Berlinale IX,X und XI – Zwei Odysseen und Schuld oder Sühne

Montag – der bisher beste Tag . Und da kam so: zunächst im Vorverkauf früh morgens Karte ergattert für den Konzertfilm am Donnerstag, dann…

Marussia – ist ein 6jähriges russisches Mädchen, das im Schlepptau ihrer emigrierten Mutter durch Paris gezogen wird. Ohne feste Bleibe, ohne echten Plan. Ihre Mutter Lucia ist so verstiegen wie konsequent. Über die Hintergründe erfahren wir nicht viel. Lucia soll in Russland einen reichen Lover gehabt haben, der dann aber politisch in Ungnade fiel. Daher angeblich das gewählte Exil, angeblich ist sie auch Modejournalistin. Hauptberuflich aber wohl eher Lebenskünstlerin… sich von der einen Gelegenheit zum nächsten Verehrer hangelnd. Dabei kann man der als liebevoll dargestellten Mutter keine üble Absicht unterstellen. Eher, wie gesagt, Planlosigkeit. Doch hier geht es ja um das Titel gebende Kind. Naturtalent, möchte man denken. Doch im Anschluss beim Interview auf der Bühne mit der Regisseurin hören wir, dass dies die „echte“ Marussia ist, sie quasi ihre eigene Odyssee nachgespielt hat.  Anrührend.

Lovelace – ‚Guilty pleasure‘, dachte ich zuerst. Und in der Tat ‚konsumierbar‘ wie nur was, denn Narrative und Dramaturgie laufen hier wie am Schnürchen. In den ersten 20 Minuten denkt man noch: „Boogie Nights“ revisited. Inklusive Farb-Grading und stimmigem Set Design. Die gerade erwachsen werdende Linda lernt 1970 bei einem Disco Besuch den charismatischen Chuck kennen. Der ist Barbesitzer und hat bald Linda und auch ihre Eltern um den Finger gewickelt. Nach dem Bruch mit ihren Eltern stellt auch Linda fest, dass Chuck in allerhand schräge Deals verwickelt und ständig in Geldnöten ist. Da er Kontakte zur Porno-Szene besitzt, versucht Chuck -mit einem ‚home movie‘ in der Hand- Kapital aus Lindas, äh, einzigartiger mündlicher Begabung zu schlagen. Jetzt würde man sagen, der Rest ist Legende. Doch der Porno-Mega-Erfolg „Deep Throat“ ist nicht der Schlusspunkt der Geschichte. Vielmehr leistet sich ‚Lovelace‘ nach und nach die später von Linda berichteten erschütternden Hintergründe ihrer Ehe und Karriere aufzurollen.

Krugovi (Circles) – Eindringlich! Bin sehr froh, dass mich der disparate Plot nicht abgehalten hat. Was soll man wagen, was soll man tun ? Lohnen sich heroische Taten -ob klein oder groß ? Der junge serbische Soldat Marko nimmt den muslimischen Kioskbesitzer Haris in Schutz, der von Markos Vorgesetzten schwer misshandelt wird und bezahlt das sogleich mit seinem Leben. Markos bester Freund und Zivilist Nebo, eben noch im Caf’é neben ihm, sieht fassungs- und tatenlos zu. 12 Jahre später, lange nach Ende des Balkankrieges haben alle Überlebenden immer noch -bzw. wieder-  mehr miteinander zu tun als ihnen lieb ist, als sie jemals erwarteten. Markos Vater und der Sohn eines der Täter stehen wiederum vor Entscheidungen. Taten ziehen Kreise wie ins Wasser geworfene Steine. Das Drehbuch bezieht nicht eindeutig Stellung, der Krieg bildet auch lediglich den Hintergrund dieser (auf Tatsachen) Geschichte. Die von einer sehr geschickten dramaturgischen Klammer gehaltene Story wird mit intensiven Leistungen der Darsteller ausgefüllt. Der bisher längste und stärkste Applaus am Ende des Films.

Und sonst ?
Erste Verwirrung macht sich breit: hab ich die Mittwochtickets abgeholt ? Tickets werden falsch gelesen… Verwechslung von Cinemax mit Cinestar, zum Glück noch 15min von der freundlichen Türstehern hingewiesen worden. Am Dienstag-Morgen dann noch größere Fehlleistung: Anfangszeit falsch gelesen. Film verpasst.

Trotz dessen:
Allmachts-Phantasien: wenn ich hier oder da noch einen vierten Film einschiebe könnte ich alle persönlichen Highlights schaffen. Der letzte 4-Film-Tag war vor zwei Jahren am Ende eher eine Qual. (Oder waren das doch fünf Filme damals ?)
Das Delphi setzt die schöne Tradition fort, den Einlass just 15Minuten vor Anfangszeit zu beginnen. Wer das enge Forum kennt, schnalzt mit der Zunge.
Es wird zusehends schwieriger im Q&A nach den Vorstellungen den Punkt zu finden, zu gehen. Wann ist der Punkt erreicht, wo nur noch gelabert wird – oder kommen noch halbwegs intelligente Fragen ? Zügiges Rauskommen lockt.
Und die Realisierung, dass zwei Hanuta kein Frühstück ersetzen.

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