Berlinale 2022, Tag 3: Eine unaufhaltsame Mutter – und eine, die verschwindet

Dieser Fall schrieb (deutsche) Geschichte. Allerdings unrühmliche.

Rabiye Kurnaz gegen George W.Bush  (Deutschland/Frankreich, Regie: Andreas Dresen)

Der 19jährige Bremer Berufsschüler Mehmet Kurnaz reist im Oktober 2001 nach Pakistan. Seine Familie ist nicht eingeweiht, es kommt für Vater, Mutter, Brüder überraschend – seine Motive sind keinem klar.

Murats Mutter Rabiye ist im Laufe der ersten Tage zunächst durchaus besorgt – doch sie kann ja nicht ahnen, dass sie ihren Sohn fast 5 Jahre nicht wieder sehen wird. Murat ist nämlich in Pakistan in die Hände der amerikanischen Behörden gekommen, die wenige Wochen nach 9/11 kurzen Prozess machen. Beziehungsweise eben nicht: Guantanamo Bay, Haft ohne Anklage. Dafür aber mit Folter. Murat wird einer der der ersten Insassen im später berüchtigten Camp X-Ray ist. Monate, Jahre ohne Anklage-Erhebung in einem de-facto rechtsfreien Raum.

Zu diesem Zeitpunkt steht Rabiye bereits der idealistische Anwahlt Bernhard Docke zur Seite. Der gute Mann hatte quasi keine Wahl – denn: Rabiye eine Naturgewalt zu nennen, wäre ein Understatement. Mit einer unnachahmlichen Mischung aus Herzlichkeit, Beharrlichkeit und Redeschwall ist diese Frau es gewohnt ihren Willen zu bekommen.

Von Rabiye vereinnahmt und von seinen Kollegen kopfschüttelnd beäugt, bekommt Anwalt Docke es nicht nur mit dieser unermüdlichen Mutter zu tun – sondern auch mit endlosem, legalem Irrsinn sowie politischer Sturheit und Desinteresse. Denn irgendwann erfährt Docke, dass die CIA bereits nach 6Monaten dem deutschen Kanzleramt aufgrund offensichtlich fehlender Beweise und glaubhafter Unschuld die Auslieferung von Murat Kurnaz angeboten hatte. Selbst der dort angereiste BND(!) sprach sich dafür aus.  Doch das deutsche Kanzleramt lehnt mehrfach ab und mauert.

Es geht für Mutter und Anwalt bis hin zum Supreme Court der USA. Am Ende können Familie es schon gar nicht mehr glauben, dass Murat nun doch noch freikommen soll.

Je länger der (dennoch nicht lang wirkende) Film läuft, desto mehr wird man durch Einblendungen -bis hin zu  „Tag 1578“- erinnert und entsetzt, wie lange diese gesamte Affäre gedauert hat. Und wieviel Energie und Ausdauer es Rabiye Kurnaz und Bernhard Docke gekostet haben muss.

Dass Andreas Dresen trefflich und menschlich inszenieren kann, durfte man (Sommer vorm Balkon, Halbe Treppe, Halt auf freier Strecke) voraus ahnen. Seine Figuren sind Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, sein Ton ist trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas amüsant, ohne in Klamauk abzudriften. Was leicht ein Kolportage-Stück hätte werden können, wird auch Dank des dialogstarken Drehbuchs zu einer mitnehmenden Chronik. Der Film verzichtet weitgehend auf Pathos oder moralisierende Momente, selbst die bewegende Wiedersehens-Szene ist dezent und unpathetisch in Szene gesetzt.

 

© Andreas Hoefer / Pandora Film

Der Oscar-bewehrte Milos Forman sagte immer wieder „Casting is everything“. Wenn es für Casting Preise gäbe, Karen Wendland hätte einen verdient: Die Besetzung der hauptsächlich als Moderatorin und Komödiantin Meltem Kaptan für die Titelrolle ist ein Glücksgriff für den Film. Vielleicht liegt’s am Timing, dass  für Komödianten ja essentiell ist. Ebenso überzeugt Alexander Scheer, der im übrigen wie auch Kaptan seinem Originalvorbild verblüffend ähnlich sieht.

Hätten Sie’s gewusst: In Guantanamo, so informieren uns die Schluss-Titel, sind derzeit immer noch 39 Personen ohne Anklage in Haft.

Pikanterie am Rande…kurz vor meiner Vorstellung im Friedrichsstadt-Palast, wird 1km weit entfernt der  zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt, der 2002 Kanzleramts-Minister und Basta-Kanzler Schröder war.

 

Stay awake (USA, Regie: Jamie Sisley)

Das Tagesprogramm Brüder Ethan und Derek beinhaltet die Frage, ob ihre Mutter Michelle zuhause ist …oder wieder auf einem Drogentrip bis zur riskanten Bewusstlosigkeit umher irrt. Michelle ist medikamenten-abhängig und ein Alltag ohne Tabletten überfordert die allein Stehende. Regelmäßig informiert der eine Bruder den anderen: Zeit, in ihrer Provinzstadt in Virginia nach Mutter zu suchen. In der Ambulanz werden ist das Trio allzu bekannt, doch wohl gelitten.

Dabei haben beide Brüder eigene Träume: Ethan ist in der Senior High School und bekam just ein Stipendium an einem Ivy-League-College zugesprochen. Derek ist angehender Schauspieler und muss zum Vorsprechen immer häufiger heraus aus der Provinz.

Vor allem Ethan ist -nicht zuletzt weil er auch noch mit seiner Freundin wegen seiner College-Wahl streitet-  emotional mehr und mehr überfordert. Harte Worte fallen, Ultimaten werden gestellt. Der Therapie-Platz, den die Familie sich für Michelle leisten kann -so ahnen die Brüder- bringt keine großen Chancen. Ethan und Derek zweifeln, ob sie ihre Mutter jemals guten Gewissens sich selbst überlassen können. Und wer von Beiden seinen Traum hintanstellen werden wird. Einer muss einen drastischen Schritt gehen.

© Stay Awake

 

Jamie Sisley (Buch sowie Regie) zeigt fast schon lakonisch doch einfühlsam den Alltag einer co-abhängigen Familie. Die Enttäuschungen, die Routine im Leben mit einem süchtigen Familienmitglied welche langsam die Zuneigung und Liebe aufzuzehren scheint.

Sisley, bisher vom Kurzfilm kommend, erzählt in seinem ersten Langfilm. einigermaßen zügig, teils mit unvermittelten Szenenwechseln. Auf manipulierenden Musik-Einsatz wird verzichtet, das auf der Hand liegende Melodrama wird gut dosiert. Zu loben ist außerdem die stimmige Kamera-Arbeit mit teils sehr gut gesetzter Lichtdramaturgie.

Man spürt, es geht Regisseur Sisley nicht um Affekte, sondern um das Porträt zweier Heranwachsender auf der Schwelle zur Abnabelung. Zerrissenheit zwischen Fürsorge und Ausbrechen-Wollen. Mutter Michelle ist denn auch vergleichsweise selten im Bild.

Für eine dankbare Story halten so etwas nur Zyniker, die einen Film wie „Stay awake“ gern als „typischen Berlinale Film“ abtun. (Sitznachbar zu seiner Freundin vor 2 Jahren)

Das Dilemma, das der Film zeigt, ist Regisseur Jamie Sisley offenbar ein Anliegen. Hat er es doch schon vor sechs Jahren als Kurzfilm ebenfalls auf der Berlinale präsentiert. Im Trailer vor dem Screening wendet sich Sisley ans Publikum – und eröffnet, dass es (auch) die Geschichter seiner Familie sei. Er widme den Film allen Menschen, die als Co-Abhängige mit einem Familienangehörigen leben.

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