Schon vor 2001 war der 11.September historisch übel notiert.
Hangar rojo | The red hangar (Chile/Argentinien/Italien, Regie: Juan Pablo Sarrato)
Capitan Jorge Silva weist den Unteroffizier Hernandez am Abend dessen ersten Tages auf dem Luftwaffenstützpunkt ein. Silva, angeseher Fallschirmspringer-Held, ist dorthin als Leiter einer Fliegerschule versetzt worden, nachdem er drei Jahre zuvor einen ersten Mordversuch gegen Präsident Salvador Allende verhindert hatte. Wir befinden uns am Vorabend des 11.September 1973.
Der Neuling und der pflichtbewusste Karriere-Offizier wissen beide nicht, dass ihr Leben morgen nicht mehr dasselbe sein wird. Denn Tags darauf übernehmen Oberste der Junta die Führung in der Kaserne und die ersten Lastwagen mit politischen Gefangenen treffen ein. In einem Hangar sollen vermeintliche Kommunisten interniert und verhört, notfalls gefoltert werden. Mit dem Abstand der Geschichte wissen wir, was das in Chile endete.
Ausgerechnet Oberst Jahn, dessen Mordkomplott Silva einst aufdeckte, übernimmt nun das Kommando des Stützpunktes. Jahn ist manisch und beflissen, Loyalitäten auszutesten – um Silva und andere falls nötig frühzeitig auszumerzen.
Silva macht nicht nur Jahn und dessen Gefolgsmännern etwas vor – fühlt sich seiner Auffassung von Pflichtbewusstsein und Gehorsam verpflichtet. Die Luftwaffe ist sein Leben.

Doch welche Chance hat jemand wie er in diesem Mahlstrom an Faschismus und Gewalt. Als er sie endlich am Telefon erreicht, berichtet seine geliebte Frau, als Hochschul-Lehrerin deutlich liberaler als er, ihm zumal von unfassbaren Szenen in der Stadt.
Wird er erkennen, dass es keinen Weg gibt, sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren? Dass er dabei ist vom Mitläufer zum Täter zu werden. An welchem Punkt muss man Befehle verweigern, aus Anstand und Moral.

Handkamera wird zu oft eingesetzt, um Geschäftigkeit vorzutäuschen. In „Hangar rojo“ unterstützt sie konsequent, wie nah wir an den Figuren sind. Nervös, wie der gesamte Tag. Es war Regisseur Sarrato und Kameramann Diego Pequeño wichtig, sich optisch an das anzupassen, was wir aus der Ära als Originaldokumente haben: zumeist 16mm Aufnahmen.
Hervorzuheben ist das eindringliche Spiel von Hauptdarsteller Nicolás Zárate. Er dosiert sehr fein, wie erschüttert dieser Vorbild-Militär ist, wie schwer es Silva fällt die Fassade aufrecht zu halten. Eine besonders schwierige Aufgabe, weil ihm die Kamera wie auch den meisten anderen Akteuren so nah zu Leibe rückt.
Die Entscheidung für fast ausschließliche Nahaufnahme welche den Bildhintergrund fast nur erahnen lässt, macht dieses Psychodrama sehr persönlich und eindringlich. Ich hatte das Gefühl, dass die Stimmung beim Screening besonders erfasst und betreten war.
Dass am Ende des Films eingeblendet wird, dass Jorge Silva wirklich gegeben hat und wie es ihm erging – das zieht mir ähnlich wie bei „In Liebe, Eure Hilde“ am Schluss fast die Füße weg.
Im Q&A will dann gegen Ende jemand Regisseur und Team zu einem Bekenntnis über ihren Standpunkt zum Gaza-Konflikt nötigen. Diesjähriger Jury-Präsident Wim Wenders hätte ja gesagt, Film solle sich aus der Politik heraus halten. Der unselige redet sich um Kopf und Kragen, zieht sogar das Publikum mit rein „your country supported the ’73 coup!“. Bis irgendwann das Publikum zurück ruft „ask about the movie“ „what is your question“.
Nach seinem amerikanisch klingenenden Dialekt zu urteilen, hätte er in seinem eigenen Land derzeit viel größere Probleme zu lösen. Der Regisseur, dann doch etwas angefasst, antwortet dennoch ruhig: Film und Künstler hätten die Aufgabe Fragen zu stellen, nicht Antworten zu präsentieren.
A prayer for the dying (Norwegen/Griechenland/Vereinigtes Königreich/Schweden, Regie: Dara van Dusen)
Vor gerade mal drei Jahren gingen wir nach der Pandemie endlich wieder einigermaßen unbeschwert auf die Berlinale. Das Jahr zuvor -zur Erinnerung- noch mit zugewiesenen Plätzen aus Abstands-Gründen sowie FFP Masken Empfehlung. Die Dame neben mir trägt auch heute wie so mancher im Saal auch in dieser Saison eine.
Wie ein Sheriff wirkt Jacob nicht gerade. Der aufrechte und angesehene Mann, liebevoller Ehemann und Vater hat in seiner kleinen Gemeinde im ländlichen Wisconsin 1870 dann auch noch das Pfarramt inne. Autoritär und konfliktstark ist er nicht gerade. Er und der ansässige Doktor, durchaus meinungsstärker und entschlossener als Jacob, sind die Instanzen in dieser kleinen Welt.
Zu Beginn wähnen wir uns noch etwas in Unsere-Kleine-Farm Romantik. Doch Jacobs (bürgerkriegs-)bewegte Vergangenheit, die manchem im Ort bekannt ist trübt das Bild. Aus und seit dieser Zeit hat unsere Hauptfigur dann auch wohl immer noch an Traumata zu leiden, die wir hier und da als flashbacks zu sehen bekommen. Die vermeintliche Pionier Idylle geht bald den Bach herunter.
Was mit einem am Ortsrand aufgefundenen Toten und einer kranken Nachbarin beginnt, wird in diesem Film zu einer Apokalypse mit Ansage und in Zeitlupe: Der Doc diagnostiziert die damals noch unheilbare Diphterie!
Die gut gemeinten (Fehl-)Entscheidungen von Doc und Jacob sowie den genauen Verlauf der dramatischen Handlung will ich hier nicht spoilern. Ich muss außerdem zugeben, dass ich erst auf Wikipedia über den Artikel des dem Film zugrunde liegenden Romanes von Stewart O’Nan über Bedeutung und Ausmaß aufgeklärt wurde.
Da die meisten Literatur Adaptionen ihre Stoffe noch mehr durch den Wolf drehen, möchte ich anerkennen, wieviel hier trotz allem transportiert wurde!
Visuell beeindruckend ist „A prayer for the dying“ durchaus. Reißschwenks, planvolle Tilts und Kameraperspektiven, slow zooms und Fahrten. Das hat schon was. Dazu charismatische Darsteller und ungeschönte Ausstattung. Allerdings vertraut Regisseurin Dara van Dusen hier und da zu sehr auf unsere Bereitschaft und Fähigkeit, mystische Innuendos zu deuten.
Was ebenfalls nicht hilft, sind die fehlenden Untertitel. Ja, es ist ein englisch-sprachiger Film. Doch es hat sich entwickelt, dass selbst Muttersprachler daheim im Streaming Untertitel bevorzugen, um alle Dialog-Feinheiten mitzubekommen. Und da wird nicht wie hier teils old-timey genuschelt!
Für einen Debütfilm, wie gesagt, ist das durchaus beeindruckend. Wenn es einen dann doch etwas überfordert ratlos zurück lässt.
So ist es denn bezeichnenderweise an Kamerafrau und Produktionsdesigner, die sich stellenden oder nicht stellenden Fragen im anschließenden Q&A zu beantworten. Dass die Regisseurin und Autorin zur zweiten Vorstellung nach gestriger Weltpremiere nicht erscheint – etwas befremdend.