Berlinale 2016, take 2 oder: Applaus ! Applaus ?

09:30 – eine Startzeit, die mich immer an Schulvorführungen erinnert. Doch während des Festivals kommt es ein-zweimal vor, dass es keinen alternativ buchbaren Termin gibt. Und wieder (wie letztes Jahr bei Queen of the Desert) sollte es sich lohnen.

Midnight Special (USA)

Roadmovie (check), mysteriös (check), auf der Flucht vor Regierungsbehörden (check). Es dauerte nicht lang, da konnte die Soundanlage des Zoopalast 1 ihre Trümpfe ausspielen. Vielleicht war es auch etwas zu viel des Guten, Lautstärke-mäßig. Doch es war nicht die Lautstärke allein, die uns hier und da fast hochfahren lies:

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Ist die Antwort da draußen ?

Roy ist mit seinem 8jährigen Sohn Alton auf der Flucht. Gefahren wird nur in der Nacht, tagsüber muss der Junge in abgedunkelten Räumen bleiben – und trägt immerfort eine Schutzbrille, da aus seinen Augen…halt: Spoiler. Was ist an ihm so besonders ? Nun, offenbar hört er Radio-und ander Übermittlungen ohne Hilfsmittel, sagt Koordinaten von Regierungsgeheimnissen auf und bringt auch schonmal Satelliten zum Absturz. Und da wären ja noch seine Augen. Doch: Spoiler. Auch die Mitglieder einer Sekte, die ihn aufgrund seiner Fähigkeiten verehren, sind ihnen auf den Fersen. NSA, FBI, Sektierer, State Trooper, alte aber nicht vertrauenswürdige Weggefährten…

Anders als im „normalen“ Kino wird auf der Berlinale fast immer am Schluss applaudiert. Eine Wertschätzung, die gute Filme eigentlich immer verdient hätten. Dabei gibt es maximal 3 Momente: Beginn des Abspann, Ende des Abspann, Hochfahren des Lichts bzw. Vorstellung des evtl. anwesenden Teams. Nicht immer jedoch ist der Applaus angemessen, ob nun zu wenig oder zu viel. Moralisch wertvolles wird gerne demonstrativ und lange beklatscht. Schwere Kost manchmal abgestraft.

Um auf den Punkt zu kommen: Der sehr gute „The Ones Below“ bekam am Vorabend erst ganz, ganz am Schluss ein wenig klapp-klapp Anstandsapplaus. Das non-feel-good-Ende saß wohl in den Knochen. Ungerecht, ist aber so. Dafür bekam der latent prätentiöse Boris sans Beatrice (Kanada) spontanen, kräftigen Applaus. Schein statt Sein. Unfair ? Leider.

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Boris. Seine Probleme würden sich manche wünschen.

In dem Film muss der russisch-stämmige kanadische Unternehmer Boris einsehen, dass es nicht weiter nach seiner Willen gehen wird, dass seine macher-mäßige Art nicht das Maß aller Dinge ist. Seine Frau Beatrice ist einer Melancholie oder Depression verfallen. Der Film lässt das ein wenig im Unklaren, was den klinisch Betroffenen (ich denke nur an das berühmteste Beispiel Robin Williams) nicht gerecht wird. Unbekannte Kräfte decken sein Leben voller selbstgerechter Regeln und Freiheiten auf und bedeuten ihm: deswegen sei die Gattin der Melancholie verfallen. Er solle sich mehr kümmern, dann bestünde Chance auf Heilung.

Im Kern vielleicht nicht falsch und gut gemeint -sowie mit — in einer starken Hauptrolle besetzt- wird hier einfach zu viel verstrickt und mysteriert. Im Kontrapunkt zur (s.o.) simplen Botschaft.

Dass da nach einem auch noch schwachen bis lächerlich unplausiblen Schlussbild Applaus aufbraust: Man schüttelt den Kopf.

Eine Fast-Gurke sozusagen. Und das nach nur 4 Filmen. Das kann ja noch was werden dies Jahr. Sollte der letzte Film des Tages noch was retten ? Mir kamen die Zweifel.

Aloys (Schweiz/Frankreich)

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Ja, das ist eine Hörerschnur und ja, sie geht quer durch einen Wald

Filmland Schweiz. Hm… Obwohl: Österreich ist mir seit Jahren Berlinale Garant für außergewöhnliche Stoffe und eigenständige Erzählweisen.

Zur Handlung hier: Der Privatdetektiv Aloys verwindet gerade den Tod seines Vaters und Firmenchefs. Er führt ein zurück gezogenes, verschrobenes Leben, das sich nur um Observationen und manischen Einsatz der Videokamera zu drehen scheint. Seine Realität bekommt einen Riss, als ihm peinlicherweise nach einer Busfahrt Videobänder und Kamera abhanden kommen. Eine Anruferin und offensichtliche Finderin der brisanten Tapes schein viel besser informiert zu sein als der immer tapsigere Aloys. Sie foppt ihn zunächst, doch langsam werden ihre Telefonate vertrauter, intimer. Sie überredet ihn, sich auf „phone walking“ einzulassen: Gemeinsam visualisieren sie, zusammen an anderen Orten zu sein. Bald nimmt diese …Beziehung dern größten Teil von Aloys‘ Leben ein. Als er dann heraus findet, wer „sie“ ist, ist es für die labile „sie“ fast zu spät. Oder fängt es jetzt erst an ?

Ganz groß (wie schon vor zwei Jahren in Über-Ich und Du [hab ich mich gefreut als ich ihn erkannte!]) Georg Friedrich. Warum nun ein Österreicher einen Zürcher Detektiv spielt: ismiregal. Das Publikum wie auch ich genossen das kauzige Personal dieser Tragikomödie, die abstrusen Momente, die bizarren Settings der „Geist-Reisen“ der beiden Flirtenden. Wie Aloys habe auch ich jetzt wieder Hoffnung: auf einen guten dritten Tag.

Veröffentlicht unter Allgemein

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