Berlinale 2020, Tag 2: Unruhen, Bizarres und Prinzipien

Notre-Dame du Nil [Our Lady of the Nile] (Frankreich, Belgien, Ruanda; Regie Atiq Rahimi)

Ruanda, 1973. Eine katholisch geführte Mädchen-Oberschule. Nur wenige der Töchter aus vornehmlich Beamten- und Regierungskreisen hoffen auf ein Studium, eher auf eine standesgemäße Heirat. Auch in diesem Mikrokosmos ist der Konflikt Hutus vs. Tutsis latent vorhanden, wenn auch zumeist zivilisiert kaschiert. Die weinigen Tutsi Schülerinnen sind besorgt, wägen sich aber vorerst in Sicherheit.

Das wird erst zum Problem, als die abgefeimte Mitschülerin Gloriosa eigene Verfehlungen und Missetaten Tutsi Rebellen in die Schuhe schiebt, welche angeblich ihr und einer Mitschülerin aufgelauert haben. Da ihr Vater zudem Minister ist, wird sie quasi zur Heldin erhoben, inklusive Presserummel. Die Kirche in Person der französischen Mutter Oberin und dem einheimischen Padre sehen teilnahmslos bis gutheißend zu. Doch in kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse und es kommt zu ersten Pogromen, die sich über Jahre fortsetzen werden und in einem Genozid im Jahre 1994 gipfelten.

Oberflächlich und zuerst scheinbar eine alltägliche Internats-Story erinnert Autor und Regisseur Atiq Rahimi in dieser Roman-Verfilmung an ein dunkles Kapitel in Ruandas Geschichte. Dass auch die ehemaligen Kolonial-Mächte Deutschland und Belgien in den Jahrzehnten zuvor den Grundstein dafür gelegt hatten, verschweigt der Film gnädig.

Regisseur Rahimi, nach eigenem Bekunden als gebürtiger Afghane mit Bürgerkrieg leider vertraut, besuchte ein paar Jahre vor dem Projekt Ruanda und war verblüfft wie friedlich das Land mittlerweile sei. Er berichtete im QA wie er damals eine dortige Philosophin fragte, wie man es schaffe, die sprichwörtliche Seite der Geschichte umzuschlagen. Sie entgegnete, jeder hätte dazu die Möglichkeit…wenn die Seite denn gelesen worden sei…

Zabij to i wyjedz z tego miasta [Kill it and leave this town] (Polen, Regie: Mariusz Wilczyński)

14 Jahre, so sagt Regisseur  Wilczyński zu Beginn der Vorstellung, habe er insgesamt an diesem Film gearbeitet. Anstoß sei seinerzeit gewesen, dass ihm in kurzer Folge seine Mutter, weitere Verwandte und Freunde quasi weggestorben seien. Dass man erst hinterher erkenne, dass man sich nicht genug in den Arm genommen, in die Augen geschaut oder hingehört hat. Dies rüber rau bringen, nimmt er einen ziemlichen Umweg.

In konsequent non linearer Erzahlstruktur leistet der Animations-Film sich, eher assoziativ als kontinuierlich zu arbeiten und assoziativ zu springen. Szenen aus Mariusz‘ Kindheit, dann am Krankenbett seiner Mutter, Alltags-Szenen in seiner Heimatstadt Łódź …

Mal um Mal ergibt sich Blickwinkel und wo wir gerade sind erst nach einiger Zeit. Dass die Narrative dabei zugunsten von visuell durchaus faszinierenden Eindrücken leidet, muss man wohl in Kauf nehmen. Wir sehen Fragmente, die uns anrühren, amüsieren und gelegentlich auch verstören.

© Mariusz Wilczyński

Die Animations-Techniken beeindrucken fernab von beliebigem 3D-Spektakel in ihrem 2D Stilmix. Hier dominieren Hand-Zeichnungen und Legetrick. Audiovisuell verblüffend und ästhetisch ungewöhnlich, überfordert es über die Langstrecke jedoch. Und da spricht noch nicht mal etwaige Berlinale Erschöpfung meinerseits.

Es gab circa ein halbes Dutzend Walk-outs, jedoch auch sehr engagierten Applaus am Schluss. Der Film läuft übrigens in der neuen Sektion „Encounters“, die sich „ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten“ widmen soll. Ich überlege etwas besorgt, ob ich in den nächsten Tagen weitere Encounters-Filme gebucht habe…

The Fountainhead (USA 1949; Regie: King Vidor)

Der brilliante Architekt Howard Roark (Gary Cooper) ist am Beginn seiner Karriere und fast schon am Ende. Immer wieder soll er Kompromisse eingehen und seine visionären Entwürfe verwässern, um sie einem angeblichen Zeitgeist oder Massengeschmack anzupassen.

Der Idealist Roark wankt nicht, auch wenn es ihn in die Pleite führt oder ihn später nach einem Neuanfang das Boulevard-Blatt des Medien-Moguls Wynand in Grund und Boden schreibt. Gerade der wird ihm jedoch im Verlauf die Hand reichen – nicht ahnend, dass seine Frau (und Ex-Redakteurin) dereinst Roark kurzzeitig verfallen war. Sie wurden lediglich kein Paar, weil Roark nicht bereit war, seine Karriere zu kompromittieren. Ein intriganter Redakteur, ein Gönner der als zunächst einziger Roarks Potenzial erkennt, Neider und Epigonen… Die Fronten werden sich noch mehr als einmal ändern.

Quelle: Österreichisches Filmmuseum, Image courtesy of Park Circus/Warner Bros.

Die Handlung , die auf einem Buch Ayn Rands beruht, hält noch etliche Wendungen bereit, die man als Gesellschaftsroman-typisch abtun kann. Doch in seinen Grundthemen haben wir hier ein klassisches Helden-Epos. Noch dazu eines, dass sich um Individualität und Integrität schert. Und schon damals die Steuerbarkeit der Massen durch gezielte Kampagnen thematisiert. Wo sind solche Filme heute?

Der Schauspiel Stil (späte 40er!) ist vielleicht etwas in die Jahre gekommen. Doch was die Mimen hier zaubern ist im besten Sinne old school. Qualität kommt nicht aus der Mode. Großzügiges Set-Design und die Bildgestaltung Robert Burks‘ beeindruckende Beispiele der ausgehenden ersten Blütephase Hollywoods.  Burks führte übrigens bald darauf bei 12 von Hitchcocks wichtigsten Filmen die Kamera.

Von etlichen Dialogsätzen zum Einrahmen:
„Mr Roark, we’re alone here.Why don’t you tell me what you think of me in any words that you wish?“ „But I don’t think of you“ ; „I don’t build in order to have clients. I have clients in order to build!“

Randnotizen: Den zweiten Film des Tages gerade noch rechtzeitig erreicht. Diesmal ein Glück, dass es nicht pünktlich anfing. Ich war in der Tat zunächst zum Alexanderplatz gefahren…obwohl ich im Cinemaxx Potsdamer Platz hätte sein müssen. Nun ja, gefühlt einmal in fünf Jahren.

Während auch ich bereits ein paar Mal mit der Konzentration zu kämpfen hatte, schnarchte mein Nebenmann beim letzten Film des Tages phasenweise völlig selig weg.

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