigen, für wie kurios sie die Schauspieltechnik von damals fanden.

 

Kissing Candice (Irland, Regie: Aoife Mcardle)

Vorab: mir will nicht klar werden, warum -gerade in der Generation14 Sektion, wo nicht alle potenziellen Zuschauer über verfestigte Englisch-Kenntnisse verfügen- ein Film ohne Untertitel gezeigt wird. Noch zumal, wenn irischer Dialekt und der auch noch zumeist naturalistisch genuschelt wird… Mannomann.

Die 17jährige Schülerin Candice wartet in einer heruntergekommenen irischen Kleinstadt auf ihren Traum-Mann. Ihre Träume, das sind Visionen die die junge Epileptikerin während ihrer Krampfanfälle immer wieder mal hat. Und in einem von denen küsste sie „ihn“ bereits.

Ungünstig, dass sie ihn dann tatsächlich, jedoch in dem Kleinkriminellen Jacob wieder erkennt. Der ist noch das gemäßigtste Mitglied einer brutalen Jugend-Gang die die Stadt unsicher macht. Candices Vater, der als Polizei-Ermittler Jacobs Bruder eingebuchtet hat, ist von den Entwicklungen gar nicht angetan. Doch das Mädchen gibt nicht auf und nach anfänglicher Abweisung findet Jacob langsam Gefallen an der eigenwilligen Candice.

Leider müssen Candices Visionen erst noch Realität werden

Leider ist die Gang und damit auch Jacob allerdings im Verschwinden eines Jungen verwickelt, ein Fall der die gesamte Gemeinde umtreibt. Für alle stehen dramatische Entscheidungen an.

Regisseurin McArdle findet eindringliche Szenen, um uns diese Geschichte nahe gehen zu lassen. Die Bildgestaltung ist stimmig, bisweilen sogar faszinierend. Ein paar kunstvolle Schnittwechsel und Erzählstränge hätten es gerne sein dürfen. Dann hätte „Kissing Candice“ seine Kraft vielleicht noch mehr ausspielen können. Anhaltenden Applaus gab es allemal.

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Berlinale 2018, Tag 4: Problemkind, Wunderkind und die Visualisierung von Verschwinden

Einer der längsten Tage dieses Jahres stand an. Gegen Mittag merkte ich, dass meine Planung bestenfalls einen Snack zwischendurch, jedoch keine richtige Pause oder gar Heimfahrt zwischendurch zu ließ. Uff. Wenigstens konnte die Ausbeute sich sehen lassen!

Die grüne Lüge (Österreich, Regie: Werner Boote)

Werner Boote ist seit seinem Film „Plastic Planet“ mit dem Thema Ökologie durchaus vertraut. Als ihm auf einer der letzten Berlinalen jedoch geraten wurde, er solle seinen nächsten Film doch einfach ökologisch durch Kauf von Zertifikaten als ökologisch erklären lassen, wurde er wiederum neugierig.

Hier macht Boote sich nun, begleitet von seiner deutschn Ko-Autorin Kathrin Hartmann auf eine kleine Weltreise zu den Stätten großer ökologischer Greueltaten und auf die Suche nach Gesprächspartnern in Konzernen, bei Hilfsorganisationen und direkt von Umweltschäden betroffenen.

Wo Palmöl wachsen soll wird vorher meist verbrannte Erde erzeugt.

Es hat schon eine gewisse Dreistigkeit -und die decken Hartmann und Boote immer wieder auf-, wie uns von Seiten der Industrie der Kopf gewaschen wird, wie uns längst überholte Praktiken und Rohstoffe als sauber und ökologisch neutral verkauft werden sollen.

Da verzeiht man auch, dass die Rollenverteilung der beiden Protagonisten des Filmes (Hartmann als Warner/Nörgler, Boote als Unbedarfter) mit der Zeit etwas bemüht wirkt. Somit allerdings für manch launiges Streitgespräch der beiden herhält. Unterhaltung im Namen der Aufklärung. Damit kann ich leben.

Mit nem Teelöffel Zucker schmeckt die bittere Medizin halt besser. Denn letztlich ist dies Thema vielleicht nicht sexy, fällt uns aber ganz gewiss in weniger als einer Generation auf die Füße. Und Druck auf den Gesetzgeber erfordert Mühe und Beharrlichkeit.

Die Alternative: Wenn es keine wirklich ökologisch vernünftige Variante gibt, Verzicht. Bitte Handzeichen.

Cobain (Niederlande/Belgien/Deutschland, Regie: Nanouk Leopold)

Durch übervollen Filmkalender überfordert, war „Cobain“ das erste Opfer meines Schlafmangels. Im Mittelteil fehlten mir ca. 10Minuten. Ich habe später durchaus in Betracht gezogen, diesen ansprechenden Film nochmal zu schauen, doch terminlich wird es nicht mehr klappen.

Der 15jahrige Cobain hat es nicht leicht. Er wächst vaterlos in einem Jugendheim auf, denn seine ebenfalls noch junge Mutter Mia glänzt nur durch Abwesenheit und Drogensucht. Außerdem ist sie wiederum schwanger.

Obwohl Cobain eine gerade vermittelte nette Pflegefamilie Geborgenheit verspricht, büxt er aus und schließt sich einem zwielichtigen, alternden Zuhälter, der zum väterlichen Freund wird. (Wie es dazu kommt, ist meine Lücke, siehe oben) Die Jungfräulichkeit verliert er mit einer Prostituierten, für die er an sich mehr empfindet.

Mia taucht eigentlich nur dann auf, wenn bei ihr wieder Not am Mann ist und/oder Knete gebraucht wird. Cobain zofft sich immer wieder  mit ihr, enttäuscht und vor Sorge wütend. Er schafft es jedoch noch nicht, sich von ihr loszusagen.

Aus Befürchtung, dass Mia als auch das Baby die Schwangerschaft aufgrund der Fahrlässigkeit der Mutter nicht überstehen wird, entführt er die Ahnungslose in ein leer stehendes Landhaus, um hier für sie zu sorgen. Das Schicksal wird ihm zeigen, dass er sich -so ehrenwert seine Absicht ist- übernommen hat.

Diese Mutterliebe ist ein Trauerspiel

Was nach Problemfilm klingt, packt emotional dennoch ungemein. Geschickt spielt der Film mit unseren storymaßigen Erwartungshaltungen. Immer wieder, nicht nur in Konflikten steht die Handlung auf der Kippe, könnte es so oder anders weiter gehen. Bemerkenswert: Bas Keizer in der Titelrolle ist Debütant und war quasi vor seiner eigenen Schule für ein Casting angesprochen worden! Chapeau.

Nichts für schwache Nerven übrigens. Als es während der Wehen zu Komplikationen kommt, musste das Publikum einige Male fassungslos aufstöhnen.

Chef Flynn (USA, Regie: Cameron Yates)

Was macht man, wenn der eigene Sohn bereits als Knirps das Zepter in der heimischen Küche übernimmt – und bald darauf Verwandte, später auch erste zahlende Gäste mit ausgefeilten Menüs begeistert?

Flynn McGarrys Mutter tat genau das richtige und gab ihrem Sohn Freiräume und jegliche Unterstützung. Dankenswerter weise ist sie selbst Filmemacherin und hatte über die Jahre zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eine ihrer Kameras in der Hand, um ihr Wunderkind (mal stolz, mal genervt aber immer Feuer und Flamme) dabei zu dokumentieren.

Im Teenager Alter in der Profiküche

Somit war Regisseur Yates in einer denkbar guten Ausgangssituation. Die Figur Flynn ist so frappant, dass die filmische Umsetzung fast zur Nebensache wird. Die Dramaturgie aus dem scheinbar lückenlosen Material ist teilweise so stimmig, dass es sich fast geplant anfühlt. Trotzdem kann sich der Film noch einigermaßen gegen Reality-Formate abgrenzen. Hautnah wäre sonst leider auch kurz vor distanzlos.

Xiao Mei (Taiwan, Regie: Maren Hwang)

Ein unerklärtes Verschwinden, eine unmögliche Aufgabe: Neun Personen versuchen sich, das Verschwinden der jungen Frau Xiao Mei zu erklären. Ihr Freund, ihre Arbeitgeberin, ihr Vermieter… alle hatte mit ihr zu tun und konnten dennoch nicht den wohl Drogen-bedingten Absturz  von Xiao Mei verhindern. Es bleibt bei dem Versuch, die Tage und Wochen davor zu beleuchten.

Regisseur Hwang wählt hier einen eigenwilligen Ansatz: Die Figuren erzählen in ihrem Arbeitsumfeld direkt in die Kamera, nur von gelegentlichen Zwischenfragen des unsichtbaren Interviewers unterbrochen. Das kunstvolle und künstliche Setting wird montiert mit Spielszenen des Beschriebenen – in denen die Zeugen wiederum hier und da unvermittelt die „4.Wand“ durchbrechen und zum Publikum sprechen.

Verschwinden oder Auflösung ?

„Mockumentary“ als Drama, ein seltener und umso interessanterer Ansatz.

Trotz der späten Stunde (Beginn: 2230Uhr), trotz Schlafmangels blieb ich erstaunlich gut am Ball. Und das trotz (nie eine gute Idee:) Untertitel zu Dialogen in Mandarin beim letzten Film nach bereits 4 1/2h Filmstunden!

Dass sich nicht alles erschloss lag weniger an meinen ca. 5 verschlafenen Minuten, sondern an der zeitweilig kunstvoll bis metaphysischen Bildsprache Maren Hwangs. Was aber durchaus gerade den Reiz ausmachte. Ein Rätsel, das gar nicht gelöst werden will.

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Berlinale 2018, Tag 3: Sinnestaumel, Vergangenheitsbewältigung und Reifeprüfung

für meine Verhältnisse sind 3 Filme mittlerweile ein ruhiger Berlinale Tag; vielleicht nach der gestrigen Tour de Force das richtige

Eva (Frankreich/Belgien, Regie: Benoit Jacquot)

„Amour fou“ übersetzt sich nur schwer. Verrückte Liebe? Gefährliche Liebschaft? Nicht von ungefähr ist der Genrebegriff aus dem französischen ein Synonym in vielen Sprachen, seitdem er dort in den dreißiger Jahren zum ersten Mal benutzt wurde. 

Der „Eva“ zugrunde liegende Roman allerdings ist allerdings aus der Feder des Briten James Hadley Chase und wurde bereits in den 60ern verfilmt (mir leider unbekannt).

Der junge Pariser Autor Bertrand betreut einen alten ehemals berühmten britischen Schriftsteller. Dass Bertrands moralischer Kompass nicht ganz geeicht ist, merken wir schon zu Beginn. Zuerst zieht er in Erwägung für Geld den sexuellen Avancen des Greises nachzukommen. Als dieser kurz darauf dann einen Herzanfall erleidet unterlässt er jede Hilfe -und macht sich stattdessen mit dem letzten Manuskript des Vorbildes aus dem Staube. Bald darauf

Seine Verlobte und sein Lektor liegen ihm bald darauf in den Ohren, möglichst schnell neues zu schreiben. Doch Bertrand tut sich mangels Begabung mehr als schwer.

Der Zufall führt ihm die Edel-Prostituierte Eva über den Weg. So spröde sie sich gibt (als erstes schlägt sie ihn mit einem Aschenbecher nieder), hat er zusehends nichts besseres im Sinn als ihr nachzustellen. Mehr noch: Er hält seine Dialoge mit ihr für potenziellen Stoff seines nächsten Stückes…

Beim Roulette hätte er bessere Chancen als bei Eva

Wir brauchen hier nicht über die Relevanz des Stoffes zu debattieren – und ob die 99. Version einer fatalen Liebschaft noch neue Erkenntnisse bringt. Doch die Story ist schlüssig, die Charaktere überzeugend und Isabelle Huppert (Eva) und Gaspard Ulliel (Bertrand) haben eine Chemie. Man gibt sich der Faszination hin, wie wir uns -das Herz will, was es will- in der Liebe zum Narren machen.

Während ich dies schreibe, muss ich (ca. 800 Filmminuten in drei Tagen liegen hinter mir) in Erinnerung rufen wie es endete: Ah, richtig: Konsequent verzweifelt.

Waldheims Walzer (Österreich, Regie: Ruth Beckermann)

Kurt Waldheim war seit 1972 für zwei Amtszeiten Generalsekretär der Vereinten Nationen. Einige Jahre Im Jahre 1986 stellte ihn dann die Österreichische Volkspartei (ÖVP) für die Wahl zum Bundespräsidenten auf. Ein Amt, dass in der Alpenrepublik durchaus größeren Einfluss hat als in Deutschland.

Just zu dieser Zeit tauchten immer weitere Beweise für Waldheims Mittäterschaft während des 3.Reiches aus den Archiven auf. Es folgten Monate des unseligen Lavierens, Relativierens und Leugnen von Seiten Waldheims als auch der ÖVP.

So unselig der Wahlkampf als auch Waldheims Präsidentschaft war (er wurde in  Amte faktisch von keinem einzigen Land jemals empfangen) – in Österreich setzte erstmals eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle zur Nazi-Zeit ein…nachdem man sich jahrzehntelang tunlichst in der bequemen Rolle als „Deutschlands erstes Opfer“ gesehen hatte.

Der gewieften Dokumentarfilmerein Beckermann gelingt hier, rein aus Archiv-Material (zumeist TV Berichte und Interviews) eine dichte Chronologie der Ereignisse interessant zu erzählen. Dass die Regisseurin seinerzeit zu den Protestierenden gehörte, authentifiziert es weiterhin.

L’animale (Österreich, Regie: Katharina Mueckstein)

Mati steht wenige Wochen vor der Matura, der österreichischen Reifeprüfung vergleichbar mit unserem Abitur. Wie viele Teenager ist sie nicht zufrieden mit ihrem Aussehen und unsicher über ihre Berufs-und Lebenspläne. Ob sie wirklich die ländliche Provinz verlassen soll und in Wien studieren soll ? Lebensziel Übernahme der Tierarzt-Praxis ihrer Mutter?

Ihre Freizeit verbringt Mati Moto-Cross fahrend zumeist in einer reinen Jungen-Clique von Mitschülern. In ihrem toughen Auftreten dort voll akzeptiert wirkt sie auch optisch in diesen Szenen fasst wie ein Junge. Uns schwant etwas. Denn auch wenn sie sich mit ihrem besten Freund Sebastian sehr nahe steht…funken will es irgendwie nicht zwischen den beiden.

Annäherung der ganz langsamen Art

Bei einem Diskobesuch zettelt die betrunkene Grapscherei der Jungs einen handfesten Streit mit den anwesenden Mädchen an. Wobei Mati nicht etwa beschwichtigt oder gar ihre Geschlechtsgenossinnen verteidigt -sondern sich durch zusätzliche Handgreiflichkeit bei denen Feinde macht.

Doch bald darauf trifft sie in der Tierarzt-Praxis ihrer Mutter eines der Mädchen vom Vorabend, Carla, wieder. Waffenstillstand zuerst, Plauderei, bald vorsichtige Freundschaft. Oder mehr?

So langsam wird die Moto-Cross-Gang, geführt vom verschmähten Sebastian misstrauisch.

Meine komprimierte Zusammenfassung soll hier bitte nicht täuschen. Das ganze ist mit wunderbarem timing organisch erzählt. Die Dramaturgie läuft so geschickt, dass wir immer mehr vergessen, einen Film zu sehen. (Was so alles geht, auch ohne gewollte jump cuts, abrupte Szenenführung.. siehe River’s Edge vom Vortag)

Die Eltern haben übrigens auch keine Antworten. Der liebevolle, doch homo-erotisch geneigte Vater hat nicht den Mut sein kleines Familienglück gegen ein Coming Out zu tauschen. Die Mutter ist ihm auf der Spur – und verzweifelt an der Ungewissheit, ob sie ihn halten kann und ihr dauerrenoviertes Haus irgendwann wieder zu einem Heim werden wird.

In einer Wendepunkt-Szene zitiert der Film übrigens fast schon dreist P.T. Andersons „Magnolia“: In Parallelmontage singen die auf den Hund gekommenen Hauptfiguren eines nachts jeder für sich zu Franco Battiatos titelgebender Ballade.

Doch zu dem Zeitpunkt sind wir bereits dem Charme des Films erlegen, haben wir sie alle mit all ihren Schwächen ins Herz geschlossen. Und schon Picasso sagte: Gute Künstler borgen, geniale klauen.

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Berlinale 2018, Tag 2: Wüster Westen und Elend in Fernost

Ich versuche meist, bei der Berlinale den Friedrichstadt-Palast zu umgehen: Aufgrund der schieren Größe ewig dauernder Einlass verbunden mit endloser Schlange, kaum Beinfreiheit und seitwärts durchaus Sektionen, die nur noch lächerliche Sicht auf die Leinwand bieten. Diesmal muss ich jedoch dankbar sein: Die Fahrtzeit unterschätzt, kam ich auf den letzten Drücker an – und fand noch einen einzelnen ziemlich guten Platz, von einem Ordner empfohlen…

Damsel (USA, Regie: David&Nathan Zellner)

Robert Pattinson mit Zwergpony im Schlepptau. Eine angeblich entführte Braut, die sich mit der Flinte vor den vermeintlichen Rettern wehrt. Wer so einen Film bucht, nimmt in Kauf (oder hofft), dass Genregrenzen überschritten oder neu definiert werden. Schon die kauzige Anfangs-Szene dieses, äh nun ja, Westerns gibt den Ton vor: Der verzweifelte Henry (David Zellner, auch Regie) trifft einen desillusionierten Priester, der ihm (bevor er in Unterwäsche in die Wüste läuft) Kluft und Identität überlässt.

Zwar keine Greenhorns mehr – und doch nicht ganz dicht

Einige Zeit später kommt der hoffnungsfrohe Samuel (Robert Pattinson) in die noch im Aufbau befindliche namenlose Frontstadt im noch Wilden Westen. Er hat Henry per Brief angeheuert, um ihn und seine geliebte Penelope (Mia Wasikowska) zu vermählen. Vorher muss -eine Kleinigkeit- diese noch aus den Klauen von zwei Rauhbeinen befreit werden. Der zaghafte Henry ist alles andere als begeistert.

Später erledigt sein ungewollter Frühschuss jedoch den angeblichen Entführer und zugleich Herzblatt von Penelope. Die daraufhin und im weiteren Verlauf des Films, sagen wir es vorsichtig, mehr als angepisst ist. Als sich dann Samuel/Pattinson aufgrund verschmähter Liebe im Toilettenhäuschen neben der Hütte das Lebenslicht selbst auspustet … könnte man sich im Territorium der Coen-Brüder (Fargo, Big Lebowski, Hail Caesar) angekommen wähnen.

Die hätten allerdings für echte Innovationen gesorgt und nicht -zugegeben unterhaltsam- einen abstrusen Einfall nach dem anderen aneinander gereiht. Als die verbleibenden Protagonisten nach diverser Unbill, Konflikten und Explosionen endlich die Grenzstadt erreichen, sind auch wir erleichtert, dass es jetzt bald endlich ein Ende hat.

So ausführlich und weitschweifend wie die abstruse Story sich entwickelt, taugt es weniger zur Genre-Parodie – eher zur amüsanten Stilübung. Kein Film auf den die Welt gewartet hat, unbescholtene Unterhaltung durchaus. Notiz am Rande: Zwar „außer Konkurrenz“, aber dies als Wettbewerbs-Beitrag ?

River’s Edge (Japan, Regie: Isao Yukisada)

Ich muss voranschicken, dass dieses Screening ein paar Minuten Berlinaleschlaf meinerseits enthielt. Das ich so knapp nach „Damsel“ gebucht hatte und die zunächst ziellos zu springen scheinende Dramaturgie von „River’s Edge“ mögen der Grund gewesen sein. Immerhin war ich bald froh, die Figuren dieses Dramas klar zuordnen zu können. Die Innen-Dynamik dieser verdrießlichen Gruppe von Schülern, allesamt nicht mehr Teenager, aber auch noch nicht erwachsen, ergab sich bald darauf.

Nach anfänglicher Verwirrung (der Film legt ein paar falsche Fährten aus und hat immer wieder Einschübe in denen die Hauptfiguren wie in einer Dokumentation interviewt werden), kommt man langsam drauf, wer mit wem kann und das Hauptdrama kristallisiert sich.

Es gibt wieder auf die Fresse

Im Zentrum stehen der rätselhafte, sensible Ichiro (heimlich schwul) und die von ihm faszinierte Haruna. Sie ist so etwas wie das it-Girl, aber stets seltsam unbeteiligt und distanziert. Die beiden verbindet eine seltsame, zugleich innige und distanzierte Freundschaft. Haruna steht ihm bei, wenn der rüpelhafte und gewalttätige Kannonzaki ihn mal wieder zusammen geschlagen hat. Kannonzaki sieht sich als Harunas fester Freund, hat jedoch zugleich den Ehrgeiz, es mit allen seinen Mitschülerinnen zu treiben. Auch mit der erklärten Klassen-Schönheit, die sich wiederum daheim mit ihrer übergewichtigen, künstlerisch aber begabten Schwester bis aufs Blut zofft. Genug Konfliktpotenzial ? Finde ich auch.

Wir sehen eine Menge: Drogengebrauch, Missgunst und Mobbing, wüsten Sex, Körperverletzung, Bulimie, später sogar ein Selbstmord – doch die Figuren berühren uns kaum. Dass die Dramaturgie scheinbar kein Ende findet, erschwert das ganze obendrein.

Als es gegen Ende dann doch noch zu einem bewegenden Eingeständnis zwischen Ichiro und Haruna kommt, kann man nur sagen: Too little too late.

Garbage (Indien, Regie: Q)

Spoiler-Warnung vorab. Doch vielleicht sollten potenzielle Zuschauer mit schwachen Nerven gewarnt werden…

Phanishwar ist selbständiger Minibus-Fahrer im indischen Goa. Er kommt gerade so über die Runden und zieht sein Heil aus der Anhängerschaft an eine Sekte, deren Führer Spiritualität predigt und Medizin ablehnt. Somit, erfahren wir später, hat Phanishwar mittlerweile Krebs im fortgesetzten Stadium und sein Doktor verzweifelt ob seines Gleichmutes.

Ob die Sekte auch propagiert, dass man -wie Phanishwar es praktiziert- seine Frau halbnackt als Sklavin zuhause mit einer Kette, die gerade bis zur Tür reicht, hält, entschließt sich nicht schlüssig.

Phanishwars Wege kreuzen sich mit Rami, die auf der Flucht ist: Ihr Ex hat ein Revenge-Porn-Video mit ihr in die sozialen Netzwerke hochgeladen und sie wird an jeder Ecke erkannt. Im Hinterland von Goa richtet sie sich in einem von Phanishwar vermittelten Haus ein und traut sich zaghaft wieder auszugehen.  Langsam traut sie sich wieder aus dem Haus und es kommt zu -auch erotischen- Zufallsbekanntschaften.

Als Rami sie später ihr Porno-Video auf Phanishwars Smartphone entdeckt, drehen bei ihr die Sicherungen durch. Sie schlägt ihn nieder, sperrt nun ihn in einen Käfig – und beginnt ihn bis aufs Blut zu foltern. Als Rami -auf einen Verdacht hin- in Panishwars Wohnung fährt und fassungslos die dort angekettete Nanaam als Haufen Elend entdeckt, will sie die Befreite dazu bringen sich mit ihr an Panishwar zu rächen. Doch der hat sich mittlerweile befreit und stürmt mit einem Kricketschläger aus dem Keller. Das die Geschichte auf der Titel gebenden Müllhalde endet, dürfte jetzt nicht mehr überraschen.

Für ihn die reine Lehre – kniend vor dem Meister

Das hier Gezeigte war an Drastik (auch für Berlinale Verhältnisse) wohl nur von Lars von Triers „Antichrist“ in der Hommage-Sektion des Festivals zu überbieten. Es gab geschätzt 30 Walk-Outs und bei Beginn des letzten Drittel des Filmes (gefühlt eher das 5. Sechstel) angekommen, fragte ich mich wer wohl noch bis zum Ende bleibt. Erstaunlich viele.

Liebend gerne hätte für die Hintergründe liebend gerne der Fragerunde mit Regisseur und Cast beigewohnt – hatte aber leider meinen letzten Film so knapp gebucht, dass ich dort nur außer Atem und mit viel, viel Glück noch einen guten Sitzplatz bekam:

La terra dell’abbastanza [Boys cry] (Italien, Regie: Damiano & Fabio D’Innocenzo)

Am Ende des Tages – wer hätte das erwartet- nun doch noch (welche Erholung) einen geradezu konventionell erzählten Film. Die Kumpel Mirko und Manolo wohnen in einem abgewirtschafteten Vorort Roms und liefern im letzten Schuljahr im Nebenjob Pizzas aus. Bei einer nächtlich ausgelassenen Tour fabulieren sie noch über ihre mögliche Zukunft in der lokalen Gastronomie – da kommt es aufgrund Fahrlässigkeit zu einem Personenunfall. Panisch entscheiden sich, den Überfahreren liegen zu lassen.

Bald darauf stellt sich heraus, dass das Unfallopfer ein von der lokalen Mafia-Familie Verfolgter war. Manolos Vater wittert das große Ding und rät seinem Sohn, das Ganze als geplante Aktion zu verkaufen und sich dort als Handlanger anzubieten.

Der Boss gibt Anweisungen – die Jungs zeigen sich betont cool

Manolos „Aufstieg“ entzweit die Freunde zunächst, doch bald raufen sie sich wieder zusammen und bieten sich als Duo an. Beide machen sich weiß, dass ihre Freunde und Familie ihren neuen Lebensstil und Manieren akzeptieren werden. Doch Mutter, Freundinnen, ihre Clique wenden sich langsam von ihnen ab. Bald werden sie mit Pistolen zu einem ersten Auftragsmord geschickt. Sie ahnen nicht, wie sehr sie ihre Situation unterschätzen und dass Geschehnisse in Gang kommen, die ihr Leben für immer verändern werden.

Übrigens: Ich werde wohl kaum einen besseren Schluss-Satz mit sofortigem Cut dieses Jahr sehen. Zum Zunge schnalzen. Ich kann nämlich nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Tagen dachte: das war’s. Oder? Nein, noch ne Szene.

Glücklich -trotz Verspätung noch mit gutem Sitzplatz- angekommen, trat der launige Moderator auf die Bühne und bat die Stimmkarten für den Panorama-Publikumspreis auszufüllen. Es gäbe „irgendwas, ich weiß es nicht- sicher toll“ zu gewinnen. Professionall. Um danach die Gebrüder D’Innocenzo auf die Bühne zu bitten – die dann bloß konstatierten, dass sie sehr schüchtern sind und den Film einfach für sich sprechen lassen wollen. Ein Q&A, so der Moderator, gäbe es aufgrund der späten Zeit hinterher nicht (Blödsinn, das war vor ein paar Jahren im Colosseum auch möglich -bis fast 1Uhr) – und es sei ja nur die „Vorpremiere“. Häh? Veräppeln kann ich mich selber.

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Berlinale 2018 – Tag 1: Seenot und Familien-Bande

Wie jedes Jahr hofft man auf einen guten, verheißungsvollen Start. Diesmal fiel mir es jedoch etwas schwer, den ersten Festival-Tag zu füllen: Es wurden „nur“ zwei Tickets. Doch es ging alles andere als langsam los, denn gleich die erste Vorstellung war ein Film, den ich unbedingt sehen wollte.

Styx (Deutschland/Österreich, Regie: Wolfgang Fischer)

Die hochprofessionelle Notärztin Rike (Susanne Wolff) tritt ihren lang ersehnten Traumurlaub an: allein auf sich gestellt mit einer Segelyacht von Gibraltar zur Insel Ascension im Atlantischen Ozean.

Kenntnisreiches Tagwerk an Deck (ich denke zwangsläufig -so lang ist das noch nicht her- an Robert Redford in „All is lost“), Entspannung in den Pausen, Blicke auf den Sonnenuntergang. Nach einem glücklich überstandenen Sturm, ist am nächsten Morgen ein Kutter in Blickweite, der nie für die hohe See gedacht war: ein hoffnungslos überfülltes Flüchtlings-Boot.

Dies wird noch die kleinste Herausforderung gewesen sein.

Rikes Notrufe an die Küstenwache werden Mal um Mal lapidar abgetan. Kann.. muss sie sich dem Boot nähern – oder riskiert sie dabei ihr eigenes Leben ? Bald darauf überschlagen sich die Ereignisse und zumindest die erste Entscheidung ist ihr abgenommen. Doch nicht die, wer leben und wer sterben wird.

Ich musste mich bald fragen, was man erwartet wenn man in einen Film mit dieser Thematik, mit diesem Dilemma-Potenzial zu gehen. Susanne Wolffs eindringles Spiel lässt die inneren Konflikte erahnen, Spätestens ab Mitte des Films hängt man mittendrin in dem Dilemma der No-Win-Situation. Bis zum bitteren Ende.

Nun könnte man sagen: Interessantes Gedanken-Experiment… doch die Realität im Mittel-und sonstigen Meeren ist alles andere als theoretisch.

Notiz am Rande: Die vielleicht umfangreichste Cast&Crew Vorstellung, die ich in knapp 10 Jahren erleben durfte. Wo sonst mal Kameramann oder Komponist mit auf die Bühne gerufen werden, tummelten sich hier vom Regisseur aufgerufen bald 3 Dutzend Leute. Als es dann -endlich bei den Schauspielern angekommen- hieß: „…der das Unfallopfer gespielt hat“ (ca.10sec im Film), konnte ich ein Stöhnen gerade noch unterdrücken. Somit leider keine Zeit für Fragen mehr.

Wieża. Jasny dzień. [Tower. A bright day.] (Polen, Regie: Jagoda Szelc)

Ich gebe es zu: Aufgrund des Filmausschnittes und der Filmbeschreibung auf den Berlinale-Programmseiten hatte ich etwas a la Thomas Vinterbergs „Das Fest“ aus der Dogma-Reihe erwartet. In der Tat hat die Handlung eine ähnliche Verdichtung, der Film eine ähnliches Setting: Eine Großfamilie kommt auf dem Lande anlässlich der Kommunion einer Tochter zusammen, wir sind immer hautnah an den Familien-Mitgliedern und ihrem lebhaften Palaver dran. (Später hören wir von der Regisseurin, dass das meiste auf sehr langer Proben-Arbeit basiert. Alle Achtung.)

Kaja, die Tante des Kommunion-Kindes Nina, ist seit langer Zeit wieder aufgetaucht und wird besonders von ihrer Schwester Mula argwöhnisch beäugt. Was und warum sie fort war – erfahren wir nicht. Wohl aber, dass es Familiengeheimnis ist, dass Nina in Wirklichkeit ihre Tochter ist und hier nicht alles im grünen Bereich ist. Misstrauen, Verhaltensregeln und baldige Anspannung liegen immer wieder in der Luft. Nachdem das Familientreiben in der Urlaubswoche zunächst manchmal eher mäandert, wird es immer abseitiger je näher der Fest-Sonntag rückt. Mysteriöse Phänomene, Verdachtsmomente – oder subjektive Phantasien der Beteiligten?

Regisseuin Jagoda Szelc legt in ihrem Regie-Debüt bewusst eine Vielzahl falscher Fährten. Es geht ihr, sagt sie im anschließenden Interview, darum unsere Kontrollsucht und deren Vergeblichkeit darzustellen. Der Film scheint gegen Ende fast zu entgleiten – und das ist auch gewollt. Die letzten Minuten, geradezu metaphysisch, können nur zu eigenen Antworten anregen. Der Film bleibt sie bewusst schuldig.

Wenn ich mal ehrlich bin, so habe ich mich bei manchem, später anerkannten Meisterwerk am Ende erst Mal am Kopf gekratzt. Es scheint -wie eben auch im Anschluss ausdrücklich betont- Jagoda Szelc zuallererst darum zu gehen, zum Denken anzuregen und eigene Interpretationen geradezu heraus zu fordern.

Keine leichte Kost, doch alles in allem ein guter Start dieses Berlinale Jahres. Und: gut, dass ich -vom Film (zugegeben) etwas frustriert, dennoch zum Q&A geblieben bin. Die Regisseurin redete sich fast schon manisch charmant um Kopf und Kragen („..oh no, I DIDN’T ANSWER THE QUESTION, sorry!“).

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