Berlinale 2019, Tag 2: Ein Cowboy, eine Braut und eine Suche

Na, geht doch: Beim Schlange Stehen morgens im Haus der Berliner Festspiele paradoxer Weise zum ersten Mal erfolgreich im Internet Vorverkauf. (Sicher ist sicher, ich konnte nicht wissen, dass es die 30 Meter in unter einer halben Stunde voran gehen würde.) An der Kasse dann auch noch ein Ergänzungsticket für den bisher bescheidenen Sonntag ergattert, fein fein. Noch schöner, wenn der erste Film des Tages ebenso fein gewesen wäre:

Querência [Homing] (Brasilien, Regie: Helvécio Marins jr.)

War ich nun nicht ausgeschlafen genug hierfür – oder war das für Spielfilmlänge einfach zu wenig?

Wie begleiten Cowboy und Saison-Arbeiter Marcelo auf einer Rinderfarm im brasilianischen Outback. Der ist ein feiner und gewissenhafter doch wortkarger Kerl. Lediglich bei seinem Gelegenheits-Job als Rodeo-Moderator scheint er bei seinen Rap-Einlagen aufzublühen. Tja, und das war dann schon eine ganz gute Inhaltsangabe. Denn außer seinem Tagwerk zu folgen und ihn bei Allerwelts-Gesprächen mit seinen Kollegen und Freuden zu zeigen, kommt da über 90min nicht mehr viel, bzw nicht viel mehr.

(c) Sabrina Maniscalco

Ein Rinderdiebstahl muss da schon als, äh, „Handlungs“-Höhepunkt herhalten. Doch selbst der ist trotz seines Ausmaßes merkwürdig unaufgeregt, nahezu distanziert in Szene gesetzt. Der beiläufige Schluss des Filmes ist da schon fast zwangsläufig.

Alles andere als packend. Regisseur Marins (endlich mal wenigstens ein Q&A) nehme ich wohl ab, dass er -der selbst dort gelebt und gearbeitet hat- sein Milieu würdigen wollte. Doch eine lupenreine Dokumentation hätte da vielleicht mehr bewegt.

„[…]verzichtet weitgehend auf alles dramatische [..]“ wäre die Formulierung gewesen, die mir im Teaser Text auf der Webseite hätte auffallen müssen. Sonst bin ich eigentlich ganz gut im Aufspüren von solchen Warnzeichen.

45min zwischen den Vorstellungen sind zwischen Potsdamer Platz und Alexanderplatz dann fast zu knapp. Im Cubix 9, dann gerade noch vorletzte Reihe am Rand einen Platz ergattert. Nur gut, dass das Cubix Blickwinkel-mäßig sehr passabel ist. 

Flatland (Südafrika, Luxemburg, Deutschland; Regie: Jenna Bass)

Braut Natalie brennt gleich in der Hochzeitsnacht ihrem Mann, dem baseligen Polizisten Bakkies durch. Sie vermisst ihre vor einiger Zeit verstorbene Mutter immens und Natalies Pferd scheint ihr näher zu stehen als ihr frisch Vermählter.

Auf der Flucht erschießt sie mit der im Affekt entwendeten Dienstwaffe ihres Mannes in die Enge getrieben dann sogar ihren Pastor – als der, es vielleicht gut meinend, ebenso übergriffig wird wie zuvor Ehemann Bakkies im Ehebett. Zu Pferd flieht Natalie zu ihrer halbwüchsigen Adoptiv-Schwester Poppie. Diese wohnt, beständig im Zwist, schwanger bei ihrer neuen Pflegemutter. Und ist ein ganz eigenes Früchtchen. Verbündet geht die Flucht weiter und wird zu einer Art Road Movie.

Im zweiten Handlungs-Strang sehen wir die ausgebuffte Polizei-Beamtin Beauty Cuba (bei dem Namen muss sie offenbar schon sehr gut sein, um ernst genommen zu werden). Beauty wartet auf die Entlassung ihres einstmals Verlobten Billy. Der saß seit 15 Jahren ein, nachdem er beim vermeintlichen Verteidigen der Ehre Beautys seinen Bruder totschlug.

Wie es der Zufall (bzw. das Drehbuch) will, wird Billy just in der Nacht seiner Entlassung des Mordes an obigem Pastor verdächtigt. Beautys Ex-Kollege, der pensionierte Bulle Jaap als Vater Bakkies‘  davon Wind und steckt Beauty diese Neuigkeit brühwarm. Die schaltet sich in die Ermittlungen und die Verfolgung ein. Eine Odyssee von Irrungen und (Fehl-)Entscheidungen kommt in Gang.

Lediglich Beauty scheint einigermaßen in der Realität verankert. Erst gegen Ende, unwillig ihr lange erhofftes Quentchen Glück los zu lassen, verliert auch sie die Bodenhaftung.

(c) Flatland Productions

Dass wir glauben sollen, eine Hochschwangere käme ohne weiteres auf ein Pferd – geschenkt. Denn auch ansonsten ist der Plot zeitweilig an der Grenze zur Räuberpistole, doch recht einnehmend.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Jenna Bass spätestens ab Mitte der Handlung nicht mehr recht wusste, wo sie hinwollte. Das hat sie dann scheinbar mit ihren Haupt-und Nebenfiguren, sechs an der Zahl, gemein. Andere Akteure wiederum verschwinden nach drastischen Wendungen wieder in der Versenkung. Nebenbei werden hier und da auch noch Alltags-Rassismus und die Geschlechter-Rollen in der heutigen südafrikanischen Gesellschaft charmant kritisiert. Ganz schön viel Pensum.

Neben mir wurde gefühlt alle 10 Minuten auf die Uhr geschaut. Ich fand es alles andere als langweilig – allerdings hätte dem Film (117min) etwas Straffung gut getan.

Vorweg: Gerne hätte ich, hätten wir von der anwesenden Regisseurin des letzten Films des Tages mehr gehört. Doch bereits während der Anmoderation wurde zu Verstehen gegeben, dass im Anschluss die Nebenausgänge zu benutzen seien. (Und im Colosseum Kino offenbar zeitig Feierabend sein muss.) Nicht das erste Mal hier.

Dust (Deutschland, Indien; Regie: Udita Bhargava)

Die Fotografin Mumtaz ist -angeblich durch Malaria- in ihrer Heimat Indien ums Leben gekommen. Ihr ehemaliger Partner, der Deutsche David, kann den Verlust nicht verwinden und hat als einzige Fährte ihr letztes Foto. Dies führt ihn ins indische Hinterland, wo Konflikte herrschen, Fraktionen sich zum Kampf bereiten, von denen er nur ahnen kann. Ein mysteriöser „Doktor Sharda“ taucht als Informant auf und versucht ihn zur Umkehr zu bewegen. Vergeblich.

David, selbst gesundheitlich angeschlagen, kämpft und keucht sich durch die für ihn fremdartige Welt – in der genau genommen er der Fremdkörper ist.

(c) Philipp Meise/unafilm

Optisch lässt einen das nicht kalt . Dramatisch gibt es zwar eine Narrative im klassischen Sinn – doch bleibt einiges im Vagen, erschließt sich manches spät oder gar nicht. Genau so wie für David. Für den es jedoch immerhin so etwas wie Erlösung geben wird.

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